Gott muss leider draußen bleiben

Netzgeschichten Wer bei Google+ unter Pseudonym verkehrt, muss damit rechnen, dass sein Konto gelöscht wird. Dagegen protestiert die Blogosphäre - mit kleinen Erfolgen

Google+ löscht derzeit häufig und wie es scheint unkontrolliert Profile: Manche Konten gibt das Netzwerk schnell wieder frei, andere nicht. Der deutsche Blogger mspr0 (Michael Seemann) hat sich erst unter seinem Klarnamen, dann unter Pseudonym bei Google+ angemeldet. Er wurde gesperrt, dann war sein Account wieder da. Blogger plomlompom jedoch, ebenfalls unter Pseudonym, ist noch immer gesperrt. Er rief vor kurzem alle User auf, sich der Vorschrift, nur echte Namen zu verwenden, zu widersetzen. Seit Tagen streitet die Blogosphäre: Darf man anonym sein im World Wide Web?

Was nach Blogger-Spielerei klingt, fand vor kurzem Unterstützung vom Veteran der Szene Sascha Lobo: Man würde sich auch in der Öffentlichkeit nicht immer mit seinem vollen Namen vorstellen, warum also in der digitalen Arena? In anderen Ländern sei man staatlicher Repression ausgesetzt, wenn man mit klarem Namen seine Meinung blogge. Das stimmt.

Deutsche Blogger wandern zwar nicht wegen Merkelwitzen ins Gefängnis, durch den arabischen Frühling weiß man aber, wie wichtig eine falsche Identität sein kann. Qualitativ mache es keinen Unterschied, wer unter welchem Namen auftritt, glaubt Lobo. Reale Personen aber müssten für das, was sie schreiben, gerade stehen.

Auch bei Konkurrent Facebook sind Klarnamen Pflicht, auch dort fühlten sich Nutzer in ihrer Privatsphäre eingeschränkt. Gravierender ist nun, dass Google mit der Sperrung nicht nur den Account löscht, sondern auch Google-Mail, den Google-Kalender und die vielen anderen Daten, die dort gebündelt sind. Wenn, dann ist auf einmal alles weg. Googles Vizepräsident Vic Gundotra hat jetzt Fehler beim Umgang mit den Nutzern von Google+ eingestanden, rechtfertigte aber das Prinzip Klarnamen. So solle ein „positiver Grundton“ gesetzt werden, „wie ein Restaurant, das nur Gästen im Hemd Zutritt gewährt“. Es gehe vor allem darum, Leute zu entfernen, deren Namen offensichtlich falsch sind: „beispielsweise ‚Gott‘ oder Schlimmeres“. Was ist schlimmer als ein falscher Gott? Ein Clooney-Fake. Laut CNN hat Google einen „Promi-Beschaffungsplan“ ins Leben gerufen: ein eigenes System soll die registrierten Stars und die Echtheit ihrer Profile prüfen und bestätigen, um zu verhindern, dass sich Nutzer für sie ausgeben. Google+ hatte zuvor das Profil von Schauspieler William Shatner deaktiviert. Dabei war es echt. Es besteht jedoch Hoffnung für alle Verbannten: Google soll, laut Gundotra, bereits an einer Option für Pseudonyme arbeiten.

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Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin „Kultur“

Maxi Leinkauf studierte Politikwissenschaften in Berlin und Paris. Sie absolvierte ein Volontariat beim Tagesspiegel. Anschließend schrieb sie als freie Autorin u.a. für Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und Das Magazin. 2010 kam sie als Redakteurin zum Freitag und war dort im Gesellschaftsressort Alltag tätig. Sie hat dort regelmäßig Persönlichkeiten aus Kultur und Zeitgeschichte interviewt und porträtiert. Seit 2020 ist sie Redakteurin in der Kultur. Sie beschäftigt sich mit ostdeutschen Biografien sowie mit italienischer Kultur und Gesellschaft.

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