„Die Leute haben keine Geduld mehr“

Porträt Am Anfang wollte Dirk Kretzschmar in seinem Späti noch Videos verleihen. Doch die Leute interessierten sich mehr fürs Trinken
„Die Leute haben keine Geduld mehr“
Dirk Kretzschmar ist noch da – sein Tante-Emma-Laden in Prenzlauer Berg ist auch ein Refugium für Übriggebliebene

Fotos: Nikita Teryoshin für der Freitag

Früher Nachmittag, es ist ruhig im Laden von Dirk Kretschmar am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg im Berliner Osten. "Kretsche", 50, schütteres Haar, braune Fleecejacke, beigefarbener Pullover, steht hinter der Kasse. Im hinteren Raum stapeln sich Bierkisten, ein leerer Einkaufswagen steht herum. Seit Januar ist vieles teurer geworden, sagt er: Sechserpack Bioeier 21 Cent. Der Spiegel 20 Cent. In der Haribo-Tüte sind statt 175 noch 160 Gramm, gleicher Preis. Dem Normalkunden falle das kaum auf. Jeden Tag spaziert das Leben zu Kretzschmar in den Laden. Vor seinen Augen verändern sich der kleine Kiez und die große Welt.

Gegen den Zeitgeist

Im Kiez heißen die Läden jetzt Snacks Drinks Factory, Spätshopoder Design Ranch. Dazwischen der Laden von Dirk Kretschmar, der RK Markt.Draußen vor dem Laden stehen Keramiktöpfe für Balkonpflanzen, Tulpen- oder Liliensträuße in schwarzen Plastikkübeln. Dirk Kretzschmar verkauft alles mögliche: Blumenerde, Grillkohle, Zeitungen, Zeit-schriften. Er hat alles da und sich nicht auf bestimmte Dinge festgelegt.

„Der Inhaber scheint trotz all der vielen Jahre, seit der RK Markt besteht, immer noch ein Morgenmuffel zu sein, was sich dann über den Tag erstreckt“, steht in einer (liebevollen) Bewertung auf dem Portal yelp.de.

Kretzschmar trotzt (noch) der Gentrifizierung und steigenden Mieten. Bei ihm kaufen die Alkoholiker vom Helmholtzplatz, stehen vor dem Laden und vertreiben sich die Zeit. Zugezogene kaufen hier ihre Balkonpflanzen.

2007 wurde der Mietvertrag gekündigt. Kretzschmar hat protestiert. Seine Kunden halfen und sammelten 500 Unterschriften, die er dem Vermieter schickte. Danach erhielt er ein neues Vertragsangebot. Von früh um sechs bis spät on den Abend steht er an der Kasse. Dirk Kretzschmar verstehe sich nicht als „Spätverkäufer“, sagt er, doch sein Laden stammt aus dieser Tradition: Spätverkäufe sind in der in der DDR entstanden und dienten der Versorgung von Schichtarbeitern mit Lebens- und Genussmitteln. In den meisten Fällen waren es normale Lebensmittelläden der HO oder des Konsums mit lediglich abweichenden Öffnungszeiten. Sie hatten bis nach 20 Uhr geöffnet oder eben sehr früh. Sonntags ist der RK Markt geschlossen. Ein bisschen freie Zeit

Der Laden war eine Notlösung. Ich war arbeitslos und musste irgendwas machen. Damals musste man nichts rüberreichen, also man brauchte kein Einstiegsgeld, um an einen Laden zu kommen. Der Flieder hat geblüht, als der Laden aufgemacht hat. Um den 17. Mai herum blüht hier immer der Flieder. Anfangs war es ein Videoverleih. Das war nach der Wende der große Renner. Aber die Leute haben die die Kassetten nicht zurückgebracht, so sind die Menschen. Dann hat sich das entwickelt mit den Säufern, Angebot und Nachfrage. Sie wollten trinken. Das war bald gefragter als die Videos. Da mussten wir nach und nach das Sortiment umstellen.

In der DDR war ich Dreher und Schlosser. Gleich nach der Wende kam der Zivilienst. Wenige Tage nachdem ich wieder im Betrieb war, kam ein neuer Geschäftsführer aus dem Westen. Da hieß es plötzlich, ich könne nicht mit Hammer und eigentlich mit gar nix umgehen. Bis Freitag Garderobenschrank räumen: Sie sind gekündigt.

Dann ABM-Maßnahme, verschiedene Jobs. Für 1,50 die Stunde habe ich die Schotterbahnen auf dem Sportplatz glatt gefahren, Rasen gesät, Bälle aufgepumpt für die Fußballspieler. Von morgens sieben Uhr bis zum späten Abend. Ohne Urlaub, im Winter ohne Heizung. Dann hat mein Bruder das Geschäft besorgt und wir haben angefangen. In dem Gewerberaum war früher mal eine Druckerei. Der Inhaber wurde Rentner nach der Wende, drei Frauen haben sie übernommen, aber es kamen weniger Aufträge. Eine ging noch Taxi fahren, dann hat sie aufgegeben.

Ein junger eleganter bärtiger Mann betritt den Laden, ordert Gizeh-Blättchen und Bio-OCB-Ökofilter. Und weg ist er.

