Idai und ich

Interview Als ein Zyklon Mosambik verwüstet, weiß die Apothekerin Cornelia Muhr sofort: Sie muss dorthin, um zu helfen

Seit in der Nacht zum 15. März in der Nähe der Stadt Beira der Zyklon Idai auf die Küste Mosambiks traf, kamen etwa 1.000 Menschen ums Leben. Der schwere Tropensturm hatte auch Malawi und Simbabwe verwüstet, aber vor allem in Mosambik wurden riesige Landstriche unter Wasser gesetzt. Bislang gibt es allein 7.500 Malariafälle, hinzu kommen Cholera und andere Krankheiten. Apotheker ohne Grenzen schickte drei Nothelfer ins Katastrophengebiet, die die Menschen mit Arzneimitteln versorgen sollen. Eine Helferin ist die 31-jährige Cornelia Muhr.

der Freitag: Frau Muhr, wie sind Sie zu Ihrem Nothilfeeinsatz in Mosambik gekommen?

Cornelia Muhr: Als die Bilder von dem Zyklon Idai um die Welt gingen, habe ich Apotheker ohne Grenzen, bei denen ich seit 2007 Mitglied bin, sofort meine Hilfe angeboten. Nach ersten Meldungen und einem offiziellen Hilfsaufruf der Regierung aus Mosambik war schnell klar, dass ein Team die Lage vor Ort auf einen möglichen Einsatz prüft – danach ging alles sehr schnell. Ich hatte nach der Entscheidung für den Einsatz noch drei Tage Zeit, bis ich im Flieger nach Mosambik saß. Bis dahin mussten meine Vorbereitungen für den möglichen Einsatz bereits abgeschlossen sein.

Welche Vorbereitungen mussten Sie treffen?

Dazu gehörten Rücksprachen auf der Arbeit, mit der Familie oder noch mögliche Auffrischungen des Impfstatus. Die lange Anreise führte mich dann mit der Bahn von Berlin nach München und dann weiter mit dem Flieger über Nacht nach Johannesburg. Am nächsten Morgen ging es weiter nach Maputo, von der mosambikanischen Hauptstadt brachte uns dann ein letzter Flug nach Beira.

In die „Stadt ohne Dächer“.

Ja, in diesen Ort, der im Zentrum der Zerstörung lag.

War es Ihr erster Einsatz?

Ja, aber ich war schon einmal in Mosambik, habe mich dort mit der örtlichen Medikamentenversorgung im Rahmen der Recherche für ein Entwicklungsprojekt beschäftigt und kannte mich aus. Mein Onkel hatte dort damals für ein Entwicklungsprojekt gearbeitet. Außerdem spreche ich als Einzige aus unserem dreiköpfigen Team fließend Portugiesisch – die offizielle Landessprache.

Was kann man als Apothekerin konkret tun?

Jeder Tag ist anders und muss neu organisiert werden. Es gibt in solchen Notfalleinsätzen selten Routine. Nach unser Ankunft haben wir als Erstes eine Bedarfsanalyse für Medikamente in der Apotheke eines Centro de Saúde gemacht. Das sind die Gesundheitszentren unser Partnerorganisation vor Ort, Esmabama. Danach haben wir eine Bestellung von Arzneimitteln aufgegeben, die auf die dortigen Bedürfnisse angepasst ist. Die Patientenzahlen haben sich seit der Katastrophe verdoppelt und die Medikamentenvorräte, vor allem für Cholera und Malaria, waren fast aufgebraucht.

Woher haben Sie das Wissen, wo man die Medikamente bestellt?

Es wurde uns vorher in Schulungen des Vereins vermittelt – auch wie man die Notmedikamente zusammenstellt. Die Schulungen sind die Bedingung für einen Auslandsaufenthalt.

Was leisten Sie noch?

Wir helfen in Camps von Esmabama, in denen bis zu 200.000 Menschen betreut werden. Die Abgabe der Medikamente wollen wir aber nach Möglichkeit dem lokalen Personal überlassen, um vor Ort keine Strukturen zu zerstören. Diese Ärzte und Apotheker kennen ihre Patienten auch besser. Wir unterstützen sie natürlich, wo wir können. Eine weitere Form der Hilfe sind unsere mobilen Kliniken. Sie bestehen meist aus einem Arzt und einem Apotheker, die zu Patienten fahren, die das Camp nicht erreichen können.

Man muss in Extremsituationen funktionieren, auch wenn man sich gar nicht kennt.

Ja. Meine beiden Kollegen habe ich erst auf dem Flughafen kennengelernt. Das ist ein Moment, den man mit Spannung erwartet, weil man die nächsten 14 Tage zusammen verbringt und auch oft besonderen Situationen ausgesetzt ist. Wir arbeiten fast jeden Tag von 7 bis 22 Uhr zusammen, was auch eine körperliche Herausforderung ist. Wollen Sie ein Beispiel für eine traurige Situation?

Erzählen Sie bitte.

Die erste große Medikamentenlieferung war für Mittwoch angekündigt, ist aber erst Samstag angekommen. Das führte dazu, dass Menschen mit Malaria ohne Behandlungsmöglichkeit vertröstet werden mussten. Das geht an die Substanz. Man baut Beziehungen zu den Menschen auf und möchte sie nicht enttäuschen.

Solche psychischen Belastungen kommen zu den körperlichen hinzu?

Ja. Ein großes Problem ist auch oft die Sprache. Selbst wenn man die offizielle Landessprache spricht, gibt es verschiedene lokale Dialekte, mit denen man dann nicht vertraut ist. Auch die Einnahmeempfehlung ist in anderen Ländern meist unterschiedlich, nicht so wie man es aus Deutschland kennt. So bedeutet 3 x 1 bei uns drei Tabletten am Tag (morgens, mittags, abends). In anderen Ländern kann dies aber auch bedeuten drei Tage lang eine Tablette.

