Maxi Leinkauf
16.06.2011 | 15:43

Der geografische Faktor

Netzgeschichten Gefälschte Identität für die gute Sache: Ein Amerikaner gab sich als syrische Bloggerin aus, und schrieb aus Edinburgh. Spielt es keine Rolle mehr, wo wir leben?

Wieder war eine Bloggerin zur Heldin avanciert: Auf A Gay Girl in Damascus berichtete Amina Arraf darüber, wie das Leben so spielt in Syrien. Wenn man Muslimin ist und Lesbe. Eine Schande. Sie hatte sich mit Namen und Foto geoutet, ihr Bild ging um die Welt, alle großen Medien berichteten über sie. Als es dann auf ihrem Blog hieß, Amina sei entführt worden, riefen Anhänger auf Facebook zur Freilassung auf. Dabei war „sie“ niemals gefangen.

Denn nicht nur das Foto der hübschen Frau war (aus den Weiten von Facebook) geklaut, auch die Blogs stammen nicht von Amina Arraf – sondern von Tom MacMaster. Der 40-jährige US-Amerikaner studiert in Edinburgh, ist verheiratet und hetero. Es kamen immer mehr Zweifel am Blog auf, und viele Spuren führten nach Schottland. MacMaster hat sich dann selbst zu seiner Fälschung bekannt.

Er wirkte ziemlich glaubwürdig, dabei fanden sich in seinem Blog kaum lokale Details, wenige Alltagsszenen, sondern allgemeine Verweise auf Freitagsgebete oder eine Liebhaberin von Arraf. Doch das reichte, um sie zur Symbolfigur zu stilisieren. Ist es mittlerweile egal, wo wir gerade leben, wo wir herkommen, wer wir sind?

Manche Eigenheiten bleiben

„Im Zeitalter von Massentechnologie und globalem Handel werden wir uns ähnlicher, und unsere lokale Umgebung schwindet in ihrer Bedeutung“, schreibt der Wirtschaftsjournalist Aditya Chakrabortty im Guar­dian. Die Geografie – bis 1989 ein politischer Faktor – ist im global village ein Relikt. Nationale Grenzen werden gesprengt, gerade im Web 2.0. Manche Eigen­heiten könne man aber nicht einfach wegwischen, der Tahrir-Platz sei kein Seminarraum in Großbritannien.

„A Hoax“ steht nun schlicht über dem „Arraf“-Blog, Fälschung. Tom MacMaster entschuldigt sich, es sei doch für einen guten Zweck gewesen. Er wolle über die Lage in Syrien aufklären. Und er fügt hinzu: „Seit ich ein Kind bin, wollte ich Fiktion schreiben.“ Warum nicht beides verbinden?

Die Leser sind wütend. „Schande über euch!“, heißt es auf GayMiddle East. Mit dem Schwindel würden lokale Blogger gefährdet und Zweifel gestreut, wie echt deren Artikel seien – und noch wichtiger: wie echt sie selbst seien.

Inzwischen ist die Maskerade einer weiteren vermeintlich lesbischen Bloggerin aufgeflogen. Paula Brooks gab sich als Chefredakteurin der Seite LezGetReal.com, einer Plattform für Lesbierinnen, aus. Sie ist eigentlich ein 58-jähriger Bauarbeiter aus Ohio. Er habe auf die Situation seiner lesbischen Freunde aufmerksam machen wollen, erklärte Bill Graber.