„Ich suche Widersprüche“

Interview Der Schriftsteller Frédéric Beigbeder verkörperte den linkselitären Pariser Hedonismus. Heute hält er Abstand zur Bohème
„Ich suche Widersprüche“

Foto: Patrice Normand/Opale/Leemage/Laif

Er ist älter geworden, der Bart mehr Mark Aurel als Rive Gauche. Frédéric Beigbeder sitzt vor dem Laptop in seinem Landhaus in Guéthary, wohin er dem frenetischen Pariser Lebensstil entflohen ist. Im Hintergrund steht ein Holzregal mit Büchern. „Ich bin mal weg, du kommst klar, stimmt’s?“, ruft seine Frau. Tja, das Ende des Patriarchats, erklärt der 55-Jährige. Männer würden sich um die Kinder kümmern: „Pas de problème!“ Zwischendurch müssen wir unser Gespräch unterbrechen, Beigbeder will nachsehen, ob sein Sohn wirklich schläft und die Tochter ihreHausaufgaben macht. Nach zehn Minuten ist er wieder da.

der Freitag: Monsieur Beigbeder, das linksintellektuelle Pariser Milieu, das Sie gut kennen, wird von Affären erschüttert, erst die Missbrauchsvorwürfe gegen den Schriftsteller Gabriel Matzneff und den Politologen Olivier Duhamel – dann auch noch Michel Foucault.

Frédéric Beigbeder: Wieso, was ist mit Foucault?

Pardon, das haben Sie nicht mitbekommen? Er soll tunesische Jungen missbraucht haben.

Ich lebe mittlerweile weit weg von Paris, am Meer, ein bisschen wie ein Eremit. Aber wissen Sie, das ist nicht nur eine französische Sache: Auch in Deutschland gab es die 68er, dann die 80er Jahre, diese Phase sexueller Freiheit. Und nun, 40 Jahre später, machen wir eine Autopsie dieser Periode. Ein Freund von mir sagte: In den 70ern war Freiheit wichtiger als Sicherheit. Heute ist es umgekehrt. Denn es gab Exzesse, Verbrechen, Pädophilie.

Sie waren mit Gabriel Matzneff befreundet. Hat es Sie überrascht, als herauskam, dass er Sex mit 13-jährigen Mädchen hatte?

Er hat viele Bücher geschrieben, in denen er davon erzählt, wie er 13-, 14-jährige Mädchen verführt. Ich habe ihn nie mit solchen Mädchen gesehen. Ich hab es einfach nicht ernst genommen.

Es wurde als Literatur betrachtet?

Ich hielt ihn immer für ziemlich mythomanisch, jemand, der Sachen erfindet, gerade, wenn er vom großen Verführer redet.

Warum wurde er nie mit diesen Dingen konfrontiert?

Das ist mir bis heute schleierhaft. Einer der Gründe liegt womöglich in der Geschichte der französischen Literatur: Der größte Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist André Gide. Und André Gide war ein Pädophiler. In seinen Tagebüchern und seinen autobiografischen Romanen beschreibt er die Abenteuer mit marokkanischen Jungen. Er war ein pädophiler Sextourist.

Vor allen Dingen wurde er als exzellenter Schreiber verehrt. Daher die Nachsicht?

Vielleicht geht es sogar auf Oscar Wilde zurück, der im viktorianischen England wegen seiner Homosexualität zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Dieses immense Genie! Wir Franzosen wollten anders als die Engländer sein, toleranter.

James Joyce hat „Ulysses“ in Paris veröffentlicht, in England durfte es nicht erscheinen, zu obszön.

Ja, das stimmt: Man kann noch weiter zurückgehen, zu Charles Baudelaire, dem wegen seines Meisterwerks Les Fleurs du Mal Obszönität vorgeworfen wurde. Seitdem waren die Richter, die Polizei, aber auch das intellektuelle und literarische Pariser Milieu extrem tolerant. Man wollte diesen Fehler, den größten französischen Dichter zu verurteilen, nie wieder begehen. Also war man nachsichtig mit André Gide, und möglicherweise auch mit Foucault.

Sie sind 1965 geboren, ein Kind der Boomer mit ihren Utopien von grenzenloser Freiheit. Und verkörperten später selbst das Enfant terrible im hedonistischen Paris.

