Der Weltschmerzkapitän

Porträt Peter Kurth spielt oft Figuren, die hängen geblieben sind, auch in seinem neuen Film. Seine ostdeutsche Herkunft bleibt ihm wichtig
Der Weltschmerzkapitän
An der Schwelle zum 60. Geburtstag wurde er Filmstar – dank „Babylon Berlin“

Foto: Julia von der Heide

Das Hotel de Rome, fünf Sterne, am Berliner Bebelplatz. Ein bizarrer Ort für ein Treffen mit Peter Kurth, der häufig Figuren spielt, die am Rande stehen, nicht im Licht. Es ist ein heißer Sommertag, Kurth trägt eine schwarze Hose, ein schwarzes Hemd, das sich über den Bauch wölbt, und schwarze Birkenstock-Sandalen. Seit seiner Rolle als Polizist in der Serie Babylon Berlin kennt ihn jeder.

Kurth steuert auf die Espressomaschine zu – „Wie geht das denn?“, sagt er, etwas kokett. PR-Assistentinnen helfen bei der Kapselauswahl. „Espresso, in der Hitze? Eher schwach“, sagt Kurth. „Hab gehört, hier gibt’s auch einen Raucherraum?“ Er setzt sich aufs Sofa, ohne Maske, trotzdem angemessen mit Abstand. Ich kann ihn im Profil sehen. Er ist kein Schönling, aber imposant.

Boxer und Wachmann

Kurth war lange an ostdeutschen Theatern engagiert, hat viele Anhänger, wurde dann auch im Westen eine Nummer, mit seiner Wucht, dieser Körperlichkeit und Melancholie. Er spielte immer poetische, prekäre Figuren, den Sicherheitsbeamten aus Clemens Meyers Stillen Trabanten am Deutschen Theater, der seit Jahren ein Flüchtlingsheim bewacht, dort Nacht für Nacht schnöde die gleichen Runden dreht. Er war der Gabelstaplerfahrer in dem Film In den Gängen, in der Getränkeabteilung eines Großmarkts, irgendwo im Osten, der mal Fernfahrer für einen volkseigenen Betrieb war. Er spielte in Herbert einen wortkargen Boxer, einst Stolz von Leipzig, dann Türsteher und Geldeintreiber, der mit ALS, mit Schwäche klarkommen muss. In seinem neuen Film Nebenan spielt er wieder einen, der was mitschleppt. Bruno, ehemaliger Ostrocker, beige Jacke, strähnige Haare. Er hockt in seiner Stammkneipe in Prenzlauer Berg: „Hilde, machste mal ’n Kaffee?“

Bruno musste nach der Wende zum Programmierer umschulen. Er nimmt die Pakete seines Nachbarn entgegen, der ein eitler Filmstar ist (Regisseur Daniel Brühl spielt sich selbst), der im eigenen Fahrstuhl ins Dachgeschoss fährt. Er weiß nicht mal, dass Bruno existiert. Ausgerechnet in Brunos Stammkneipe trifft er ihn – bevor er zum Casting nach London jettet. Bruno hat ihm einiges zu sagen: „Dein Lachen auf Spanisch, dein Lachen auf Englisch, das kann einen fertigmachen.“

Zur Person

Peter Kurth, 64, wurde 2014 von Theater heute zum „Schauspieler des Jahres“ gewählt. Für seine Darstellung des Herbert im gleichnamigen Kinofilm gewann er 2016 den Deutschen Filmpreis und den Deutschen Schauspielerpreis. Bekannt wurde er durch Tom Tykwers Serie Babylon Berlin. Sein neuer Film Nebenan (Regie: Daniel Brühl) startet am 15. Juli in den deutschen Kinos

Kurth spielt Figuren, die hängen geblieben sind. „Na klar geht es dann auch um Figuren, die in beiden Systemen eine Geschichte haben, und um den Riss, der da im Osten passiert ist: Was macht es mit den Figuren? Ich würde auch jederzeit wieder gerne Leute spielen, die Gewinner der Wende sind, oder auch Schweinehunde, die zu Geld gekommen, aber völlig anders sozialisiert sind. Es geht darum, zu zeigen: Was ist mit meiner Generation hier heute los? Wo stecken die?“

Als die Mauer fiel, war er Anfang 30, stand im Berufsleben, hatte eine Familie, viele Fragen, musste sich selbst Wege suchen. „Ich kann den Figuren etwas mitgeben, weil ich genau weiß, wovon ich rede“, sagt er, ohne es weiter erklären zu wollen.

