Mache ich es mir als Kundin zu leicht?

Alltagskommentar Der Online-Versand Zalando wird gerade attackiert - und auch ich sollte unfaire Anbieter boykottieren. Dazu müsste ich erstmal wissen, wer die sind. Das überfordert mich
Mache ich es mir als Kundin zu leicht?
Am Ende ist das Wetter schuld, wenn ich eine günstige Regenjacke erstehe

Foto: Ben Cumming

Es regnete seit Wochen, wir wollten trotzdem Zelten fahren. Grund, sich endlich eine ordentlich Jacke zu beschaffen. Das war sowieso schon seit Jahren geplant. Nur wo konnte ich so eine Regenjacke finden?

Ich fragte meine Kollegen, die sich auskannten. Sobald ein Tropfen fiel, kamen sie mit ihrer grünen oder gelben Kluft an. Waterproof. Auch die Regenhosen. „Probier die Jacke ruhig im Laden an, aber check dann, ob du sie nicht online irgendwo günstiger bekommst“, sagte mein Kollege. Er klang wie ein Broker, der auf fallende Kurse spekulierte. Er bestelle nur noch im Netz: Schuhe für die Kinder, externe Festplatten. Und nannte mir sämtliche Webseiten, die Preisvergleiche anstellen. Wie es früher Pensionäre machten, die durch Supermärkte streiften, von Netto zu Aldi, um später bei Lidl die günstigste Butter zu erstehen. Die hatten Zeit. Mein Kollege hat ein Smartphone.

Moralisch aufgeladen

So abgezockt wie er war ich nicht. Sondern wollte meine Jacke in Ruhe anprobieren – und vor Ort erwerben.

An einem verregneten Samstag fand ich es, rot leuchtend, mit weißen Karos: Das schönste Cape der Stadt. Es passte perfekt, kostete aber ziemlich viel. In der Kabine dachte ich an den Kollegen. Ich zog mein Handy aus der Tasche und ging auf die Seite eines großen Online-Versands. Zalando. Da gab es sie auch, das letzte Stück. 30 Euro weniger! Ich bestellte sofort. Und verließ lächelnd das Geschäft. Ich fühlte mich clever. Als ich im Büro meinem Kollegen davon berichtete, hörte ein anderer zufällig mit. „Du hast waasss?“, rief er, und sah mich abfällig an. „In diesem Nazi-Laden eingekauft?“

Man würde dort schwarze Mitarbeiter entlassen, sagte er, als hätte ich sie persönlich gefeuert. Er nannte andere Beispiele, Namen von lauter fragwürdigen Firmen, die ich nicht kannte. Wie ich dieses System bloß unterstützten konnte! Sie verflog, meine Freude über die Jacke. Fast bereute ich den Kauf und fing an zu googeln. Es gab tatsächlich Artikel, die seine Anklagen bestätigten, die von Kündigungen, miesen Löhnen oder dem Verdacht auf diskriminierende Behandlung der Angestellten handelten. Echt schlimm.

Nur was hatte das mit mir zu tun? Einkaufen wird moralisch aufgeladen, der Verbraucher wird überfordert. Ich soll ethisch korrekt sein, aber ich habe keine Zeit! Und wenig Geld! Außerdem findet sich doch immer irgendwo eine Lücke, sogar in der Fair-Trade-Kette. Und dem schwarzen Vorarbeiter? Dem hilft nur ein globaler Boykott.

Mein Kollege und ich: Wir schaffen es einfach nicht. Wir fühlen uns schuldig. Aber wir machen weiter. Ich träumte von neuen Flip-Flops. Mein Kollege von einem Laufrad.

In seinem Unternehmensblog kommentierte der Online-Versand Zalando die Vorwürfe der kürzlichen ZDF-Dokumentation

13:07 27.07.2012
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf
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