„Man wächst nur mit den anderen“

Porträt Paula Beer wünscht sich weniger Schnelligkeit im Leben, betrachtet Schauspielerei als Teamwork, und man glaubt ihr das alles
„Man wächst nur mit  den anderen“
2013 ging sie nach Paris und lernte dort, dass man auch allein gut im Café sitzen kann

Foto: Andreas Pein/laif

Diese Frauen, die sie in ihren Filmen spielt, haben fast alle einen Schaden. Sie schleppen was mit, sind düster, sperrig, verschlossen.

Paula Beer kommt in die Bar Gagarin am Wasserturm in Prenzlauer Berg, es ist ein warmer Sommertag. Sie setzt die Maske auf, trägt ein weißes T-Shirt, offene Haare, Sonnenbrille, silberne Kreolen im Ohr, die trägt sie häufig. Armbeugen-Gruß. Lächeln. Die Musik ist zu laut. „Wollen wir lieber rausgehen?“, fragt sie. Paula Beer legt ihre weiß-gelb-gestreifte Tasche ab, mit der man auch an den Strand gehen könnte. Sie bestellt Apfelschorle.

Früher sei sie öfter hier gewesen, erzählt sie. In der Nähe ist sie zur Schule gegangen. Mittlerweile lebt Paula Beer in Schöneberg. Ihre Rollen, diese Figuren mit schwerem Gepäck, die sie in Transit, Frantz, Poll, Undine spielt – die nicht verkraften, dass sie jemanden verloren haben, was hat sie an denen fasziniert? „Weibliche Rollen drehen sich ganz oft um einen Mann“, sagt sie. „Und wenn ein Mann in der Hauptrolle ist, geht es viel um Erfolg und Macht. Das Geschichtenerzählen ist da immer noch sehr klischeebehaftet.“ Sie redet davon, was Frauen und was Männern zugetraut wird, der Struktur der Branche, in der es für Männer leichter sei. „Deswegen machen auch mehr Männer Filme – mit einem männlicheren Blick. Ich finde das aber auch gar nicht schlimm, ich wünsche mir nur eine größere Vielfalt.“ Sie weiß, dass sie Glück hatte.

Vom Schulhof

François Ozon und Christian Petzold, die Regisseure mit denen Paula Beer gearbeitet hat, sind keine Machos, sie schauen anders auf Frauen. Sie schätzen sie und wollen sie verstehen. „Es ist mir wichtig, dass sich eine Figur entwickelt“, sagt sie ruhig, „dass sie irgendwohin kommt, nichts Abgeschlossenes ist“.

Paula Beer ist erst 25, sie hat nie eine Schauspielschule besucht und gilt als eines der wichtigsten Gesichter des deutschen und europäischen Kinos. Sie ist in Mainz aufgewachsen, tief im Westen. Dass es in Berlin mal eine Mauer gab, weiß sie nur aus Erzählungen. 2007 kam sie mit ihren Eltern nach Berlin, da war sie zwölf. Paula Beer wollte immer Schauspielerin werden, nahm bereits mit acht Jahren an einem Theaterkurs teil, ab zwölf stand sie vier Jahre lang als Mitglied des Jugendensembles des Friedrichstadt-Palastes in Berlin auf der Theaterbühne. Sie musste erst ihre Scheu überwinden, dann stellte sich ein Gefühl von Fülle ein.

Eine Casterin hat sie auf dem Schulhof entdeckt, mit 15 stand Paula Beer erstmals vor der Kamera, in Chris Kraus’ Poll (2010) spielte sie eine Aristokratentochter, die sich in einen estnischen Anarchisten verliebt. Sie hatte damals eine Kinderbetreuerin am Set. Doch alle hatten das Gefühl, mit einer Erwachsenen zu drehen.

Paula Beer hat in London einen Schauspielkurs besucht, sie sucht sich Lehrer, wenn sie nicht weiterkommt, hat einen Schauspielcoach. Von der Idee, man müsste seine Gefühle aus dem Inneren holen, demMethod Actinggebrochen werden, leer sein, um dann wieder gefüllt zu werden –, hält sie nichts. Sie orientiert sich lieber an der Figur. Paula Beer bereitet sich akribisch vor, muss aber nicht in die eigene Seele schauen, um auf Knopfdruck weinen zu können oder Panikattacken zu spielen. Das hänge eher von der Tagesform ab. Es schützt sie vor dem Dilemma: Wer bin ich?

Paula Beer ist in einer Künstlerfamilie groß geworden, ihre Mutter ist Malerin. „Sie hat mich sehr früh darin bestärkt, Sachen zu machen, an denen ich Spaß habe. Sie sagte mir, dass man natürlich immer Dinge lernen oder ausbauen kann, aber dass es eben nicht druckbasiert funktionieren muss. Davon war ich befreit.“ Die Montessorischule, die sie in Berlin besucht hat, gab ihr den Spaß am Lernen. Ältere Schüler konnten ihr was beibringen. Sie sehe ihren Beruf als Weiterbildung.

