Na, und?

Porträt Marie Biermann ist die Tochter eines berühmten Vaters und steht nun mit seinen Liedern auf der Bühne. Warum macht sie das?

Sie nennt ihn „Wolf“ oder „Papa“.

Im April dieses Jahres hat Marie Biermann zu ihrem „ersten eigenen Liederabend“ in die Berliner „Bar jeder Vernunft“ eingeladen. Auf der Bühne erschien ein blonder Vamp. Im engen schwarzen Hosenanzug, mit wallenden Haaren und laszivem Blick stand sie da. Selbstbewusst, seltsam reif für 31, und doch unroutiniert.

Sie werde die wunderbaren Lieder ihres Vaters interpretieren, sagte sie. Nicht die politischen Balladen, an die man bei dem Namen Biermann sofort denkt, sondern Kneipenlieder, vom Kiez. Sie handeln von Streunern und Huren, von Schiffen und dem Hafen, Verflossenen, Sehnsucht, und Liebesleid. Wolf Biermann hat sie in den Sechzigern für Eva Maria Hagen geschrieben. „Min Jung, min Jung“ oder „Das mit den Männern und den Frau’n“: Ich kriegs nicht raus, in diesem Leben nicht, das wie man leben soll ...

Wer ist diese Marie Biermann? Und wa­rum will sie in die Fußstapfen ihres Vaters treten? Ziemlich große Fußstapfen.

Der Thron war schon besetzt

Sie sitzt auf der Holzbank vor ihrem vietnamesischen Stammimbiss in einer Straße, die Schulterblatt heißt, mitten im Hamburger Schanzenviertel. Sie trägt einen beigefarbenen Trenchcoat und einen grellbunten Schal, es ist kalt. Sie bestellt eine Pho, die Köchin fragt: „Wie gehts Dir?“, man kennt sich auf dem Kiez. Während sie isst, schwärmt sie von der Suppe: Mit Sternanis, Zimt und Ingwer ergebe sie eine liebliche Brühe, die an gute deutsche Rinderkraftsuppe erinnere, „für Hamburger Verhältnisse allererste Sahne“.

Sie erzählt von einem Abend mit „Siggi“, ihrem Pianisten, der auch Vorlesungen über französische Therapeuten hält. Sie kennt ihn, seit sie vier Jahre alt ist. Siegfried Gerlich hat als 18-Jähriger schon Eva-Maria Hagen begleitet, die mal eine große Liebe ihres Vaters war. „Und dann kam irgendwann ich“, sagt Marie Biermann.

Sie schaut einem Typen mit Dreitagebart hinterher, „oh, ein Seemann, toll. Ich bin allein, so allein...“, ruft sie ihm nach. Er dreht sich um, lächelt, zieht an der Kippe, muss weiter. „Komm zurück, Junge“, versucht sie es noch. Und zuckt mit den Schultern.

Marie Biermann ist das fünfte BiermannKind, es kamen noch fünf weitere. Warum singt sie die Lieder des Vaters?

Natürlich sei es gewagt, sich als Erste seines Werkes anzunehmen, antwortet sie nüchtern. „Das ist so wie ein BWLer, der plötzlich in den Vorstand seines Vaters drängt und die Firma übernehmen will.“ Sie sagt es mit entwaffnender Offenheit. Sie habe schon früh davon geträumt, auf der Bühne zu stehen, erzählt sie. „Aber ich war getrieben von Zweifeln und Ängsten, einer unsichtbaren Kraft, die mich davon abgehalten hat, einen Thron zu erklimmen.“ Da saß schon jemand. Und es sei schwierig, „den erfolgreichen, genialen, perfekten Vater zu übertrumpfen“. Perfekt? Sie überlegt. „Ich sehe ihn als starke Persönlichkeit, aber nicht als Gottheit oder Propheten,“ relativiert sie.

