Eigene Rolle

Porträt Anna Maria Mühe wuchs als Kind berühmter Schauspieler auf und wurde als Nachwuchshoffnung gefeiert. Dann entdeckte sie, dass sie nicht immer nett sein kann

Anna Maria Mühe möchte sich im „Blauen Band“ treffen, einem Café in Berlin-­Mitte. Der Kellner führt an einen Tisch im hinteren Raum. Auf die Anmerkung, man sei mit einer jungen blonden Schauspielerin verabredet, sagt er: „Mit der Frau Mühe?“ Es klingt routiniert. Eine Viertelstunde später humpelt die 26-Jährige herein. Sie habe sich vergangene Nacht den Knöchel verstaucht, sagt sie und lächelt, sonst fühle sie sich blendend. Gerade sei sie zwei Wochen zum Wandern in Kärnten gewesen, „und das Handy war aus“. Sie schwärmt von den Bergen, der Kälte, der Sonne – und vor allem von der österreichischen Küche.

Anna Maria Mühe:

Ich wollte früher selber mal Kellnerin werden, ich fand den Beruf des Kellners irgendwie bemerkenswert. Wie verschieden sie mit jungen und alten Leuten umgehen. Kellner kommen mit vielen Menschen zusammen und sehen immer so gschaftig aus.

Das ist Österreichisch für geschäftig. Ich hab eine Weile in Wien gelebt, weil mein Vater am Theater engagiert war. Das erste Mal war ich in Wien, als ich acht war, dann noch mal mit 15. Wiener Kaffeehäuser sind herrlich. Mit acht habe ich natürlich noch keinen Kaffee, sondern Schokolade mit Schlag getrunken. Ich mag es auch sehr, allein ins Café zu gehen.

Ja, manchmal nach dem Motto: „Was hat se denn?“ Aber in Wien ist es anders, weil dort mehr Menschen einfach ins Café gehen, um ihre Mélange zu trinken und Zeitung zu lesen. Und die Kellner sehen stilvoller aus.

Stimmt. Ich habe nie dieses Gefühl erlebt, in einer Gruppe zu sein. Deshalb fand ich es reizvoll, mal für eine gewisse Zeit in so ein Schauspielschulen-Milieu einzutauchen, auch wenn es nur für einen Film war. Vor dem Dreh haben wir viel geprobt innerhalb unserer „Klasse“. Es war teilweise extrem, was sich da innerhalb kürzester Zeit entwickelt hat – mit wem man sich verbündet hat, wer einen nicht so mochte, wen man selbst nicht mochte, bei wem man sich un­sicher war, ob der einen gut findet. Oder ob er Angst hat vor mir, weil ich schon mehr gedreht habe.

Vier Jahre lang auf eine Schauspielschule zu gehen, das war nicht mein Ding. Ich fand Schule schon immer furchtbar. Obwohl ich weiß, dass normale Schulen und Schauspielschulen auf verschiedenen Systemen basieren.

Man spürt in dem Film die harte Konkurrenz untereinander, das seelische Aufreiben, um an Rollen zu ko­mmen. Sind Ihnen solche Kämpfe vertraut?

Für junge Schauspieler ist dieses Universum schwer zu begreifen. Wenn man keine feste Plattform hat und in der Luft hängt, kann man untergehen. Jeder kämpft für sich, die Konkurrenz ist groß. Ich kenne diesen Druck der unmittelbaren Konkurrenz zum Glück nicht so, weil ich ihn mir selbst nicht mache.

Von außen sieht es so aus: Die Mühe ist nur am Drehen, präsentiert einen Film nach dem anderen und wenn nicht, schreitet sie auf dem roten Teppich herum. Aber das hat nichts mit dem zu tun, was ich wirklich tue. Es gibt Zeiten, in denen ich monatelang nichts drehe. Man muss lernen, damit umzugehen, mit der Unbeständigkeit dieses Metiers.

Mir geht es um eine Grundhaltung gegenüber dem Beruf: Ich bin mit Respekt und Demut vor diesem Beruf aufgewachsen und mache es so, wie es mir gezeigt wurde: Ich drehe Sachen, die mir gefallen statt einem Ding nach dem anderen. Das würde mir die Spielfreude nehmen. Natürlich kenne ich auch Existenzängste. Du drehst, hast dann monatelang Pause, und das Geld muss reichen.

Ich musste mich oft anpassen und schnell zurechtkommen mit der neuen Umgebung. Sonst hat man als Zwölfjährige in einer neuen Klasse keine Chance.

Wie haben Sie sich integriert?

