Dritte Liga

Italien Livorno war die rote Bastion des Landes, dann machten die Fabriken dicht. Jetzt regiert die Fünf-Sterne-Bewegung. Was macht die Krise mit der Stadt? Ein Besuch

Wer von Norden in die toskanische Hafenstadt Livorno fährt, muss durch ein Frachtgelände. Es stinkt nach Öl, blaue und orangefarbene Container stapeln sich: China Shipping steht darauf. Hinter der alten Festung öffnet sich der Hafen, Kreuzfahrtschiffe liegen wie Tanker auf der See. „Non votare – Lotta!“ hat jemand auf eine Mauer gesprüht: Nicht wählen – kämpfen! Ende der 90er Jahre kam die Krise, die Sozialdemokraten sahen ihr hilflos zu. Seit 2014 regiert im Rathaus ein Mann der Fünf-Sterne-Bewegung. Die Botschaft ihres Gründers, des heute 69-jährigen Komikers Beppe Grillo: „Vaffanculo“ – Verpisst euch!

„Die Livornesen waren schon immer unkontrollierbar und anarchisch“, sagt Pardo Fornaciari. Er steht auf der ehrwürdigen Piazza Cavour, mit Baskenmütze, fliehendem Haar, wie ein Chansonnier. Er ist 70 Jahre alt, stützt sich auf einen Stock, erzählt von Anschlägen auf Faschisten, Anfang der 20er Jahre. Sein Vater war Partisan bei den Garibaldi-Brigaden. Pardo Fornaciari wurde Lehrer für Italienisch und Geschichte, in den 1960er Jahren trat er in die Jugendorganisation der Kommunisten ein, aber sie jagten ihn davon, weil er Trotzkist war. In einem Chor singt er einmal im Monat Partisanenlieder.

Livorno ist anders als der Rest der Toskana, eine moderne, nicht mittelalterliche Stadt. Bis ins 16. Jahrhundert war sie ein Dorf, dann als Teil der Republik Florenz bauten die Medici hier den kleinen Fischereihafen aus und erweiterten ihn. Großherzog Cosimo I. von Florenz entwarf Livorno als „ideale Stadt“, nur: Es fehlten Bewohner. Sie kamen aus aller Welt und siedelten sich an, Griechen, sephardische Juden, Galeerensklaven, Armenier, Muslime, Berber, deutsche und holländische Protestanten, Hugenotten. Sie konnten Handel treiben und ihre Religion ausleben: Die „Leggi Livornine“ garantierten Privilegien und Schutz – und vor allem Glaubensfreiheit. Der Freihafen brachte Aufschwung. Auch für Kriminelle wurde Livorno ein Paradies.

Pardo Fornaciari führt zu einem Wohnhaus, das an einem der Kanäle der Stadt liegt. „Das Haus ist besetzt“, sagt er, Hunderte gebe es, in denen Immigranten wohnten, aber auch immer mehr livornesische Familien: Livorno ist eine Metropole der Zwangsräumungen. „Wir sind in der schlechtesten Phase der Arbeiterbewegung“, sagt Fornaciari. „Wir haben keine Kraft mehr, nur noch unsere Tradition und eine diffuse Ideologie.“ So wie das Land ist die Linke in der Krise. Matteo Renzis Sozialdemokraten sind tief gespalten, die Basis bricht ein, nicht nur in der Toskana. Menschen mit kleineren Einkommen fühlen sich vergessen. Italiens Parlamentswahlen am 4. März könnten zum Desaster für die gesamte Linke werden (siehe Seite 7).

Zunge am Hintern

Ein paar Schritte weiter sitzt die Redaktion des Vernacoliere (von vernacolo, Mundart), der einzigen verbliebenen Satirezeitschrift Italiens. Der Chefredakteur öffnet die Tür, die Wände in Mario Cardinalis Büro zieren Titelseiten über Berlusconi oder die Mafia. Die Auflage liegt jetzt bei 10.000, in den Neunzigern war sie achtmal so hoch. „Das war die Zeit der Mani pulite – saubere Hände, des Kampfes gegen Korruption in Mailand.“ Satire sei damals das Instrument der sozialen Opposition gewesen: „Wir wollten alles in Frage stellen“, sagt der 80-jährige Cardinali heiser. Heute seien alle auf Facebook, es gebe kein kritisches Denken mehr. Auf dem Cover der Zeitschrift sah man vor Kurzem Luigi di Maio, den Spitzenkandidaten der Fünf-Sterne-Bewegung, dem Wähler den Arsch leckend. Der vulgäre livornesische Humor. „Vulgär? Das ist unsere Alltagssprache! Wir nehmen hier das Leben sehr physisch wahr, man redet, wie man isst“, sagt Cardinali. Doch diese Mundart zu pflegen, das komme heute schon einer Palastrevolte gleich. Durch die Krise habe die Stadt ihren Gemeinsinn verloren. „Die Menschen nehmen sich nicht mehr als Gruppe wahr.“