Woran muss man noch denken?

Viele Medikamentenlager in Mosambik wurden durch die Überschwemmungen zerstört. Wenn man nun neue Medikamente ins Land bringt, muss man sicherstellen, dass diese vor Ort bekannt sind. Für die erste Hilfe nach einer Katastrophe hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) standardisierte Notfallpakete erstellt, die sogenannten Emergency Kits. Sie werden von der WHO definiert und auch international beschriftet. Damit kann man als Apothekerin viel einfacher umgehen, als wenn man etwa mit deutschen gespendeten Medikamenten arbeiten müsste.

Wie sind Ihnen die Menschen in Mosambik begegnet?

Auch wenn wir in einer Situation arbeiten, die extrem und wirklich alles andere als erfreulich ist, sind die Begegnungen mit diesen freundlichen, aufgeschlossenen und sehr dankbaren Menschen eine enorme Bereicherung. Zur Aufheiterung wird einem dann lokale Musik vorgespielt und vorgeführt, wie man dort tanzt.

Das Tanzen haben die Menschen trotz des Zyklons nicht verlernt?

Nein, im Gegenteil. Am mosambikanischen Frauentag, der dort am 7. April begangen wird, haben die Frauen bis fünf Uhr morgens gefeiert. Die Männer haben Rücksicht genommen und sich nicht beschwert. Auch die Kinder kommen ständig bei uns Helfern und Ärzten vorbei. Wir spielen Flugzeug mit ihnen oder bringen sie mit kleinen Gesten zum Lachen. Vor allem freuen sich die Menschen, wenn man in der lokalen Sprache „Ndao“, Hallo, zu ihnen sagt.

Bekamen Sie denn im Vorfeld psychologische Hilfe?

Ja, dennoch trifft einen so ein Nothilfeeinsatz immer überraschend. Man kann nur spontan planen und sich darauf einstellen. Natürlich wünschte ich mir immer, ich hätte mehr Zeit gehabt, um mich noch besser vorzubereiten. Wir hatten jedoch verschiedene Einsatzkräfteschulungen von Apotheker ohne Grenzen. Dort wird man praxisnahen Stresssituationen ausgesetzt, um die Belastbarkeit von den Nothelfern zu testen und sie seelisch darauf vorzubereiten, was es bedeutet, in einem „richtigen“ Einsatz zu sein. Man kann Eindrücke gewinnen, was einen in so einer Realität erwarten könnte, die ist dann natürlich aber schwerer zu verdauen.

Wer kümmert sich vor Ort um Nothelfer?

Man wird vor, während und nach dem Einsatz von erfahrenen Mitgliedern des Vereins betreut. Das sind die sogenannten Peers. Sie waren alle schon mehrmals im Einsatz und haben eine Ausbildung in „Psychologische Begleitung in einem Einsatz“ erhalten. Sie kümmern sich um uns (siehe Kasten, Anm. d. Red.).

Cholera und Malaria sind in Mosambik längst nicht besiegt. Worin besteht für Sie in so einem Einsatz ein Erfolg?

In unserem Falle ist es wunderbar, dass wir die Arzneimittel für das von uns betreute Camp wiederbeschaffen konnten. Damit helfen wir, die Patienten zu heilen und weitere Ausbrüche von Cholera zu begrenzen. Aber noch immer bringen Dreck, Schlamm und unhygienische Verhältnisse in den verwüsteten Orten natürlich große Krankheitsgefahren mit sich, vor allem für die Kinder.

Sie sind vor ein paar Tagen nach Deutschland zurückgekehrt. Wie hat die Erfahrung in Mosambik Sie verändert?

Wenn man aus dem deutschen Alltag kurzfristig in einen solchen Einsatz kommt, verschiebt sich das eigene Problembewusstsein. Man wird sehr dankbar für das Leben in Sicherheit und Gesundheit, das man hier in Deutschland hat. Und auch das gute Gefühl, anderen Menschen zu helfen, beflügelt einen – hoffentlich noch lange danach.

Mit Traumatisierten umgehen

Cornelia Muhr hat in Berlin und Freiburg Pharmazie studiert, ihre Diplomarbeit schrieb sie in Bra-silien. Seit 2018 arbeitet sie für das Pharmaunternehmen Inceptua.

1985 wurde in Frankreich nach dem Vorbild von Ärzte ohne Grenzen der Verein Pharmaciens sans frontières gegründet. Als nationale Vertretung entstand im Jahr 2000 Apotheker ohne Grenzen Deutschland e. V. (AoG). Der Verein leistet neben Nothilfeeinsätzen wie jetzt in Mosambik auch langfristige Entwicklungszusammenarbeit mit Projekten in Ländern wie Kenia, Mexiko oder an der syrisch-türkischen Grenze. Und er ist nicht nur im Ausland tätig: In Mainz und Berlin arbeiten AoG mit karitativen Projekten für eine bessere medizinische Versorgung von Bedürftigen.

In Mosambik steht auch die Verbesserung der Trinkwasserversorgung auf dem Plan, um die Ausbreitung von Cholerafällen zu verhindern. Koordiniert wird der Einsatz von der AoG-Geschäftsstelle in München – zusammen mit dem langjährigen technischen Projektpartner NAVIS aus Moosburg an der Isar sowie dem lokalen Partner Esmabama aus Mosambik.

Einsatzkräftefürsorge ist wichtig bei AoG. Die Nothelfer sollen vor, während und nach einem Einsatz betreut werden. In speziellen Peers-Schulungen werden erfahrene Einsatzkräfte trainiert. Sie lernen, wie man sich verhält, wenn ein Kollege traumatisiert ist.

11:50 25.04.2019
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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