Das soll ein Mann sein?

Der Macho War das nicht mal männlich, dieses "Ich kann Stress"? Der Macho war charmant, obsessiv und fast ausgestorben. Nun sucht man wieder nach ihm – und einer neuen Männlichkeit

Er verwirft Rendezvous, kann sich nicht entscheiden. „Mein Akku ist leer“, blockt er ab, wenn sie wissen will, wie ernst ihm das Verhältnis sei. Sie verteidigt ihn trotzdem, nennt ihn einen „Jeremy-Irons-Verschnitt“. Das Verhalten ihres Freundes sei „der Alkohol ihres Liebeslebens“, bekennt die Journalistin Judith Luig am Anfang ihres Buchs Breitbeiner. Warum wir Machos trotzdem mögen (Quadria-Verlag). Ein interessantes Paradox. Luig möchte jedoch nicht ihr eigenes Verhalten, sondern ihn ergründen: den Macho.

Das Wort stammt aus dem Spanischen. Für Isabel Allende war das Wichtigste für den Macho, „Frauen zu sammeln“. Zu Treue und dauerhaften Beziehungen sei er unfähig. Ihr Leiden am Macho treibt Judith Luig zu einer Odyssee: Sie besucht eine Selbsthilfegruppe für „Migrationsmachos“, fährt auf ein Metal-Festival. Sie lässt sich von einem Flirttrainer erklären, was bei Frauen ankommt, und sortiert Männer in die Kategorien: „Aufreißer“, „Chefansager“, „Spieler“ oder „Krieger“. Zum Macho gehöre besonders das „Einsame“, die „Rebellenpose“, schreibt sie. Und Macht. Das ist nicht ganz neu, und Luig macht es auch vor allem an älteren Männern fest: Rudi Assauer, Berlusconi, Gerhard Schröder, Strauss-Kahn. Sie könnten ihren Machismo ausleben, weil „wir“ Frauen das zulassen. „Der egozentrische Verführer hat ganz offensichtlich etwas Begehrenswertes, vielleicht, weil man instinktiv will, was man nicht wollen sollte“, meint Luig. Für den deutschen Macho 2.0 hält Bild-Chef Kai Diekmann her, ein „sanfter Familienvater und gleichzeitig mächtiger Mann“. Er hat eine andere Prägung als der Südländer und eine Frau, die daheim vier Kinder großzieht.

Mannsein, nicht Macho-Sein

Der Macho ist also charmant, brutal, obsessiv – und eigentlich dachte man, er sei am Aussterben. Aber jetzt sucht man wieder nach ihm. In Zeiten, in denen die Männerbilder verschiedener und differenzierter sind als je zuvor, wächst der Wunsch nach einem Kern, einem Anker.

Andrea Meyhofer, Professorin für Geschlechterforschung in der Schweiz, beschäftigt sich seit Längerem mit der „Männlichkeit in der Krise“. Sie widerspricht Luig: Machos sind für sie nicht mehr zeitgemäß. Und die Professorin hat einen Komplizen: Ausgerechnet James-Bond-Darsteller Daniel Craig findet das Rollenverhalten des Machos überholt. In der westlichen Welt werde Machismo immer seltener mit Mannsein verwechselt. „Und das ist gut so, denn ich fand dieses breitbeinige Machogehabe schon immer lächerlich”, erklärte er dem Playboy. Männer seien heute sensibel, politisch und verantwortungsbewusst.

Und Männer wollten in der Familie präsenter sein, sagt Meyhofer. Väterlichkeit, Hausarbeit und Teilzeitarbeit würden in das neue Männerbild einfließen, erklärte sie in einem Interview mit der Basler Zeitung. Sie sehe zwar keine grundlegende Veränderung der Geschlechterverhältnisse, doch die Debatte über die eigene Rolle nehme zu. Der moderne Mann redet.

Jochen-Martin Gutsch und Maxim Leo beispielsweise. Sie sind Journalisten und Freunde, beide um die 40, für viele ein schwieriges Alter. Zeit für Inventur. Zwei Monate lang haben sie sich Mails geschrieben. Diese kreisen um die Rollen ihres Lebens, Gutsch langjähriger Single, Leo langjähriger Ehemann und Familienvater. Heraus kam das Buch Sprechende Männer (Blessing-Verlag). Was erfährt man darin über den Mann von heute?

