Frau Heimatlos

Bärbel Bohley Sie war das ­Gesicht der Wende. Aber im vereinten Deutsch­land kam die Bürgerrechtlerin nie an

Bärbel Bohley stand in der Küche ihrer Altbauwohnung in Prenzlauer Berg, kochte Tee und schwärmte vom bosnischen Meer. Die Haare waren unter dem Kopftuch verborgen, ihr Blick war mädchenhaft. Während wir redeten, stand sie auf, nahm eine Packung Zigaretten aus der Schublade und inhalierte tief. „Aber mein Mann und mein Sohn dürfen es nicht wissen“, flüsterte sie und lächelte verschwörerisch. Als wir uns zum Interview trafen, war ihr Krebs schon weit fortgeschritten.

Dann redete sie über Deutschland, das alte und das neue, und sie schwärmte vom Herbst ’89 als der schönsten Zeit ihres Lebens. Im Atelier der freischaffenden Malerin hat sich die DDR-Dissidentenszene getroffen. Bohley selber schloss sich der Friedensbewegung an und forderte öffentlich die Freiheit der Andersdenkenden. Sie kam ins Gefängnis Hohenschönhausen und blieb gerade, trotz der Repressionen, die auch ihren Sohn Anselm trafen. Als Zeit und Volk reif waren, schien er greifbar nahe, ihr Traum von einem reformierten Sozialismus. Er war schnell ausgeträumt.

„Ich hätte den neuen Bedingungen nach der Einheit hinterher rennen können oder still in einer Ecke sitzen und schmollen“, erzählte Bohley. Sie blieb fremd in dem neuen Land, in dem nicht Ost-Revolutionäre, sondern Politprofis aus dem Westen das Ruder übernahmen. Manche Bürgerrechtler strebten eilig nach Posten, aber Bärbel Bohley war keine Frau für Ämter. Sie wollte gestalten, kein Machtmensch werden.

Als Helmut Kohl sie einmal zuhause besucht hat, merkte sie: Der kann zuhören, der interessiert sich für die Person. Sie wurde von den eigenen Leuten angefeindet, weil sie sich mit dem politischen Feind traf. Das rieb sie auf. Bärbel Bohley ging auf den Balkan und fand eine neue Aufgabe. Sie musste Dächer und Geld für Schulen oder Zisternen organisieren, Kriegsopfern den Weg in einen normalen Alltag ermöglichen. Sie verliebte sich und heiratete zum zweiten Mal. Sie sei demütiger geworden in Bosnien, dort habe sich ihr Blick auf die deutschen Verhältnisse verändert. Sie waren nicht mehr das Maß aller Dinge.

2008 erkrankte Bärbel Bohley an Krebs und musste für die Chemotherapie in die Bundesrepublik zurückkehren. Der erste und einzige Politiker, der ihr sofort einen Brief geschrieben hat, war Helmut Kohl. Ausgerechnet. Es hat sie tief bewegt.

Dass sie nun vergangenen Samstag, kurz vor dem 20. Jahrestag der deutschen Vereinigung, gestorben ist, mutet schicksalhaft an. So als hätte jemand sie schützen wollen vor dem Brimborium, das der 3. Oktober wohl auslösen wird. Sie selber hat ihre Rolle lieber heruntergespielt: „Ich tat das, was ich wollte. Widerstand? Da wächst man so hinein. Das sind viele kleine Schritte“, sagte sie. Aber dass sie die so unbeirrt gegangen ist, hat etwas Heldenhaftes. Dabei wollte sie nie eine Jeanne d’ Arc sein. Nur frei.

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Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin „Kultur“

Maxi Leinkauf studierte Politikwissenschaften in Berlin und Paris. Sie absolvierte ein Volontariat beim Tagesspiegel. Anschließend schrieb sie als freie Autorin u.a. für Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und Das Magazin. 2010 kam sie als Redakteurin zum Freitag und war dort im Gesellschaftsressort Alltag tätig. Sie hat dort regelmäßig Persönlichkeiten aus Kultur und Zeitgeschichte interviewt und porträtiert. Seit 2020 ist sie Redakteurin in der Kultur. Sie beschäftigt sich mit ostdeutschen Biografien sowie mit italienischer Kultur und Gesellschaft.

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