Meine Eltern ließen sich 1972 scheiden, danach erlebte ich als Kind ihre Befreiung. Ich sah meine Mutter ständig mit verschiedenen Liebhabern, hatte verschiedene „Stiefväter“. Mein Vater umgab sich mit seinen Affären und Freundinnen und veranstaltete diese mondänen Abende. Ich war acht, neun Jahre alt und sah Dinge, die ein Kind lieber nicht sehen sollte. Es ist nicht normal, am Wochenende nackte Mädchen bei seinem Vater zu treffen oder Erwachsene, die Drogen nehmen. Ich war Teil und Opfer dieser sexuellen Befreiung.

Inwiefern?

Kinder lieben Strukturen. Ich bin ohne jegliche Struktur aufgewachsen, aber ich hatte Glück. Ich wurde nicht von einem Pädophilen vergewaltigt. Es wäre beinahe passiert. Ein Nachbar in unserem Wohnhaus hat mich in sein Zimmer eingeladen. Dann hat er mir Kekse gegeben und meine Haare gestreichelt. Ich spürte, dass es nicht normal war, und erzählte es meiner Mutter. Die sagte, ich solle diesen Monsieur nie wieder sehen. Aber mehreren Freunden von mir ist es passiert.

Zur Person

Frédéric Beigbeder, 55, stammt aus bürgerlichem Hause und wurde 2000 mit dem Roman 39,90 berühmt, in dem er mit der Werbebranche abrechnet. Als DJ, Literaturkritiker und Autor gehört er zur Pariser Kulturelite. Für den autobiografischen Roman Der romantische Egoist erhielt er 2009 den Prix Renaudot. Sein neues Buch Der Mann, der vor Lachen weinte erscheint Anfang Juli bei Piper

Franzosen hegten immer große Sympathien für die Verführer, für Galanterie. Werden sich diese offenen Sitten nach #MeToo und all den Enthüllungen ändern?

Es gab früher immer irgendeine Entschuldigung für den „Typen, der baggert“, solange er kein Vergewaltiger war. Strauss-Kahn hatte diese Reputation des Don Juan, die wertete Politiker sogar auf. Präsidenten wie Mitterrand oder Chirac hatten dieses Image des Verführers. Es war für viele Franzosen Teil ihres Charmes. Heute gibt es klare Gesetze, und diese müssen eingehalten werden. Für eine Frau ist es gefährlich, ins Hotelzimmer eines Mannes zu gehen. Es ist wichtig, festzuschreiben: Wann ist es okay, wann nicht?

Präsident Macron hat 2018 ein Gesetz gemacht, seitdem sind schon anzügliche Kommentare auf der Straße strafbar. Wird sich die Art des Flirtens verändern?

Ich liebe Flirts, sie haben große Theatermacher wie Sacha Guitry inspiriert. In Molières Don Juan gibt es Dialoge, die wunderschön und zugleich total misogyn sind. Aber ich bin auch Vater zweier Mädchen, 21 und fünf Jahre alt. Ich möchte nicht, dass sie schlecht behandelt werden. Frauen und Männer müssen einen neuen Code finden, einen neuen „Vertrag“.

Welchen Code?

Eine andere Art, sich miteinander zu unterhalten. Dialoge, Witze, Fragen, kleine Blicke: Wärst du einverstanden, wenn ich mich dir nähere, darf ich deine Hand nehmen? Diese Art des einvernehmlichen Gesprächs kann erotisch werden, neue amouröse Szenarien können dabei entstehen.

Einer der Codes im elitären Pariser Intellektuellen-Milieu war: „Es bleibt unter uns“ – eine kleine Welt einflussreicher Politiker und Schriftsteller, die auf denselben privilegierten Hochschulen, ENA und Sciences Po, waren. Emmanuel Macron will die ENA abschaffen. Gute Idee?

Macron merkt, wie groß die Wut der Franzosen auf diese hohen Funktionäre ist, die komplette Nieten sind. Sie regieren das Land seit 40 Jahren. Wir zahlen hohe Steuern, aber das Resultat sind Bürokratie und Inkompetenz. Die Leute haben es satt, dass das gesamte politische Personal Frankreichs aus einer einzigen Schule stammt, alle aus einer Muschel. Macron hat selbst die ENA absolviert und würde sie gern behalten. Aber er will keine neue Revolution wie 2018.

Sie meinen, als die Gelbwesten das Land überrollten?

Ja, wir waren nicht weit entfernt von einer Situation, wie sie sich im Januar vor dem Kapitol in Washington abgespielt hat. Die Gelbwesten standen 50 Meter vor dem Élysée-Palast. Und Macron war in seinem Büro und war nicht sicher, ob er da lebend wieder rauskommt (lacht). Er hat Angst, deshalb schafft er die ENA ab!

