„Es gab bei uns was Unergründliches“

Porträt Gerhard Wolf war mehr als der Mann seiner berühmten Frau Christa: wagemutiger Verleger, Lektor und Kunstbegeisterter
„Es gab bei uns was Unergründliches“
Gerhard Wolf hielt sich im Hintergrund, aber er war Lektor seiner Frau Christa, half kritischen Dichtern und randständigen Künstlern

Foto: Stephan Pramme für der Freitag

Auf dem Weg zu ihm muss man erst mal an der Maske der Medea vorbei. Die sandfarbene Skulptur und eine Gedenktafel, die auf der Wiese vor dem Haus platziert wurden, sollen an Christa Wolf und ihre Werke erinnern, die sie am Amalienpark in Berlin-Pankow geschrieben hat, wo sie zusammen lebten.

Gerhard Wolf öffnet die Tür, weißes, dünnes Haar, Hemd, Wollpullover, Lesebrille um den Hals. Er bedankt sich für den mitgebrachten Rotwein, der sei gut für den Rehrücken nach Fontane-Art, den müsse man eine Nacht lang mit Gewürzen und Wein einlegen. „Tee oder Kaffee?“ Die kleine Küche geht von dem langen Flur ab. An dessen Wänden hängen Grafiken und Porträts, eines zeigt Thomas Brasch.

Wolf führt durchs Wohnzimmer auf die Veranda. Auf dem Tisch stehen Teller mit Zwiebelmuster, Lebkuchen und Kirschtorte. Die Fensterbänke sind mit Grünpflanzen vollgestellt. Wolf reibt an einem Blatt, „duftet nach Zitronenmelisse“, sagt er. Dann plaudert er von dem Fest zu seinem 90. Geburtstag. Er hatte einen Saal gemietet, 130 Leute kamen, lebenslange Begleiter, Maler, Schriftsteller, Freunde aus aller Welt.

Reise nach Rom

„Unser Freundeskreis war sehr durch das Werk von Christa bestimmt, das überall übersetzt wurde“, sagt Wolf und tut uns Kuchen auf. „Mit manchen waren wir sehr eng befreundet, etwa mit Anita Raja, die ihre Bücher ins Italienische übersetzt hat. In Frankreich war es Alain Lance mit seiner Frau, den wir schon in den 70er Jahren in Paris kennenlernten. Er hat uns mit Meeresfrüchten beköstigt.“

Als sie Anita Raja (viele halten sie für die Autorin hinter dem Pseudonym Elena Ferrante) in den 70ern das erste Mal in Rom besucht haben, da fuhren die Verleger vom Verlag Edizioni e/o noch mit den Bücherstapeln hinten im Kofferraum zu den Lesungen, erzählt Wolf. Er und Christa konnten reisen, wenn die Bücher im Westen erschienen, sie machten Bekanntschaften wie etwa im linken Club Voltaire in Frankfurt am Main. „Christa wollte auch Leute kennenlernen, die mich überhaupt nicht interessierten, nach vielen Richtungen hin.“ Verewigt hat sie eine der ersten Freundinnen aus ihrer Schulzeit. „Die Christa T. aus ihrer gleichnamigen Erzählung, das war ja eine reale Figur.“

Während des Studiums kam die erste Tochter. Da sie beide keine Arbeiterkinder waren, bekamen sie kein Stipendium und einer musste Geld verdienen. Da hat Gerhard Wolf sein Studium abgebrochen und ging zum Rundfunk. Welcher Mann machte das damals schon? Sie sind dann später nach Leipzig gezogen, dort schloss Wolf Freundschaft mit Georg Maurer, dem Professor am Literaturinstitut, der die Dichter der Sächsischen Dichterschule inspiriert hat – Lyriker wie Volker Braun, Sarah und Rainer Kirsch oder Karl Mickel. Er konnte später mit ihnen eine eigene Lyrikreihe beim Mitteldeutschen Verlag aufbauen.

