Liebe kennt kein Alter

Beziehungen Dass Frauen sich jüngere Männer suchen, wird ­gesellschaftsfähig. Wie leben Paare mit größerem Altersunterschied im Alltag?

Sie galt lange Zeit als bemitleidenswertes Geschöpf, eine verzweifelte Mrs. Robinson, die sich vor dem Älterwerden ängstigte und auf die Jagd nach jüngeren Männern ging: die Cougar-Frau, die ihren Namen von einer kanadischen Raubkatze hat. Mittlerweile, so hat man den Eindruck, ist es selbstverständlich, dass auch ältere Frauen für junge Männer attraktiv sind. Sie gelten als selbstbewusst, sexuell offen, beruflich erfolgreich.

Die 42-jährigen Regisseurin Sam Taylor-Wood erwartet von dem 19-jährigen Schauspieler Aaron Johnson, der im aktuellen Film Nowhere Man John Lennon spielt, ein Kind. Und ein Drittel der über 45-jährigen deutschen Frauen kann sich vorstellen, einen mehr als sieben Jahre jüngeren Partner zu haben. In den USA ist diese Tendenz längst gesellschaftsfähig, nicht nur in Hollywood. Webseiten wie cougarhunter.com oder urbancougar.com reagieren auf dieses sich wandelnde Rollenbild.

Daran, dass ältere Männer sich gern mit jüngeren Frauen zeigen, ändert sich dadurch wenig. Ein oft gehörtes Argument dieser Männer: Junge Frauen halten jung. Stimmt das? Zwei Paare erzählen, wie sie im Alltag mit dem Altersunterschied leben: einmal ist der Mann älter, einmal die Frau.

Stefan A., 54, Investmentbanker, seit drei Jahren mit Nuray D. zusammen

Ich kenne das Klischee, älterer Mann, jüngere Frau, aber ich bin nicht in der Midlife-Crisis. Die Frage, die ich mir in letzter Zeit öfter stelle: In welcher Rolle löse ich Probleme – als Mann oder als Vater? Vor einer Weile haben wir uns einen Traum erfüllt und eine Dogge gekauft. Aber meine Partnerin hat sich plötzlich nur noch mit der Hundeerziehung beschäftigt. Das ging mir auf den Keks. Ich kam gestresst von der Arbeit nach Hause, und sie hat ihre freie Zeit genossen. Sie hat durch mich einen höheren Lebensstandard kennen gelernt, mit Auto und Laptop, den möchte sie nicht mehr aufgeben. Aber sie tut nichts dafür. Das ist nicht gleichwertig. Ich suche keine Tochter, sondern eine Partnerin!

Sex war anfangs schwierig. Sie ist Türkin und nicht so offen wie ich. Ein- oder zweimal im Monat war für sie normal, aber für mich zu wenig. Jetzt möchte sie mehr Sex, aber ich habe keine Lust mehr. Momentan sind wir in Therapie und haben keinen Sex. Uns trennen 24 Jahre, wir sind in verschiedenen Lebensphasen. Mit 30 ist man auf Karriere aus. Ich denke jetzt: Das ist nicht alles. Ich liebe ihre Frische und das Unbedarfte, aber ich bin abgeklärter. Sie muss ihre Rolle im Leben erst noch finden. Natürlich denkt sie auch an Kinder. Aber ich habe schon drei und frage mich: Noch eins? Wenn ich jetzt einen Sohn bekäme, wäre ich 73, wenn er Abitur macht. Kann ich dann mit ihm noch bowlen gehen? Für Eifersucht bin ich allerdings nicht der Typ: Wenn du meinst, dass der Schimmel woanders weißer ist, nimm ihn. Meine frühere Freundin war 27. Mit gleichaltrigen Frauen könnte ich nichts anfangen. Die reden nur noch über Krankheiten.

