Hört mal!

Porträt Balbina war früher scheu, bis Freunde aus der Berliner Rap-Szene sie auf die Bühne holten. Nun erfindet die Polin den Deutschpop neu
Maxi Leinkauf | Ausgabe 29/2015 6

Montagabend, Balbina hat einen Auftritt bei Dussmann in der Berliner Friedrichstraße. Im Untergeschoss des Kulturkaufhauses steht eine Bühne für die regelmäßigen Miniacts, die Künstler hier geben, um für ihr Werk zu werben.

Dämmerlicht, der Raum ist voll, man kann Leute jeden Alters sehen. Ein Ansager kündigt Balbina mit lauter Superlativen an. Dann treten zwei junge Männer, bisschen Bart und schwarze Hemden, auf das Podest, setzen sich auf die Stühle und nehmen die Gitarre. Balbina folgt, in mintgrünem Glockenkleid und sneakerähnlichen Schuhen. Dutzende Handykameras sind schon an, nach dem zweiten Lied klatschen alle. „Wir sprinten in den Stillstand. Warum werden wir nicht langsam“. Ihre belegte Stimme wird noch dunkler, als sie dann Seife singt. Auf der Bühne kotze sich sie sich das Herz aus dem Leib, hat Balbina mal gesagt.

Dussmann sei ein wunderbarer Ort, ruft sie auf einmal, „da kann man geschriebene Worte auf Papier kaufen. Bitte nicht immer nur soziale Netzwerke und WhatsApp!“ Ein Mittfünfziger ist mit Tochter und Frau hierhergekommen. „Endlich ist mal wieder Musik im deutschen Lied“, sagt er nach der Zugabe. Balbina sei innovativ und sinnlich. Alles harmoniere, Musik, Texte, Kostüm. Er finde sie gar nicht künstlich. Seine Frau nickt und sagt, sie würde auch sehr gern weniger hektisch leben. Sie wisse nur nicht so recht, wie. Erst mal stellt sie sich in die lange Schlange vor dem CD-Tisch, an dem Balbina nach dem Konzert signiert.

Brille und Bücher

Sie trifft mit ihren Texten ein Gefühl, man möchte sie kennenlernen. Sie schlägt ihr Label für eine Begegnung vor. Four Music sitzt in einem Dachgeschoss der Edison-Höfe in Berlin-Mitte. An der Eingangstür klebt das Plakat für Balbinas Album. Darauf sieht man eine feenhafte Frau, mit Porzellanhaut, die schwarzen glatten Haare sind zum Dutt gebunden, ihr Gesicht wirkt starr. Über das Grübeln, so der Name der Platte. Die jungen Liedermacher, die übers Leben, die Schwere und das Cowboysein nachdenken, wollen unvermittelt sein, lässig und unrasiert. Balbina stilisiert sich als Kunstfigur.

An den Flurwänden des kleinen Labels hängen Platin-Alben, wie das von Marteria, einem deutschen Hip-Hopper. Four Music wurde Mitte der 90er Jahre von den Fantastischen Vier gegründet, jetzt ist das Genre längst Mainstream. Ein Mitarbeiter empfängt, „Bina“ ist verspätet, sagt er, sie steht im Stau. Er bietet Kaffee am Tresen an, eine Mitarbeiterin hört den Namen und schwärmt vom „Gesamtkunstwerk“. Das sei ganz bewusst so inszeniert. „Würde Balbina einfach nur Lieder singen, würde sie diese Aufmerksamkeit gar nicht bekommen.“ Sie trägt Neoprenkleider und Lakritzhaare dazu. Musikkritiker schreiben Hymnen, sie sei die „Rettung der deutschen Popmusik“. Herbert Grönemeyer nahm sie gerade mit auf Tour.

