Moderner Linker?

Porträt Andrej Hermlin hatte eine privilegierte DDR-Kindheit. Heute hat er sein eigenes Swing-Orchester und ist Mitglied der Linkspartei. Aber er swingt auch für die CDU

Die Fassade des Hauses wirkt etwas verlebt. Andrej Hermlin empfängt zum Interview bei sich daheim in Berlin-Pankow. Der 45-Jährige ist hier groß geworden, vor Jahren hat er das Haus gekauft und führt nun stolz durch die Räume. Im ehemaligen Arbeitszimmer seines Vaters, des Schriftstellers Stephan Hermlin, stehen noch dessen Bücherregale und ein Tisch aus schlichtem Holz. Hier gingen Christa Wolf, Stefan Heym und Erich Fried einst ein und aus. An der Wand hängt ein Max-Liebermann-Porträt von Hermlins Großmutter, an der Musiktruhe aus den dreißiger Jahren werkelt gerade ein Techniker herum. Die Einrichtung schwelgt in der Swing-Ära, sogar der Staubsauger stammt aus der Epoche. 

Der Freitag: Herr Hermlin, leben Sie in der falschen Zeit?

Andrej Hermlin:

Sie meinen wegen der Möbel?

Die Stühle stammen aus den 20er Jahren, auf dem Tisch liegen alte Schallplatten, und Sie sitzen hier schon vormittags im Anzug ...

Wenn man Swing mag, ergibt sich daraus auch ein Interesse für die Mode dieser Zeit, das Design, die Architektur ... Meine Stühle im Bauhaus-Stil sind da fast schon progressiv.

Sie haben den Einrichtungsstil Ihrer Eltern übernommen?

Außer den Bücherregalen und dem Esstisch ist alles von mir eingerichtet. Mein Vater war ein Gentleman, aber auf eine elegante Wohnungseinrichtung hat er wenig Wert gelegt. Er las lieber Bücher und hörte Musik, Äußerlichkeiten bedeuteten ihm nichts. Als ich dieses Haus gekauft habe, wollte ich damit auch meine Erinnerungen retten. Ich erlebe meine Kindheit hier jetzt noch einmal, aber diesmal aus der Perspektive des Vaters: Mein Sohn wächst in meinem Zimmer auf. Wenn ich es betrete, liegt er manchmal auf der Couch und schaut hoch – so wie ich früher.

Wieder ins Haus der Eltern ziehen – ganz schön regressiv. Können Sie schwer loslassen?

Hier zu wohnen, söhnt mich ein bisschen aus mit dem Tod meines Vaters, der mich tief getroffen hat. Das Haus wirkte nach seinem Tod zunächst kalt und leer. Wir mussten es erst mit Leben füllen.

Stephan Hermlin war einer der namhaftesten Schriftsteller der DDR. War er auch ein guter Vater?

Für mich war er ein guter Vater. Es gab keinen Druck für mich. Sätze wie: ‚Was willst du mal werden?‘ Oder: ‚Welche Note hast du in der Mathearbeit?‘, sind in diesem Hause nie gefallen. Ich musste zu meinen Eltern hingehen und sagen: ‚Schaut mal, mein Zeugnis.‘ Das interessierte sie eigentlich kaum. Aber ich wusste immer, meine Eltern lieben mich.

Wie groß war der Schatten Ihres Vaters?

Ich spürte ihn nicht so wie beispielsweise der Sohn von Kohl. Ich habe gerade Passagen aus seinem Buch gelesen. Walter Kohl wollte gesehen werden. Aber man kann nicht einen Bundeskanzler zum Vater haben und gleichzeitig so viel Zeit mit ihm verbringen wie Kinder mit normalen Vätern. Walter Kohl hatte sicher auch Vorteile durch seinen Vater. Er stellt es nun ziemlich einseitig dar. Ehrlich gesagt: Mich langweilen die Leidensgeschichten von Kindern berühmter Eltern ein wenig.

Aber Sie hatten selbst eine Sonderrolle: Einerseits privilegiert durch Reisen in den Westen, andererseits wurden Sie, als Sohn einer russischen Mutter, von Nachbarskindern als Russenschwein beschimpft.