Nuray D., 30, Werbekauffrau

Ich war 27 und habe in den Sommerferien in einem Café gekellnert. Er war ein Stammkunde, gepflegt, sportlich, groß, modern und stilvoll. Wir haben uns unterhalten, geflirtet, aber ohne Absichten. Er hat mir gefallen, er wirkte so selbstbewusst, männlich, aber nicht arrogant. Er hat mich dann auf ein Date eingeladen. Ich dachte: Hm, er ist ein bisschen älter, ich lasse es mal drauf ankommen. Er hat die Tür aufgehalten und die Rechnung bezahlt, das fand ich romantisch. Männern in meinem Alter war ich meist zu selbstbewusst, die waren noch auf der Suche nach sich selber. Stefan musste sich nicht mehr mit anderen messen, er ist souverän. Ich brauche so einen starken Mann an meiner Seite. Wir lachen viel zusammen, auch das Körperliche war anfangs sehr schön: Er hat mich verführt. Wenn ich mich über etwas heftig aufrege, sagt er: ‚Steh drüber‘ oder ‚Das schreibe ich deiner Jugend zu‘. Ich war immer unterwegs, bei PR-Terminen. Dann wurde ich betriebsbedingt gekündigt und war zuhause. Er der erfolgreiche Geschäftsmann, ich die Hausfrau, das war eine Riesenumstellung. Es kam oft zum Streit, ich habe alles nur noch persönlich genommen. Wir sind dann erstmal auseinandergezogen. Unsere Nachbarin empfahl uns eine Paartherapie. Er war skeptisch: Was soll das bringen? Männern fällt es schwerer, eigene Probleme anzusprechen. Aber wir tun das jetzt, um herauszu­-finden: Was läuft falsch?

Kinder möchte ich erst auf die Welt bringen, wenn ich sie selber ernähren kann und auf eigenen Füßen stehe. Als Selbstständige dauert das länger. Er hat schon drei Kinder, seine große Tochter ist drei Wochen jünger als ich. Sie wollte mich anfangs nicht kennenlernen, jetzt sind wir Freundinnen. Wie es in 20 Jahren sein wird? Wer weiß. Ich könnte auch mit einem Gleichaltrigen zusammen sein, der morgen einen Unfall hat. Irgendwann heirate ich Stefan. Dann stelle ich ihn meinen Eltern vor.

Elisabeth S., Hausfrau, 72, seit acht Jahren mit Jürgen K. zusammen

Ich habe gelernt, dass das Leben eigene Wege geht. Ich habe ihn 2002 auf Teneriffa in einer Kirche getroffen. Er lächelte und sprach mich an: Wie gefällt es ihnen hier? Wie im Altersheim, sagte ich. Ich sah, dass er deutlich jünger war als ich! Er lud mich auf eine Tasse Kaffee ein, wir sind dann später in die Berge gefahren. Mich amüsierte seine Aufmerksamkeit. Aber ich hielt Distanz. Bei einem Spaziergang nahm er meine Hand, ich war im Innersten berührt, aber ungläubig: Wie kann es sein, dass dieser junge Mann sich für mich interessiert? Wir hatten denselben Rückflug, trafen uns öfter, gingen ins Theater, ins Kino. Sein Interesse nahm ich erst ernst, als ich spürte: Er will mich wirklich! Da habe ich Freunde um Rat gefragt: Könnt ihr euch vorstellen, dass es funktioniert? ‚Was willst du denn noch mit einem Mann‘, wunderte sich ein Freund. ‚Du kommst doch so gut zurecht.‘ Nach zweieinhalb Jahren zog Jürgen bei mir ein. Mein Sohn und meine Schwiegertochter lehnen ihn wegen des Altersunterschieds ab, sie sind sehr konservativ. Ihre kleine Tochter und die Nachbarn sollen von uns nichts erfahren.