„Man hatte zu Autoren nicht nur ein dienstliches Verhältnis, sondern ein engeres. Man musste für sie kämpfen und ihre kritischen Verse durchsetzen. Das habe ich immer versucht.“

Gewährsmann bei Günter Gaus

In der Interviewreihe Zur Person hat Günter Gaus nur Menschen getroffen, die seiner Ansicht nach prägenden Einfluss auf die Gesellschaft hatten. Außer Christa und Gerhard Wolf war nie ein Paar wichtig genug, um sie beide zu interviewen. 2003 saß Gerhard Wolf im Fernsehstudio.

Gaus fragte Wolf nach dem Klima zwischen Ost und West, danach, worin er die Gründe für offensichtlich nachhaltige westdeutsche Arroganz gegenüber den Ostdeutschen sähe. „Ich kann’s nicht für die Westdeutschen beantworten“, antwortete Wolf trocken. „Uns betrifft das nicht.“

Am 16. Oktober 1928 in Thüringen geboren, wurde er noch zum Zweiten Weltkrieg eingezogen, kam kurz in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde dann bald als Neulehrer eingesetzt. Während des Studiums der Germanistik und Geschichte in Jena lernt er Christa Ihlenfeld kennen, 1951 heiraten sie. Als Hommage an die allseits geschätzten Kochkünste ihres Mannes widmete ihm Christa Wolf 2003 den illustrierten Text Herr Wolf erwartet Gäste und bereitet für sie ein Essen vor (Janus Press). 2018 erschien Nun schauen mich immer mindestens vier Augen an, der Briefwechsel zwischen Carlfriedrich Claus und den Wolfs von 1971 bis zu Claus’ Tod 1998 (Chemnitzer Verlag). Der Dramatiker Volker Braun nannte seinen Freund Gerhard Wolf zum 90. Geburtstag einen „Gewährsmann, den man in der Jugend gewinnt und der durch die Jahre ein ernsthafter Ratgeber bleibt.“

2013 veröffentlichte die Journalistin Jana Simon
Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern (Ullstein).
Die gemeinsame Bibliothek hat Gerhard Wolf der Humboldt-Universität Berlin geschenkt

Als Sohn eines Buchhalters kam Wolf 1928 in Bad Frankenhausen zur Welt, wurde nach dem Krieg als Neulehrer eingesetzt, studierte dann in Jena Germanistik und beschäftigte sich seither mit Literatur. 1951, als das Staatliche Rundfunkkomitee gegründet wurde, musste er nach Berlin, konnte nur übers Wochenende nach Leipzig. „Christa wartete dann schon.“ Sie bekamen eine Wohnung in einer Villa zugewiesen, teilten Küche und Bad mit anderen. „Damals war ja Säuglingspflege kompliziert. Man musste in einer Küche mit andere Leuten zusammen Windeln kochen und es gab keine Babynahrung. Das waren die ersten Jahre nach dem Krieg.“ Er habe damals 300 Mark verdient. Sie konnten für wenig Geld eine Wirtschaftshilfe engagieren, hatten immer eine Betreuerin, die sich um die Tochter gekümmert hat und was im Haushalt machte. Viele Schriftstellerinnen haben ja keine Kinder, sagt Wolf. „Aber Christa war gleichzeitig eine tolle Schreiberin und sie wollte auch unbedingt Familie haben.“

Er sei ja schon immer ein großer Verehrer von Rilke, sagt Wolf. Beim Leipziger Rundfunk sendete er in den 1950er Jahren mal ein Gedicht von ihm. Der Zensor Heinz Höger sagte: „Ach nee, das ist spätbürgerlicher Kram, das muss bei uns nicht sein, aber wenn ich mich abends erholen will, lese ich natürlich auch Rilke.“ Das wurde einem höheren Funktionär mitgeteilt und der sagte: „Wenn er das liest, macht er das, um sich weiterzubilden, oder hat er Genuss dabei?“ Fast lächerlich, aber gleichzeitig hatten sie eine große Achtung vor solchen Männern. Es waren die alten Widerstandskämpfer. „Die hatten im KZ gesessen, manche waren als Antifaschisten in der Emigration. Und weil unsere Eltern – so wie mein Vater – kleine Mitläufer waren, suchten wir in ihnen nach den richtigen Vätern. Aber unter ihnen gab es auch sehr gebrochene Gestalten, wie sich später zeigte.“

