„Ich müsste unter Artenschutz stehen“

Porträt Wolfgang Thierse ist sich altmodisch treu geblieben, in der DDR fand er seine Nische in der Akademie, heute als letzter Indigener im Trend-Bezirk
„Ich müsste unter Artenschutz stehen“
Wolfgang Thierse war Sprachrohr des Ostens, legte sich mit Schwaben und Neonazis an

Fotos: Imago (4), Plainpicture, dpa, Getty Images

Sein Büro im Schadowhaus in Berlin-Mitte ist wie eine gemütliche Bibliothek. Thierse nimmt auf dem Ledersofa Platz, über ihm an der Wand hängt ein Porträt von Willy Brandt. Der 75-Jährige wirkt besonnen, er spricht gewählt mit seiner typischen Bassstimme.

der Freitag: Herr Thierse, wir treffen uns in Ihrem Büro, dabei sind Sie schon lange weg aus der Politik. Was treiben Sie so den ganzen Tag?

Wolfgang Thierse: Wenn ich in Berlin bin, frühstücke ich morgens ausgiebig mit meiner Frau. Und dann trudle ich hier jeden Tag so gegen halb zehn ein, lese, schreibe Texte und Reden oder beantworte Briefe. Aktiv zu sein, hält jung.

Es gab diese Toskana-Fraktion, genussvolle SPD-Genossen, die teure Anzüge und guten Rotwein liebten. Ich habe gehört, dass Sie mittags öfter noch in die Bundestagskantine gehen.

Ja, ich gehe dahin, wo die Mitarbeiter und die Angestellten sind. Diese Toskana-Fraktion ist lange her. Das waren Peter Glotz und Otto Schily. Als ich in die SPD kam, lernte ich sie kennen, intelligente Politiker, die Teil der liberalen, westdeutschen Kultur und Elite waren. Die blickten immer nach Frankreich und Italien. Wir in der DDR haben ja auch nach Westen geschaut. Mein Bedürfnis zu reisen und meine Weltenneugier habe ich dann nach 1990 befriedigt.

Wohin zog es Sie?

Vor allem in den Süden. Ich bin mit einer Kunsthistorikerin verheiratet und als wir das erste Mal miteinander in Rom waren, da verblüffte meine Frau den deutschen Botschafter mit ihren exzellenten Kenntnissen der römischen Architektur. Wir haben in der DDR ja nicht außerhalb der Welt gelebt. Wir kannten französische und italienische Literatur, Kunst, Geschichte. Paris war ein großes Erlebnis, nach Rom und Prag die schönste Stadt der Welt.

Sie sind in einer thüringischen Kleinstadt aufgewachsen. Wie war Ihre Kindheit?

Ich bin in Breslau, in Schlesien, geboren. Wir kamen dann als Vertriebene, als kleinster Teil der Familie, nach Eisfeld in Thüringen. Alle anderen waren im Westen. Wir waren in dieser kleinen Stadt Fremdlinge. Wenn wir heute über Flüchtlinge reden, erinnere ich mich daran, dass es auch nach 1945 schwierig war. Wir besaßen nichts, die Einheimischen hatten nur wenig vom Krieg erlebt. Wir waren katholisch in einem Land, das noch evangelisch war. Wir sprachen Hochdeutsch, die anderen Fränkisch. Da spürt man, was es bedeutet, in der Minderheit zu sein.

Sitzblockaden, Kohl und Shitstorm

Er trägt seinen Bart seit 1967, manche halten ihn für einen evangelischen Pastor. Wolfgang Thierse, Jahrgang 1943, ist einer der erfolgreichsten ostdeutschen Politiker. Nach dem Abitur erlernte er den Beruf des Schriftsetzers beim Thüringer Tageblatt in Weimar. 1964 bis 1968 studierte er Germanistik und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Ostberlin. Ab 1977 arbeitete er an der Akademie der Wissenschaften der DDR und war Sprecher der Katholiken. Nach der Wende trat Thierse dann der neu gegründeten Ost-SPD bei und wurde ein paar Monate später ihr Vorsitzender.

Bis 1998 war er stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Bundes-SPD. Als Bundestagspräsident (bis 2005) verhängte er im Jahr 2000 wegen der Spendenaffäre eine Strafe von 7,8 Millionen Mark gegen die CDU. Helmut Kohl verglich ihn anschließend mit Hermann Göring. Thierse nahm 2011 an Sitzblockaden gegen Neonazis in Dresden teil. Anfang 2012 kam ihm ein E-Mail-Shitstorm entgegen, weil er in einem Interview die Schwaben in Berlin kritisiert hatte, die endlich lernen sollten, dass man hier „Schrippe“ sagt. 2013 verließ er den Bundestag. Seit 2010 ist er Stiftungsratsmitglied der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, er ist außerdem Schirmherr der Amadeu Antonio Stiftung.

Im Jahr 2007 hat Wolfgang Thierse das SPD-Parteiprogramm auf CD eingesprochen. 2013 erschien: Thierse liest seine Lieblingsgedichte und hört Musik. Manchmal, sagt er, schicke er noch eine kurze kritische SMS an seine Parteifreunde Andrea Nahles und Olaf Scholz.

