Kant und Krieg

Medien Markus Lanz und Richard David Precht wurden einst belächelt, heute gelten beide als TV-Instanzen. Ihr Podcast-Mix aus Fragen und Philosophie erinnert an Sokrates
Kant und Krieg
Was bedeutet dieser Fisch im Aquarium? Precht hätte sicher eine Interpretation parat

Foto: Andreas Teichmann/laif

Es war im Frühling 2009, wir waren zum Interview verabredet. Richard David Precht lebte damals in einer Altbauwohnung in Berlin-Mitte, „temporär“, wie er sagte. Sein Buch Liebe war erschienen, Precht trug Kurzhaarschnitt, weißes Hemd, Glattrasur. Neben ihm saß seine Frau, eine luxemburgische Fernsehjournalistin, die ihn manchmal einfach unterbrach. „Nein, Richard, das ist ganz anders gemeint.“ Er nickte, lächelte, lobte sie als Ideengeberin. Precht war gerade mit einem Bestseller berühmt geworden, der Philosoph, der den Elfenbeinturm verlassen hatte und komplexe Dinge einfach erklären konnte.

Einige Jahre darauf sah ich ihn im ZDF wieder, spätabends beim Zappen. Da saß er, hatte inzwischen eine eigene Sendung, die seinen Namen trug. Precht plaudert mit namhaften Menschen über irgendein gesellschaftliches Thema. Er wirkte sehr eloquent, ein bisschen belehrend. Precht war der Fernsehphilosoph geworden, eine Marke, ein Popstar.

Die Franzosen haben Raphaël Enthoven und Bernard Henri-Lévy – dandyhafte Welterklärer. BHL ließ sich im weißen Dior-Hemd zwischen afghanischen Kämpfern in den Bergen fotografieren.

Die Deutschen haben Precht. Der mit seinen populär-philosophischen Büchern Millionen Leser erreicht, für Intellektuelle aber eher ein Dampfplauderer ist. Precht hockt ständig auf irgendwelchen Podien und in Talkshows, er trägt Seidenschals und Dreitagebart, befeuert mit dem Habitus seine Kritiker. Inhaltliche Substanz? „Precht macht dumm“, urteilte Zeit Online. Er sage einfach zu allem was, Digitalisierung oder künstliche Intelligenz, Bildung oder bedingungsloses Grundeinkommen (dafür!). Viel zu oberflächlich.

Markus Lanz kennt solche Attacken, auch er war als Moderator erfolgreich, musste aber viel Häme aushalten. Manche Medienjournalisten sahen in seiner Sendung den Untergang der öffentlich-rechtlichen Talkshow. Stefan Niggemeier bloggte vom „Dackelblick, der Witzelsucht, der konsequenten Unterforderung des Zuschauers“.

Graumelierte Mittfünfziger

Als ich Markus Lanz vor vielen Jahren (2013) in einem Freitag-Text verteidigte, wurde ich von Kollegen belächelt. Es klang wie Boulevard. Lanz, in der linken Zeitung? Mich beeindruckte es damals, dass er sich für seine Gäste interessierte, FDP-Politiker, Howard Carpendale oder Weltumsegler. Er war neugierig, konnte zuhören, war offen. Mittlerweile ist die Sendung härter, politischer geworden und damit einflussreicher. Natürlich war Precht auch schon da. Sie mögen und schätzen sich seither.

Zusammen betreiben die beiden jetzt den Podcast Lanz & Precht. Zwei graumelierte Mittfünfziger in blau-schwarzen Hemden, die über „aktuelle Themen mit politischer und gesellschaftlicher Relevanz“ diskutieren wollen. Weil ich die Geschirrspülmaschine ausräumen muss, höre ich mir nebenbei die erste Folge an. Es geht um Merkels Kanzlerschaft, den Wahlkampf der Grünen, Baerbock oder Habeck, Deutschlands Krise – nicht überraschend. „Überforderung“ auf allen Ebenen. Die Hälfte des Podcasts ist schon vorbei, es sind Begriffe wie Moralindustrie und Entrüstungspessimismus gefallen, da erzählt Lanz von einer Frau aus Kabul, die nach Deutschland geflüchtet ist und später als Juristin wieder in ihr Land zurückging. Sie hatte in seiner Sendung neben Welt-Chef Ulf Poschardt gesessen, der von Moral redete, und Linken-Spitzenkandidat Dietmar Bartsch, dem das Wort Raushalten routiniert über die Lippen kam. Nur keine Interventionskriege. „Wie siehst du das?“, fragt Lanz. „Da bin ich völlig bei Dietmar Bartsch“, erklärt Precht trocken. Wie könne man auf die Idee kommen, zu behaupten, es sei bei diesem Einsatz jemals um moralische Gründe gegangen? Die Bundeswehr habe in Afghanistan einfach nicht gewusst, was sie machen solle, denn sie hatte kein Mandat, Terroristen zu jagen: „Sie war nur symbolisch da.“ Precht wird rigoroser, er fädelt chronologisch auf, wie von Fischer und Schröder über Cem Özdemir immer neue „vorgeschobene“ Begründungen für den Einsatz gefunden wurden. Frauen zu helfen sei ja grundsätzlich in Ordnung. „Aber war es sinnvoll, das ausgerechnet in Afghanistan zu tun?“

Lanz schweigt. Kommt noch irgendwas Philosophisches?

Precht zählt die Kosten auf: 12,5 Milliarden für deutsche Steuerzahler, für die Amerikaner waren es mehr als eine Billion: Wo hätte man überall mit diesem Geld helfen können, wie viele Kinder ernähren, „wie viele Schulen hätte man bauen können, wie viele Brunnen?“, sagt Precht. Er klingt jetzt wie ein linker Aktivist. Warum habe man sich nicht vorher überlegt, was aus den Leuten und aus dem Land wird, wenn die Besatzer wieder weg sind?

Die gesamte ökonomische Infrastruktur sei kaputt gegangen, die Taliban hätten das Land in den vergangenen 20 Jahren beherrscht. Die Bundeswehr sei mit dem Wissen dahin gegangen, dass sie wieder abziehen wird. Precht nennt es den „Gipfel der Verlogenheit“. Er erklärt den Unterschied zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik sehr einleuchtend an diesem Beispiel. Dann zitiert er aus Kants Ewigem Frieden. Wie Precht seine Philosophie zu den Menschen bringt, auf unsere Gegenwart anwendet – und Lanz’ Fragetechnik, es beruht auf den Ideen eines alten Griechen: Das Prinzip Sokrates.

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06:00 18.09.2021
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Ausgabe 38/2021

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