Es ging los mit der Sprache. In Österreich war es der Dialekt. Am Anfang verstand ich gar nichts, aber ich musste so sprechen wie die anderen, sonst wäre ich ausgeschlossen worden. Ich wurde immer geübter darin. Weiter ging es mit Äußerlichkeiten, mit Klamotten. In Wien waren plötzlich Baggie-Hosen angesagt für Mädchen. Ich bin also nach Hause gegangen und habe gesagt: Ich möchte gerne auch eine. Das war völlig absurd, das passte überhaupt nicht zu mir. Vielleicht hätte ich die Hosen gar nicht tragen müssen, aber ich tat es für meine Selbstsicherheit.

Ich hatte in meiner Jugend gar nicht den Wunsch zu rebellieren. Ich habe ja mit 15 angefangen, zu drehen. Da musste ich funktionieren und konnte nicht einfach sagen: Ich habe keinen Bock. Man wurde morgens abgeholt, hat seine Arbeit abgeliefert – die großen Spaß machte –, ist abends wieder nach Hause gefahren, musste ins Bett, Text lernen für den nächsten Tag und schlafen. Die Arbeit hat mich ausgefüllt. Ich habe es geliebt, ans Set zu kommen. Deswegen gab es bei uns zu Hause keine rebellierende junge Tochter, die raus wollte. Die Party habe ich auf Premierenfeiern gemacht, die fand ich damals noch toll.

Ich habe dort etwas gefunden, was mir vorher immer gefehlt hatte – in den verschiedenen Schulklassen, bei wechselnden Freunden. Die Leute beim Film waren freundlich ohne Vorbehalte. Wenn man in eine Klasse kommt, ist niemand freundlich, da ist erst mal alles scheiße. Man muss sich die Sympathie erarbeiten. Beim Drehen ist sie da. Man wird respektiert, wie man ist, und kann sich aussuchen: Wer gefällt mir überhaupt und wer nicht?

Beim Drehen hat man eigentlich keine Chance, oberflächlich zu sein, weil man sich seelisch ent­blößen muss. Ich versuche auch immer, nicht als Fräulein Mühe ans Set zu kommen, sondern als Teammitglied.

Und sonst, was konnten Sie noch über sich selbst herausfinden, nach mehr als zehn Jahren in diesem Metier?

Ich habe gelernt, dass man mit Nettsein nicht gerade dahin kommt, wo man gerne sein möchte. Wenn ich gefragt werde: Hast du Lust, dieses Projekt mit mir zu machen, und ich sage aus Freundlichkeit: „Ja, in Ordnung, weil ich dich kenne“, dann wird mir dieses Gefühl nie zurückgegeben. Diese Erfahrung habe ich immer wieder gemacht in dem Business. Ich habe gelernt, Nein zu sagen, aber das war ein langer Weg. Projekte absagen kann mittlerweile sogar richtig Spaß machen.

Ich höre immer: Da musst du hin, da musst du dich zeigen. Ich frage mich dann: „Was heißt denn das?“ Der hat mich doch nach drei Minuten wieder vergessen.

Ja. Wenn man einen Puffer hat. Aber Drehen ist heute nicht mehr das Einzige, das mich ausfüllt. Ich habe jetzt mein Privatleben.

Ich habe keine „alten“ Freunde – so einen Freundeskreis, den ich mir vor 20 Jahren aufgebaut hätte. Oder Sandkasten-Freunde. Ich finde das schade. Ich habe noch zwei, drei Freunde aus meiner „letzten“ Schulzeit in Berlin, die mir geblieben sind. Wir sind beruflich in verschiedene Richtungen gegangen. Eine Freundin sehe ich einmal im halben Jahr. Sie reist in der Weltgeschichte umher, erzählt mir dann, wo sie überall war. Ich versuche das zu pflegen. Meine engsten Freundinnen kenne ich inzwischen acht, neun Jahre. Einige davon sind auch Schauspielerinnen. Da ist etwas gewachsen.

Ich suche einen Komplizen. Jemanden, mit dem ich ehrlich sein kann, der mir sagen kann: Du spinnst gerade. Und dem man es glaubt.

Ich finde es furchtbar! Ich möchte nicht eine Plattform für meine Freunde schaffen oder Fans, die sich dann Tausend Bilder von mir angucken. Meinen Freunden zeige ich Fotos auf dem iPad, oder ich bastle für sie Fotoalben. Sie freuen sich darüber, weil das etwas sehr Persönliches ist.

Ich habe Momente erlebt, in denen ich das unbedingt wollte. Aber es ist nicht mehr notwendig. Selbst wenn es gelingen würde: Ich will jemanden gar nicht mehr in jeder Hinsicht verstehen. Sonst müsste ich ja auch auf alles reagieren.

Meine Wurzeln liegen in der DDR. Natürlich ist es der Hintergrund meiner Familie. Ich habe gerade einen Film gedreht, der in den sechziger Jahren angesiedelt ist, in der DDR und im Westen: Ich spiele darin eine Werftarbeiterin, die Kosmonautin werden will wie Juri Gagarin. Und so habe ich ein paar Sachen erfahren über das Leben früher, über meine Wurzeln.

