Kommen, Bleiben, Gehn

Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel machte zu DDR-Zeiten Liedertheater und ist heute einer der erfolgreichsten deutschen Chansonniers. Im Gorki-Theater hat er seine neue CD vorgestellt

Er war der Clown, der mit dem weißen Gesicht und roten Mund, ein Grübler mit Akkordeon. Die meisten Leute, die am Mittwoch Abend ins Maxim-Gorki-Theater gekommen sind, kennen Hans-Eckardt Wenzel schon seit DDR-Zeiten und folgen ihm seit vielen Jahren. Manche haben sich zuvor im Foyer noch ein himmelblaues Wenzel-T-Shirt gekauft und über den Pullover gezogen. Der Saal ist ausverkauft, in der ersten Reihe sitzen Christoph Hein und Antje Vollmer, die sich auf ihren aktuellen Lesungen von Wenzel musikalisch begleiten lässt. Er kommt pünktlich auf die Bühne, trägt eine schwarze Stoffhose mit Bügelfalte, blau-weiß-gestreiftes Hemd, Weste, schwarzes Jackett und seine langen Locken. Er sei dankbar, wieder an diesem Ort zu sein, hier habe er am 3. Oktober eines seiner denkwürdigsten Konzerte gegeben. „Wir fingen um 21 Uhr in der DDR an und hörten um 1 Uhr 20 in der BRD auf“, sagt er, setzt sich ans Klavier und spielt "Dankchoral", ein Lied aus der Vorwendezeit, mit ein paar neuen, auf unsere Politiker gemünzte Strophen.

Dann kommt die Band, alle in Schwarz gekleidet, und Wenzels Tochter Karla, im schwarzen Kleid, die selber Sängerin ist und ihn auf Konzerten oft begleitet. Die E-Gitarre setzt ein, der Bass, dann die Trompete. "Krise, Krise – alles heißt jetzt Krise, unsere Devise ist, das Leben ist' ne Krise", singt Wenzel und es klingt ein bisschen nach Pulp-Fiction und dann nach französischem Chansonrock á la Têtes Raides oder Les Hurlements de Léo.

Beim "Lied vom Vergessen" spielt Wenzel selber Gitarre und seine Stimme klingt sanfter. "Wer bringt die Wunder in deinen Hafen, in dieses Dornenbett Vergangenheit...Wie in ein kaltes Zimmer zum schlafen, am Winterabend unsrer Kinderzeit."
Das innere Zerrissen-Sein, das immer nur halbe Leben, der tägliche kleine Widerspruch, er wird bei Wenzel groß und bleibt doch seltsam beiläufig. Nach dem Lied reißt er einen aber wieder heraus, aus dieser tröstenden Wehmut, und thematisiert, was ihn gerade nervt, in unserer schönen Welt, er wird gesellschaftskritisch, und manchmal etwas agitatorisch.

Lieber wieder poetisch

Gerade reibt er sich an den bunten Schwabenkindern in Prenzlauer Berg, vor allem aber am Krieg in Afghanistan. Es folgt "Miserere Militaria" – ein Lied aus dem Jahr 1999, das spöttisch die deutschen Soldaten bedauert, die in Jugoslawien noch nicht richtig mittun durften – mittlerweile habe man ihn aber ja nun erhört, merkt Wenzel lakonisch an. Die Musik wird bedrohlich, sie klingt jetzt wie eine Parade und Wenzel guckt nicht nur böse, sondern er singt auch ketzerisch. Danach aber eine Ballade, er erzählt von den Kriegsversehrten, die in seiner Kindheit noch im Straßenbild gegenwärtig gewesen seien und daran gemahnten, was Krieg bedeutet. Eine gute, persönliche Geschichte, man stellt sich Bruce Springsteen vor, der damit ins amerikanische Gewissen knallen würde.

