Maxi Leinkauf
06.04.2011 | 13:10 3

Der Unversöhnte

Erinnerung Unterwegs in Jenin: Vor einem Jahr bereiste ich eine für mich fremde Welt, die mir durch eine Begegnung mit Juliano Mer Khamis näher kam. Am Mittwoch wurde er beerdigt

Ich war Gast des Cinema Jenin, eines deutsch-palästinensischen Kinoprojektes, und immer wurde ich gefragt: Hast Du Juliano schon getroffen?

Juliano. Das war der Leiter eines Theaters im Flüchtlingslager von Jenin, aber so wie manche guckten, wenn sie von ihm redeten, schien er viel mehr zu sein.

Um Juliano Mer Khamis im Freedom Theatre zu treffen, musste man an den Rand der Stadt fahren, ins Flüchtlingslager von Jenin. Es war vor einem Jahr. Der April war trocken und heiß. Ein Taxi- Chauffeur steuerte mich die staubigen, unbefestigten Straßen entlang, vorbei an Häusern, die zerbröckelten, oder die mitten in ihrem Bau einfach stecken geblieben waren. Wir fuhren in die Hügel von Jenin, einer Stadt im Norden der Westbank, die während der Intifada eine Hochburg der palästinensischen Selbstmordattentäter war.

Auf einmal sah man den Märtyrerfriedhof des Camps, an manchen Grabsteinen klebten die Bilder der Freiheitskämpfer, die für viele noch Helden waren. Drei Jungs tobten dort herum und bespritzten sich gegenseitig mit Wasserpistolen.

Der Chauffeur stoppte dann vor dem Theater, ich ging in einen herrlichen Garten, ein alter Baum stand dort und in seinem Schatten, auf Steinbänken, hockten schwarz gelockte Schauspieler, sie machten Witze und rauchten filterlose Zigaretten. Sie waren offen, sprachen mich gleich an, auf Englisch, fragten woher ich komme. Am Eingang des Theaters hing ein großes Shakespeare-Plakat.

Alle Schlachten erlebt

Ich war ein bisschen aufgeregt, Juliano, der Mann um die 50, hatte dieses Theater wieder aufgebaut, nachdem es von Israelis zerstört wurde. Er war Israeli, der in Palästina lebte, er hatte sie alle erlebt, die Schlachten der Intifada, und war trotzdem  geblieben. Oder gerade deswegen.

Juliano habe eigentlich keine Zeit, er muss zu einem Treffen mit dem Gouverneur, erklärte die junge hübsche Palästinenserin, die ein Tuch trug, am Empfang.  Aber dann empfing er mich doch.

Da stand er vor mir, ein schöner, kraftvoller Mann, mit weichem Blick und Dreitagebart, er nahm einen sofort ein.

Charmant, südländisch, ein bisschen machohaft wirkte er, bot Espresso an und setzte sich in seinen orientalischen Sessel.

Seine Mutter Arna, eine jüdische Friedensaktivistin aus Rosh Pinna, kämpfte 1948 mit der Israelischen Armee im Krieg und ging während der Ersten Intifada in die West Bank, um dort Kinder auszubilden. Sie hat einen palästinensischen Kommunisten geheiratet und dann das Theater im Flüchtlingscamp errichtet. Bis zu ihrem Tod war sie die Seele des Ortes. Im Jahr 2002 wurde das Theater von israelischen Soldaten zerstört. Und Juliano Mer Khamis, der Sohn, konnte nicht anders, als es gemeinsam mit vielen Palästinensern ein Jahr später wieder aufzubauen. Seine Mutter und ihre Rolle dort hat er in seinem Dokumentarfilm Arnas Kinder verewigt, der ihm zu Gedenken am kommenden Freitagabend in der Berliner Schaubühne gezeigt wird.

"Komm doch einfach mit"

Er hat auch mit Sakaria Subeidi, dem früheren Kommandanten der örtlichen bewaffneten Al-Aksa-Brigaden zusammen gearbeitet. Das war mutig. Mer Khamis war umstritten in Jenin,  gerade weil er diesen verlorenen Kindern, mit ihren sehr verschiedenen Hintergründen und Ansichten, einen neuen Platz gab, weil er keine Unterschiede machte, niemanden ausschloss. Mer Kahmis wusste um die Anfeidungen und die Bedrohung, doch er er wischte sie weg.

Wir saßen in seinem Büro, redeten über die Rolle von Kunst und Künstlern. Für ihn stand es außer Frage, Stücke zu kreieren, die gleichgültig ließenb, die keine Haltung transportierten, die nicht aufrütteln konnten. Leben und Arbeit vermischten sich, und er schwärmte immer wieder von seiner finnischen Frau, die ihn verstand, und seine Art zu leben teilen konnte. Im Theater kümmerte sie sich um die Pressearbeit.

