Mein Herz, mein Bett, mein Konto

Im Gespräch Iraner, die im Westen leben, ­mögen diesen Westen, sagt die Filmemacherin ­Marjane Satrapi, deren neuer Film "Huhn mit Pflaumen" Anfang Januar in die Kinos kommt

Der Freitag: Frau Satrapi, Sie werden seit Ihrem ersten Film "Persepolis" als gesellschaftskritische Regisseurin wahrgenommen. Nun erzählen Sie eine Liebesgeschichte. Sie spielt wieder in Teheran. Es lässt Sie wohl nicht los?

Marjane Satrapi: Teheran inspiriert mich. In den fünfziger Jahren war der Iran ein blühendes Land, im Aufbruch. Die Menschen fühlten sich frei und glaubten an die Demokratie. Unsere Öleinnahmen wurden verstaatlicht, dann wurde der Premierminister von den Amerikanern und Briten aus dem Land gejagt. Damals achteten die Menschen auf sich, kleideten sich elegant, liebten die Kunst, es gab eine Boheme.

1979 wurde der Schah gestürzt, da waren Sie acht Jahre alt. Woran erinnern Sie sich?

Meine Eltern jubelten. Sie dachten, alles was kommt ist besser als die repressive Schah-Diktatur. Aber sie waren schnell ernüchtert, mit den Mullahs wurde es noch schlimmer. Die Gesetze härter. Nach der Islamischen Revolution schickten mich meine Eltern nach Wien. Ich kehrte 1988 nach Teheran zurück, um zu studieren. Ich war 18 und fühlte mich im Iran verloren. Ich wusste nicht, was ich aus meinem Leben machen sollte, wer ich bin. Mitte der Neunziger emigrierte ich nach Frankreich.

Sie waren weit weg, als vor zwei Jahren die Grüne Revolution im Iran ausbrach.

Ja, ich saß in Paris vor meinem Laptop und verfolgte rund um die Uhr die Ereignisse im Netz. Das war sehr schmerzhaft. Ich wollte in meiner Heimat sein, fühlte mich hilflos.

Deren Helden waren Blogger. Was haben die iranische und die arabischen Revolutionen sonst gemeinsam?

Ich habe in Nordafrika fast nur Männer auf der Straße gesehen. Aber im Iran haben die Frauen neben den Männern protestiert. Das hat mich sehr stolz gemacht. Aber ich glaube weniger an Revolution als an Evolution. Und die muss von unten kommen. In der iranischen Gesellschaft findet diese Evolution gerade statt.

Sie waren seit zwölf Jahren nicht mehr da. Woher wissen Sie das?

Ich könnte einreisen, aber weiß nicht, ob ich wieder rausgelassen werde. Ich sauge auf, was mir Freunde und meine Verwandten, die noch dort leben, erzählen. Frauen demonstrieren, studieren, gehen arbeiten. Früher sind sie nach der Uni oft zu Hause geblieben. In einer Beziehung müssen heute beide einen Job haben, schon aus ökonomischen Gründen. Das verändert die Mentalität. Das Patriarchat, der größte Feind der Demokratie, ist in Bedrängnis.

In "Huhn mit Pflaumen" sind es die Frauen, die das tägliche Leben im Griff haben.

In meiner iranischen Familie war das genauso.

Der Film handelt von einem schwermütigen Geigenspieler, der seine Liebe verliert und die Freude am Spielen. Er beschließt zu sterben.

Ich erzähle die Geschichte meines Großonkels, Nasser Ali-Khan. Er konnte Tar spielen wie ein Gott. Ich beschreibe eine verträumte, märchenhafte Welt und auch die meiner Familie. Vor dem Kontext der Mode und dieser Epoche geht es um eine unglückliche Liebe: Schaut mal, in diesem Land, das für euch nur das Böse ist, will 1958 ein Mann aus Liebe sterben.

Das Böse? Meinen Sie damit den Blick des Westens auf den Iran?