Die beiden plaudern über die Textur ihres Bauches, die Möglichkeiten von Schönheits-OPs, über Cyber-Liebe, Einsamkeit, Sex und Stilfragen: Rollt man sein Fünfer-Pack-Socken in Seidenpapier ein? Ist man dann eine „Modemuschi“? Oder einfach nur „klassisch eitel“, wenn man sich liebt, wie man ist? Männliche Kernkompetenzen werden abgeklopft. Erfolg sei „vielleicht das beste Wort für Männlichkeit“, sinniert Gutsch. Männer würden Bestätigung eher unter männlichen Kollegen oder Bekannten suchen. Frauen, vor allem Mütter, würden Lob und Befriedigung stärker aus der Familie ziehen. Ein selbst gebastelter Kranich aber hätte in der Männerwelt „nichts verloren“. Er sitzt noch ziemlich fest, le petit macho, im neuen Mann.

So unterhaltsam sie die Spielarten des Mannseins durchdeklinieren lassen, dahinter steckt für Leo und Gutsch eine grundlegendere Frage: Ist es das richtige Leben? Könnte es anders oder sogar besser sein? Frauen kennen diese Zweifel auch. Das Gefühl, im falschen Leben zu stecken, sei aber „eher ein männliches“, hat der Schriftsteller Wilhelm Genazino gerade im SZ-Magazin konstatiert.

Maxim Leo wollte immer ankommen. Er nennt sich heute meist zufrieden, manchmal sogar glücklich: Wenn er am Wochenende mit seiner Frau aufs Land fährt, sie Herbstlaub harkt, ausrutscht und sich kaputtlacht, verliebe er sich immer wieder neu in sie. Gutsch möchte Unruhe statt Entspannung, lieber trinken als Wellness. Seit wann der Mann eigentlich ein „permanenter Entstresser“ sei, fragt er sich. „War es nicht mal das, was wir unter männlich verstanden haben? Dieses: Ich kann Stress?“ Es klingt ein bisschen nach alten Mustern, in denen die physische Stärke den Mann zum Mann macht. Es ist sympathisch, dass Gutsch und Leo ihre gegensätzlichen Lebensweisen sehr persönlich-individuell hinterfragen, statt „den Mann“ definieren zu wollen.

Und sie sind damit auf der Höhe der Zeit: Die Soziologin Eva Illouz fordert in ihrem zurzeit viel diskutierten Buch Warum Liebe weh tut ein neues Modell der Leidenschaft, die auf der Gleichheit der Geschlechter basiert und „die Männlichkeit an sich nicht bedroht.“ Männer sollen autonom bleiben.

Sanft und hart gleichzeitig

Im Moment scheinen viele Männer auf der Suche nach Identität zu sein. Manche taumeln durch Das Da-Da-Da-Sein, so wie der Protagonist in dem gleichnamigen Debütroman von Maik Brüggemeyer (Aufbau-Verlag). Er pflegt eine Tristesse, die ihn befällt, weil er sich nicht als den „modernen Mann“ sieht, der er in den Augen der anderen sein sollte: gleichzeitig sanft und hart. Er säuft, kokst, strandet in Clubs und fürchtet, seine One-Night-Stands könnten mit ihm frühstücken wollen.

„Männer werden mit dem Alter immer einsamer. Ich fing schon früh damit an“, kokettiert er mit seinem Katzenjammer. Einer wie er glaubt nicht an Kinder oder das Konstrukt Familie. Der Autor und Journalist Maik Brüggemeyer macht vor allem die sich auflösenden Bindungen und diese „Scheißselbstverwirklichung“ dafür verantwortlich.

Das Bild des Mannes hat sich aber auch durch die ökonomische Krise verändert. Männer müssen häufiger jene Jobs annehmen, die sie kriegen können, im sozialen Bereich, in Hilfsberufen. Ist das männlich? „Non!“, ruft eine französische Freundin. Und fügt sogleich hinzu, ihr Freund dürfe nie arbeitslos werden. Sie will aufschauen. Er soll aber auch mit den Kindern zu Sportnachmittagen fahren und Elternzeit nehmen. Macho sein, aber bitte gemäßigt. Sie will alles in einem. Und vielleicht ist der Macho gerade deshalb, wenn auch nur als Teil-Identität, einfach nicht totzukriegen.

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Ihre Freitag-Redaktion

13:00 18.11.2011
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

Ausgabe 43/2021

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