Wolf steht auf, geht in sein Arbeitszimmer. Auf dem Tisch steht die elektronische Schreibmaschine, auf der er früher geschrieben hat, Blätter mit Briefen und Zeichnungen zum Geburtstag liegen da, mehrere Rilke-Bände. An ein Regal ist ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto einer jungen Frau genagelt. „Da ist meine Mutter“, sagt Wolf. „Sie ist gestorben, als ich zehn war. Ich wusste nur, dass sie eine selbstbewusste, gute Frau war. Aber wer sie wirklich war, was sie interessierte oder was sie liebte, das weiß ich nicht. Ich habe meinen Vater gefragt, aber er konnte nicht über sie reden.“

Als Christa Wolf 1953 mit dem Studium fertig war, konnte er in Berlin zu Ende studieren. Wichtig war die Freundschaft mit Frieder und Änne Schlotterbeck, alten Genossen. „Er war Kommunist und hatte im Lager gesessen. Seine ganze Familie war ausgerottet worden, Vater, Mutter, Braut. Nach 1945 sind sie in die DDR gekommen. Und dort wurden sie im Zusammenhang mit westlichen Verbindungen ins Gefängnis gebracht. „Sie konnten uns all die Widersprüche der Kommunistischen Partei erzählen, das war eine Offenbarung.“

Eine der wichtigsten Lebensfreundschaften war die zu Franci Faktorová in Prag. Sie hatte mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Auschwitz überlebt. Ihr Sohn Jan Faktor, der Schriftsteller, ist jetzt mit Wolfs Tochter Annette Simon verheiratet.

„Ich muss den Menschen wegen seiner Haltung schätzen, auch seiner gesellschaftlichen“, sagt Wolf, das mache Freundschaft aus. „Bei mir war das sehr oft mit Arbeitsbeziehungen verbunden.“ Er hat nach vielen Kämpfen als Lektor eine eigene Buchreihe durchgesetzt, förderte Autoren, an die er glaubte. Er fühlte sich in Dichterseelen hinein und schrieb über sie, Johannes Bobrowski oder Hölderlin. In den 60er Jahren traf er während einer Reise in die Sowjetunion den bedeutenden Dissidenten Lew Kopelew, der begeistert gewesen sei von einer Figur wie Bobrowski.

Der verkannte Malerfreund

In der Mitte des Arbeitsraums steht auf einem Stativ eine Grafik von Carlfriedrich Claus. „Mein Malerfreund“, sagt Wolf leise. „Unsere gemeinsame Beziehung zur Malerei, die kam über mich. Schon 1995 veranstaltete ich eine große Ausstellung: Unsere Freunde, die Maler. Viele, etwa Nuria Quevedo, wurden bei ihren Bildern durch Texte von Christa Wolf angeregt. Nach der Wende kam die Freundschaft zu Günther Uecker hinzu.

Carlfriedrich Claus, der Avantgardist, war in der DDR ein Verkannter. „Er lebte sehr zurückgezogen, nur von starken Zigaretten, von schwarzem Kaffee, von Milch und Haferflocken. Die Vorhänge waren immer zugezogen, in der spartanischen Wohnung wurde nie sauber gemacht. Er war in der DDR als asozial abgestempelt“, erzählt Gerhard Wolf. Er selbst fand ihn einmalig, als er ihn früh kennenlernte, war begeistert von seinen Sprachblättern, einer Mischung aus Grafik und Literatur. Die Wolfs förderten ihn. „Claus ging immer vom Menschen aus. Er hatte Schwierigkeiten, weil er ein richtiger Kommunist war, er entwickelte seine Utopie von Paracelsus, Thomas Müntzer und Ernst Bloch her. Das war verschrien.“ Sein Hauptwerk, Sprachblätter auf Transparenzpapier, das von beiden Seiten beschrieben war, trug er immer in einer Aktentasche bei sich. „Er wollte nichts verkaufen, er wollte verstanden werden, sich erklären. Und ich wollte ihn verstehen. Wollte wissen: Warum macht der so was?“ Sie haben ihm manchmal Geld gegeben oder Bücher. Aber er sei nie auf die Idee gekommen, die Werke zu sammeln. Es war eine Freundschaft. Ein Wechselverhältnis.Sie hatten beides, zu ihren Freundschaften gehörte das Weltläufige wie die am Rand stehenden Außenseiter.