Nach dem Krieg war Livorno ein großer Industriestandort, vor allem für Schwermaschinenbau. Es gab Schiffswerften, viele kleinere Zulieferbetriebe. Um das Jahr 2000 wanderten erste Fabriken ab oder machten dicht. 2014 hat der Autozulieferbetrieb TRW seinen Standort nach Tschechien verlegt, auch die Ziegelsteinindustrie brach ein. Die Arbeitslosigkeit liegt heute bei 17,3 Prozent, landesweit sind es 11,4 Prozent. Was verordnet der Fünf-Sterne-Bürgermeister Nogarin, ein Ingenieur für Luftfahrt, dem livornesischen Patienten?

Die Trikolore weht auf dem Rathausdach, von der Fassade blättert die Terrakottafarbe, durch den Hochzeitssaal kommt man in Filippo Nogarins Büro. Er trägt Bart, Jeans, Turnschuhe. Bücherstapel lagern auf dem Schreibtisch, an der Wand hängt ein Bild von Beppe Grillo. Nogarin, 47, lässt sich ins Sofa fallen. „Wir brauchen Tourismus!“, sagt er. Jedes Jahr würden Millionen Menschen aus ihren Kreuzfahrtschiffen steigen, „aber sie setzen den Fuß nur in unsere Stadt, um mit dem nächsten Bus nach Pisa zu kommen oder Florenz“. Touristische Pfade schweben ihm vor, die Leute sollen in Cacciucco-Restaurants geführt werden, livornesische Fischsuppe essen. In der Dämmerung sollen sie an den Docks sitzen und Punsch schlürfen. Oder ins Geburtshaus des Malers Amedeo Modigliani gehen, der aus Livorno stammt. Am Küstenstreifen sollen Eisenbahnschienen verlegt werden – als alternative Route nach Florenz. Nogarin möchte kostenlosen Busverkehr für die Stadt – und neue Jobs. „Das ist alles nicht einfach. Wie soll ein Bürgermeister denn Arbeit schaffen?“

Filippo Nogarin ist im populären Viertel Ardenza, am Meer, groß geworden, seine Eltern waren 68er. Mit Klassenkampf kann er nichts anfangen: „Das war in den 30ern, das ist eine romantische Linke, das ist vorbei.“ Für ihn bedeute linke Politik, die öffentliche Rolle des Staates zu erhalten. „Wasser, Transport, Müll, Schulen – das sollte nicht privatisiert werden. Und wir müssen den Schwachen, den Glücklosen mehr Beachtung schenken.“ In Livorno hat er das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt – ein Experiment: 100 arme Familien bekamen sechs Monate lang 500 Euro, später weitere 250 Familien. „Das ist mehr als ein Instrument, um die Leute ruhigzustellen. Es ist ein Hilfsmittel, aber nicht für den Rest des Lebens, nur für den Übergang.“ Nogarin war viel in Nordeuropa unterwegs und begeistert vom sozialen Zusammenhalt dort. Aus Deutschland will er das Ökologische importieren. „Der deutsche Umweltschützer ist ein Konservativer, der italienische dagegen ist ein Fanatiker, unreif, ein Extremist.“ Seit Nogarin gibt es in Livorno endlich Mülltrennung, Avantgarde! Ein Linker sei er, ein Livornese eben, hört man in der Stadt.

5-Sterne-Bürgermeister Filippo Nogarin ist gegen Privatisierungen und für das Grundeinkommen

Foto: Simona Granati/Corbis/Getty Images

Elena Evangelisti kann Touristen gut gebrauchen. Sie will einen Pub betreiben und hängt noch in bürokratischen Hürden fest. In ihrer leeren Kneipe zeigt sie auf eine Flasche mit toskanischem Craft Beer, „mit Kastaniengeschmack“. Im Sommer sollen Tische draußen stehen, wenn die Leute von den Kreuzfahrtschiffen kommen. Sie ist 34, hat in einer Zollfirma für Schiffe gearbeitet, dann ging sie für fünf Jahre nach London. Evangelisti kehrte zurück nach Livorno, eröffnete einen Laden mit italienischen Delikatessen, nach einem Jahr musste der schließen, die Steuern waren zu hoch, sagt sie – und bringt damit zum Ausdruck, was viele in Italien für das zentrale Problem halten: Der Staat bediene sich und behindere damit das Unternehmertum. „Ich habe gelernt, geduldig zu sein“, sagt Evangelisti. Wen sie wählen wird, weiß sie noch nicht.