Balbina trägt auch zu diesem Treffen diese ausladenden Klamotten, weiße Bluse, flächig und kantig, schwarzer Hosenrock mit großen weißen Punkten – Polka Dots.Die zählt sie, aus Langeweile, in einem ihrer Lieder. Die 32-Jährige reicht einem die Hand, entschuldigt sich für die Verspätung. „Darf ich mir eine Zigarette schnorren?“, der Assistent reicht ihr eine. Es ist sonnig und heiß an diesem Nachmittag auf der Terrasse, sie möchte noch eine Cola Red Bull. Wie war es mit Grönemeyer?

Sie überlegt, mit welchem Wort sie die vergangenen zwei Monate beschreiben könnte. „Fantastisch“, sagt sie dann. „Dieses Wort in all seinen Bedeutungen, märchenhaft, unglaubwürdig, verrückt, wunderschön – ich habe wirklich nichts Negatives mitgenommen, keinen Zweifel, keine schlechte Erfahrung, vor, aber eben auch hinter der Bühne.“ Es ging familiär zu bei dem Herrn Grönemeyer. Nicht Herbert? Es sei der selbstverständliche Respekt vor dem Geleisteten, deshalb diese Distanz. Er war ihr Vorbild, „weil er mit viel Witz und Charme getextet hat“. Sie ist mit seinen Songs aufgewachsen, auch wenn sie die Bedeutung von Was soll das erst später verstanden habe.

Neue Deutsche Welle 2.0

Im Magazin Rolling Stone wird Balbina als „tollste Entdeckung seit langer Zeit im deutschen Pop“ gefeiert. Ihr Sound sei „fremd und berückend“. Der Spiegel sieht in ihr „das Aufregendste, was der deutsche Pop gerade zu bieten hat“. Und wenn es um die Listen deutscher Songs geht, die man unbedingt hören sollte, taucht sie im Stern zwischen Element of Crime und Wir sind Helden auf.

Seit dem zweiten Album Über das Grübeln gehört Balbina zur Neuen Deutschen Welle des 21. Jahrhunderts. Die wurde ausgerufen, weil sich deutschsprachige Musik seit einer Weile wieder sehr gut verkauft. Ende Juni waren erstmals seit 1962 alle zehn bestverkauften Alben deutschsprachig – und zwar genreübergreifend (Rock, Pop, Hip-Hop).

Genauso wie Nina Hagen, eines ihrer Vorbilder, arbeitet Balbina auch dramaturgisch mit Sprache, sie dehnt oder verkürzt ihre Sätze in der Manier der Hip-Hopper, mit denen sie sozialisiert wurde.
Bei Four Music, dem Label, das auch Stars wie Clueso, Casper oder Max Herre beheimatet, plant man lang-fristig mit Balbina. Man will sie aufbauen und bietet ihr dafür große künstle-rische Freiheit: Sie bestimmt Musik, Video-Gestaltung und Outfit selbst. Die sonder-baren Kleider, die sie zu ihren Auftritten und in ihren Videos trägt, werden ihr von Designerin Susann Bosslau auf den Leib geschneidert.

Nachdem Balbina für Herbert Grönemeyer als Vorband gespielt hat, geht sie im Oktober selbst auf Tour.

Balbina Monika Jagielska wurde in Warschau geboren, ihre Mutter hat dort studiert. Mit drei Jahren holte der Vater die Familie nach Deutschland, genauer genommen nach Berlin-Moabit, ein Einwandererviertel. Balbina ging in einen türkischen Kindergarten, ihre ersten Worte waren in türkischem Deutsch. Als sie vier Jahre alt war, zerbrach die Ehe der Eltern. Balbina, die auf ihrer Facebook-Seite erklärt, nach wem sie benannt wurde – einem polnischen Gänschen –, erlebte als Scheidungskind das Ferien-Dilemma. Sie fuhr immer zu den Großeltern nach Polen, mal nach Liegnitz, mal nach Posen. Sie spricht Polnisch so fließend wie Deutsch, könne zwar nicht auf Polnisch texten, weil sie nicht so viel Vokabular wie im Deutschen kennt. Aber sie kann sich im Alltag unterhalten. In der Gymnasialzeit hatte sie mehr soziale Kontakte zu Freunden in Polen als zu Deutschen – und die Freundschaften halten bis heute.