Dass sie Neugier erregen würde, wenn sie als Tochter Biermanns seine Lieder singt, liegt nahe. Macht sie es sich leicht? Wäre es nicht mutiger gewesen, mit eigenen Stücken aufzutreten? Oder vielleicht schwerer?

Sie habe lange mit sich gehadert. Eva Maria Hagen habe sie ermutigt, „sie hat mich da reingepuscht“. Ihre Mutter ruft auf dem Handy an, „hallo Mama“, die beiden verabreden sich für Eva Maria Hagens Geburtstagsparty. Die Mutter von Nina Hagen war in der DDR ein Schauspielstar, die Liaison mit Biermann hatte für sie berufliche Folgen. Sie siedelte nach dessen Ausbürgerung nach Hamburg über, gehörte zur großen Biermann-Familie, war aber nicht so nahe an Maries Leben dran. „Und sie ist eben nicht DER VATER“, sagt sie und wirft die Hände theatralisch Richtung Himmel. Wolf sei ihr Mentor gewesen, ein Regisseur, der mit ihr am Flügel saß und sie antrieb: „Los, mach schon“.

Aber von Eva-Maria konnte sie sich tragen lassen. Sie war eine Komplizin. Und eine Frau. „Das war auch so ein Gender-Ding“. Die beiden ähneln sich auch äußerlich, allerdings sind Marie Biermanns Haare blond gefärbt.

Mit Tussi-Gen

Sie zahlt und möchte ihr Viertel zeigen. Sie betritt ein Zoo-Geschäft: „Herr Dabelstein, können Sie sich noch an mich erinnern? Bei Ihnen habe ich meine erste Wüstenrennmaus gekauft!“ Der Mann im grauen Kittel schüttelt den Kopf. „Tschüss“, sagt Marie und ist schon wieder draußen.

Neben den alteingesessenen hätten auf dem Schulterblatt, der Straße, die zur Schanze führt, lauter neue Geschäfte aufgemacht, Goertz und Mac, eine Beauty-Kette. Da wurden mehrmals Scheiben eingeschmissen, mit den Läden zieht der Kommerz in das Viertel ein.

Marie Biermann sieht das pragmatisch. Sie hebt ein Bein, „guck mal, meine Lederstiefel, hab ich hier gekauft, und manchmal nehme ich auch zehn Lippenstifte auf einmal. Ich trage ein Tussi-Gen in mir.“ Als wolle sie beweisen, dass eine Biermann auch Girlie sein kann, eine wie alle anderen. Ein Mädchen aus St. Pauli.

Vor der Roten Flora, dem Wohnzimmer der Hamburger autonomen Szene, fallen ihr nicht Räumungen ein, sondern alte Humphrey-Bogart-Filme, die sie dort gesehen hat, als es noch ein Kino war.

Marie Biermann wurde 1980 in Hamburg geboren. Ihre Mutter, Tine Raben, traf den „Wolf“ bei einer Party in Ostberlin, 1973, da war sie 19. Als er nachts zur Gitarre griff, verliebte sie sich in den Mann mit dem Schnurrbart, der so gefährlich war, ein Sänger, der in der DDR Berufsverbot hatte. Biermann hofierte sie, und sie ging bald ein und aus in seiner Wohnung in der Chausseestraße, in der Ost- und Westlinke diskutierten, feierten, liebten. Sie hatte Wolf selten für sich allein, und irgendwann verließ sie ihn.

1974 hat Wolf Biermann ein Lied veröffentlicht, in dem er Tine Rabens Vater, einen Berliner Architekten, beschuldigt, an dem Bruch mit seiner Liebsten schuld zu sein. Weil die Stasi das verlangt habe. Der Vater bestritt das, die beiden Männer sind bis heute unversöhnt. Maries Mutter kehrte zu Biermann zurück und folgte ihm – ein Jahr nach seiner Ausbürgerung 1976 – nach Hamburg, in ein offenes Haus, in dem Eva Maria Hagen und Sibylle Havemann mit ihren Kindern lebten, die auch Biermanns waren.

