"Es darf nicht nur um Spaß gehen"

Betriebsrundgang Dussmanns Kultur-Kindergarten: Ein Dienstleister entdeckt nach Kulturindustrie, Gebäudereinigung, Catering, Sicherheitsdienst und Seniorenheimen den Kita-Markt

Auf dem Weg von der U-Bahn zum Unfallkrankenhaus Berlin kann man sich leicht verlaufen. Es geht einen Feldweg entlang, an Wiesen vorbei, an einer Laupenpieperanlage. Dann gelangt man auf das weitläufige Klinik-Areal in Marzahn, im Osten der Stadt. Haus 50 ist ein Backsteingebäude wie die anderen. Drin hängen Kinderzeichnungen an den Wänden, im Regal stehen Bücher, die englische und deutsche Namen tragen. „Eine Spende von Frau Dussmann“ ist auf einen Zettel gedruckt. Kurz nach neun, Zeit für den Morgenkreis. Die Kinder hocken auf Sitzkissen und entscheiden, was sie heute machen wollen: Mit Shannon ins Atelier? In den Konstruktionsraum? Willkommen beim KulturKindergarten von Dussmann.

Dussmann ist eines der weltweit größten Dienstleistungsunternehmen und bietet neben Gebäudereinigungen, Catering und Sicherheitsdiensten auch Altenheime an. In Berlin-Mitte steht das Kulturkaufhaus Dussmann – und nun expandiert man weiter, Service und Kultur auch für Kinder.

Im ersten Stock steht ein roter Sessel im Flur, der Geburtstagsthron. Wer Geburtstag hat, darf sich daraufsetzen, die anderen singen dann Happy Birthday. Auch den Thron hat Frau Dussmann gespendet. Die Gruppenräume sind nach Themen geordnet: Es gibt einen fürs Basteln, Tonarbeiten, Kreativität. Eine Gitarre liegt herum, zwei Erzieherinnen lesen aus dem Buch Tiere der Welt und fragen: Wer wohnt in Afrika? „Krokodile“ rufen die 2- bis 3-Jährigen. In Australien? „Koalabären.“

„Angstfrei auf Toilette gehen“

Im Schlafraum daneben sind Holzliegen aneinandergereiht, die Wände sind himmelblau und voller Wolken. Catherine von Fürstenberg-Dussmann hat selbst das „Farbkonzept“ entworfen, betont Kita-Leiterin Sabine Door. Die Kinder können auf der Matratze, im Körbchen oder im Bett schlafen. Einen Raum weiter bohrt ein Mädchen mit Plastikwerkzeug wieder und wieder in einen Pappkarton. Als die anderen ran wollen, haut und schimpft sie. „So geht das nicht“, erklärt die Erzieherin sanft und dreht den Karton um. Hier wird Gruppenverhalten geübt. Ein Junge steht vor einem Keyboard, wippt mit den Hüften. Die Rockstar-Attitüde beherrscht er schon.

Weiter ins „Wellnessbad“, es ist hellblau gefließt, die Waschbecken sind verschieden hoch, es gibt ein Aquarium und eine „Regenwalddusche“ mit Planschbecken. Auch die Toiletten haben verschiedene Größen, die Kinder sollen „angstfrei lernen, zur Toilette zu gehen“, erklärt Door.

Der Raum für Naturwissenschaft und Technik ist ausgestattet mit Experimentiertisch, Magnetwand, Weltkarte. Ein Holzklettergerüst wurde extra vom Tischler eingebaut. „Das fördert den Gleichgewichtssinn, und der beeinflusst die Sprachbildung“, erklärt Sabine Door. Alle Möbel stammen vom hochwertigen Kindergartenausstatter Kameleon, auch die Garderobe, und die Theaterbühne wurde von Tischlern gebaut. Kulturelle Bildung soll „spielerisch“ erlernt werden. Das pädagogische Konzept fußt auf dem „Situationsansatz“: Jeder soll nach seinen Fähigkeiten, der familiären Situation und seiner Entwicklung gefördert werden. Und zweisprachig aufwachsen. In der Kita arbeiten Muttersprachler aus den USA und Kanada, es gibt eine deutsche und eine englische Erzieherin in jeder Gruppe.

Shannon Callahan ist eine von ihnen. Sie stammt aus San Francisco und trat 20 Jahre lang als Sängerin in Opern und Musicals wie Cats auf, sie tourte mit Chris Norman und Smokie. Vor drei Jahren hat sie ihren Master als Lehrerin gemacht. Kultur sei auf ihrer eigenen Highschool die Brücke zwischen verschiedenen sozialen Milieus gewesen, sagt Shannon, das wolle sie weitergeben. „Wir lernen alle unterschiedlich, und jeder ist wertvoll“, erklärt Callahan. Es gebe keine Regeln. Klingt nach American Way: Sag den Kindern, dass sie besonders sind. Was immer sie tun? „Ein Baum aus Metall ist in Ordnung, aber wenn sie ein Auto malen und sagen, das ist ein Baum, dann müssen wir diskutieren.“

Im Juni vergangenen Jahres hat die Kita in Marzahn eröffnet, als Pilotprojekt. Von den 80 Plätzen sind jetzt 66 besetzt: Die Hälfte der Eltern stammt aus dem Wohnumfeld, die anderen aus dem Krankenhaus, das an dem Projekt von Dussmann beteiligt ist. Die Idee ist, Kitas an den Betrieb anzugliedern. Bundesweit soll bald eine Kette von Betriebskindergärten entstehen.

Ein cleveres Unterfangen: Ab 2013 gilt ein Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, auch für Kinder unter drei Jahren. Der Staat hat zu wenig davon und braucht solche halbprivaten Initiativen. Für die Unternehmen ist die Logistik optimal, so verschafft sich Dussmann Kunden und ein gutes Image.

55-Stunden-Woche

Die Gebühren sind dieselben wie bei den staatlich geförderten Kitas. Dussmann kümmert sich ums Catering, das Essen wird mittags aus dem Krankenhaus in die Kita geliefert. Frühstück und Abendbrot werden selbst gemacht.

Thomas Armoneit ist Anästhesiepfleger im Unfallkrankenhaus, er arbeitet 50 bis 55 Stunden die Woche. Seine Kinder, zwei und viereinhalb Jahre alt, waren die ersten in der Kita, er braucht acht Minuten von der Arbeitsstelle. Die Kita in Marzahn ist von 6 bis 21 Uhr geöffnet, am Wochenende bis 18 Uhr. Armoneit hat jetzt sonntags Zeit. „Ich bin in der DDR aufgewachsen, Vollzeitbeschäftigung für beide Elternteile war ganz normal.“

Armoneit selbst hat nie Englisch gelernt, für seine Kinder ist das Englischsprechen Alltag. Er sucht nun schon eine Grundschule mit Englisch ab der 1. Klasse. Für seine Kinder wünsche er sich vor allem, dass sie später „finanziell ein unabhängiges Leben führen können“, sagt Armoneit. „Da darf es in der Ausbildung natürlich nicht nur um Spaß gehen, sondern auch Bildungsgrundlagen.“ Möglichst früh.

Schon vor der Geburt werden Kita-Plätze gesucht, dann zügig die passende Schule. Die Kita ist nicht nur bei Dussmann kein zweckfreier Raum mehr, sondern der erste Schritt auf einem gesellschaftlichen Weg, der Lei­stung fordert. Nur für die Kinder ist das alles noch ein Spiel.

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