So energiegeladen, wie er war, sprang Juliano auch mitten in unserem Gespräch plötzlich auf: "Komm doch einfach mit zum Gouverneur“, rief er.

Und plötzlich saß ich im Büro von Kadura Mussa, dem Gouveneur von Jenin, ohne Kontrolle, ohne Fragen. Wen Juliano mitbrachte, der wurde reingelassen, der Mann war unanfechtbar.

Juliano Mer Khamis stellte Mussa leidenschaftlich, manchmal wild gestikulierend wie ein Schuaspieler, sein neues Projekt vor. Er wollte noch ein Theater schaffen, einen Raum für jede Art von Kultur: Musik, Tanz, eine Filmschule. 

Herzog und Hamlet

„Aber wir haben doch schon Dein Freiheitstheater und das deutsch-palästinensische Kino“, antwortete Mussa skeptisch.  Juliano Mer Khamis lächelte, redete weiter, malte in allen Farben, hier sollten sich Männer und Frauen, Kinder und Mütter  treffen können, und vor allem eines sein: frei. So wie er. In Mer Khamis Regal standen DVDs mit Kinski-Filmen von Werner Herzog, europäischen Theaterstücken, Hamlet oder Shoppen Ficken, lauter provozierende Inszenierungen. Er inszenierte Orwells Animal Farm, doch Schweine gelten im Islam als unrein. Sein Theater erlebte mehrere Brandstiftungen, und womöglich hat das damit zu tun. Demnächst sollte das Stück Der Leutnant von Inishmore geprobt werden, eine Satire über den bewaffneten Widerstand. Als man die Scheibe seines Autos einwarf, ließ Mer Khamis das Projekt fallen.

Der Theatermann war politisch in seiner Kunst, und wenn es um den Besuch von Israelis ging, wurde er zurückhaltend. Die große versöhnende Geste, er wollte sie vermeiden.

Er kämpfte dafür, dass der Konflikt gelöst wird, doch es fiel ihm schwer, die Situation einfach hinzunehmen. Mer Khamis war konsequent, er redete von der Apartheid, den Elektrozäunen, der Arbeitslosigkeit, den Checkpoints.

Er hatte eine klare Haltung und wollte die Fronten nicht verwischen.

Daher ist es ihm anfangs auch  schwer gefallen, den Aufbau des Cinema Jenin zu akzeptieren. Statt die Hände nach Israel auszustrecken, sollte man doch in der Wunde rühren. „Wir haben die Krankheit der Besatzung in unseren Knochen: Wie soll man da von Normalität reden?“ Kunst, fand er, sei ein Instrument des gewaltfreien Widerstandes.

Der Traum eines kleinen Jungen

Der Gouverneur hatte Mer Khamis lange und sehr ernst zugehört. Dann nickte er. Er sollte sein Haus der Kulturen haben. Mer Khamis drückte ihn, er freute sich und schritt draußen vor dem Gouverneurspalast immer wieder die große freie Fläche  ab, er maß die Distanzen, ergänzte die Skizzen, die er bereits angefertigt hatte und erklärte mir begeistert, wo alles hinkommen sollte. Es war der Traum eines kleinen Jungen.

Wie und von wem die fünf Kugeln kamen, von denen er am Montag getroffen wurde, ist noch unklar. Waren es private, militärische, religiöse Gründe? Niemand weiß das im Moment. Dass es Palästinenser waren, denen er zum Opfer fiel, schockt.

Als sich bei uns die Nachricht verbreitete: Juliano ist tot, da hatten junge Jeniner auf Facebook längst ihr Profilfoto mit einem Bild von Mer Kahmis ersetzt.

Gouverneur Kadura Mussa, tief betroffen, nannte ihn einen „großen Unterstützer des palästinensischen Volkes“. In der israelischen Zeitung Haaretz beschreibt ihn der renommierte Theaterkritiker Michael Handesaltz als „großen Schauspieler, außergewöhnlichen Menschen, dessen Lebensgeschichte ein Teil der tragischen Realität dieses Landes ist" - und der israelische Welt-Regisseur Amos Gitai, in dessen Film Kippur Mer-Khamis 2000 auftrat, nannte ihn „einen Radikalen, der eine Brücke war“.

Heute Nachmittag wird Juliano Mer Khamis beigesetzt, in Israel, dem Land seiner Mutter, dessen Staatsbürgerschaft er besitzt. Er wird nahe seiner Mutter Arna zu Grabe getragen, im Kibbutz Ramot Menashe im israelischen Norden. Mer-Khamis hinterlässt zwei Söhne und Jenny, seine finnische Frau. Sie ist schwanger.