Als Kind war ich extrem privilegiert! So reisen wie ich – nach London, Kopenhagen –, konnten in den Siebzigern vielleicht fünf oder zehn Kinder in der DDR. Ich war aber gegenüber den anderen Kindern isoliert. Ich versuchte das zu durchbrechen, nur das klappte einfach nicht. Es änderte sich erst, als zwei neue Jungs in meine Klasse kamen und meine Freunde wurden. Und nach der Biermann-Affäre fanden mich dann plötzlich viele interessant – wohl gerade auch wegen meines Vaters.

Der hatte mit einem offenen Brief gegen die Biermann-Ausbürgerung protestiert. Das kam an?

Ja. Sein Glanz färbte gewisser­maßen auf mich ab. Ich wurde mit der Zeit ein beliebter Schüler, die Mädchen fanden mich cool, meine Reisen ins Tessin waren auf einmal ein Vorteil. Vor den Ferien kamen die Mädchen und gaben mir ihre Adresse: ‚Schreib mal eine Karte.‘

Eine Frau aus dem Westen hat Sie neulich bei einer Lesung gefragt, ob Sie damals mit falschem Nummernschild in den Westen gefahren sind. Warum reagierten Sie da so genervt?

Weil sie keine Ahnung hatte, aber so tat, als wüsste sie alles über den Osten. Mit großem Selbstbewusstsein wollte sie mir weismachen: So war das. Ich spüre manchmal eine gewisse Ignoranz gegenüber dem Leben, das wir geführt haben. Wenn Journalisten sagen: ‚Herr Hermlin, es war extrem mutig von Ihnen, in der DDR Swing-Musik zu spielen, die war ja verboten‘, dann zeugt das von Unwissenheit. Bei uns fand das größte Dixieland-Festival in Europa statt! Mich stört dieses einseitige Bild vom Osten, der oft nur noch auf Stasi und Diktatur reduziert wird.

Wie kamen Sie denn zum Swing?

Ich habe mich als Vierjähriger in den Swing verliebt, als mir mein Vater eine Benny-Goodman-Platte vorspielte. Ich träumte davon, irgendwann so eine Band zu haben.

Sie gingen auf die Musikhochschule und bekamen hinterher sofort Engagements, während die meisten Musiker froh sind, überhaupt einen Gig zu haben.

Wir haben mit unserem Orchester klein angefangen und erstmal in den vielen Jugendclubs gespielt, die es Ende der Achtziger in der DDR noch gab. Wir hatten dann Glück und wurden nach der Wende sofort für ein Dreivierteljahr im Friedrichstadtpalast engagiert.

Heute treten Sie in Kirchen und Luxushotels auf, beim Bundespresseball und auf Straßenfesten. Ist es Ihnen egal, wer da vor Ihnen sitzt?

Im Gegenteil. Ich finde es spannend, unterschiedliches Publikum zu haben. Immer nur in ver­räucherten Kreuzberger Kneipen aufzutreten oder nur große Galas zu spielen – das würde mich langweilen. Ich habe mich zum Glück nie verbiegen müssen, ich konnte die Musik machen, die ich sowieso spielen möchte. Ich habe übrigens gelegentlich auch für die CDU gespielt, dort gibt es auch interessante Menschen. Herr zu Guttenberg, damals noch Doktor, war auch schon in meinem Konzert. Wir haben uns hinterher nett unterhalten.

Smalltalk?

Sie werden ja nicht jeden gleich mit Parolen der Linken überrollen. Und ich werde als Musiker nicht engagiert, um irgendwelche Botschaften zu verbreiten.

Schauen Sie Casting-Shows?

Ja, das ist hin und wieder ganz interessant: Man möchte ja wissen, was sich so tut in der Showbranche und ich finde es lustig zu sehen, wie sich die Menschen dort auf alle möglichen Sachen einlassen.

Dieter Bohlen führt sie doch vor.

Ich halte Bohlen für einen hoch intelligenten Menschen, der genau weiß, was er da tut, und von vielen zu Unrecht kritisiert wird. Es wird ihm nachgesagt, dass er ruppig mit den Kandidaten umgehe, aber ich finde, er ist furchtbar nett zu ihnen. Da treten größtenteils talentfreie Leute auf und stehlen einem die Zeit. Seine Urteile sind eher noch milde.

