„Die Leute lassen sich ein bisschen gehen“

Porträt Ama Split zog schon als Kind mit dem Vater los, um Bahnhöfe zu bestaunen und abfahrende Züge. Mit dem Freund reist sie seit 2005 durch Europa und fotografiert
„Die Leute lassen sich ein bisschen gehen“
Ihre allerersten deutschen Worte waren: „Dieser Zug endet hier“

Foto: Jan-Christoph Hartung für der Freitag

Sie liebt es, sich auf Schienen durch die Stadt zu bewegen. S-Bahn, Métro, Züge seien für sie wie große Spielzeuge. Ama Split, lange braune Haare, schmales Gesicht, trägt Jeans, Turnschuhe und Rucksack. So, als sei sie auf der Durchreise. In der Nähe des Treffpunkts liegt der S-Bahnhof Hermannstraße, er gehört zur Berliner Ringbahn. Ama Split kennt alle 27 Stationen, die Bahnhöfe, das Umfeld. Die Französin hat diese Orte ausgekundschaftet und fotografiert, gemeinsam mit ihrem Partner Riky Kiwy, der ebenfalls Fotograf ist. „Wir wollten etwas über Berlin erzählen, aber nicht die üblichen touristischen Ecken zeigen. Und glücklicherweise gibt es hier die Ringbahn, die die gesamte Tour macht. Und eine Bahn, die von Ost nach West fährt, schien uns perfekt.“

Die 34-Jährige redet leise und auf Französisch, sie fange gerade erst an, Deutsch zu lernen. Ihre ersten Worte waren „Zurückbleiben bitte“ oder „Dieser Zug endet hier“. Die Farben der Bahn, dieses dunkle Rot-Gelb, die Sitze, die Bänke, all das erschließt sie sich sensorisch. Und auch innen sei die Berliner U-Bahn schöner als die Pariser Métro. Split suchte aber nicht nur Ästhetik, sondern auch alltägliche Situationen und die Gegenden um die S-Bahn-Stationen herum. Sie fuhren am Ostkreuz los, dann im Uhrzeigersinn durch die Stadt: Süden, Westen, Norden, bis zur Frankfurter Allee. Es gab Regeln: Niemals zu einer Station zurückkommen, und pro Station gab es nur einen Film mit 36 Aufnahmen. Leute, die von der Arbeit kommen, langsam die Treppe hochgehen, am Imbiss einen Kebap essen, solche Motive interessierten sie. Und Wohngegenden mit höchstens einer Bar, Reihenhäusern und Autos davor, wo die Menschen Einkaufstüten aus dem Kofferraum heben. Diese Ruhe habe sie vor allem im Westen gefunden, sagt Split und kramt einen abgegriffenen S-Bahn-Plan aus dem Rucksack, zeigt auf eine der Stationen. Dort stand ein Haus mit Garten, zwischen zwei Bäumen schaukelte eine Hängematte, dahinter fuhr die S-Bahn. So was würde man bei Plattenbauten nicht sehen.

„Man hat das Gefühl, dass sich das Leben mehr im Osten abspielt, dass dort Freiheit ist. Im Westen leben eher Alteingesessene, gediegene Leute, die sind weder reich noch bourgeois, aber sie hatten schon immer ihre Häuser, ihre Gewohnheiten. Während sich im Osten alles bewegt.“

Auf Splits Bildern finden sich Spielcasino oder Eckkneipe. Aussterbende Orte, aber trotzdem sehe man sie überall in der Stadt. Vor allem im Osten habe fast jeder S-Bahnhof einen Späti, mit einfachen Holzbänken, an denen junge Leute diskutieren und Bier trinken. Im Westen sehe man alte Menschen, die gedankenverloren Tee trinken. Genau im selben Moment. Auf einem ihrer Bilder betrachtet ein Bauarbeiter die Immobilienaushänge an einem Schaufenster. Ein anderer sitzt auf einem Stuhl, den er mitgebracht oder vielleicht gerade gekauft hat. Sie haben keine Eile. „Die Leute lassen sich ein bisschen gehen“, sagt Split. Sie findet das poetisch. Als würde in solchen Momenten die Zeit anhalten. „Die Leben vieler Leute kreuzen sich kurz, dann geht man wieder auseinander. Alle sind am gleichen Ort, irgendwie verbunden, aber jeder hat seine Geschichte.“

Die Bahnhöfe der Kindheit

S-Bahn fahren. Auf dem Weg zu der eher hektischen Kreuzung an der Neuköllner Station Hermannstraße schlendert man durch kleine Straßen. Ama Split bleibt oft stehen, weist auf unauffällig wirkende pastellfarbene, vierstöckige Häuser mit roten Ziegeldächern, schwärmt von den Sonnenschirmen auf Balkons. In der Nähe des Tempelhofer Felds bleibt sie vor einem Friedhof stehen, der wie ein Garten sei, so luftig, und die Grabsteine würden weniger eng nebeneinanderstehen als in Frankreich oder Italien.