Peter Kurth ist im mecklenburgischen Städtchen Goldberg, nahe Güstrow, groß geworden. Als Kind hat er Der Kapitän vom Tenkesberg gesehen, einen ungarischen Film, der in der Feudalherrenzeit spielt und von einem ungarischen Robin Hood handelt. „Ist ein großer Widerstandskämpfer“, sagt Kurth knapp und lächelt. Er kennt fast alle Dick-und-Doof-Filme und Papillon mit Steve McQueen. „Es wurde in der DDR ja alles sehr beäugt, was zugelassen wurde und was nicht. Und ich frage mich heute noch, wie kam Papillon da durch? Es ging ja immerhin um Flucht, Freiheit. Das war spannend.“

Taschen, Theater, Träume

In seiner Familie war zuvor niemand Schauspieler, Kurths Vater war Tierarzt, seine Mutter Kunsthandtäschnermeisterin – das war der offizielle DDR-Begriff. „Sie hat Taschen entworfen, heute würde man sagen: designt, hatte eine kleine Werkstatt. Diese Taschen wurde sie reißend los, es war richtiges Handwerk, gab es sonst kaum. Sie hat sie dann immer unter anderem in Ahrenshoop in der Bunten Stube, in Schwerin und Jena verkauft, es wurde ihr alles aus der Hand gerissen.“ Abitur, Armeezeit, diverse Jobs. Er weiß sogar, wie man eine Wiese urbar macht, so dass ein Feld daraus wird.

1978 ging Kurth an die Schauspielschule Rostock, hat dann an regionalen Theatern angefangen, Magdeburg, Stendal, von 1988 bis 1997 war er am Städtischen Theater Karl-Marx-Stadt/Chemnitz. „Wir haben ja zu DDR-Zeiten immer versucht, irgendetwas anzusprechen, was nicht stimmt, auf eine künstlerische Art Missstände offenzulegen. Und dann kam die andere Zeit: Was mache ich jetzt mit dem Anspruch und mit dieser Haltung, die wir da hatten? Dass sich die ändern muss, das war klar! Wir mussten uns umorientieren. Dann ging die Suche los.“

Diese Jahre seien für ihn ein Glücksfall gewesen. „Es war eine der produktivsten, spannendsten Zeiten am Theater. Dann kamen die ersten gesamtdeutschen Kollegen und Regisseure, dann hat man sich beäugt und beschnüffelt.“ Kurth hätte nach dem Mauerfall versuchen können, sofort loszugehen, hätte an Westtheatern mehr Geld verdienen können, wie andere Kollegen das gemacht haben. „Aber ich wollte mich ja nicht verkaufen, ich wollte ja arbeiten. Und diese Haltung habe ich natürlich aus der DDR-Zeit rübergerettet. Schön doof vielleicht, aber ich fand das sehr tauglich. Und ich finde das heute im Nachhinein auch noch tauglich und würde es genauso tun.“ Er wollte lieber frei nachdenken, sich mit den Problemen der Zeit beschäftigen, sie durchleuchten und selbst hinterfragen, statt sich nur abzusichern.