Zwischen Arthouse-Kino und Mainstream

Seit „Bad Banks“ ist Paula Beer einem breiten Publikum bekannt, auch wenn ihr viele die Rolle der Bankerin Jana Liekam in der ZDF-Serie erst nicht zugetraut hatten.

Mit 14 Jahren hatte sie ihre erste große Kinorolle im Historiendrama Poll (2010). Für diesen Film ließ Regisseur Chris Kraus sehr viele gleichaltrige Mädchen vorsprechen, Beer setzte sich gegen 2.500 andere Kandidatinnen durch. Für ihre Hauptrollen in Arthouse-Filmen erhielt sie seither mehrere renommierte Preise: Für ihre Rolle in François Ozons deutsch-französischem Drama Frantz wurde sie 2016 in Venedig als Nachwuchsschauspielerin geehrt, es folgte eine Hauptrolle in Christian Petzolds Transit (2018) an der Seite von Franz Rogowski. Paula Beer spielte in Ludwig der II. (2012) sowie in der Literaturverfilmung Der Geschmack von Apfelkernen (2014). 2018 war sie in Florian Henckel von Donnersmarcks Oscar-nominiertem Werk ohne Autor zu sehen.Für ihre Leistungen in Bad Banks bekam Paula Beer den Deutschen Schauspielerpreis 2018 als Beste Schauspielerin. Neben der Schauspielerei spricht die Wahlberlinerin auch Hörspiele ein, wie u.a. für den RBB, Kai Grehns Der Liebhaber. 2020 folgte die Fortsetzung von Bad Banks, erneut mit Paula Beer in der Hauptrolle, sowie Christian Petzolds Liebesdrama Undine, eine moderne, ins Berlin der Gegenwart verlegte Märchenvariation des Mythos (siehe auch der Freitag 27/2020). Für diese Rolle erhielt sie 2020 den Silbernen Bären der Berlinale als Beste Schauspielerin.

Demnächst wird Paula Beer auf der Bühne des Theaters Basel stehen. Sie spielt dort in dem Stück Metamorphosen (nach Ovid), das von Antú Romero Nunes inszeniert wird. Die Premiere soll am 9. Oktober 2020 sein.

„Beim Schauspiel kommt man sowieso nicht an den Punkt, an dem man sagen könnte: Jetzt habe ich es verstanden. Manchmal hat man einen kurzen Höhenflug, wenn Szenen unfassbar gut funktionieren. Es passiert mir gar nicht so oft, dass ich beim Spielen dahin komme, dass ich mir keine Gedanken mehr übers Spielen mache, sondern sich mit einem Spiel-Partner zusammen Sachen einstellen. Das hat eine unglaubliche Kraft und Befreiung. Aber vor jedem Projekt denke ich wieder: Keine Ahnung, warum ich besetzt wurde.“ Niemand könne einem sagen, was wirklich gut sei. „Das ist eher so ein persönliches Kennenlernen, wie man funktioniert, wie man an bestimmte Punkte kommt. Deswegen ist man als Schauspieler auch sehr einsam, weil man so von sich abhängig ist, wie man an dem Tag drauf ist. Es ist ein Glücksspiel.“

Andererseits hat sie oft genug erlebt, dass sie nicht wusste, wie eine Szene funktionieren soll, und dann wurde es was. „Dieses Erleben von Angsthaben ist im Grunde gar nicht so schlimm, dieser Prozess führt zu mehr Selbstvertrauen“, sagt sie ruhig. Paula Beer ist gern allein, schon in der Vorbereitung. Manchmal ruft sie jemanden an, holt sich Hilfe, Rat. „Man wächst nur mit anderen“, sagt sie. „Ich suche immer die Gemeinschaft. Wenn man sich nur so auf sich selbst fokussiert, dann steht man irgendwann auf dem Siegertreppchen, klar. Aber mit wem feierst du denn dann?“ Sie hat den Silbernen Bären, den sie dieses Jahr auf der Berlinale für Undine bekam, Franz Rogowski gewidmet, ihrem Filmpartner. Sie standen schon für Transit gemeinsam vor der Kamera. Es sind leise Geschichten, die bewegend sind, auch ohne Happy End.

„Ich finde das bei Undine faszinierend“, sagt Paula Beer, „diese Figur aus der Mystik wird seit Jahrhunderten von Männern enttäuscht und denkt jedes Mal aufs Neue wieder: Der ist es jetzt. Der ist toll. Bei dem möchte ich bleiben.“ Dieses Immer-wieder-enttäuscht-Werden, Immer-wieder-Töten und sich trotzdem immer wieder so sehr nach der Liebe zu sehnen und nicht zu verbittern. „Und wenn man sagt: Ich liebe dich für immer, dann heißt es das auch. In dieser Gnadenlosigkeit. Ich mag das.“ Natürlich weiß Paula Beer, dass das schiefgehen kann. Aber der Wunsch ist da. Sie ist irritiert, wie schnell heute Gesellschaft ist, „in welchem Alter man schon wissen sollte, was man eigentlich später machen will. Es geht so viel um die Selbstoptimierung.“