Wo würden Sie nie auftreten?

Ich halte es mit den Brecht’schen Ausnahmen: nicht vor Faschisten und Rassisten. Aber man trifft auch bei anderen Gelegenheiten unangenehme Menschen, bei ­einem Empfang der russischen Botschaft 2009 zum Beispiel. ­Meine Frau hatte Thilo Sarrazin entdeckt und dachte: ‚Den knöpf’ ich mir jetzt vor.‘ Er hatte gerade erklärt, Deutschland verblöde, ­ weil die arabischen und afrika­nischen Migranten alle so ­ungebildet seien. Meine Frau ­fühlte sich als Kenianerin getroffen und hat ihn öffentlich ­runtergeputzt.

Sie sind seit 20 Jahren Mitglied der Linkspartei. Was bedeutet es heute für Sie, links zu sein?

Mein Vater war Kommunist, ich bin mit bestimmten Werten aufgewachsen und erzogen worden. Ich glaube an eine Gerechtigkeit, die in fast allen Ländern dieser Welt verletzt wird. Nicht alle Menschen können gleich sein, aber die Mehrheit des Volkes sollte so leben können, dass sie glücklich ist und Bildungschancen hat. Wir brauchen eine Solidarität der Wohlhabenden mit den Schwachen.

Klingt nach Lafontaine im Wahlkampf.

Ich beobachte diese Gegensätze in Kenia noch viel deutlicher als hierzulande. Dort gibt es gar kein soziales Sicherungssystem, die Leute sterben einfach, wenn sie krank sind. Niemand kümmert es. Das ist Kapitalismus. Das lässt mich nicht kalt. Leider ist meine Partei seit 1990 fortwährend in der Defensive. Wir geben eine Position nach der anderen auf und wissen nicht, wer wir eigentlich sind. Eine Partei, die sich mit den Verhältnissen abfindet und sie bloß ein bisschen sozialer gestalten möchte oder eine radikal-sozialistische Partei?

Punk oder Swing?

Wir lavieren nur, ein bisschen Punk, ein bisschen Swing. Aber eine zweite sozialdemokratische Partei, die die gegebenen Ver­hältnisse hinnimmt, wird nicht bestehen.

Sie genossen früher Privilegien, touren nun erfolgreich mit Ihrer Band um die Erde. Sind Sie ein Salon-Linker?

Ich gebe zu: Ich fühle mich in unserem System wohl, ich habe mich hier eingerichtet. Aber ich schaue über den Tellerrand hinaus und sehe unsere Grenzen in der Verteilung von Wohlstand. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der jeder nur darauf bedacht ist, seinen Profit zu maximieren.

Was tun Sie konkret dagegen?

Mein politisches Engagement ist in den vergangenen Jahren leider ziemlich erlahmt. Ich war in Kenia für die Oppositionsbewegung von Raila Odinga, den ich persönlich kenne und der in der DDR studiert hat, im Wahlkampf aktiv.

Der kenianische Nelson Mandela, der Mann des Volkes.

Ich wollte etwas für sein Land tun, aber im Januar 2008 wurde ich am Flughafen festgenommen und in ein Gefängnis gesteckt. Man hielt mich wegen ‚terroristischer Umtriebe‘ zwei Tage fest.

Warum treibt es Sie in Deutschland nicht auf die Barrikade?

Eigentlich eigne ich mich nicht für Parteiarbeit, dafür denke ich vielleicht zu selbstständig. In Parteien braucht man aber Organisation und Disziplin. Ich denke, dass ich in Kenia mehr erreichen kann als hier. Meine Frau und ich finanzieren in unserem Dorf Spielplätze, Straßenlaternen und die Müllabfuhr. Ich wünschte, ich könnte noch mehr tun.

Was macht Sie wütend, wenn Sie an die Deutschen denken?

Dass Rot-Grün damals Jugoslawien ohne UN-Mandat bombardiert hat. Und dass Deutschland in Afghanistan Krieg führt unter der Vorgabe der Terrorbekämpfung. Und dass sich der Rassismus in unserem Land ausbreitet.

Vor dem 11. September 2001 sind Sie öfter im World Trade Center mit Ihrem Orchester aufgetreten.

