Dieses Bild vom Osten?

Eventkritik Regisseur Andreas Dresen hat den Einheitspreis 2012 gewonnen - noch ein ostdeutscher Held, der keiner sein will
Dieses Bild vom Osten?
Noch ein Preis: Andreas Dresen zwischen Thomas Krüger von der Bundeszentrale für politische Bildung und Robert Schneider, Chefredakteur der Superillu

Foto: Presse

Auf dem Tisch im Foyer der Thüringischen Landesvertretung in Berlin liegen Bücher, die Der Traum von der Revolte oder Die letzten Tage der DDR heißen, neben einem Stapel der Zeitschrift Superillu. Anna Loos blickt einen vom Titel an – Anna Loos und das Schicksal der DDR-Heimkinder steht unter dem Bild. Ist ein Thema gerade, aber was hat die Schauspielerin und Sängerin damit zu tun? Man blättert ein bisschen in der Zeitschrift. Es geht um einen Film, eine Reise ins Gestern.

An diesem Donnerstagnachmittag soll ein Held gekürt werden, einer von heute. Die Superillu vergibt zum elften Mal, zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung, den „Einheitspreis 2012“. Es sollte eigentlich nach zehn Jahren Schluss sein, aber dann kam jemand auf die Idee, die Leser wählen zu lassen. Der Regisseur Andreas Dresen wird der Gewinner sein – offenbar der kleinste gemeinsame Nenner, unter Kandidaten wie der Reporterin Jana Simon, Viola Klein (erst Kindergärtnerin, jetzt Software-Unternehmerin), der Dritten Generation Ost, jungen Autoren, die lieber von ihrem Leben heute erzählen, Helmut Morsbach, der alte Defa-Filme restauriert und der Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe.

Kennen Superillu-Leser die Texte der ZEIT-Autorin Jana Simon? 2002 hat sie mit einer Geschichte über einen Freund aus der Jugendzeit, der als Schwarzer in der DDR lebte und nach 1989 in die Türsteher-und Hooligan-Szene abgedriftet ist und sich schließlich das Leben nahm, die Stimmung der Wendekinder getroffen.

„No risk, no fun“

Gerald Praschl, Chefreporter Politik bei der Superillu, steht mit einem Glas Prosecco in der ersten Etage der Landesvertretung und betreibt am runden Cocktail-Tisch Smalltalk mit Thomas Krüger, dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung. Jana Simon? „No risk, no fun“, ruft der Journalist und rollt sein bayrisches R. Es sei ja eine Zeitschrift für ostdeutsche Leser, sagt er, und „die Einheit ist ein ostdeutsches Thema“. Was sucht er dann hier?

Die Superillu ist ein auflagenstarkes Sprachrohr der Ostalgiker, sie reproduziert Pitti-Platsch-Nostalgie und baut an einer medialen Konstruktion des Ostens, so wie manche Westler ihn gern sehen. Er lebt weiter, vermittelt meist über Künstler, die nach der Einheit im Westen prominent wurden. Peter Sodann, Anna Loos. Jan Josef Liefers. Inka Bause. Einer wie Stephan Krawczyk passt da nicht so recht rein. Ein gebrochener Held.

Krawczyk betritt die Bühne im blassen Konferenzraum, er erinnert ein bisschen an Heino Ferch, der gerne Typen spielt, die sich im Osten entscheiden müssen, zwischen Familienheil und Haltung. Braun gebrannt, schwarzes Jackett, existenzialistisch: „Wusste gar nicht, dass es den Krawczyk noch gibt“, raunt eine Frau im Publikum, sie sei extra seinetwegen gekommen. Krawczyk war ein erfolgreicher Liedermacher in der DDR, bis er in seinen Texten unangenehme Fragen stellte, er wurde beobachtet, verfolgt, und zusammen mit seiner damaligen Frau Freya Klier verhaftet. 1988 mussten sie ausreisen. Dann wurde es still um ihn.

Krawczyk greift zur Gitarre, schwärmt von seinem Hinterhof-Gärtchen. Den sächsischen Dialekt hat er noch. „So lange ich die Birken liebe, will ich mit Leben gern bezahln ...“, singt er dann. Birken. Erde. Luft. Die zumeist älteren Zuschauer, neugierige Bürger, und ein paar Journalisten, klatschen andächtig. Stephan Krawczyk dichtet jetzt von Wolken und Gott, er singt Brechts „Speichellecker“-Lied, und von Armut. Die Verhältnisse seien nicht besser geworden, sagt er. Aber er will sie nicht mehr ändern.

Lieber keine Grautöne

Christine Lieberknecht, Thüringens Ministerpräsidentin, sollte jetzt eigentlich am Pult stehen. Aber sie steckt fest. Im Kanzleramt. Sie muss mit Angela Merkel die europäische Einheit retten. Ihr Staatssekretär übernimmt den Job. Er stamme aus Bautzen, das sei alles andere als eine „unbeschriebene deutsche Stadt“, sagt er mit mahnendem Blick. Und kommt dann auf Zwangsvertreibungen in den Fünfzigern. Dieses Bild vom Osten sollen wir haben? Repression? „Haben Sie sich mal gefragt, was Sie heute eigentlich machen würden, ohne die deutsche Einheit?“, fragt er noch theatralisch und lobt in eigener Sache: Thüringen habe im Osten die geringste Arbeitslosigkeit und die höchste Industriedichte.

Es ist ein Ritual geworden: Helden der Einheit ausrufen, auch wenn das niemand so richtig sein will: Merkel, Ballack, Gauck, die TV-Lieblinge des Ostens, die jedes Jahr bei der „Goldenen Henne“ ausgezeichnet werden? Nun also Dresen. Weil seine Filme sich „mit dem Alltag der Ostdeutschen nach der Wende beschäftigen“, sagt Thomas Krüger, der mal Bürgerrechtler war und später auf einem Wahlplakat seinen nackten Bauch zeigte. Er trägt bordeauxfarbene Velour-Halbschuhe, leuchtend grünen Schlips, und noch immer Bauch. Er redet von den „kleinen alltäglichen Gesten“, an die großen glaubt er nicht mehr.

Andreas Dresen schaut verhalten, dann wird er aufgerufen, er nimmt die gläserne Trophäe, mit einem Scheck verbunden, entgegen. Er hat dieses Jahr schon den Deutschen Filmpreis gewonnen, für ein Krebsdrama. Halt auf freier Strecke.

Dresen war 26 als die Mauer fiel, Anfang der Neunziger hätte sich kaum ein Westdeutscher für seine Sicht auf das Leben in der DDR interessiert. „Sie war nicht gefragt. Schwarz-Weiß war mehr gewünscht als Grautöne.“ Er habe sich irgendwann der Gegenwart gewidmet. Der Wunsch, sich mit der DDR auseinanderzusetzen, sei bei vielen aber noch groß. Dresen zieht einen Brief aus der Jackentasche, eine Frau aus Gera hat ihn gefragt, ob er mal einen Film „ohne Stasi“ drehen könne, über den „ganz normalen“ Alltag in der DDR. Einen „Leichenschmausfilm“, über Liebe, Neid, sich Kennenlernen, Kinder kriegen. Dresen sagt, er glaube nicht, dass er den machen könne. Der Schmerz gehöre dazu. Er will aber auch nicht, dass Das Leben der Anderen als das stehen bleibt, „was Alltag in der DDR war“. Ohne das Dazwischen.

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Ihre Freitag-Redaktion

19:43 17.06.2012
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
Schreiber 0 Leser 28
Maxi Leinkauf

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