Gewagte Argumente

Guerilla-Erotik In Paris haben ukrainische Feministinnen nackt vor dem Haus von Dominique Strauss-Kahn demonstriert. Sie wollen den Sexismus bekämpfen - und bleiben selbst in ihm verhaftet

Während die großen französischen Zeitungen täglich pikantere Details über die angeblichen Verstrickungen des Ex-IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn in einen Prostituiertenring enthüllen, hockt der in seinem Pariser Stadthaus am Place des Vosges und harrt der Dinge, die da auf ihn zurollen.

Aber einfach mal in Ruhe vor die Tür gehen? Impossible.

Am gestrigen Montag wäre er da drei Damen begegnet, die (fast) bekleidet im New Yorker Zimmermädchen -Look den Boden vor der Tür wischen, später hämmerten sie auf selbige ein. Alle blond, alle sexy. Sie zeigten ihren Arsch und nackte Brüste, als sie dann anfingen, den Refrain von Voulez-vous coucher avec moi ce soir zu singen.

Mit Wischlappen und Plastikeimern bewaffnet schrien sie: "Schande auf dich" oder "Komm raus, wenn Du ein Mann bist". Auf den Transparenten, die sie vorbereitet hatten, stand: "Rausch der Macht" oder "Fuck me in Porsche Cayenne", eine Anspielung auf Strauss-Kahns Porsche-Affäre.

Die Aktivistinnen von FEMEN, einer ukrainischen Feministinnenbewegung, sahen aus wie Darstellerinnen eines weniger schmuddligen Pornos: Ein Fest für die Kameras, die bereits darauf warteten, das Happening zu filmen. Oder ist das eher eine originelle Weise der Demonstration?

Die Bewegung ist bekannt für ihre medienwirksamen "Oben ohne" - Aktionen, ihre Mitglieder wurden mehrfach verhaftet.

Seit 2008 attackieren sie, die sich in einer Kellerbar von Kiew treffen, mit ihren Auszieh-Demos die Prostitution und den Sextourismus in ihrem Land, der Ukraine, vor allem auch ihren Präsidenten, den "notorischen Sexisten" Viktor Janukovich.

Nun sind sie auf Europa-Tournee und stellen sich zur Schau, gegen die "mächtigen und scheinheiligen Sexisten", die sie zu Fall bringen wollen: DSK, Bill Clinton, Silvio Berlusconi. "Man kann sein Geld und seine Kontakte einsetzen, um die Strafe zu vermeiden, aber die Schande wird niemals reingewaschen", rufen sie und nun sollen endlich auch die Französinnen rebellieren: "sich ausziehen und gewinnen".

Nackte Brüste als schlagendes Argument? Die Idee ist nicht neu und erinnert an das Peta-Prinzip: Für die Kampagnen der Tierschutzorganisation ziehen sich regelmäßig Promi-Frauen aus, zuletzt Clooneys Ex.

Nicht schön sein, sondern protestieren

Woodstock war in den Sechzigern die Arena, in der sich Nacktsein mit Sex, Drogen und politischem Statement verband. In den Achtzigern ketteten sich Frauen entblößt an Bäume, um die Umwelt zu schützen, doch sie spekulierten dabei weniger auf die Macht der Bilder. 1999 störten in Deutschland zwei halbnackte Pazifistinnen die Zeremonie des Gelöbnisses im Bendlerblock, als sie halb entblößt und mit Regenschirmen über den Platz liefen. Die Botschaft: "Bundeswehr abschaffen".

Sie ernteten keinen Applaus für ihre Sexyness, lediglich die Schläge einiger Zuschauer, und einen süffisanten Kommentar von Chauvi-Kanzler Gerhard Schröder: "Es sind nicht immer die Mädchen mit den besten Figuren, die sich ausziehen."

Damals sei es nicht darum gegangen, schön zu sein, sondern um Protest, konterte die Guerilla.

Das ist nun anders geworden.

Die barbusigen ukrainischen Feministinnen sind mit Schminkkoffer und Dessous unterwegs (die nächste Station ist Rom, für eine Demo gegen Berlusconi und Papst Benedikt XVI. im Vatikan).

Die "Revolution der Frauen in Europa" rufen sie aus, schockieren mit ihren libertinen Aktionen und beschaffen sich Aufmerksamkeit, indem sie ihren nackten Körper für feministische Werte einsetzen.

Negieren sie die damit nicht auf paradoxe Weise?

"Das ist sehr einfach, eine gute oder schlechte Werbung für sie, und die Journalisten sind zufrieden", kommentiert Blogger sachamour auf der Webseite von France-Soir. Ein anderer schreibt: "Ich verstehe die Forderung 'Fuck me in Porsche Cayenne' nicht, sie gibt DSK eher recht. Sollen das die Feministinnen sein, die die Verhältnisse ändern wollen?"

Sie wollen den Sexismus mit seinen eigenen Waffen schlagen, und bleiben in ihm stecken.

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Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin „Kultur“

Maxi Leinkauf studierte Politikwissenschaften in Berlin und Paris. Sie absolvierte ein Volontariat beim Tagesspiegel. Anschließend schrieb sie als freie Autorin u.a. für Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und Das Magazin. 2010 kam sie als Redakteurin zum Freitag und war dort im Gesellschaftsressort Alltag tätig. Sie hat dort regelmäßig Persönlichkeiten aus Kultur und Zeitgeschichte interviewt und porträtiert. Seit 2020 ist sie Redakteurin in der Kultur. Sie beschäftigt sich mit ostdeutschen Biografien sowie mit italienischer Kultur und Gesellschaft.

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