Ja, wir haben dort gespielt. Ich kann noch immer nicht glauben, dass es das alles nicht mehr gibt. Ich könnte Sie heute noch mit geschlossenen Augen durch das Windows on the World führen, das Restaurant im 107. Stock des Nordturms. Der Souvenir-Shop, links der Empfang, in der Mitte die Sushi-Bar, die Bühne ...

Sie wollten es als Swing-Musiker unbedingt in New York schaffen?

New York ist für jeden Swing- Musiker etwas Besonderes. Ich bin 1999 einfach hingeflogen, um für das Orchester Auftritte zu organisieren. Und das habe ich geschafft, manchmal musste ich dafür auch mit einem Trick arbeiten.

Zum Beispiel?

Ich rief einfach im Büro von Chris Blood an, dem Restaurantmanagers des Windows on the World. Ich sagte, ohne ihn je gesehen zu haben: ‚Wir haben uns ja neulich so nett unterhalten. Ich sollte mich melden, wenn ich wieder in der Stadt bin – hier bin ich.‘ Wenig später rief er mich zurück: ‚Ich kann mich nicht erinnern, aber kannst du in einer halben Stunde im Windows sein?‘ Wenig später hatten wir dort zwei Auftritte und wurden auch in den anderen großen Lokalen gebucht, sogar im legendären Rainbow Room, dem Restaurant im 65. Stock des Rockefeller Centers, in dem früher mein Idol Benny Goodman aufgetreten ist.

Wie waren die Reaktionen?

Unser Stil kam gut an. Die Amerikaner wunderten sich über unsere authentische Ausstattung. In den USA legen die Bands wenig Wert auf originalgetreue Mikrofone, Pulte oder Kleidung. Sie kommen in abgenutzten Anzügen auf die Bühne, spielen oft recht lustlos ihre Songs, nehmen die Gage und gehen. Ein amerikanischer Freund klagt immer über diese Fixierung auf das Geld. Wenn er in unser Orchester kommt, sagt er: ‚Hier fühle ich mich zuhause.‘ Die Musiker unseres Orchesters grillen oder frühstücken öfter zusammen, so etwas kennt er gar nicht.

Andrej Hermlin wurde 1965 als Sohn des Dichters Stephan Hermlin und seiner russischen Frau Irina geboren. In seiner kürzlich erschienenen Autobiografie (Aufbau-Verlag) erzählt er von seinem spätbürgerlichen Elternhaus, in dem liberale Erziehung und Ferienreisen nach London, Paris oder zum Skilaufen in die Schweiz selbstverständlich waren. Außerdem schreibt er über seine Außenseiterrolle in der Schule und wie er früh die Swing-Musik für sich entdeckte.

Der heutige Bandleader des Swing Dance Orchestra bestand seine Prüfung mit dem Schwerpunkt Swing-Musik an der Musikhochschule Hanns Eisler erst im zweiten Versuch mit der Note 4. Heute tourt Hermlin mit seiner 14-köpfigen Big Band durch Europa und die USA. Unter anderem spielte er auch schon in Clarinda, der Heimatstadt Glenn Millers, zu dessen 100. Geburtstag.

Mit einer linken, wenn auch DDR-kritischen Haltung erzogen, trat Andrej Hermlin 1990 in die PDS ein und ist bis heute Mitglied der Partei Die Linke, auf deren Wahlkampfveranstaltungen er auch auftritt.

Hermlins zweite Heimat ist mittlerweile Kenia. In dem 130 Kilometer von Nairobi entfernten Dorf Thumaita am Fuße des Mount Kenya hat er mit seiner Frau Joyce ein Haus im Art Déco-Stil gebaut. Und er engagiert sich in dem 1000-Einwohner-Ort. So hat er das Dorf verkabeln, Straßenlaternen errichten und Häuser verputzen lassen. Sein Engagement für die Demokratisierung Kenias und für den Oppositionsführer Raila Odinga führte im Januar 2008 auch dazu, dass er kurzzeitig verhaftet wurde.

Die nächsten Auftritte von Andrej Hermlin und seinem Orchester findet man unter: swingdance-orchestra.de

09:00 21.04.2011
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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