Nach all der Wut

Porträt Jasmin Tabatabai macht jetzt Jazz, dreht eine Fernsehserie fürs ZDF und hat Familie. Vielleicht ist sie ein bisschen bürgerlich geworden – langweilig aber nicht
Maxi Leinkauf | Ausgabe 20/2016 12

Sie umschmeicheln einen, ihre neuen Lieder. Trifft man sie im realen Leben, wirkt sie im ersten Moment etwas spröde. Aber auf interessante Art. Mit schwarzer Sonnenbrille, Lederjacke, und Fahrradhelm im britischen Karostil unter dem Arm erscheint sie in einem Café nahe dem S-Bahnhof Pankow. Vintage-Lampen an der Decke, an den gebeizten Holztischen malen Mütter mit ihren Kindern Hefte aus. „Wollen wir lieber woanders hin?“, fragt sie. „Lust auf Burger? Oder sind Sie Vegetarierin?“ Als wir gleich darauf draußen, vor dem Café, stehen, winkt eine Frau ihr zu. „Meine Nachbarin“, erklärt Jasmin Tabatabai knapp. Und wird dann von einem Fahrradwahnsinnigen fast umgefahren. Worauf sie aber nicht flucht. Wir finden den richtigen Laden, ein Lokal nach ihrem Geschmack, sie bestellt Bio-Burger mit Pommes. Ein paar englischsprachige Touristen sitzen auf langen Holzbänken. Hier in der Nähe lebt Jasmin Tabatabai mit ihrer Familie, eine ruhige Gegend, ein großes Haus.

„Von außen betrachtet könnte man über mich sagen: Die ist langweilig geworden, sie dreht jetzt eine Fernsehserie fürs ZDF und macht Jazz-Musik, und sie hat drei Kinder. Man könnte mir am ehesten den Vorwurf machen, dass ich ein bürgerliches Leben führe.“ Aber sie denke nicht darüber nach, wie sie rüberkomme. Sie hatte eben Lust, eine Platte aufzunehmen. „Ich habe mir Jazz auch immer gediegen und verkopft vorgestellt. Aber es ist einfach handgemachte Musik, sehr emotional, und sie wird von Musikern live eingespielt. Da ist nichts geschönt.“ Sie wolle nicht immer nur gegen die Lautstärke ansingen. „Nach meinen Zugaben in den Rockkonzerten habe ich die Gitarre genommen, ein paar Lieder akustisch gespielt, und gemerkt, dass es da zwischen mir und dem Publikum intimer wird, dass es Klick macht.“

Es gebe Leute, alte Bandits-Fans vor allem, die fragten: Machst du schon wieder so was Ernsthaftes? „Die möchten ihre alte Jasmin wiederhaben. Aber man kann das Vergangene nicht festhalten.“ Sie singt ihn noch immer, Another Sad Song aus dem Film Bandits, nur leiser als früher. „Wenn man Lieder mit Kindern vergleicht, dann ist das jetzt ein erwachsenes Kind, das seinen eigenen Weg gegangen ist. Einen sehr langen Weg. Das Lied habe ich mit den Cowgirls gespielt, mit Bandits, auf jeder Live-Tournee, und jetzt wieder.“

Eigentlich sind es Chansons, die sie nun interpretiert (siehe Kasten), wie das titelgebende Lied von Georg Kreisler Was sagt man zu den Menschen, wenn man traurig ist? Kreisler wusste auch eine Antwort: besser nichts. Tabatabai interpretiert Reinhard Mey und haucht die Hymne der Pudhys Wenn ein Mensch lebt. Wenn sie das alte iranische Lied Gole Sangam – „Blume aus Stein“ singt, klingt es wie eine Klage. Man muss sich darauf einlassen. Verstecken Iraner ihren Schmerz weniger? „Ja, ich sehe, wie fundamental anders dort mit Traurigkeit umgegangen wird. Bei uns hierzulande ist Traurigsein etwas Unangenehmes, ein Tabu, man soll es möglichst verstecken, jeder soll es mit sich selber ausmachen. Traurigkeit gilt als Schwäche, und Schwäche zeigt man nicht.“

„Bandits“ (1997): Vom Feuilleton wurde der Film scharf attackiert – aus sexistischen Motiven, glaubt Tabatabai (links) heute
Foto: United Archives/Imago