Claus und die Wolfs schrieben sich über die Jahre etwa 1.000 Briefe. Man müsste daraus ein Buch machen, davon träumte Gerhard Wolf. Vergangenes Jahr, zu seinem 90. Geburtstag, wurde der Traum wahr. Das Buch Nun schauen mich immer mindestens vier Augen an ist erschienen, 224 Spender halfen mit. Als Tochter Tinka Wolf es an einem Dezemberabend in der Galerie am Amalienpark vorstellt, sitzt er mit starken Rückenschmerzen daheim.

Nach dem Mauerfall sind manche Freundschaften zerbrochen, andere Freunde kamen hinzu. Günter Grass zum Beispiel. Er teilte die Kritik an der Wiedervereinigung. Er schrieb mal, er konnte erst nicht richtig umgehen mit Wolfs „leiser Art, sich im Hintergrund zu halten und bei Besuchen allenfalls als Koch zu dominieren“. Später lernte er dessen Eigensinn sehr zu schätzen. Auch wenn andere Freunde von ihm erzählen, wird Wolfs Kunst des „beredten Schweigens“ hervorgehoben, der unauffällige, beiläufige, erstaunliche Mann. Ein Mann der stillen Gesten.

Nach der Wende wurde er mit 61 Jahren Verleger von Janus Press, der Verlag bestand aus drei Leuten. Er hat in zehn Jahren mehr als 60 Bücher und einige große Grafikmappen veröffentlicht. Keine Bestseller. „Ich wollte die Bücher machen, die ich in der DDR nicht machen konnte und die mir jetzt wichtig und wesentlich erschienen.“ Es ging, weil Christa Wolfs Bücher sich so gut verkauften. Wie kam er damit klar, dass seine Frau berühmter war, dass er in der öffentlichen Wahrnehmung in ihrem Schatten stand? Sie hatten beide gleich angefangen. „Ach, nein, bitte kommen Sie mir jetzt nicht mit dieser Frage“, sagt Wolf ein bisschen unwirsch. Er habe doch eigene Sachen geschaffen. Und er sei mit ihrem Werk als Hauptlektor natürlich von Anfang an verbunden gewesen. „Ich wusste immer genau, was sie schreibt. Manchmal habe ich heimlich reingeguckt und gesagt: Jetzt läuft’s. Da war sie zufrieden und konnte weiterarbeiten.“

Diese große Nähe zwischen ihnen hat Christa Wolf einmal Symbiose genannt. „Ja, so war das. Wir waren 60 Jahre verheiratet“, sagt Wolf. „Wir haben uns gar nicht so sehr über Literatur unterhalten, sondern über das, was sie macht, was sie schrieb. Wir haben zusammen gelebt, und das Leben war bei ihr ja Schreiben.“ Gab es auch etwas, das man nicht über den anderen wusste? „Sicher war da auch was Unergründliches, hoffentlich, bei uns beiden.“

Wir gehen ins ehemalige Arbeitszimmer von Christa Wolf, am anderen Ende der Wohnung. Es ist kaum verändert, Bücherwand, Schreibtische, Bilder. Er sitzt jetzt manchmal da, schreibt am Computer.

Es sei schwer, alles zu erfassen, was man gemeinsam erlebt und geschaffen hat, sagt Wolf. „Ich bin natürlich besonders durch vieles, was sie geschrieben hat, so direkt mit ihr verbunden, dass sie mir immer gegenwärtig erscheint.“

06:00 22.01.2019
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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