2007 wären wir fast rausgeflogen, wurden vom Vermieter gekündigt, aber die Leute hier protestierten, sammelten Unterschriften. Seit 2008 gingen die Umsätze bergab. Dann kam die ausländische Konkurrenz, der Späti nebenan, der hat uns das dann alles weggenommen. Damals gab es noch den Ladenschluss bis 18 Uhr, aber der hatte rund um die Uhr offen. Wenn ick hier Schluss gemacht habe nach sechs, haben die da richtig angestanden bei ihm. In einer Nacht hatte er die Miete rein. Jetzt würde das auch nicht mehr funktionieren, gibt mittlerweile zu viele dieser Läden.

Die Leute denken: Der steht den ganzen Tag nur rum. Aber wenn jemand reinkommt und du nicht sofort an der Kasse bist, sind sie schon wieder weg. 20 Schritte weiter ist schon der nächste Laden. Die Leute haben keine Geduld mehr. Stammkunden gibt es kaum noch. Früher habe ich die verkaufsoffenen Sonntage mitgemacht, jetzt nicht mehr. Lohnt sich nicht, da haben ja heute auch die großen Geschäfte geöffnet. Die Konkurrenz ist zu groß. Aber ich mache nicht länger auf, aus Prinzip. Ich brauche meinen Feierabend.

Gerade ist niemand da. Dirk Kretzschmar eilt in den hinteren Raum und kommt mit einem abgegriffenen Ordner zurück. Er zeigt einen Zeitungsausschnitt: Es geht um Läden, die schließen mussten in der nahe gelegenen Kastanienallee. Er verfolgt das genau. Ein älterer Mann tritt ein, Jeans, Karohemd, Stoppelbart, er will den Berliner Kurier. Haste doch heute Morgen schon mal gekauft. Ja, der muss ihm abhandengekommen sein. „Berlin, du siehst elend aus“, steht auf dem Titel. „Musste mal nach Köln gehen, da ist es noch schlimmer.“

Bei uns in Buchholz jeht dit jetzt auch los mit den Obdachlosen, am Rewe hat neulich schon einer gelegen. Das wandert immer mehr. Ich bin ja in Berlin-Pankow aufgewachsen. Die Bevölkerung hat zugenommen, der Autoverkehr und der Radverkehr, das merke ich jeden Tag. Ich sehe auch mehr Blaulicht auf der Straße. Viele ziehen nach Berlin. Ich frage mich: Warum? Und wie sie das finanziell machen, was sie hier für Arbeit haben. Wahrscheinlich geben ihnen die Eltern das Geld.

Manche Kunden erzählen, dass sie nicht wissen, wie das mit der Miete gehen soll. Einige nehmen sich Sprachschüler mit in die Wohnung, eine hatte sogar mal einen Muslim. Der lief dann barfuß durch die Wohnung und wollte mehrmals am Tag beten. Mir sind die ja fremd. Ich bin DDR-Bürger, ich hatte noch nie was mit denen zu tun. Man hört ja, dass die, die diese AfD gewählt haben, Männer waren. Ostdeutsche. Wendeverlierer. Also ick. Aber vielleicht stellen die sich auch zu große Anforderungen, was sie sein sollen. An dit Normale, was die meisten hier so leben, da kommen Leute wie wir ja gar nicht mehr ran. Ick denke immer nur: diesen Tag überstehen, dann den nächsten.

Ich habe keine Frau. Geht gar nicht anders. Kannst ja keine Familie gründen von dem bisschen Geld. Arbeitszeit: Montag bis Sonnabend, von sieben Uhr morgens bis zehn Uhr abends. Kaum Urlaub. Macht ja keine mit. Ich wohne mit meiner Mutter in einem eigenen Haus in Pankow. Ist billiger als eine eigene Mietswohnung. Und die wenigen Stammkunden, die ich noch habe, das sind auch alles mehr oder weniger alleinstehende Männer. Das sind in den letzten Jahren immer mehr geworden.

Bei uns wird die Miete teurer. 200 Euro ab April, und die Umsätze werden immer weniger, 300 bis 500 Euro am Tag, aber es müssten mindestens 1.500 sein. Früher hatte ich bis zu 300 Kunden am Tag, heute nicht mal die Hälfte. Das zeigt mir die Kasse an. Heute waren es bis 16 Uhr 88 Kunden, da hatte ich früher schon an die 200.

Sind ja auch ein Haufen Leute weggestorben. Früher haben die Leute mehr Wasser gekauft. Jetzt nehmen sie eher die harten Sachen. Zigaretten, Alkohol. In meinen Laden kommen die, die es noch nicht geschafft haben, sich totzusaufen. Zwei meiner Stammkunden hatten es ja angekündigt, sie saufen sich jetzt tot. Einer hieß Günther, der andere Flori. Jeden Tag noch’n Goldbrand. Das nimmt man so zur Kenntnis. Manche gehen nicht in den Edeka, weil sie da Hausverbot haben. Oder sie wollen nicht gesehen werden, wenn sie harte Sachen kaufen. Sie schämen sich.