Ja, und manchmal auch auf mich. Ich finde es respektlos, wenn man mich, weil ich Iranerin bin, nur als politisches Phänomen betrachtet. Als dürfte ich mich nur für den Bart, den Schleier oder das Nukleare interessieren, aber nicht für das Absurde, den Humor, die Liebe. Ich glaube an die Liebe, auch wenn sie heute sehr flüchtig geworden ist.

Sehen Sie sich als Exilantin?

Ich bin Künstlerin. Ich drehe französische Filme mit einem iranischen Esprit. Ich tue, was bereits Ernst Lubitsch getan hat: Er ging nach Amerika und hat für seinen Film

Iraner im Exil seien Meister der Anpassung, sagte die deutsch-persische Schauspielerin Jasmin Tabatabai. Stimmt das?

Jasmin hat recht. Iraner finden sich in allen Metiers, in der NASA, im Kino, in der Medizin. Sie sind kultiviert, sie verursachen niemals Skandale. Sie sind tolerant, weil sie den Westen mögen. Sie wollen dort leben.

War es auch für Sie leicht, in der neuen Welt anzukommen?

Anfangs musste ich häufig gegen Vorurteile und Klischees über den Iran kämpfen. Und im Moment wird in Frankreich die Stimmung wieder feindseliger. Man sagt laut, was man früher nur leise gedacht hat. Rassistische Gedanken.

Aus Frankreich kam der Aufruf: Empört euch! Rebelliert die Jugend?

Ich treffe oft Kunst-Studenten. Das Erste, das sie mich fragen ist: Konnten Sie mit Ihrer Arbeit schon immer Geld verdienen? Ich finde die Jugend konservativ, viele interessieren sich nur für ein Metier, wollen heiraten, ein Haus im Banlieue, einen Hund. Das ist die neue Generation.

Wie erleben Sie im französischen Alltag das Verhältnis zwischen Männern und Frauen?

Mich hat es anfangs schockiert, dass in Frankreich das Gehalt der Frauen unter dem der Männer liegt. Bis heute hat sich daran wenig geändert. Ich kann aber nicht sagen, dass ich unter dem Machismo der französischen Männer, den es vielleicht gibt, leide. Ich empfand es immer als Vorteil, eine Frau zu sein.

Meinen Sie in der Filmbranche?

I

ch arbeite im Milieu des Comics und des Kinos mit sehr vielen Männern zusammen. Aber ich habe mich nie als Opfer gefühlt.

Ic

h bin genervt, nörgele, lache, und es ist vergessen. Sie verzeihen mir alles. In der Pariser Métro hat jemand mal seine Hand auf meinen Arsch gelegt. Da hab ich ihm sofort eine geknallt. Man muss sich wehren.

Klingt feministisch.

Ich unterteile Menschen nicht in Geschlechter: Ich denke an mich selbst auch nie als Frau. Wenn ich mich sehe, bin ich geschlechtslos.

Ein Jemand?

Ich sehe mich nicht als Feministin, eher als Humanistin. In den USA sagen Feministinnen, wenn sie etwas stört: „Das ist so ein maskulines Verhalten“. Unsinn. Frauen können die schlimmsten Machos sein.

Was ist ein weiblicher Macho?

Eine Frau, die glaubt, dass der Mann mehr drauf hat als sie. Eine, die ihrer Tochter sagt: Du musst schön sein, damit du später einen Ehemann findest. Oft geben ­Mütter das Macho-Schema weiter, unter dem sie selber gelitten ­haben.

Wer verdient im Hause Satrapi das Geld?

Mein Mann arbeitet im Moment nicht, er kümmert sich um alles andere. Er räumt auf, erledigt die Besorgungen: Das ist ein Vollzeit-Job. Ein paar Jahre lang war es ­umgekehrt, da hat er verdient. Ich brauche niemanden, der mehr Geld verdient als ich. Wenn ich auf etwas Lust habe, kaufe ich es mir. Wenn ich verreisen möchte, tue ich es. Und wenn ich mit jemandem lebe, teile ich alles: Mein Herz, mein Bett – mein Bank­konto.