Kann dieses Außenseiterdasein auch stark machen?

Ja, es war eine sehr überschaubare, geordnete Lebenswelt, gerade auch in ihren Gegensätzen. Das ist ja für Kinder nichts Schlechtes. Vor allem: Wir waren immer in der Natur, im Wald, spielten auf der Wiese Fußball. Mein Vater gehörte dann als Rechtsanwalt zu den höher Gebildeten dieses Ortes und wurde eine städtische Respektsperson.

Welche Prinzipien hat er Ihnen vermittelt?

Wenn ich in der Schule in Konflikten war, erklärte mir mein Vater: „Nur weil andere etwas sagen und tun, musst du es nicht auch sagen und tun. Du musst selber davon überzeugt sein, dass es richtig ist. Erst dann darfst du es sagen und tun.“ Ein Lebensgrundsatz, der mir geholfen hat, mit meinen Minderheitenerfahrungen fertig zu werden. Ich habe daraus durchaus eine spezifische Art von Selbstbewusstsein gewonnen.

Welche Konflikte gab es?

Im 5. Schuljahr wurde ich von meinen Klassenkameraden in den Freundschaftsrat der Jungen Pioniere an der Schule gewählt. Das war die Schülervertretung. Plötzlich sagte der Lehrer: „Aber Wolfgang, das kannst du nicht machen, du bist nicht in den Jungen Pionieren.“ Da kam ich verzweifelt nach Hause und mein Vater sagte: „Weißt du, wenn deine Schulkameraden so viel Vertrauen in dich haben und du für sie sprechen sollst, dann kannst du auch in diesen Verein gehen.“ Das war eine Schlüsselerfahrung. Bei der Jugendweihe war selbstverständlich, dass ich als katholischer Christ daran nicht teilnehme. Und die Hälfte meiner Klasse ist mir gefolgt. Dass man mit abweichenden Überzeugungen etwas erfolgreich durchstehen kann, das war eine wichtige Lebenserfahrung.

Sie kamen dann später an die Akademie der Wissenschaften der DDR und führten so eine Art Privatgelehrtendasein. Kann man in der Nische gut leben?

Ich musste mich da einrichten. Am Ende meines kurzen Ausflugs ins Kulturministerium war ich von heute auf morgen rausgeflogen – mit einer verheerenden politischen Beurteilung. Weil ich mich weigerte, Künstler dazu zu bringen, Jubellieder auf die Biermann-Ausbürgerung zu singen. Ich wollte keine Berichte über kritische Künstler schreiben. Ich wusste damals nicht, ob ich jemals wieder Arbeit finden würde.

Sind Sie ein mutiger Mensch?

Ich habe mich nie als mutig empfunden. Ich wollte nur meinen Maßstäben von Anstand und Intelligenz folgen. Ohne Zivilcourage geht das nicht. Ich habe dann diese kleine, geräumige Nische gefunden, die die Akademie der Wissenschaften ja war. Wir waren eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern und haben uns einmal in der Woche zu intensiven Diskussionen getroffen. Das war kollegial und freimütig. Das hat mir gefallen.

Das beschauliche Leben?

Es bedeutete ja auch Kultur. Für mich gehört selbstverständlich zum guten Leben, dass ich regelmäßig ins Theater gehe, in die Oper. Ich lese Gedichte. Ich habe ein fast kindliches Vergnügen an Sprachmelodie. Schon als kleiner Junge faszinierten mich Übertragungen aus dem Bundestag, die ich im Radio gehört habe. Und ich dachte, so was müsstest du auch mal können! Aber ich interessiere mich auch für Fußball. Wenn ich Zeit habe, gehe ich zu Hertha BSC ins Olympiastadion.

Sie wurden dann gewissermaßen in den westdeutschen Politikbetrieb katapultiert.

Ja, ich kam aus einem Leben des Bedenkens, der Nuancierungen, der politischen und kulturellen Träume in ein aktives Leben des Präsentischen, der öffentlichen Wahrnehmbarkeit, der schnellen Reaktion und der Entscheidungsnotwendigkeiten. Ich habe darunter gelitten. Ich habe Jahre gebraucht, ehe ich gefühlt habe: Das kann ich auch.

Hat es Sie gestresst?

Jeden Montag flog ich zeitig nach Bonn, um an den vielen Gremien-Sitzungen teilzunehmen. Jeden Montagabend dachte ich: Das ist nichts für mich! Ich bewunderte Kollegen, die viermal am Tag mit gleichem Pathos dasselbe sagen konnten. Mir starben da schon die Worte im Mund. Ich stand plötzlich in der Öffentlichkeit. Der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau hat mir einmal gesagt: „Du bist nicht mehr nur Wolfgang Thierse, eine private Person. Du stehst da in der ersten Reihe für die anderen, für die Ostdeutschen, für die Sozialdemokratie.“ Ich musste auch lernen, mit Niederlagen, mit Meinungs- und Entscheidungskämpfen umzugehen. Das ist ein harter Wechsel gewesen.