In Ihrem neuen Roman „Der Mann, der vor Lachen weinte“ trifft Octave – der Held aus Ihrem Bestseller „39,90“ – 20 Jahrespäter auf eine veränderte soziale Wirklichkeit. Auf den Champs-Élysées brennen Autos und das Nobelrestaurant Fouquet’s.

Dieser sehr komfortabel lebende, unverschämte Typ wird plötzlich mit Leuten konfrontiert, die mit dem Rücken zur Wand stehen, die was zu essen suchen. Sie reißen keine Witze, sie haben keine Zeit dafür. Ich wollte einen Mann zeigen, der die Mechanismen des Kapitalismus, der Werbung und des Konsums kritisiert hat. Der über Revolution redet, ohne sie jemals zu machen.

Sie sind das beste Beispiel.

Ja, wie meine ganze Generation. Die der Ironie, der Lächerlichkeit. Wir machen Witze über die Mächtigen, aber ändern die Welt nicht. Und dann kommt diese Bewegung, die sagt: Echt, ihr habt Angst vor dem Ende der Welt? Wir haben Angst vor dem Ende des Monats.

Es gibt eine Not, die verdrängt wurde?

Bourgeois, die sich links nennen, waren blind dafür. In dem Radiosender, bei dem ich als Kolumnist gearbeitet habe, France Inter, da gab es lauter Leute, die sich für engagiert, ökologisch, progressiv gehalten haben – und plötzlich kam die wahre Revolution.

Fehlt den Franzosen die radikale Gesellschaftskritik?

Sie hörte nach dem Mauerfall und der Implosion aller politischen Utopien auf – und wurde durch Ironie ersetzt. Als ich an Sciences Po war, da hat jeder, der aufrichtige, romantische Dinge gesagt hat – über die Liebe oder Politik –, sie danach sofort ins Lächerliche gezogen: Wir sollten den Reichtum teilen und den Armen geben? Wie komisch. Ich liebe dich? Lächerlich. Im Bistro, in den Familien wurde die ganze Zeit gespottet. Man hörte selten: Auf dieser Welt funktioniert gar nichts, wir müssen was ändern. Das war für uns oll, Mai 68, Kommunismus.

Ideen von gestern.

Ja, und es ist dieser Zynismus, der den illusionslosen Typen in meinem Roman ermüdet. Er wollte mit Sarkasmus vor seinen Problemen fliehen und ist mit 50 Jahren unfähig, eine Sekunde lang ernst zu sein. Er fragt sich: Was stimmt nicht mit mir? Er geht raus, sucht Girls, schnieft Kokain auf der Toilette. Während das Land auf den Barrikaden ist.

Autor:innen wie Annie Ernaux, Didier Eribon und Édouard Louis setzen sich sehr ernsthaft mit sozialer Herkunft auseinander. Was stört Sie daran?

Es gibt inzwischen so einen Wettbewerb: Wer leidet am meisten?

Sie nennen Édouard Louis in einer Kolumne für den „Figaro“ „Chef des Opfer-Unternehmens“, er betreibe „Klageliteratur“. Wie kommen Sie darauf?

Ich beurteile ein Buch nicht nach dem Grad des Leidens seines Autors, sondern nach Qualität und Stil, dem Gefühl, das es auslöst. Édouard Louis’ letztes Buch über seine Mutter war das beste. Es war sicher hart, mit einer bestimmten sexuellen Orientierung in einem bestimmten Milieu in Frankreich aufzuwachsen. Aber Édouard Louis ist ein Beispiel für sozialen Aufstieg geworden, er hat es von unten auf die Eliteschule ENS geschafft, ist weltweit ein gefeierter Schriftsteller. Wieso nur über Schmerz schreiben?

Tun Sie doch auch.

Ja, vielleicht rede ich da gerade auch über mich. Was machen wir mit unseren Wunden? Lecken wir sie uns, reißen wir sie auf, oder verwandeln wir sie in etwas anderes? Literatur sollte nicht zu explizit sein. Keuschheit lässt Leser mehr weinen als Exhibitionismus. Mein Problem mit Édouard Louis ist kein soziales, sondern vielmehr ein literarisches.

Es ist ein Generationenproblem, oder?

Klar, ich bin 25 Jahre älter als Louis. Ich suche Bücher, die Widersprüche zeigen. Diese neue Generation mag Bücher, die die Dinge vereinfachen: Es gibt die Guten und die Bösen. Dabei stecken beide meist in derselben Person.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 09.05.2021
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

Ausgabe 19/2021

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