Ja, aber mich hat schon interessiert: Wie war es 1961 in der DDR als 20-jähriges Mädchen? Wie haben sich Frauen damals bewegt, wie war ihr Lebensgefühl?

Ich habe wahnsinnig viele Bücher gelesen, über die DDR, die Stasi-Zeit, bin in jedes Museum gerannt, habe mir Filme angeguckt wie Das Kaninchen bin ich. Das holt man sich alles ran und frisst es in sich hinein. Nach zwei Monaten Drehen war das Team erschöpft und müde, ich auch. Trotzdem konnte ich nicht aufhören, die Rolle war noch nicht fertig. Das Gefühl der Treue einer Figur gegenüber hatte ich vorher so noch nie.

Alltag heißt für mich: sehr viel aufholen, die Post erledigen, Freunde treffen. Ich mag es, den Terminkalender voll zu haben und genau zu wissen, wann ich mit wem verabredet bin.

Ich wäre manchmal lieber spontan, aber ich habe dafür selten Zeit. Und ich möchte unbedingt jedem gerecht werden.

Manchmal habe ich Phasen, in denen ich gerne in Clubs gehe, aber die werden immer seltener. Wenn ich mal mit meinen Freundinnen ausgehe, trinken wir vorher Sekt und machen es uns schön. Im Moment ist mein liebster Ort aber zu Hause, weil ich so selten da bin.

Nach dem Drehen muss man erstmal wieder die Freude finden, an sich selbst, mit sich selbst. Allein sein können ist schwierig. In dem Beruf ist man immer mit vielen Menschen zusammen. Zu Hause sitzt man allein herum. Es gibt Zeiten, da kann ich es wahnsinnig genießen, manchmal gar nicht. Das ist anstrengend.

Sehnsucht ist nie schön, ich verdränge sie lieber. Aber ich hatte immer Glück. Kurz bevor ich wirklich in einem Loch landete, wurde ich wieder rausgeholt. Ich bin von Grund auf kein depressiver Typ, sondern ein positiver Mensch.

Meine Mutter war sehr lebenslustig. Sie hatte die tolle Gabe, in einen Raum zu kommen und zu strahlen. Alles war auf sie gerichtet, jeder liebte meine Mutter. Mit diesem Strahlen bin ich aufgewachsen. Sie hat mir eine besondere Kraft mitgegeben, eine Hingabe für Freundschaft, für den Beruf. Ich habe von ihr viel Menschliches mitbekommen. Das trägt mich.

Keine Schiedsrichterin Anna Maria Mühe und ihre Familiengeschichte

Anna Maria Mühe wurde mit 15 in einer Berliner Bar von der Regisseurin Maria von Heland entdeckt, die ihr nach einem Casting die Hauptrolle in dem Film Große Mädchen weinen nicht (Bild) anbot. Mühe spielte darin eine rebellische Tochter und erhielt dafür 2002 den Preis für die beste weibliche Hauptrolle auf dem Filmfest von Las Palmas.

Geboren wurde Anna Maria Mühe am 23. Juli 1985 in Berlin als Tochter der Schauspieler Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe, die in den achtziger Jahren das Glamour-Paar der DEFA waren. Sie trennten sich 1990 und stritten sich später öffentlich darüber, ob Gröllmann für die Stasi gespitzelt hatte. Gröllmann starb 2006, Ulrich Mühe 2007 an Krebs. Im Stasi-Streit ihrer Eltern wolle sie nicht Stellung beziehen, sagte Anna Maria Mühe 2008 dem Spiegel. Ich will keine Schiedsrichterin sein.

Nach ihrem Spielfilmdebüt war Mühe in verschiedenen Fernsehkrimis (Tatort, Polizeiruf 110, Der Kriminalist) zu sehen. 2008 wurde sie für eine Doppelrolle in dem Film Novemberkind von der Kritik gefeiert und mit dem Nachwuchspreis des Max-Ophüls-Festivals ausgezeichnet. Sie spielte eine Frau, die ihre Tochter bei der Flucht aus der DDR zurücklässt und sie spielte zugleich die Tochter, die sich 27 Jahre später im wiedervereinigten Deutschland zusammen mit einem Literarturdozenten auf die Suche nach den Eltern macht.

Am 9. Februar kommt der Film Die Unsichtbare in die Kinos, in dem Mühe die Freundin einer Schauspielschülerin spielt, die bei den Proben zu einem Theaterstück vom Regisseur an ihre psychischen Grenzen getrieben wird. Außerdem wird Mühe bei der Berlinale 2012 von der European Film Promotion (EFP) als Shooting Star des Jahres ausgezeichnet. jap

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Ihre Freitag-Redaktion

16:05 09.02.2012
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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