Fön mich in den Schlaf

Ritual Das Geräusch eines Haushaltsgeräts kann Kinder beruhigen – auch wenn es von einer App kommt
Maxi Leinkauf | Ausgabe 50/2015 2
Fön mich in den Schlaf
Kann entgegen der landläufigen Meinung auch beruhigen: ein Fön
Foto: Fotoimedia/Imago

Man muss ein Kind auch mal schreien lassen, das ist gut für die Lungen! Darauf schwören die älteren Frauen in dem italienischen Dorf, aus dem meine Schwiegermutter stammt. Wirft man das einer deutschen Hebamme an den Kopf, schaut die einen entsetzt an, so als habe man sein Baby gerade für immer im sibirischen Winter ausgesetzt.

Meine Eltern erzählten, sie hätten meinen Bruder und mich gelegentlich ein bisschen brüllen lassen, „und nach einer Weile seid ihr eingeschlafen“. Eine Blasphemie in der Wohlfühlgesellschaft. Aber was soll man denn tun, wenn das Baby weint und weint und alle „klassischen“ Methoden, Wiegen, Tragen oder Schieben mit dem Kinderwagen, nicht helfen? Robert C. Hamilton hat die Lösung.

Der Kinderarzt aus Kalifornien, auch Dr. Bob genannt, führt in dem Youtube-Video The Hold seine Methode vor: den richtigen Griff. Er hält das Baby in Bauchlage und kreuzt dessen Arme vor der Brust, er fasst mit der anderen Hand unter den Po und wippt dann das Baby auf und ab. Damit der Kopf nicht wegrutschen kann, hält er es etwa 45 Grad nach vorn geneigt. 30 Jahre Erfahrung hat der Arzt, und trifft den Nerv der Eltern. Sein Video wurde Millionen Mal geklickt. Für Babys bis zu drei Monaten ist das eine gute Technik.

Und wie kann man ein Baby beruhigen, wenn es schon etwas älter ist? Nun, mit monotonen Geräuschen, wie sie ein Fön, ein Staubsauger oder eine Waschmaschine machen. Säuglinge lieben diese Geräte und ihren Lärm, denn ihr Klang erinnert sie an ihre Zeit in der Fruchtblase, sie fühlen sich behütet. Jetzt gibt es die App dazu – und damit ein neues Einschlafritual. Nonomo heißt der Anbieter und er hat sogar das Geräusch einer Dunstabzugshaube im Angebot. Aber sollte ein Kind wirklich von einer Dunstabzugshaube beruhigt werden? Hätte das nicht schreckliche Folgen?

Der Kinderarzt Dr. Torsten Spranger aus Bremen hält den Versuch, Kinder durch monotone Geräusche oder monotone Bewegungen zum Einschlafen zu bringen, für den falschen Ansatz. Es könne im Einzelfall zwar nützlich sein, sollte aber eine Ausnahme bleiben, schreibt er mir. „Wenn die Kinder im Rahmen der Schlafrhythmik nachts mehrfach wach oder fast wach werden, müssen sie auch in der Lage sein, in Ruhe und Entspannung wieder einzuschlafen.“ Auf solche Weise könne das kaum gelingen. „Wenn mein Kind Einschlafen nur lernt, indem ich es auf den rüttelnden Trockner lege, den Staubsauger anmache oder mich ins Auto setze, dann ist die App vielleicht besser. Aber so gelernt, wird es dann nachts in Ruhe auch nicht alleine wieder einschlafen.“

Spranger entwirft ein Szenario für die Zukunft: „Die nächste hässliche Stufe wird sein, dass die App mit monotonen Geräuschen automatisch angeht, sobald das Kind nachts wach wird, damit die Restfamilie vor dem Fernseher sitzen bleiben kann.“ Was das auslösen könnte! Das Kind könnte gestörte Fixierungen entwickeln und das Geschirrspüler-Geräusch für vertrauter als die Stimme seiner Mutter halten. Es könnte seine Sprache verlieren und es könnte einen Staubsauger für die Liebe seines Lebens halten.

Dann vielleicht doch öfter mal die Haare fönen? Und noch mehr putzen? Oder öfter mal einen Espresso kochen. Die neueste Fixierung meines Sohnes: stundenlang die Maschine auf- und zudrehen. Irgendwann wird er müde. Noch trinkt er ja keinen.

06:00 15.12.2015
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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