„Ich suche Worte“

Interview Santiago Amigorena ist der Enkel polnisch-jüdischer Exilanten. Sein Roman über die Familie hilft ihm auch selbst
„Ich suche Worte“
Einmal Exilant, immer Exilant: Santiago Amigorena

Foto: Helene Bamberger/Opale/Leemage/laif

Er ist sofort bereit, sich für ein Gespräch über Video zu treffen. Santiago Amigorena sitzt in seiner Pariser Wohnung, umgeben von Bücherregalen aus dunklem Holz, an einer Wand hängt eine schwarze Maske. In seinem Roman Kein Ort ist fern genug (Aufbau 2020) erzählt er die wahre Geschichte seines jüdischen Großvaters, der in Argentinien von der Auslöschung der Juden erfährt, unter ihnen seine eigene Mutter. Das Buch wurde in Frankreich zum Bestseller und war unter anderem für den Prix Goncourt nominiert.

der Freitag: Herr Amigorena, wie geht es Ihnen mit den Corona-Beschränkungen?

Santiago Amigorena: Wir sind hier alle deprimierter als beim ersten Mal. Damals hatte es sogar was Komisches. Diesmal ist die Lage hoffnungsloser, weil es sich wiederholt, diese Wiederholung ist schwer auszuhalten. Covid verändert das Leben der Menschen radikal, vor allem das der Ärmsten.Oder der Kulturschaffenden. Mir geht es aber gut, für Schriftsteller ist das einfacher.

Die Stimmung im Land ist nach den islamistischen Anschlägen noch getrübter. Wie ist Ihr Blick auf diese Lage?

Es ist kompliziert. Frankreich ist seit dem Zweiten Weltkrieg auf zwei Lügen gebaut. Eine besteht darin, dass man sich als Kriegsgewinner ausgibt. De Gaulle redete vom „triumphierenden Land“. Dabei ist es ein Land, das den Krieg verloren hat, aber später von Churchill eingeladen wurde, sich auf die Seite der Alliierten zu stellen. Die andere Lüge besteht darin, dass man jedem weisgemacht hat, die wahren Antisemiten von heute seien die Araber. Diese beidenLügen sind ausschlaggebend für alles, was später kam, den Algerienkrieg, die Desaster von heute.

Sie meinen das Schweigen? Weil die Kollaboration und die Gräuel des Algerienkriegs noch immer Tabuthemen sind?

Ja, es ist schwierig, über diese Dinge offen zu reden, sich damit auf unideologische Weise zu beschäftigen. All diese „professionellen“ Politiker, die sich noch immer auf den Gaullismus oder das Vaterland berufen, auf die Menschenrechte, auf das Jahrhundert der Aufklärung: Sie leben in einer kompletten Verneinung der Realität. Frankreich ist heute ein „petit pays“…

... im Ernst, ein kleines Land? Sogar Präsident Macron schwört auf Frankreichs Größe oder möchte sie wieder etablieren.

Ja, aber politisch hat es eben nicht mehr diese enorme Bedeutung. Und auch ökonomisch ist Frankreich nun mal viel unwichtiger als Deutschland. Es ist eine absurde Situation. Politiker sagen: Unsere Werte sind universell, aber das sind nur leere Sprüche. Sie stellen sich den wirklichen Problemen nicht. Dem Rassismus, der in Frankreich schon immer sehr stark war. Oder der sozialen Lage. Die Leute, die heute besonders rassistisch auftreten, das sind nun mal die Ärmsten. Weil die Realität nicht dem Selbstbild entspricht, wird sie verdrängt.

Sie erzählen in Ihrem Roman von Vicente, der in Buenos Aires lebt. Eigentlich heißt er Wincenty, weil er 1928 aus Polen kam. Er hat ein gut gehendes Möbelgeschäft, eine schöne Frau und drei Kinder, er liebt Bars und Poker. Als er nach und nach mitbekommt, was seit 1939 in Polen geschieht, fühlt er sich hilflos, bekommt Schuldgefühle. Er verstummt.

Ich wusste immer, dass ich eines Tages ein Buch über das Schweigen meines Großvaters schreiben würde. Bisher hatte ich immer über mein eigenes Schweigen geschrieben. Ich wusste ja, dass er sehr verschlossen war, niemals über die Shoa redete und den Tod seiner Mutter in Treblinka. Den Tod seines Bruders. Das war kein Geheimnis, alle in der Familie wussten über das Schweigen meines Großvaters Bescheid. Mich beschäftigt das alles seit langem.

Sie sind Erbe dieses Schweigens, für die Enkel kann das eine Bürde sein.