Früher kam zu mir Kundschaft vom Finanzamt, das ja leider weggezogen ist. Das brachte Umsatz. Der eine vom Büro hat seine Flasche versteckt, wenn ein Kollege kam. Ab und zu mal einen Korn oder Sekt, immer die kleinen Flaschen fürs Finanzamt. Ein anderer war HB-Raucher, kam immer in der Mittagspause. Wenn er sie nicht am Bahnhof beim Vietnamesen bekommen hat, dann hat er die Zigaretten hier gekauft. In den 90ern haben sie sich ihre Zigaretten hier im Laden angesteckt, geraucht wie die Schlote, jetzt nicht mehr.

Ein Mann, friedlicher Blick, tätowiert, gibt vier Pfandflaschen ab, stellt dann sechs neue Sternburg-Bier auf den Tresen. Heute ist Zahltag, „Hartz-IV-Festspiele“. Er war mit seinem Betreuer einkaufen, Obst, Gemüse, was Frisches. Er koche sich heute Abend was Feines, erzählt er. Hähnchenbrust mit Sahnesauce, dazu ein Fläschchen Weißwein. Das Schlimmste an Hartz IV sei das Abgeschlossensein. Er wohne in der ersten Etage in einer Kammer, kein Licht, Fledermäuse auf dem Hof. „Fledermäuse stehen unter Naturschutz.“

2017 war weltweit ein Rekordjahr für VW. Stand in der Zeitung. Die Wirtschaft brummt. Aber bei uns kommt das nicht an. Pfandflaschen, dit is das Einzige, wat hier boomt. Oft wollen Leute Kleingeld wechseln, das nervt. Oder sie wollen mal ’n Fünfer für den Parkscheinautomaten. Wenn ich Nee sage, werde ich beschimpft. Dann ziehen sie ’ne Fresse.

Normalerweise darf ich die Kasse gar nicht so oft aufmachen. Das Finanzamt registriert das. Du sitzt hinten auf deiner Bierkiste, willst dich ausruhen, weil du dich richtig kaputt fühlst, nicht mehr halten kannst. Und dann kommt jemand und greift sich aus dem Regal hinter der Kasse ein Feuerzeug. „Ich will mir ’ne Zigarette anzünden, haste mal Feuer?“ Das ist die Wirklichkeit. Da kotzt du natürlich ab.

Ordnungsamt, Jugendschutz, die kommen regelmäßig her, die kündigen sich vorher nicht an. Ich muss jetzt Handtuchhalter an der Wand in der Toilette haben, früher reichte eine Küchenrolle zum Händeabtrocknen. Es gibt keine Kundentoilette, aber viele begreifen das nicht. Einmal die Woche will jemand auf Toilette gehen.

Draußen auf der Straße spielt jemand Saxofon. Nobody knows you, when you’re down and out ...

Ich wurde schon viermal überfallen. Vier große Dinger! „Räuber in die Flucht gebrüllt“, stand in der Bild-Zeitung. Früh um sechs, da kam ein Motorrad, Mann mit Frau, ich dachte: Kundschaft, prima. Aber er fasst mich hinten an, sagt: Komm rein hier. Ich schreie, er rennt weg.

Das andere Mal hat die Polizei „erzieherische Maßnahmen“ eingeleitet, als ein Türke mich mit dem Messer bedroht hat. Angeblich hätte ich gesagt, seine Mutter ist eine Hure. Konkurrenz, Kleinkriminalität, Behörden: Das sind die drei Punkte, an denen du zu knabbern hast als Unternehmer.

Eine Frau stürmt herein, lila Haare, zum Pferdeschwanz gebunden, enge Jeans, rosa Turnschuhe. „Na, Angelika, immer noch krank?“Sie gibt Körbe mit leeren Flaschen ab. Pfandflaschen. Sie wohne schräg rüber, seit 1998. Meist kauft sie Zigaretten. Kommt gerade vom Termin bei der Arbeitsvermittlerin. „Wie ich da im Jobcenter saß, mit so einem Hustenanfall. Mir war das so peinlich. Sie sagte: Alles gut, ich weiß, wie das ist. Mensch, dabei ich esse schon so viel Gemüse, dreimal Salatteller, mal einen Apfel. Ganz normal aus dem Netto.“ Sie habe noch nie im Bioladen was gekauft.

„Kretzsche, war Herr Lange heute schon hier?“ Nein. Jochen war auch noch nicht hier. „Na, Jochen, der hat ja auch Arbeit.“

Wie lief es im Jobcenter? „Ach, ich werd ja nächstes Jahr auch schon 60.“ Sie stand in der DDR jahrelang in der Küche. Angelika zählt ihre Flaschen, vier 15er-und vier 25er. „Achte haste, ja? 2 Euro 56“. Sie trinke nicht. Früher na klar, als sie tanzen war, mal einen Cocktail, ein Glas Wein, Sekt. „Mensch, für dich wird es nie langweilig“, sagt Angelika. Er könne die Geschichten nicht mehr hören, es sei zu viel, man verblöde. „Wenigstens hast du am Tag ’ne Unterhaltung.“

06:00 05.03.2018
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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