Als Marie und ihr Zwillingsbruder Til drei Jahre alt waren, trennten sich die Eltern. Sie lebte eine Weile bei ihrem Vater, in einer Patchwork-Familie, immer zwischen zwei Haushalten. Wenn sie von ihren Geschwistern erzählt, den gemeinsamen Ausflügen, hört es sich so gelungen an. Kann das sein?

„Es gibt viele abgebrochene Äste und Wunden, die nie verheilen werden“, sagt Marie Biermann leise, aber sie habe in diesem „Zirkus“ ihre eigenen Beziehungen gepflegt, gelernt, Konflikte auszutragen, zu streiten und sich durchzusetzen, auch gegen Wolf, der so „wortgewaltig und schonungslos“ sein konnte. Das helfe ihr heute in ihren eigenen Beziehungen. Ihr Vater habe ihr beigebracht, zu kämpfen. „Wehr dich, sei stark, lass dir nicht von deinen Brüdern den Futterneid gefallen.“ Und er hat ihr gezeigt, wie man ein verstopftes Abflussrohr wechselt: „Fass da rein, Marie“. Seither habe sie kein Problem, „sich in Pfützen zu suhlen“. Im feinen Café Stenzel fläzt sich Marie auf dem Ledersofa, ignoriert die Blicke der älteren Damen, die am Tisch sitzen. Sie nimmt sich sowas raus.

Als Teenager wurde ihr der Biermann-Kosmos zu eng, die Leute aus der Kulturszene, die Patina. Sie zog zu ihrer Mutter nach St. Pauli, trug Buffalos, hörte nicht Bob Dylan, sondern ging auf Take-That-Konzerte. Raus aus dem Dunstkreis, „in dem jedes Wort auf die Waagschale gelegt wird“, der Tiefe entkommen, „diesem Deutschland-Deutschland, Ost-West, Nazizeit“. Den Geschichten, mit denen sie aufgewachsen ist. Wolf habe ihr schon als Achtjährige versucht nahezubringen, wie es im Osten war und dass ihr jüdischer Großvater in Auschwitz ermordet wurde. Sie wollte einfach nur Bravo lesen.

Hat sie sich mal mit der Familiengeschichte beschäftigt? „Seine Ost-West-Vergangenheit sitzt mir auf den Schultern, sie ist allgegenwärtig. Ich bin ja das Produkt einer Liebe, die in diesen Zeiten gewachsen ist“, sagt Marie Biermann, und es klingt ein bisschen stolz.

Fotos vom Treppenhaus

Vor ein paar Wochen sei sie in das Treppenhaus der Wohnung in der Chausseestraße gegangen, in der diese Liebe begann. „Ich habe Fotos gemacht und sie Papa geschickt: Hier, Protokoll, bitte!“ Es sei ein schwerer Gang gewesen, „weil das eine Zeit beschreibt, die ich nicht miterlebt habe. Da bin ich das erste Mal, ganz unpolitisch betrachtet, in die Heimat meiner Eltern spaziert.“ Sie klingt weicher, wenn sie von dem Geruch redet, dem Blick auf den Innenhof, den Pflastersteinen vor dem Haus, die sie sich „eingeimpft“ habe und „auf denen damals die Stasi-Leute Patrouille geschoben haben“. Sie sagt es sachlich, nicht so verbittert, wie das bei Biermann klingt. Die Wohnungstür war verschlossen, der Knauf an der Haustür, den der Vater immer betätigt hat, war noch dran.

Marie Biermann berührt das, so nähert sie sich ihrer Familiengeschichte, aber sie brauchte erst Abstand. Sie ist keine normale 31-Jährige, sie hat dieses Erbe. Was verbindet sie mit ihrer Generation?