Zu Hause in Berlin brachte ihre Mutter oft Kinderbücher vom Flohmarkt mit – Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach oder Hanni und Nanni. Sie hat ihr jeden Abend daraus vorgelesen, eine friedliche Umgebung geschaffen, während die raue Welt, in der sie am Tag als Sozialarbeiterin unterwegs war, draußen blieb. Bald fing Balbina selber an, Reime und Gedichte zu schreiben. Wenn die anderen aus ihrer Schule auf Partys gingen und rauchten, „dann verkroch ich mich in die Bibliothek, mit großer Brille, ganz uncool, wie so ein oller Bücherwurm“. Man spürt, dass sie längst Abstand gewonnen hat, aber sie will sich auch nicht von dieser Zeit, in der sie eine Außenseiterin war, distanzieren. Es gehört zu ihr.

Einmal sollte sie in der Schule für einen Aufsatz ein alternatives Ende zu Max Frischs Homo Faber verfassen. Es war so gut, dass sie eine Eins bekam. Als sie es dann vor der Klasse vorlas, wurde sie von den anderen ausgelacht. Und die Lehrerin korrigierte die Note auf eine Zwei minus. Sie war eine Außenseiterin, das muss man aushalten. Bücher wurden ihre Bastion – in der Bibliothekarin fand sie eine Komplizin, sie schob ihr Bücher zu. Balbina verschlang Briefe von Hemingway oder Hermann Hesse. „Da habe ich damals verstanden, dass das Außenseitertum und Nichtangenommenwerden gar nicht unbedingt schlecht ist.“ Mit 16 meldete sie sich bei einem Chor an und merkte, dass sie eine Stimme hat.

Balbina singt vom banalen Alltag, von Goldfischen, Vollkornbrot, der Zeit, diesem Egoisten. Sie gibt ihnen Pathos. Und legt Popsounds darüber, ein bisschen Elektro, R & B, Synthesizer. Was meint sie, wenn sie vom Wunsch nach Langsamwerden redet? Das klingt sehr allgemein.

Die harte Rap-Schule

„Dieses Immer-am-Ball-Bleiben, Mitgehen mit der Zeit, das nervt mich, weil es heutzutage so schnell geht. Bevor ich den neusten Trend entdecke, ist er schon vorbei. Ich beobachte, wie man in Musik, Kunst, Alltag so vielem nachhetzt. Alle fünf Minuten etwas bei Facebook postet, likt, tausend Whats-App-Nachrichten schreibt und sofort eine Antwort will. Ich möchte eigentlich mein Leben entschleunigen. Mal durchatmen und unmodern sein.“ Offline?

„Man hat sich früher zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort verabredet, ohne das Treffen minütlich verschieben oder jemanden versetzen zu können. Ich möchte mir Zeit für eine Entscheidung nehmen und dazu stehen.“ Manchmal schalte sie ihr Handy einfach aus und sage ihrem Umfeld: Ruft mich auf dem Festnetz an. Die anderen sind dann erschrocken. „Wäre ich ein Gefäßchirurg, würde das nicht gehen. Ein Arzt hat einen Beeper, oder jemand, der gerade eine Bank vor dem Untergang rettet. Aber ich schreibe Lieder. Ob man mich heute erreicht oder morgen, macht das einen Unterschied?“

Ende der 90er Jahre traf Balbina dann Menschen, die sie verstanden haben, sie kam ins Umfeld der Berliner Rap-Szene. Und konnte jetzt Texte machen, ohne schief angeguckt zu werden. Es waren nicht die Gangster-Rapper, „eher so die Lyrischen“ um Justus Jonas und Prinz Pi. Der nahm sie mit auf seine Tourneen, die harte Schule. „Da habe ich mir Selbstbewusstsein antrainiert. Wenn man als Mädchen, etwas schüchtern, vor 1.000 Rap-Fans steht, die ihr Idol hören wollen – keine leichte Sache. Mit der Zeit lernt man es sportlich zu sehen, und merkt, dass man, sich Zuhörer auch erspielen kann. Und ausgepfiffen zu werden ist dann auch kein großes Drama mehr.“ 2001 hat sie mit dem Rapper Biztram ihr erstes Album produziert. „Bina“ trug damals noch keine aufwendigen Kleider, stand einfach nur da und sang Songs mit deutschen Texten, sie sang vom Fliegen.