Sie sagen, dass Sie keine Kinder möchten. Warum nicht?

Die Freiheit ist das Wichtigste in meinem Leben. Ich möchte auch nachts um drei in meinem Atelier stehen können, malen und nicht aufhören, weil das Kind schreit. Ich ertrage diese Art von Zwang nicht.

Sieht Ihr Mann das genauso?

Eines Tages saß ich mit ihm auf dem Sofa, wir mussten lachen. Wir haben uns beide das Kinder­geschrei vorgestellt. Wollen wir uns morgens um sechs davon wecken lassen? Non!

Wie reagieren andere Frauen?

Ich spüre diesen großen sozialen Druck unter Frauen, ich muss mich oft rechtfertigen: Es sei egoistisch, keine Kinder zu haben, man werde nie eine komplette Frau sein, sei in seinem Leben gescheitert, sagen manche.

Einem Mann würde man so etwas nicht vorwerfen.

Eine kinderlose Frau ist eine karrieristische Schlampe. Ein Mann, der sich nur seinem Metier widmet, ein großer Künstler.

Liberté toujours: Ist das auch das Prinzip in Ihren Beziehungen?

Ich habe jedenfalls meinen Mann, wenn er in der Tür stand, noch nie gefragt: ‚Wo gehst du hin?‘ Ich sage ihm nur: ‚Wenn du spät kommst, schick eine SMS. Sonst mache ich mir Sorgen.‘ Ich respektiere die Freiheit des anderen zu sehr, um irgendwelche Fragen zu stellen. Ich lasse ihn einfach in Frieden.

Schöne Theorie.

Ich praktiziere sie auch.

Fällt Ihnen das leicht?

Wir leben doch nicht in einer „Digestif“-Beziehung: Man liebt jemanden, verschlingt ihn, dirigiert und macht Müll aus dieser Person. Manchmal werde ich jedoch fast verrückt und frage mich: Wo will er nur hin um diese Zeit? Dann versuche ich mich zu beruhigen, anstatt auszurasten. Es ist reine Übungssache. Ich kann lernen, mein Verhalten in der Beziehung zu steuern.

Muss er treu sein?

Wenn ich meinen Mann brauche, ist er da. Er würde mir niemals ein Messer in den Rücken stechen. Aber ein Mensch möchte verführen. Ich schaue mir ja auch schöne Männer an und fühle mich frei: Wenn ich wollte, könnte ich flirten, begehren. Aber ich habe gar keine große Lust darauf. Wenn doch mal etwas passieren sollte, ist das nicht schlimm. Ich will es nur nicht wissen.

Ihr Zuhause ist Paris. Konnten Sie heimisch werden?

Mein Haus steht in Paris, ich habe mir eine Ersatzfamilie gebastelt. Wenn ich mal zwei Monate unterwegs bin, kann ich an diesen Ort zurückkehren. Im Sommer sitze ich auf meiner Terrasse, lese ein Buch, esse ein Glas Vanilleeis, streichle meine Katze. Und bin glücklich.

Was, wenn Sie die Sehnsucht nach Teheran überkommt?

Dann denke ich an die großen schneebedeckten Berge. Die Farbe des Himmels ist in Teheran eine andere. Der Gesang der Vögel. Die Geräusche. Die Sonne scheint nicht überall auf dieselbe Weise. Mir fehlt die Sprache, die Poesie der Straße. Vor allem der iranische Humor liegt in meinen Genen.

Können Ihre französischen Freunde den verstehen?

Es sind Wortspiele, die man nicht übersetzen kann. Nur adaptieren.


Marjane Satrapi 
wurde 1969 geboren und ist in einem linksliberalen Milieu in Teheran groß geworden. Seit ihrer Autobiografie Persepolis, die verfilmt und für einen Oscar nominiert wurde, gilt Satrapi als eine der weltweit bekanntesten Comic-Zeichnerinnen. Ihr neuer Film Huhn mit Pflaumen kommt am 5.Januer2012 in die deutschen Kinos

16:00 22.12.2011
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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