Gerade so gut gegangen

Einwandern Drei iranische Aufsteiger wollen keine „Vorzeige-Migranten“ sein – durch ihr Buch aber werden sie es nun umso mehr
Gerade so gut gegangen
Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam

Foto: Presse

Wann hat er sich das letzte Mal fremd gefühlt? „Jetzt gerade, in diesem Moment“, er sei nervös, sagt Mojtaba Sadinam und lacht. Er schaut auf das Buch, das vor ihm auf dem Tisch in einem Berliner Café liegt und dann zu seinen Brüdern Milad und Masoud Sadinam, die in T-Shirts und Jeans neben ihm sitzen. Sie sollen hier aus ihrem Werk lesen, an diesem Abend feiert Unerwünscht (Bloomsbury Berlin) seine Premiere. Die drei Brüder erzählen darin ihre deutsche Geschichte. Es ist die Geschichte einer Odyssee, einer langen Reise, die Mitte der neunziger Jahre in Teheran begonnen hat.

Im Publikum sitzen etwa 60 Leute, meist Deutsche, womöglich erwarten sie provokante Thesen. Sind ja Migranten, die Sadinam-Brüder. Die aber wollen lieber von sich erzählen und von dem neuen Leben, in dem sie sich oft missverstanden fühlen. Wenn sie beispielsweise herhalten sollen für ein Märchen, das mit ihnen, wie sie sagen, wenig zu tun habe: das Märchen vom Flüchtling, der zum Elitestudenten wurde.

Mit ihrer Mutter, einer Regimekritikerin, die aufgeflogen war, sind die Brüder 1996 nach Deutschland geflüchtet. Sie hatten sich in einem Haus bei Freunden, in dem sie bis zur Abreise untergebracht waren, noch auf Tschar-tscharche, ein Seifenkistenrennen, gefreut. Nachts kam der Schlepper, der sie zum Flughafen brachte. Erste Station: ein Auffanglager in Münster. Es folgten lange Jahre in der Warteschleife des Asyl-Verfahrens.

Die Brüder schliefen zu dritt in einem Zimmer, in der Schule trugen sie gebrauchten Klamotten. „Ich habe mich oft geschämt, jemanden mit nach Hause zu bringen“, sagt Mojtaba Sadinam. Der intime Kontakt zu jemandem war lange unmöglich, das habe ihn in der Pubertät geprägt, erzählt Masoud Sadinam mit sanfter Stimme. Junge Frauen im Publikum lachen.

Das Ticket Bildung

Wenn ihre Mitschüler am Wochenende nach Osnabrück ins Kino wollten, beschränkte die Sadinams als Asylbewerber ihre Residenzpflicht. Stattdessen büffelten sie, die Mutter zahlte für jede deutsche Vokabel fünf Pfennig. Bildung, glaubte sie, sei das Ticket in die deutsche Gesellschaft. Sie selbst kämpfte für ihre Ausbildung als Krankenschwester. Dass sie die als Asylsuchende bekam, war ein kleines Wunder.

Nach und nach fand die Familie deutsche Freunde, die Jungs gründeten eine Band. Der Iran verschwand immer mehr.

Milad Sadinam, Mitte zwanzig, hatte sich in die Welt der Computerspiele vergraben, saß mit einem Freund stundenlang vor dem Rechner. „Da habe ich meinen Platz gefunden.“ Als dann plötzlich der Vater vor seinen Söhnen stand, konnten sie wenig mit ihm anfangen. Er verkörperte eine Welt, die nicht mehr die ihre war. Das Warten, die Jahre am Rand in Deutschland, das hatte sie verändert. „Wir mussten früh erwachsen werden“, sagt Masoud Sadinam. Die Brüder kamen schließlich alle auf ein Gymnasium in Lengerich, nahe Osnabrück. Ihr Abitur bestanden sie mit Eins.

Dann der Schock: 2005 wird ihr Asylantrag abgelehnt. Die Familie soll Deutschland möglichst schnell verlassen. In ihrem Buch erzählen die Brüder von der „Zermürbungstaktik der Behörden“. Ausgerechnet wegen des fremd gewordenen Vaters – gerade erst angekommen, wird sein Antrag bewilligt – gewährt man schließlich auch den Söhnen Asyl. Dabei war doch die Mutter die Heldin. „Eine versteckte Heldin“, erklärt Milad Sadinam. Als das neue Zuwanderungsgesetz in Kraft tritt, wird auch ihr die Aufenthaltserlaubnis erteilt. Sie dürfen alle bleiben – aber nicht, weil sie etwas dafür getan hätten. Man wollte sie abschieben, trotz Gymnasium und obwohl sie längst Teil der Gesellschaft waren. Doch der Wunsch „durchzustarten“ öffnete ihnen das Tor in die Welt der Elite.

Mojtaba Sadinam schafft es als Stipendiat an eine private Wirtschaftshochschule in Vallendar. War er stolz? Er zögert. „Nein, aber frei“, sagt er. Dass man in ihm den Vorzeige-Migranten sieht, schreckt ihn bald ab. „Wir haben alle dasselbe geleistet, aber: Ich war integriert, die Deutschen dagegen: erfolgreich.“ So sollten Menschen sein? „Ich habe mich nicht glücklich gefühlt in dieser Elite, es ging immer nur um Arbeit, Konkurrenz und ökonomischen Erfolg“, sagt Mojtaba Sadinam. Er will auch kein Vorbild sein. Helden feiert man, weil sie Ausnahmen sind. Sind die drei das etwa nicht?

„Absurde Integrationsdebatte“

Wenn man nur auf ihre private Geschichte schaut, würde das nichts an den gesellschaftlichen Umständen ändern, sagt Masoud Sadinam. Im Grunde müsste die „absurde Integrationsdebatte“ eine über die gesamte Gesellschaft sein. „Wohinein soll man sich denn eigentlich integrieren?“ Langes Klatschen im Publikum. Mojtaba Sadinam nimmt das Mikro: Es gebe ja nicht „die Deutschen“, es gehe darum, wie Menschen leben.

Sie wollen keine „neuen Deutschen“ sein, so wie sich drei Zeit-Autorinnen mit ausländischen Wurzeln in einem gerade erschienenen Buch beschreiben. Und dennoch sind die Sadinams nun Teil einer Debatte, deren Richtung sie nicht steuern können. „Habt ihr mal überlegt, in die Politik zu gehen?“, ruft eine Zuhörerin bei der Lesung. Die Brüder schütteln den Kopf. Natürlich sei das Buch auch politische Arbeit, „doch den Parteien mit ihren Hierarchien trauen wir nicht wirklich“. Eine andere Frau, die aus Deutschland stammt und deren Eltern aus Vietnam kommen, schimpft: Sie wolle sich nicht ständig neu erklären müssen. „Ich gehöre zu dieser Gesellschaft. Was soll ich denn noch machen?“, fragt sie.

Später, nach der Lesung, spielt jemand Milad Sadinam, der Violine gelernt hat, auf dem Handy ein berühmtes persisches Lied vor. Er kennt es nicht. Dann erzählt er von dem Innenhof, auf dem sie früher Seifenkistenrennen gefahren sind. Ob er manchmal Sehnsucht nach Teheran habe? Ja, sagt er. Aber er wäre dort jetzt ein Fremder.

13:11 11.10.2012
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
Schreiber 0 Leser 27
Maxi Leinkauf

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