Ja, wir wollen es brechen. Auch mein Cousin hat vor einigen Jahren ein Buch über seine beiden Großväter veröffentlicht. Als ich es las, da war mir sofort klar: Ich muss über das Schweigen schreiben, was er nicht getan hat. Dann gab es die Briefe zwischen meinem Großvater und meiner Urgroßmutter, die meine Mutter vor einigen Jahren übersetzt hat. Der junge Mann in meinem Buch ist eine Figur, die aus Gesprächen und Briefen entstanden ist.

Sie waren acht Jahre alt, als Ihr Großvater starb. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Ich erinnere mich daran, wie wir zusammen in den Straßen von Buenos Aires spazieren gegangen sind, er ist ja niemals nach Europa zurückgekehrt. Ich erinnere mich an einen sehr alten Mann. Er ist nach dem Krieg so schnell gealtert. Vor allen Dingen erinnere ich mich an meine Großmutter. Sie starb, als ich 17 war.

Zur Person

Santiago Amigorena, 1962 in Buenos Aires geboren, lebt und arbeitet in Paris. Er ist Drehbuchautor, Filmemacher und Schriftsteller. Gefeiert wurde sein Film A Few Days in September (2006) mit Nick Nolte und Juliette Binoche, die seine Lebenspartnerin war. 2019 kam Einsam, Zweisam ins Kino. Sein Roman Kein Ort ist fern genug erscheint in zwölf Ländern weltweit

Konnten Ihre Eltern mit Ihnen über diese Vergangenheit reden?

Mein Großvater hatte drei Töchter und einen Sohn. Alle drei Frauen sind Psychoanalytikerinnen geworden. Die Jüngste wurde 1945 geboren, sie lebt in England. Sie alle drei verbrachten also die meiste Zeit ihres Lebens mit Zuhören, nicht mit Reden.

Und Ihr Vater?

Er ist auch Psychoanalytiker und redete wenig. Wir sind es, meine Generation, die meines Cousins, die nun versuchen, Worte zu finden, um das Schweigen zu beschreiben. Wahrscheinlich werden es erst unsere Kinder und Enkel sein, die wirklich unbefangen davon erzählen können.

Sie haben zusammen mit der Schauspielerin Julie Gayet zwei erwachsene Söhne. Wie können Sie den Kindern vermitteln, wo sie väterlicherseits herkommen?

Ich habe drei Kinder, zwei Jungs, 20 und 24 Jahre. Und ein Mädchen mit meiner jetzigen Frau. Die Kleine ist gerade 15 Monate alt.

Oh, Glückwunsch.

Mit ihr rede ich schon viel mehr, als ich es mit meinen Söhnen jemals getan habe. Dabei würde ich ihnen gerne mehr über meine Familiengeschichte erzählen, jetzt, wo sie sogar aufgeschrieben ist.

Haben Ihre Söhne denn Ihr Buch gelesen?

Einer liest es gerade, er ist fast fertig, der andere möchte es nicht lesen. Sie wollen beide nicht zu sehr Teil von meinem Leben sein, das außerhalb der Familie stattfindet. Sie wollen mich als Vater, nicht als Schriftsteller. Ich habe meinen Söhnen von Argentinien erzählt, vom Exil, wir sind auch mehrmals hingefahren, haben meine Tanten und Cousinen besucht.

Mit zwölf Jahren kamen Sie mit Ihren Eltern, die vor der Militärdiktatur flüchteten, aus Buenos Aires nach Paris.

Ja, aber ich habe mich in Frankreich niemals zu Hause gefühlt. Ich glaube, ich leide am typischen „Exilanten-Syndrom“. Wenn man einmal im Exil war, dann gibt es keinen Ort mehr, der diese Rolle eines „Zuhauses“ ausfüllen kann. Die französische Sprache ist eine Form des „chez moi“: Ich schreibe auf Französisch. Aber obwohl meine drei Kinder Franzosen sind, kann ich das von mir selbst nicht sagen. Gleichzeitig nervt es mich, wenn man mich den franko-argentinischen Schriftsteller nennt. Nein, ich bin ein französischer Schriftsteller. Ich schreibe schließlich auf Französisch.

Ihr Großvater wollte in Buenos Aires alles Jüdische hinter sich lassen, er wollte Spanisch statt Jiddisch reden, er träumte davon, ein Anderer zu werden. Können Sie das verstehen?

Wer ich bin, wo ich mich zu Hause fühle, hat rein gar nichts mit dem Judentum zu tun. Ich fühle die Scham meines Großvaters nicht, der in einem Moment beschlossen hatte, aus Polen wegzugehen, als es vielleicht besser gewesen wäre, zu bleiben. Er hat seine Mutter dort zurückgelassen. Meine Mutter oder meine Großeltern haben mir nie etwas Religiöses oder Kulturelles vermittelt, das mit dem Jüdischsein zu tun hat. Andererseits steckt in mir ein gewisser Humor, ich ahne, wo er herkommt.