„We are lost!“, ruft sie, aber warum auf Englisch? Sie besuche oft Freunde in Los Angeles. Diese Strandstädte! Sie könne da so herrlich bedeutungslos sein. Sie wechselt ihre Rollen: das Showgirl, die vom Kiez, die Liedermachertochter, Kalifornien. Und vielleicht ist sie das ja alles.

Sieht sie sich als politischen Menschen? „In der DDR gab es Drachen zu töten, aber ich muss das nicht mehr, obwohl ich es mir manchmal wünsche.“ Aber welche Drachen sollten das sein. Banken? Politiker? „Nicht mein Thema.“ Mit Bewegungen wie Occupy oder Anti-Gentrifizierern kann sie wenig anfangen. Sie sitze gern mit einem Schwaben beim Vietnamesen. „Ich bin doch kein Gettokind. Mein Lebensgefühl ist das Liebeslied.“

Wir wandern durch St. Pauli, an Spätverkäufen, Nuttenhotels, früherem Transenstrich vorbei. Marie Biermann lebt seit den Neunzigern hier, wird unterwegs von Nachbarn gegrüßt. Sie wirft einen Blick ins Na und?, die Kneipe ist nachmittags noch leer, und die Wirtin bekommt einen Hustenanfall. „Kehlkopfkrebs“, sagt Biermann trocken, von 30 Jahren im Qualm sitzen.

Am Hamburger Berg, den sie „Absturzstraße“ nennt, fallen ihr Zeilen aus einem Biermann-Lied ein: Die Sonne frisst das Kerzenlicht, ich auch, ich krieg den Hals nie voll, Ich, lebensgeil, und lebensmüd, seh ich den Wald vor Bäumen nicht ... Hat sie das Maßlose geerbt? Die Gefährdung? Den Wunsch nach Rausch, sich tief fallen zu lassen, den kenne sie. „Aber ich bin zu eitel, um mich darin zu verlieren, zu lebenshungrig“.

Wenn sie "Welke Blätter" vorträgt, einen alten Jacques-Prévert-Song, den ihr Vater übersetzt hat, spürt man, dass sie den Schmerz nicht nur spielt, sondern ihn mit auf die Bühne nimmt. Du, ich wollt, du würdest dich erinnern, aneinander haben wir uns gefreut ... Dieses Lied sei nur für einen, „es wird nie ein Platzhalter sein“, sagt Marie Biermann. Es erzählt eine universelle Geschichte – die von einem Mann und einer Frau. Und ihre Geschichte.

Marie Biermanns Großvater war Ur-Hamburger und arbeitete als Schlosser bei der Werft Blohm und Voss. Er war Jude und stand im kommunistischen Widerstand, sabotierte Schiffe der Kriegsmarine. 1943 wurde er im KZ Auschwitz ermordet.

Ihr Vater, der Liedermacher Wolf Biermann, siedelte 1953 in die DDR über und lernte dort Tine Raben kennen, Maries Mutter. Sie folgte ihm nach seiner Ausbürgerung 1976 nach Hamburg. Marie Biermann wurde dort 1980 geboren und pendelte zwischen zwei Haushalten. Sie nahm Gesangsunterricht bei Carsten von Stanislawski und hat eine Schauspielausbildung abgeschlossen. Sie jobbte nebenher als Putzfrau, Kellnerin oder Mannequin (auch als sogenanntes Dickenmodel).

Seit 2003 arbeitet Marie Biermann hauptberuflich als Sprecherin für Werbung, Hörspiel, Computerspiele oder Synchron.Diesen April erschien ihre erste CD Marie singt Biermann (Zweitausendeins), auf der sie Kneipenlieder ihres Vaters sowie Lieder von Ingrid Caven und Pascal Finkenauer interpretiert. Jonas Poppe, der Sohn der DDR-Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe, hat das Album produziert.

Demnächst möchte sie eine CD mit den jiddischen Liedern ihres Vaters aufnehmen. Im Moment tritt sie mit ihrem Programm Vom donnernden Leben auf. ML

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12:40 02.12.2011
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

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