Sie sind Symbole der Metropolen: S-Bahn und U-Bahn, les trains. Anonymität, Tempo, Anarchie, Graffiti. Und so wurden sie auch für Künstler im öffentlichen Raum interessante Objekte. Einmal stellte sich ein Künstlerpaar mit Eimer und Wischmopp auf Bahnsteige, reinigte ungefragt die Scheiben der einfahrenden Züge, und dann filmten sie die Reaktionen.

Woher kommt Splits Leidenschaft für Züge? In Besançon, der Kleinstadt an der Schweizer Grenze, in der sie aufwuchs, gab es nur eine Straßenbahn und einen Bus, erzählt sie. Als sie noch ein Kind war, fuhr der Vater mit ihr in umliegende Städte, bloß für eine Tour zum Bahnhof. Er wollte mit ihr Züge anschauen, die einfuhren. Als 1991 in Lyon eine automatische U-Bahn eingeführt wurde, da war sie acht Jahre alt. „Wir sind hingefahren, wollten die Métro sehen. Da unten stand ein Chauffeur, der irgendwas kontrollierte. Er hat mir einen Sticker und einen Karton mit Pappteilen geschenkt, die man ausschneiden und zu einer eigenen Métro zusammenbauen konnte.“ Ein anderes Mal fuhren sie 20 Kilometer mit dem Zug, von einer Stadt zur anderen, nur um auf den Schienen zu sein.

Splits Vater stammt aus dem Süden Italiens, es waren 1.500 Kilometer, um die Großmutter und die Cousinen besuchen zu können. Als sie größer war und allein fahren konnte, nahm sie den Zug in der Schweiz, musste dort umsteigen, dann weiter nach Mailand, zwei Stunden Wartezeit. „Mailand! Dieser immense Bahnhof mit den Anzeigetafeln, diesen Farben. Danach stieg ich in den freccia adriatica und verbrachte die Nacht im Zug, um dann morgens in Italien anzukommen. Das war wie die Entdeckung von Indiana Jones.“ Sie habe Freunde im Zug gefunden. Studenten, die in die Ferien fuhren, die gemeinsam in ihrem Sechserabteil saßen. „Einmal waren wir nur junge Leute, haben uns unsere Discmen ausgeliehen, und dann packten wir die Essenspakete aus, die uns die Oma mitgegeben hatte.“ Es waren die Metro in Mailand und das künstliche Neonlicht, das die metallic-grünen Züge erleuchtet hat: Split wurde Straßenfotografin, sie ging 2005 nach Genua und machte dort Bilder von der kleinen U-Bahn. 2008 sollte es noch konkreter werden. Sie schloss sich mit ihrem Freund zusammen, der ihre Leidenschaft teilt. 2016 entstand das Projekt Berlin-Warszawa-Express. Sie fuhren mit dem Zug, der beide Städte verbindet.

Schöner, bunter Plattenbau

„Warschau ist ein bisschen die kleine Schwester Berlins – es wurde vom Krieg zerstört, und man findet einen ähnlichen Stil. Jetzt wird es munter, mit lauter kleinen Bars und coolem Esprit“, sagt Split. In dem Schnellzug saßen Leute, die alle in die gleiche Richtung fuhren, „aber wir wussten nicht, warum“. Mittags kamen alle aus den Abteilen, das Personal bot Getränke an. Und eine polnische Dame packte in aller Ruhe eine perfekt vorbereitete Brotbüchse aus und genoss ihr Mittag. In der S-Bahn dagegen schluckt man schnell was hinter.

Die Bahn stoppt an der Frankfurter Allee. Split zeigt aus dem Fenster auf das Dach des Einkaufscenters, auf das sie gestiegen sei, um von dort die S-Bahn zu fotografieren. Drum herum stehen Ostberliner Plattenbauten. Sie mag deren Geometrie, die seien bunt, hoch, schön, „auch wenn die Farben ein bisschen 80er sind“. Dass solche Wohnhäuser mitten in der Stadt stehen, würde sie aufwerten, anders als in Paris, Rom oder Mailand. Eine junge Vietnamesin steht auf einem anderen Bahnhof hinter einem Obst-und-Gemüse-Stand. Es ist die Gegend, in der ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter aus der DDR sich eine Community aufgebaut haben.