1994 traf er den Regisseur Armin Petras, der bis 1988 in der DDR gelebt hatte, dann in den Westen gegangen war und der in Chemnitz ein Musical mit Rio Reiser machte, bei dem Kurth mitspielte. „Sein Gewicht schwankte damals zwischen 126 und 106 Kilo“, erinnert sich Petras. „Nach Aufführungen haben wir uns öfter geprügelt. Ein paar Bier, einer lag irgendwann auf dem Fußboden. Einmal spielte Kurth einen westdeutschen Zahnarzt, ein großer Erfolg, aber Kurth fand die Rolle zu sauber, zu glatt, zu langweilig. Da war seine Sehnsucht, innerlich voll da zu sein.“ Er werde nie vergessen, wie sie mal in die Stadt gegangen seien, weil Kurth sich unbedingt eine Lederjacke habe kaufen müssen, „sonst krieg ich die Figur nicht hin“. Wie ein Maurer die Steine für den Hausbau, so brauchte er seine Lederjacke.

Zusammen am Berliner Gorki-Theater erlebten sie später „eine glückliche Zeit“. Es war die letzte, in der „Ost und West“ wirklich noch großes Thema war, mit stundenlangen Debatten nach den Aufführungen. Kurth hat proletarische und hochintelligente Typen gespielt. Er sei „das Zentrum“ gewesen, schwärmt Petras noch heute. Kollegen waren Freunde und Mitstreiter, Kurth habe nie eine Grenze zwischen beruflich, privat, politisch gezogen. Er hatte seine Fans, aber erst durch den Erfolg von Babylon Berlin wurde er vor vier Jahren der breiten Masse bekannt. Er spielt in diesem 1920er-Jahre-Panoptikum einen jovialen und skrupellosen Ermittler, der schon viel gesehen hat und irgendwann abgestumpft ist. Der will seine Haut retten, um jeden Preis. Dass er eine Seele hat, zärtlich sein kann, zeigt er in den Szenen mit seiner kranken Frau. Es liegt nichts Eindeutiges in dieser Figur. Typisch Kurth, die Zuschauer sollen in die Lage kommen, sich selbst verhalten zu müssen.

Diese Art Erfolg und Popularität kam für Kurth überraschend, er ist an der Schwelle zum 60. ein Filmstar geworden. Er spielt es charmant herunter, es sei eben jetzt seine Zeit, in der er sich bewähren müsse. Kurth ist einer, der eher tiefstapelt. Die Leute kennen womöglich nicht seinen Namen, aber dieses Gesicht. „Dit ist doch der ältere Polizist, der den jüngeren verraten hat.“

Kurth spielt Männerfiguren, die Reibung aushalten – Typen wie er, die noch nicht abgeschliffen sind. Männer, die man in der heutigen Zeit vielleicht oldschool nennen würde, Macker, Draufgänger, Platzhirsche, kaltschnäuzig. Ganz anders als die modernen, kosmopolitischen Softies, aufgeklärt und vorsichtig, denen man ihre permanente Sensibilität nicht abnimmt. Er schafft es, zu zeigen, dass diese robuste Männlichkeit ihre Berechtigung hat. Als der Kommissar im Polizeiruf eine gleichaltrige Frau zum Abendessen trifft, rezitiert er sanft Heine. Kurth erklärt mir das so: „Jeder Mensch hat Sehnsüchte und braucht irgendeine Art von Liebe. Und ich denke, das muss gezeigt werden. Damit es eben nicht nur der toxische alte Sack ist. Ist es ja meistens auch gar nicht!“

Mit Autor Clemens Meyer und Regisseur Thomas Stuber, die beide aus Leipzig kommen, teilt er den Blick auf solche Figuren, vorrangig in ostdeutschen Lebenswelten. Sie haben mit Kurth die Kinofilme Herbert und In den Gängen gemacht. Und jetzt den Polizeiruf ausHalle. Kurth ist 64, die eigene Herkunft war und ist ihm immer noch wichtig. „Natürlich, die muss man pflegen, solange es geht“, sagt er. Und meint damit sich selbst, seine Filme und sein Theater.

Dann verabschiedet er sich, genug gesagt, er will endlich Urlaub machen, in Mecklenburg.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 17.07.2021
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

Ausgabe 30/2021

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