Von jüdischem Leben erfährt man meist nur, wenn Synagogen, ein Supermarkt oder Friedhöfe angegriffen werden. Gibt es einen normalen Alltag?

Das hat mich nie sonderlich interessiert, in meiner Familie war es nie so ein Thema. Aber der Roman hat mein Verhältnis zur jüdischen Community verändert. Ich bekomme auf einmal Einladungen zu Diskussionen, gehe da hin, rede mit den Menschen. Vergangene Woche saß ich auf einem Podium des zentralen Shoa-Denkmals in Paris. Eine Überlebende erzählte von ihren Erinnerungen ans Warschauer Ghetto. Und ich hatte ein langes Gespräch in der Zeitschrift Tenou’a, die von Delphine Horvilleur, einer jüdischen Rabbinerin, herausgegeben wird.

Sie ist eine populäre Stimme in Frankreich.

Durch unser Gespräch habe ich gemerkt, dass es ein interessantes jüdisches intellektuelles Leben gibt. Es ist sehr links, es ist mir nahe. Seltsam, in meinem Pariser Alltagsleben fühle ich mich oft mehr arabisch als jüdisch.

Wie meinen Sie das?

Ich bin immer auf der Seite der Schwächeren. Der anti-arabische Rassismus ist viel größer als der Antisemitismus –, auch wenn der schrecklich ist. Aber man sieht jeden Tag diese starken Ressentiments gegenüber Maghrebins.

Ist es nicht auch umgekehrt so?

Ich wohne im 11. Arrondissement, ungefähr 100 Meter von einer Moschee entfernt, die als radikal gilt. Und 50 Meter weg von der Tür dieser Moschee steht eine jüdisch-orthodoxe Schule. Man kann richtig spüren, wie verschreckt die Gläubigen auf beiden Seiten sind.

Sie haben mal gesagt, Sie würden wenig von Erinnerungspflicht halten, der sogenannten„devoir de mémoire“. So hat das auch die ehemalige Politikerin Simone Veil gesehen. Aber Ihr Buch spricht eher dagegen – Sie wollen Erinnerung weitergeben, oder?

Ich fand immer, man muss die Erinnerung leben lassen, so wie sie leben will. Damit geht auch einher, dass ein großer Teil vergessen wird, aber das gehört eben dazu. Es gibt ein Gedicht von Pasolini, dem italienischen Regisseur. Darin heißt es: „Derjenige, der vergisst, genießt mehr als derjenige, der sich erinnert.“ Ich muss oft daran denken. Denn ich schreibe, um zu vergessen. Wenn ich über das Schweigen meines Großvaters schreibe, dann damit ich ohne diese Erinnerung weiterleben kann.

Geht das denn?

So mittelmäßig, ich rede ja immer noch darüber. Immerhin funktioniert es für mich besser, als wenn ich nicht darüber schreiben würde. Denn ich würde noch mehr leiden, wenn ich über meine Vergangenheit schweigen würde.

Sie erzählen in Ihren Romanen auch von der Liebe, aus ähnlichen Gründen, um es zu vergessen?

Ja, ich schreibe über meine verflossenen Lieben mit demselben Ziel: sie hinter mir zu lassen. Außer in meinem letzten Buch – da erzähle ich von einer Liebe, die noch existiert, die also gegenwärtig ist. Ich schreibe offenbar manchmal auch, um zu begreifen, was ich gerade erlebe. Was Liebe eigentlich ist. Darauf gibt es so viele verschiedene Antworten.

Im Moment beschäftigen sich viele französische Literaten stark mit den Zerklüftungen der Gesellschaft.

Ich lese kaum zeitgenössische französische Literatur. Ich lese viel, (er hält Werke von Derrida und Foucault in die Kamera), aber eher philosophische Bücher. Es gibt in Frankreich diese Tendenz, sofort über etwas zu reden, was gerade passiert ist. Es kam #metoo und dann sind lauter Bücher erschienen, die davon erzählen. Natürlich ist es wichtig, aber Literatur sollte nicht so schnell sein.

Welche Schriftsteller haben Sie geprägt?

Proust und Joyce, als ich mit dem Schreiben angefangen habe. Eine Weile habe ich viel Handke gelesen, aber das ist 15 Jahre her. Ein Buch von mir heißt: Mes derniers mots – meine letzten Worte. Darin zitiere ich häufig aus Hyperion von Hölderlin.

Von dem deutschen Dichter schwärmte auch Ihr Großvater.

Ich weiß nur, dass er die deutsche Poesie liebte. Hölderlin, das bin ich.

Was wünschen Sie Ihren Kindern?

Es gibt ein jüdisches Sprichwort, das ich sehr mag: „Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“

Monsieur, das ist von Goethe.

Ja, es gibt viele Übersetzungen. Die Juden sagen, es kommt von ihnen.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 19.11.2020
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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