Frauenfeindliches habe sie in der Szene nie erlebt. Dass bei Videos von Frauen aber meist zuerst das Physische bewertet werde, während es bei einem Mann nicht um Sexyness gehe – das mache sie wütend. Spielt sie nicht selber mit ihrem Aussehen? „Ja ich visualisiere meine Lieder sehr gern, ich vermeide aber bewusst, meinen weiblichen Körper zu präsentieren. Ich will meine Inhalte inszenieren. Und da ich nun mal die Schreiberin derer bin, stehe ich natürlich im Mittelpunkt des Geschehens. Es ist völlig irrelevant, ob ich unter den Neoprenkleidern dünn oder dick, sexy oder nicht sexy, alt oder jung bin. Es geht darum, nicht nur Geschichten zu erzählen, sondern sie auch zu zeigen.“ Es sind Geschichten, die sich auch ums Nichtstun drehen, gegen das sie etwas tun muss.

Das bedeute für sie aber nicht nur Sitzen und Starren, sondern sinnlose Tätigkeit. „Leerlaufhandlungen, wie das Gefangensein in einem Job, der einem gar nichts bedeutet.“ Nach dem Abitur hat Balbina mal drei Semester BWL studiert. Da habe sie gelernt, „was es heißt, den Alltag für eine Lehre zu strukturieren. Das eigenständige Lernen. Was das Fach anbetrifft, hat mich vieles nicht so interessiert. Ich saß zwar im Seminar, habe Prüfungen geschrieben, aber es hatte keinen Mehrwert für mein eigenes Leben.“ Lieder schreiben schon. Das war schon immer ihre Hauptbeschäftigung, seit zwölf Jahren geht sie ihr nach, und zwar sehr diszipliniert. Um die Miete und das Essen zu zahlen, jobbte sie bis vor kurzem als Verkäuferin in einer Modeboutique. „Aber das hält einen nicht von der Kunst ab, nicht wenn man es ernst damit meint.“ Mit 800 Euro im Monat könne sie leben.

Der Assistent taucht auf, er wolle nicht stören, aber das Taxi sei in sieben Minuten da, sagt er. Das Gespräch ist zu Ende. Eine weitere Mitarbeiterin erscheint, redet auf „Bina“ ein, der Flug nach München sei schon gebucht, ein Shuttle stehe bereit, der Gig ist fast ausverkauft. „Die flippen dort schon alle aus.“ Balbina wird umworben, sie steht jetzt nicht mehr am Rand, sondern im Licht. Aber so ganz sind die Unsicherheiten noch nicht verschwunden. In einem Lied auf dem neuen Album dichtet sie: „Du bist gut, Hut ab, im Schlechtsein. Das kann doch nicht dein Ernst sein.“ Die Frage, wer man nun ist, jenseits der Anerkennung von außen, sie kehrt immer wieder.

Balbina forscht weiter, sie beobachtet das Grün der Blätter in dem ruhigen Stadtteil, in dem sie nun lebt. Sie überlegt, für welche Empfindung es herhalten könnte. Wenn es ein Lied von ihr gibt, das einen begleitet, dann ist es Seife. Schwamm drüber, ich wisch das schnell weg, mit Seife geht das vielleicht. Sie meint die Narben, die nicht weggehen. Das sei eines der traurigsten Lieder, die sie je geschrieben hat, erklärt Balbina. Sie sei schmerzhaft, die Einsicht, dass man bestimmte Fehler, die man mal begangen hat, nie wieder ungeschehen machen kann. Im Oktober geht sie mit ihrer Band auf Tour. Der nächste Sprint.

06:00 26.08.2015
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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