Nahtstelle zwischen Ost und West

Die Berliner Ringbahn ist die längste Kreisbahnstrecke Europas. Sie bedient 27 Stationen auf 37 Kilometern Länge und braucht dafür etwa eine Stunde. Ab 1930 wurden die Stadtbahn, die Ringbahn und die Vorort-bahnen zu dem System „S-Bahn“ zusammengefasst. Nach dem Krieg übernahm die Ringbahn die Funktion der Verbindungsbahn für die geteilte Stadt. Sie verband die vier Sektoren untereinander und galt als Nahtstelle zwischen West- und Ostberlin – bis zum 13. August 1961. Durch den Mauerbau wurde der Ring unterbrochen und der S-Bahn-Verkehr in beiden Stadthälften neu organisiert. Nach dem Mauer-fall wurde die Ringbahn zwischen 1993 und 2002 nach 41 Jahren etappenweise wieder eröffnet.

Das französisch-italienische Fotografenpaar Ama Split und Riky Kiwy hat diese Strecke im Frühjahr 2017 sechs Wochen lang porträtiert. Ihr Buch Hundekopf (der Umriss der Route sieht aus wie der Kopf eines Hundes) erscheint dieser Tage im Hatje Cantz Verlag.
Straßenfotografie (englisch street photography) entstand im Paris der 1920er Jahre und etablierte sich rasch als eigenes Genre, mit einer Blütezeit in den 1930ern. Da kamen schnellere und kompaktere Kleinbildkameras, das Interesse am Alltagsleben wuchs.
Heute sind die meisten Straßenfotografen Amateure, die im Internet veröffentlichen. Auch Ama Split, Jahrgang 1983, und Riky Kiwy, geboren 1982, nutzen Plattformen wie Instagram, Tumblr oder Facebook.

An Bahnhöfen, in Zügen, an diesen Orten des Übergangs, wo die meisten auf ihr Handy starren, wie kann man sich da begegnen? „Ich habe oft Szenen gesehen: Vor allem Leute, die Hunde haben, kommen ins Gespräch: Und wie heißt deiner? Wie alt ist er? Da entstand eine gesellige Atmosphäre zwischen zwei Stationen.“ Es verblüffe sie, dass Deutsche ihre Hunde von der Leine lassen, sagt Split. Anders als in Frankreich oder Italien. „Aber hier gibt es dieses Einvernehmen: Du kannst Fahrrad fahren und der Hund läuft neben dir.“ Aus diesem Vertrauen entstehe Freiheit. Einmal stand eine Mutter mit einem Kinderwagen auf dem Bahnsteig, der kleine Junge sang. Eine alte Frau kam und sagte: „Was singst du? Ich kenne dieses Lied.“ Dann trällerte sie mit: „Lalala.“ Ein kleiner magischer Moment. Liberté finde sie auch in Parks, sagt Split, wo Leute Picknick machen, Gitarre spielen, „das ist wie jeden Tag Fête de la Musique“.

Ama Split reiste 2015 für ein anderes Buchprojekt nach Marrakesch, auf der Suche nach Graffiti an Mauern und an der S-Bahn. „In Europa sind die ja fast schon institutionalisiert, in Marokko sind sie noch kaum entwickelt.“ Sie habe noch nie solchen Dreck gesehen wie in manchen Vierteln, in denen Leute lebten. „Es war so, als sei da eine Bombe explodiert. Die Spielzeugecken der Kinder bestanden aus Steinen und Plastiktüten.“ Sie haben bewusst diese Orte aufgesucht, wollten dort Einheimische treffen, „und sie waren die gastfreundlichsten“. Die Züge aber in Marokko: schnell, sauber, schön.

Von ihren Fotoarbeiten kann die Künstlerin nicht leben, so wenig wie ihr Freund, beide machen kleine Jobs, sparen und wohnen die meiste Zeit in Besançon. Ihr Buch über den S-Bahn-Ring ist das erste, das jetzt in einem Verlag erscheint, der nicht ihr eigener ist.

Nächster Halt Prenzlauer Allee. Man kann mit Ama Split längere Zeit auf einer Bank am Bahnhof sitzen, sie erläutert dann Geräusche bei der Einfahrt und verschiedene S-Bahn-Modelle, die man an den Türarten erkennen kann. Manche sind platt, wenn sie sich schließen, andere ragen ein Stück hervor. „Oh, wächst da etwa Bärlauch auf der Böschung?“, sagt sie. Auf dem Bahnsteig umarmen sich zwei Frauen, eine führt der anderen ihre neuen Schuhe vor. „Woher kommen sie, wohin gehen sie?“, fragt sich Split. Sie verstehe sich als Archivarin. „Wir halten einen Moment fest, aus dem Jahr 2018. Und in dreißig Jahren hast du ein Souvenir. Das ist fast dokumentarisch. Wir archivieren das Leben.“ La vie des rats zum Beispiel, das der Ratten, die sich an der Schönhauser Allee zwischen vollen Mülleimern auf Pizzastücke stürzen. Es ist das Leben unter der Stadt.

06:00 21.05.2018
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
Schreiber 0 Leser 23
Maxi Leinkauf

Ausgabe 25/2018

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