Bei unseren ersten sexuellen Annäherungen war ich ziemlich gehemmt und habe nicht gewagt, meinen Körper zu zeigen, nach und nach fühlte ich mich sicherer. Wir sind sehr kreativ im Austausch von Zärtlichkeiten, auch wenn wir nicht oft miteinander schlafen. Er sucht meine körperliche Nähe und wir genießen unsere Einschlafrituale. Sex ist nicht alles. Wichtig ist das gemeinsame Essen, wir sind beide künstlerisch tätig, wir tanzen, und wir können den anderen sehen, ihm Raum lassen. Ich bewundere seinen analytischen Verstand, seine handwerklichen Fähigkeiten, sein Gespür für Menschen. Trotzdem habe ich manchmal Angst, dass er sich nach etwas anderem sehnen könnte. Einmal hat sich eine jüngere Frau ihm genähert, sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass wir zusammen sind.

Aber auch Jürgen kann eifersüchtig werden, wenn gleichaltrige Männer, wie beispielsweise ein Witwer aus meinem alten Freundeskreis, sich in mich verlieben. Da wird Jürgen ein bisschen besitzergreifend. Ich frage mich, was in zehn Jahren sein wird. Muss er mich dann vielleicht pflegen? Eigentlich fühle ich mich noch so jung mit ihm.

Jürgen K., 51, Ingenieur

Ich habe gesehen, dass sie älter ist, aber ich dachte, so etwa zehn Jahre älter. Elisabeth fiel angenehm auf unter den anderen Frauen im Urlaub. Also sprach ich sie an. Wir saßen im Lokal, redeten über den Zweiten Weltkrieg und sie behauptete: ‚Ich bin auch nach dem Krieg geboren.‘ Wie alt sie genau war, sagte sie nicht. Das Alter hat für mich nie eine große Rolle gespielt, manche meiner Freundinnen waren zehn Jahre jünger, andere älter. Das wechselte. Aber als ich einem Freund von meiner neuen Bekanntschaft erzählte, fand er das ‚unvorstellbar‘. Seine Fantasie ging mit ihm durch. Er konnte sich nicht ausmalen, dass wir Sex haben. Darüber hatte ich kaum nachgedacht, ich habe ja nur die Anziehungskraft gespürt. Der Körper gehört zu einem Menschen, einem Wesen. Und ich höre nicht auf das, was andere mir sagen. Meinen Arbeitskollegen habe ich allerdings erzählt, meine Freundin sei nur fünf Jahre älter. Ich kenne die Vorurteile und Tabus. Es gäbe sonst einen Spießrutenlauf. Ich bin Ingenieur, und in meiner rauen Arbeitswelt kann der Umgang miteinander brutal sein. Mein Sohn kommt gut mit uns zurecht. Oder er stellt mir bestimmte Fragen nicht, weil er mich nicht verletzen möchte.

In meinen ehemaligen Beziehungen spielte Sex eine größere Rolle, natürlich könnte ich mir mehr davon vorstellen, aber ich würde ihn nie woanders suchen. Küsse und Liebkosungen jedoch gehören zu unserem Alltag. Ich hatte mal eine Beziehung, da hörte das Küssen gar nicht mehr auf, aber es fehlte die Geborgenheit. Meine Ex-Frau hat pausenlos nur von ihrem Beruf gesprochen. Elisabeth gibt mir das Gefühl, dass ich wichtig bin. Sie hat Zeit für mich. Wir gehen zu Jazzkonzerten, belegen zusammen einen Tanzkurs: Disco-Fox, Rumba, Cha-Cha. Sie hat eine tolle Figur, sie ist kein altes Mütterchen. Es gibt Frauen, die mit 50 schon alt sind.

Manchmal spüre ich dennoch, dass Elisabeth älter ist: Wenn sie beispielsweise Oldies hört. Der PC ist auch nicht ihre Welt, wie man E-Mails abrufen kann, vergisst sie leicht wieder. Ich weiß, in 15 Jahren werde ich allein sein – diese Angst schwebt immer untergründig mit. Wir werden nicht gemeinsam den Lebensabend verbringen. Der Zug hat ein Ziel. Aber ich verdränge solche Gedanken. Ich lebe gerne im Hier und Jetzt. Mit ihr.

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15:00 28.12.2010
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

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