Wo sind Sie eitel?

Ich habe immer eine große Lust gehabt, eine andere Sprache zu sprechen als den politischen Jargon der DDR oder des Westens. Ich möchte differenziert reden und nicht nur meine, sondern die Erfahrung anderer ausdrücken. Mir ist ja diese Rolle zugefallen …

… das Mundwerk der Ossis zu sein?

Ja. In der FAZ hat mal jemand den schönen Satz geschrieben: „Thierse ist ein gesamtdeutscher Ossi.“ Ich bleibe bis an mein Lebensende ein Ostdeutscher im gemeinsamen Land. Ich habe niemals einen Grund gesehen, mich zu entschuldigen für mein Leben in der DDR. Im Gegenteil: Es gab das richtige Leben im falschen System. Die Menschen und ihre Biografien dürfen nicht gescheitert sein, nur weil dieses System gescheitert ist!

Sie wohnen seit 45 Jahren im Prenzlauer Berg.

Wir sind am Kollwitzplatz zweimal umgezogen, von einem Hauseingang zum anderen. Dieser Prenzlauer Berg war früher eine erstaunliche soziale Mischung. Da lebten noch Reste des alten Proletariats. Wie unser Nachbar mit dem wunderbaren, aber wirklichen Namen „Schätzchen“. Der kannte noch Käthe Kollwitz persönlich. Er war Angestellter in einem dieser kleinen Milchläden, die im Souterrain waren. Da kam sie einkaufen. Dann zogen viele junge Leute in die Hinterhöfe und die Seitenflügel.

So wie Sie und Ihre Frau.

Ja, und wir mussten sieben Jahre Treppenhäuser putzen, um überhaupt eine Wohnung zu kriegen, ohne Bad. Es wohnten Künstler da, Maler, Bühnenbildner, Literaten. Alle kamen gut miteinander aus. Diese wunderbare soziale Mischung hatte in den Augen der Stasi eine beunruhigende Qualität: Es gibt ein berühmtes Diktum des Professors Horst Haase: „Der Prenzlauer Berg, das ist keine Wohngegend, sondern eine Weltanschauung.“

Er empfand das als Bedrohung?

Allerdings. Es gab eine wunderbare Truppe von Künstlern, die Klettergerüste für Spielplätze baute. Wir machten in den späten 70ern auf dem Kollwitzplatz und bei uns im Hinterhof bei solchen Aktionen mit. Die erregten Misstrauen bei der Polizei. Wenn die Gruppe Ärger bekam, war ich ihr hilfreich, weil ich mich von der Polizei nicht einschüchtern ließ. In der DDR gab es viel Alltagssolidarität. Ich wehre mich aber gegen deren überhöhte Idealisierung, die in den Erinnerungen mitschwingt. Dieses solidarische Leben war an die spezifischen Bedingungen der DDR gebunden, an die Mangelwirtschaft, das Eingesperrtsein, die Zudringlichkeiten der Obrigkeit. Trotzdem ist es gut und notwendig, auch heute Solidarität zu leben.

Die Bevölkerung wurde seit 1990 fast völlig ausgetauscht.

Ja, ich müsste eigentlich unter Artenschutz gestellt werden – einer der letzten Indigenen vom Prenzlauer Berg.

Gehen Sie auf den Kollwitzmarkt?

Jeden Sonnabend gehe ich dahin, weil ein Thüringer Fleischer dort ist. Mein Heimatbedürfnis hat auch mit Wurst zu tun. Die Wurst in Thüringen ist einfach besser als in Berlin. Ich weiß, dass es auf dem Markt teurer ist. Trotzdem ist es schön, dass es ihn gibt. Bei uns leben ja jetzt keine Reichen, die wohnen noch immer eher im Südwesten Berlins. Es ist eine junge, gut ausgebildete urbane Mittelschicht mit gutem Einkommen.

Als die neulich mit ihren Kindern Halloween feierte, da habe ich Sie auf der Straße gesehen. Sie wirkten etwas verloren.

Mir ist diese amerikanische Marketingerfindung fremd. Die meisten wissen ja gar nicht, dass Halloween von den Katholiken aus Irland kommt. Aber dass ein Leben ganz ohne Rituale selbst für die jungen, urbanen, kosmopolitischen Eliten nicht möglich ist, das sehe ich mit Vergnügen.

Rituale gehören zu Weihnachten, welche pflegen Sie?

Wir gehen am Heiligen Abend in die Christmesse. Vor der Bescherung mit den Enkeln wird das Weihnachtsevangelium gelesen. Früher stand noch ein großer Weihnachtsbaum bei uns im Wohnzimmer, der ging vom Boden bis zur Decke. Ihn zu schmücken, war immer meine Arbeit. Das kostete Stunden. Wichtig waren möglichst viele Kerzen, rote Kugeln, rote Äpfel und Lametta. Der Baum stand im Erker, man konnte ihn über den ganzen Kollwitzplatz sehen. Und die Leute sagten: „Thierse hat wieder seinen Baum geschmückt.“ Heute machen das meine Kinder.

06:00 23.12.2018
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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