Menschen so sein lassen

Sie mag dieses Pochen darauf, dass man sich verlassen kann, auf diesen Anstand. „Dass man eben manche Worte nicht in den Mund nehmen sollte, wenn man sie nicht so meint.“ Auch die Schwächen eines Menschen seien wunderschön, gerade dadurch lerne man ja, jemanden lassen zu können. So stellt sie sich eine Beziehung vor, offen und leicht, bereit, aneinander zu wachsen. Dass man sich nicht fragt: Wie sollten wir sein? Ob sie einen Freund hat, will man sie nicht fragen, man will ihr nicht zu nahe treten.

„Ich sehne mich nach einem langsamen Erleben. Danach, dass ein Treffen keinen Nutzen haben muss“, sagt sie. „Paula ist anders als die anderen“, sagt Andrea Lambsdorff, die sie seit mehr als zehn Jahren als Agentin betreut, seit sie 14 war. Sie hat sie behütet, das musste sie. Nach Poll hat Paula Beer einen Bunte-Award gewonnen, sie war damals noch Schülerin. „Wenn du den annimmst, dann wär’s vorbei mit der Anonymität“, hat ihr die Agentin gesagt. Paula Beer lehnte ab. Sie wollte erst die Schule zu Ende machen. „Paula Beer ist eine junge Frau, aber eine reife Seele“, sagt Lambsdorff. „Sie ist nicht wirklich verführbar.“

Sie setzt ihre Prioritäten, wirkt gefestigt. Woher kommt das? Paula habe eine großartige Mutter, erzählt Lambsdorff, sie ist ihr mal beim Hofer Filmfest begegnet. „Diese Mutter gab ihrer Tochter das Urvertrauen, dass sie einfach richtig ist.“

Paula Beer ging, das Abi in der Tasche, nach Paris. Sie hatte dort 2013 einen Dreh mit Volker Schlöndorff und ist geblieben. „Ich kannte Paris aus Filmen, hatte dieses Bild. Das war erst mal ein Schock, es war hektisch, die Leute sind verschlossener, wenn man noch nicht so selbstbewusst durch die Straßen läuft.“

Sie wohnte in einem „Chambre de bonne“, dem Dienstmädchenzimmer, nahe Charles de Gaulle – Étoile. Sie habe in Paris gelernt, alleine irgendwohin zu gehen, sagt Paula Beer. Wenn man da mit einem Wein im Café sitzt, denken die Leute nicht: Auf wen wartet sie? Sie lernte Französisch, wurde erwachsen. Und sie wurde der Liebling von Regie-Größen wie Ozon, Petzold Schwochow. Paula Beer relativiert das. „Mit 16 ist man einfach noch so jung, weiß nicht, wo oben und unten ist. Nach dem Abi drehte ich den ersten Film. Da ändert sich was, man wird jetzt einbezogen. Seit ein paar Jahren habe ich das Gefühl, dass es im gemeinsamen Interesse ist, dass man sich austauscht. Ich werde gefragt: Wie siehst du das? Der andere erklärt seine Sicht. Wie findet man was Schönes dazwischen?“ Sie möchte nicht nur Ausführende sein. Peu à peu hat sie gelernt, auf ihre Stimme zu hören, auch mal Nein zu sagen. Ihr Weg scheint aufzugehen.

Dennoch kann es Situationen geben, die sie verunsichern. Einmal war sie in Paris in eine Fernsehsendung eingeladen, auch die französische Schauspielerin Anouk Aimée war da. „In der Pause rief Paula mich an“, erzählt ihre Agentin. „Sie sagte kaum ein Wort, und ich spürte, irgendwas ist schiefgelaufen.“ Der Moderator hatte sie vorgeführt, sie sei eben eine deutsche Schauspielerin, spreche nicht so gut Französisch. „Knall ihn an die Wand“, riet ihr Andrea Lambsdorff, „dann redest du eben auf Deutsch weiter.“

Paula Beer hat noch einen Termin, bevor abends im Freiluftkino ihr aktueller Film Undine gezeigt wird. Alle reden gerade über Rassismus, also fragt man sie noch, wie sie das sieht. „Rassismus? Den gibt es auch in unseren Filmen: Schauspieler werden nach Klischees besetzt. Wer eine türkische Familie oder türkische Abstammung hat, wird ganz oft gefragt: Kannst du nicht auch mit einem arabischen Akzent reden? Nein, er ist Türke, er spricht nicht Arabisch! Uns wird auch nicht gesagt: Sprich doch mal Polnisch. Dass SchauspielerInnen nach wie vor nach Klischees besetzt werden, das ist erschreckend genug.“

Paula Beer gehört zu dieser bewussten Generation, aber sie macht darum keinen Wind.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 21.07.2020
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
Schreiber 0 Leser 28
Maxi Leinkauf

Ausgabe 33/2020

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