Nobelpreisträgerin Alice Munro ist tot: Große Meisterin der kleinen Dramen

Bye bye! Die Kanadierin Alice Munro ist mit 92 Jahren in der Provinz Ontario gestorben. Sie gilt als Meisterin der Kurzgeschichte, schrieb von Menschen und Momenten, in denen aus kleinen Veränderungen große werden. Nicht immer mit Happy End
Aktualisiert am 15.05.2024, 11:25
Alice Munro
Alice Munro

Foto: Peter Muhly/AFP/ Getty Images

Alice Munro! Im Ernst? Als damals, 2013, die Nachricht kam, dass die kanadische Autorin den erhält, war da sofort dieses beseelte Gefühl, ein Lächeln, so wie damals, als ich Tricks gelesen hatte, die Kurzgeschichten von Alice Munro.

Meine Mutter hatte mir den Kurzgeschichten-Band Tricks , der 2008 erschienen ist, vor ein paar Jahren zum Geburtstag geschenkt. Sie wollte mit mir teilen, was sie empfunden hatte bei diesen Geschichten von sanften Frauen, die auf dem Weg sind selbstbewusst zu werden. Die etwas ändern in ihrem Leben, mal zufällig, mal vorgenommen, oft leise. Alice Munro war ihre Komplizin. War es ihre schlichte, klare Sprache, das uneitle Erzählen der täglichen kleinen Dramen, oder die Figuren selbst, die Frauen, die mich eingenommen haben?

Frauen auf Irrwegen, die selbstbewusst werden

Ich erinnere mich kaum daran, wie die hießen, sie waren irgendwie aus der Zeit gefallen und sollten nicht für aktuelle gesellschaftliche Debatten stehen, da war niemand Feministin, zumindest nannten sie sich nicht so. Das mussten diese Mädchen, jungen und älteren Frauen nicht. Sie hatten einfach mit ihrem Leben zu tun. Wandelten auf Irrwegen, verträumt, ein bisschen fantastisch, aber sie hielten nicht inne.

Munro schreibt leicht, ironisch, am Ende ist vieles offen, aber man glaubt man selber: Alles geht.

Dass jemand wie sie diesen Preis gewinnt, zeigt, dass man bei der Wahl auch an die Leser und Leserinnen gedacht hat. Sie ist ja die Anti-Le Clézio, der Schriftsteller kam 2008 wie aus dem Nichts, französisch-maurizianisch, und war fast nur Feuilletonisten bekannt. Alice Munro dagegen war populär, sie wird weltweit vergöttert. Man gönnt ihr diese Ehre!

Ich habe gleich meine Mutter angerufen, die mich zu einer Munro-Leserin gemacht hat. Danke!

Bevor sie ihn 2013 wirklich bekam, hatten sich viele Kolleg:innen dafür eingesetzt, dass Alice Munro der Literaturnobelpreis verliehen wird. Der Kanadierin, Königin der Short Stories. Liebes Leben erschien 2012, seitdem hatte Munro nichts mehr veröffentlicht. Alice Munro wurde 1931 in einer Kleinstadt in Ontario als Tochter einer Lehrerin und eines Silberfuchszüchters geboren. Als Journalismusstudentin veröffentlichte sie 1950 ihre erste Erzählung, 1952 heiratete sie, bekam vier Töchter und zog nach Vancouver.

Mit ihrer Art, die großen und kleinen Dinge des Lebens, ziemlich unspektakulär, auf wenigen Seiten, ehrlich und kompromisslos zu erzählen, wurde sie in den 1960er-Jahren berühmt und von Kollegen wie Jonathan Franzen oder John Updike mit Anton Tschechow verglichen. Ihre Geschichtenbände wie Tanz der seligen Geister oder Was ich Dir schon immer sagen wollte, Zu viel Glück oder Tricks wurden auf Deutsch vom Fischer Verlag und dem Zürcher Dörlemann Verlag veröffentlicht.

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Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin „Kultur“

Maxi Leinkauf studierte Politikwissenschaften in Berlin und Paris. Sie absolvierte ein Volontariat beim Tagesspiegel. Anschließend schrieb sie als freie Autorin u.a. für Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und Das Magazin. 2010 kam sie als Redakteurin zum Freitag und war dort im Gesellschaftsressort Alltag tätig. Sie hat dort regelmäßig Persönlichkeiten aus Kultur und Zeitgeschichte interviewt und porträtiert. Seit 2020 ist sie Redakteurin in der Kultur. Sie beschäftigt sich mit ostdeutschen Biografien sowie mit italienischer Kultur und Gesellschaft.

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