Das neu gegründete linke Netzwerk Potere al Popolo (Alle Macht dem Volke) wäre eine Möglichkeit. Dessen Kandidatin Valentina Barale schlägt Porta Mare als Treffpunkt vor, „das ist der Ort, der für all das steht, was wir bekämpfen“. Das neue Viertel am südlichen Ausgang der Stadt wirkt leblos, Apartmenthäuser, Geschäfte, ein Supermarkt. „Hier war mal eine Schiffswerft, die war sehr produktiv, 5.000 Leute waren angestellt. Es war das Herz der Arbeiter. Die Sozialdemokraten haben sie pleitegehen lassen, um Geschäfte anzusiedeln“, sagt sie. Barale, 45, lockiges Haar, steckt im Wahlkampf. Alte und neue linke Parteien wie die Rifondazione Comunista sammeln sich unter dem Dach der jungen Bewegung, die so radikal sein will wie Jean-Luc Mélenchons La France insoumise.

Rentner ernähren die Enkel

Potere al Popolo ist im November einem sozialen Zentrum in Neapel entsprungen, das Ämtergänge für Immigranten anbietet, Kindergärten und Kulturvereine gründet. „Wir wollen Alltagsprobleme lösen“, sagt Barale. „Meine Mama fährt zum Beispiel kein Auto, aber sie holt einmal die Woche ihre Enkel vom Kindergarten ab. Nun ist die einzige Bushaltestelle in der Nähe verschwunden.“ Livorno schrumpft – das Leben basiere auf privater familiärer Hilfe. „Es regelt sich fast alles über die Rente der Großeltern, sie unterhalten die Kinder und oft auch die arbeitslosen Enkel. Wenn die Alten sterben, landen alle in der Misere.“ Wie will sie Stimmen gewinnen? „Wir wollen den Leuten zuhören, auf den Straßen, in den Parks, denen, die die anderen nicht mehr erreichen.“ Millionen könnten sich spezielle Untersuchungen, Mammografien oder den Zahnarzt nicht mehr leisten. Wer soll ihre Pläne finanzieren? „Wir machen es wie Robin Hood, den Reichen nehmen, den Armen geben“, sagt sie. Der Regisseur Ken Loach unterstützt die Bewegung, mehr als der ein oder andere Prozentpunkt wird diesmal noch schwerer zu erreichen sein.

Eigentlich könnten Annarita d’Amore und Giacomo Polese, die morgens am Tresen der Bar Dolly mit Blick auf den Dom über die Qualität des Caffè streiten, potenzielle Wähler der Potere al Popolo sein. D’Amore trägt kurzen Rock und Stiefel, sie hat ihr halbes Leben beim Zulieferer TRW gearbeitet, dort unter anderem Autogurte hergestellt. Seit der Schließung vor drei Jahren sucht sie einen neuen Job. Doch der Markt suche Spezialisten. Giacomo Polese, 44, Sonnenbrille, Lederjacke, war „Team-Leader“ bei TRW und ist Vater einer elfjährigen Tochter. Neue Arbeit hat auch er nicht gefunden. „Die Politiker gehen mir alle auf den Sack“, ruft er. „Die soziale Sache haben sie vergessen!“ Der Bürgermeister setze auf Tourismus. „Aber es reicht nicht. Wir brauchen Arbeit!“ Es seien zu viele Immigranten im Land. „Der Staat hilft erst denen – und dann uns. Aber ich sage: Italiener zuerst!“ Er spielt mit dem Gedanken, die rechtspopulistische Lega Nord zu wählen.

Damit wäre er im Caffè Paradiso Di Sportiello, dem Treff für die Fans des in die 3. Liga abgestiegenen AS Livorno, nicht willkommen. „Links sein heißt, Antifaschist sein“, sagt der Barkeeper, er trägt ein schwarzes T-Shirt, hat tätowierte Arme, kurze Haare. Er gehe nicht mehr ins Stadion, obwohl er die Stadt und die Mannschaft liebe, es sei zu repressiv geworden; politische Plakate, wie sie im Stadion früher immer zu sehen waren, sind inzwischen verboten. Wählen werde er nicht, „weil die Sozialdemokraten scheiße sind, so wie die Rechten“.

Wenn sich aber eine Post-Faschistin in Livorno auf Stimmfang begibt, geht auch er auf die Straße: Ausgepfiffen, angespuckt und regelrecht aus der Stadt gejagt haben sie die Parteichefin der Fratelli d’Italia jüngst auf der Piazza Grande. Junge und Alte hoben die Fäuste und sangen Avanti Popolo. Manchmal lebt der Traum noch.

06:00 01.03.2018
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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