Er ist nur Rock'n'Roller

Assange Er trägt silbernes Haar statt einer Gitarre und er hat mächtige Feinde. Wikileaks-Ikone Julian Assange ist für den "Rolling Stone" der Rockstar des Jahres 2010

Bello e impossibile, schön und unmöglich, so war er, der Macho, den die italienische Rockerin Gianna Nannini mit kratziger Stimme besungen hat. Nannini ist jetzt 54 Jahre und gerade zum ersten Mal Mutter geworden. Ihr Song war womöglich nicht nur für den Macho, den sie gleichzeitig anhimmelte und verfluchte, sondern auch eine Hommage an den Rockstar. Den Mann mit der Gitarre, den wahren Rocker, der sich in Lederjacke an seiner Fender vergeht, der Männer, Frauen, Koks und Heroin liebt, vor allem aber den Beat, der direkt aus dem Leben kam, das so wild war wie die Riffs. Janis Joplin, Brian Jones, Jim Morrisson, Jimi Hendrix – die Götter verbrannten nicht nur ihre Instrumente, sondern auch sich selbst. Wer diese Zeiten aber überlebte, der wurde irgendwann Prediger (Little Richard), oder fett (Elvis).

Der Rockstar von heute ist kein Musiker mehr. Sondern er lässt sich geheime Daten zuspielen und veröffentlicht sie im Netz. Wie Julian Assange. In der aktuellen italienischen Ausgabe des Magazins Rolling Stone wurde der Wikileaks-Gründer zum "Rockstar des Jahres 2010" gewählt. Assange sei eine "Ikone", er sei mit seiner Enthüllungsplattform der „Terminator-Engel für jedes verborgene Geheimnis der Macht". Der Terminator-Engel? Der Schwarzenegger der digitalen Welt, ein Bodybuilder mit Flügeln?

Cyberarm statt Tattoos

So sieht er gar nicht aus. Auf dem Foto, das der Rolling Stone Italia auf seine Webseite gestellt hat, sitzt ein eher schmächtiger Assange nur mit weißem Tuch bekleidet und guckt frontal, der Blick ist blass, seltsam entrückt, fies, lüstern, auch hilflos. Ein bisschen Houellebecq, ein bisschen Warhol. So sieht doch kein Rocker aus. Sein rechter Arm trägt kein Tattoo, sondern sieht aus wie ein ins Bild montierter Cyberarm. Ach ja, er ist ja „der Mann, der aus dem Netz auf die Erde fiel“. Rockstars fallen neuerdings also vom Himmel. Früher wanderten sie direkt in die Hölle der Schwiegermütter.

Bei kaum einer anderen Gottheit liegt Gut und Böse, Licht und Finsternis, so nah beieinander.

Rockstars sind Borderliner, und sie werden gesucht. Julian Assange war nach den Wikileaks-Enthüllungen nicht nur Amerikas Staatsfeind Nummer 1, sondern er ist auch das Angriffsziel zweier schwedischer Frauen, die ihn der Vergewaltigung beschuldigen. Er sitzt wegen dieser Vorwürfe gerade in britischer Untersuchungshaft.

Wenn es in Italien mit rechten Dingen zuginge, wäre auch sein Vorgänger längst dort gelandet. Also der, der im Jahr zuvor laut Rolling Stone „am besten den Geist des Rock'n'Roll verkörpert“ hat: Silvio Berlusconi. Si!

Man denkt bei dem 73-jährigen Womanizer zwar eher an den Walzerkönig André Rieu als an Heavy-Metal-Frontmann Lemmy von Motörhead, aber Machos sind sie wohl alle. Und Berlusconi ist ein Casanova der alten Schule, ein Signore mit Vorliebe für junge Frauen, einer der (das ist dann doch Sex, Drugs Rock'n'Roll) mit halbnackten Lolitas "Bunga-Bunga"-Partys feiert, also Feste, bei denen der Sex zum Ursprung zurück findet. Den Rolling Stone hat der Cavaliere mit diesem „extravaganten Lebensstil, der den größten Rockstars würdig“ sei, jedenfalls überzeugt. „Rod Stewart, Brian Jones, Keith Richards sind im Vergleich zu ihm nur Dreck“, hieß es. Sollte sich die Zeitschrift nicht schnellstens umbenennen?

Ein Rockstar braucht Feinde

Die Rolling Stones haben (mit Ausnahme von Ron Wood) einfach nur irgendwann angefangen, sich am Leben zu halten, Wasser statt Whisky zu trinken, makrobiotisches Gebäck statt Haschischkekse zu speisen. Wahre Rockstars müssen kein dirty red bandana mehr tragen wie einst Bobby McGee, aber sie müssen in den Olymp steigen, taumeln, fallen und auferstehen. Es ist diese Fallhöhe, die den Rocker ausmacht, eine latente Gefahr, und seine Symbiose aus charmanter Männlichkeit und einem Hang zu Gewalt. Diese Mischung macht auch Terroristen wie Carlos oder Mesrine für Frauen anziehend. Das Leben rocken, indem man es auf der Klinge springen lässt. Wer diesen Mut hat, oder Ideale oder Rückgrat, der muss keine Tempi, einfache Akkorde oder Gitarrenläufe beherrschen. Er muss sich treu bleiben – und ein bisschen dem jungen Bowie ähneln, so wie Assange – zumindest erkennt der Rolling Stone in ihm ein Abbild des androgynen Sängers, der 1976 im Film The man who fell to earth auftrat. "Unglaublich". Der Vergleich zum Rockstar ursprünglicher Prägung darf dann doch nicht fehlen.

Vor allem braucht ein Rockstar Feinde. Er muss den mächtigsten Männern der Welt Ärger machen, so wie es in den 60er, 70er- Jahren John Lennon schaffte, der in der Nixon-Ära wegen seiner Anti-Vietnam-Proteste zeitweise sogar vom FBI beobachtet wurde.

So gesehen ist Assange, der Cowboy aus dem Cyberspace, sein legitimer Erbe. Ein Che Guevara des Netzes, er würde sich auch für T-Shirts eignen oder als Material für den Künstler Andy Warhol, jetzt, wo Mao verbraucht ist. So vermischt sich im italienischen Magazin Rock mit Popart, also mit Mainstream. Heute können auch Fußballer rocken, ein bisschen wenigstens, die meisten zählen ja doch nur ihre Millionen. Oli Kahn hat es mal gewagt, sich dem Vorhersehbaren zu entziehen, in Sachen Wut oder irre Wendungen der Liebe hat er die Political Correctness einfach mal vergessen.

Ist Konstantin Neven Dumont der nächste Rocker?

Auch Schriftsteller eignen sich neuerdings für Figuren, die das hoch kommerzialisierte Musikbusiness nicht mehr hervorbringen kann, weil es dort alles schon gab. Weil unsere Eltern dieselben Gitarristen lieben wie wir, und meist sind es Kopien. Oasis statt Beatles? Dann doch lieber der schöne, ernste Autor mit seinen ambivalenten Verbindungen in die Unterwelt. 2008 wurde der Italiener Roberto Saviano, der Autor des Mafia-Bestsellers Gomorrah, zum Rockstar des Jahres gewählt. Er lebt undercover, umgeben von Bodyguards, er wechselt Orte, Namen und Identitäten. Moment mal. Sollte etwa Konstantin Neven DuMont der nächste Space Cowboy werden? Das Netz hat er gerockt, und Feinde hat er auch schon. Sie lauern in der eigenen Familie.

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16:30 14.12.2010
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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