Wenzel ist zwar nicht der Boss, aber in diesem Moment hat er dessen Intensität, den scharfen Blick, ganz unideologisch – und er bestätigt die Weltsicht seiner Fans, die jetzt sehr leise sind, aber nicht lange. Denn er zelebriert übergangslos das "Sauflied", einen Schlager ohne Zwischentöne, der Gassenhauer für alle.

Im Grunde liebe er aber Operetten, erklärt Wenzel dann, und das Personal unseres aktuellen Kabinetts gebe den Stoff dafür her, „eine Unschuld vom Lande, ein vietnamesisches Waisenkind, ein Homosexueller, ein Behinderter, nur ein Farbiger fehlt noch...“ Aber dann sei es doch nur eine Tragödie geworden. Es ist ein bisschen platt, Wenzel ist schlauer.

Angefangen hat er mit Liedertheater, er hat in Ostberlin die Gruppe Karls Enkel mit begründet und bis Mitte der 90er Jahre mit dem Schauspieler und Sänger Steffen Mensching auf der Bühne Clownsstücke aufgeführt, mit szenischen, subtilen, philosophischen Texten. Die Hammer-Rewüh war zeitweise in der DDR verboten, das Nachwendestück Letztes aus der Da Da eR wurde 1990 verfilmt. Wenzel ist kein argumentierender Politbarde, er ist ein Liedermacher, der kritisch auf die Welt schaut, in der er lebt, er ist tiefsinnig und einer der erfolgreichsten Chansonsänger in Deutschland. Mehrmals hat er den Deutschen Liedpreis gewonnen.

So sehr es ihn drängt, sich zum Zeitgeschehen zu äußern, lieber soll er wieder poetisch werden. So wie im Titelsong der neuen CD Kamille und Mohn, der wieder um das Noch oder Schon, das Hin oder Her, Weitermachen oder Aufhören, Weggehen oder Wiederkommen kreist.

Er ist ein Meister der Abschiede, wenn Wenzel beispielsweise von Joseph Roth singt, der sich in Paris zu Tode gesoffen hat, dann spürt man, er erzählt auch von sich, von den eigenen Gefährdungen. Er ist ja auch ein bisschen gefährdet. Wenzel verehrt den österreichischen Schriftsteller: ein Greis von 45 Jahrn. Die Hoffnung fällt ihm auf den Kopf, mit seinen Haarn. Man kann sinnieren, wie Wenzel durch die Gassen und Bars von Paris streift, wie er sich die Stadt aus der Sicht eines hoffnungslosen Dichters zu eigen macht, und sich dort heimisch fühlt, auf seinen Spuren. Man könnte stundenlang weiter treiben. Aber dann ist Schluß.

Weil Wenzel divenhafte Allüren hier nicht braucht, steht er nach einer Minute mit Band und Tochter wieder auf der Bühne, sie mussten im Saal nur ein bisschen trampeln, er weiß, was sein Publikum hören will und singt "Schöner Lügen", irre Geschichten erzählen, einer fremden Frau, die man beeindrucken möchte, in einer Bar in Soho, über dem es Mond war. Das müsste man können.

Es folgt dann ein vertontes Gedicht der Österreicherin Henriette Haill, der er eine gesamte CD gewidmet hat, auch sie schreibt vom flüchtigen Glück. Am Ende schenkt Wenzel uns noch "Feinslieb, Du lachst dazu", eines seiner wunderbarsten Lieder, das er 1986, inspiriert von einem Heine-Gedicht, verfasst hat. "Lass in dem Kommen, Bleiben, Geh'n, zertanzen uns die Schuh, ich will noch so viel Himmel seh' n, und du, du lachst dazu...", singt er, so als könne man ihn verzögern, den Moment, der vergehen und nur Tristesse zurücklassen wird.

Danach kann nichts mehr kommen, das Licht geht an. Hinterher trifft Wenzel in der Gorki-Kantine seine Freunde, Frauen und treue Fans, darunter Daniela Dahn, die seine Lieder bereits durch den DDR - Alltag gebracht haben. Sie sitzen, verweilen, trinken Bier. Über Berlin war es Vollmond.

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16:45 25.11.2010
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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