Als Tabatabai mit 19 bei der Beerdigung ihres Vaters im Iran war, wurde das Traurigsein zelebriert. „Am siebten Tag wird ein Fest gefeiert, bei dem man der Toten gedenkt, und am 40. Tag wird ein Fest gefeiert. Jeder umarmt die Leute, die Trauer tragen, man sagt sich bestimmte Sprüche. Man geht sich einfach nicht so aus dem Weg. Durch diese Rituale wird es leichter.“ Im Iran sieht man erwachsene Männer, die weinen, wenn sie Musik hören. In Deutschland habe sie das höchstens mal erlebt, wenn eine Fußballmannschaft verliert. Deutsche seien zwar durchaus melancholisch, aber die Gesellschaft sei anders organisiert. „Ob du zu jung bist, zu alt, schwanger oder trauernd – solche Dinge werden verdrängt. Es wird weitergearbeitet.“

Sie war Frontfrau einer Rockband und schrieb Liebeslieder, aber selten zeigte sich Jasmin Tabatabai als Sängerin so nachdenklich wie jetzt. Etwa bei Youkali, einem Lied, das Kurt Weill 1934 im französischen Exil komponiert hat: „Es trieb im weiten Runde, mein Boot im Meer der Winde, mich bis ans Weltenende, wo’s nirgends weiter geht. Youkali ist, wo das Land der Sehnsucht liegt, Youkali ist, wo es Glück und Freude gibt.“ Es passt so in die Zeit, findet Tabatabai. „Das Land verlassen. Der Traum von einem heilen, offenen Deutschland. Und dann steht man am Lageso in der Schlange.“ Neulich am Bahnhof habe sie einen Fotoband gekauft, mit Bildern aus der Zeit nach 1945: „Damals war ganz Europa auf der Flucht, alle waren auf dem Kontinent verstreut. Und so wahnsinnig unterscheiden sich die Bilder nicht von denen, die man heute aus Syrien und an den Grenzen sieht.“ Sie sei sich dieser Dimension bewusst, wenn sie ihre Lieder singt, „aber es ist eine Metapher, es geht hier nicht nur um Aleppo. Sondern um Poesie und um einen Sehnsuchtsort. Für mich ist es die Heimat meiner Kindheit: Der Iran.“

Eine der ersten Migrantinnen

Jasmin Tabatabai war eine der ersten Schauspielerinnen mit migrantischem Hintergrund im deutschen Film, und sie ist dort seit 20 Jahren fest etabliert. „Ja, ich bin schon so lange dabei, jemand sagte mal: ,Sie ist ihre eigene Generation.‘ Ich war ja sehr lange Zeit allein auf weiter Flur, es gab noch Renan Demirkan, und dann kam die nächste Generation.“ Es sind Künstler wie Fatih Akin, Mehmet Kurtuluş, erster türkischer Tatort-Kommissar, oder Comedians, deren Stoff ihre doppelten Wurzeln sind. „Den jungen Kollegen, die sich über mangelnde Rollen aufgrund ihrer Herkunft beklagen, rate ich, nicht ständig darüber zu klagen und somit den Fokus darauf zu ziehen. Jeder Schauspieler wird typbesetzt, das liegt nun mal in der Natur der Sache“, sagt Tabatabai.

Sie erhalte öfter Talkshow-Einladungen als Iran-Expertin, dabei war sie seit 35 Jahren nicht mehr dort. Ende Dezember saß sie mit Martin Schulz, Naika Foroutan und Daniel Cohn-Bendit auf einem Podium in München, es ging um den Islam, Europa, die Flüchtenden – alles keine einfachen Themen. „Wenn ich etwas gelernt habe im Leben, ist es, dass es machmal um das kleinere Übel geht“, sagte Jasmin Tabatabai. „Wenn ich entscheiden soll, ob meine Töchter in der Islamischen Republik aufwachsen sollen oder in Deutschland – dann hier. Unter anderem weil es hier das Grundgesetz gibt.“ Wer über den Islam rede, dürfe nichts ausblenden. „Wenn in Paris ein jüdischer Supermarkt angegriffen wird, dann sagen wir ganz schnell, reflexartig, bitte jetzt nicht alle Muslime über einen Kamm scheren. Aber da ist etwas klar Antisemitisches passiert, im Namen meiner Kultur, meiner Religion – wir müssen darüber reden, was da im Argen liegt!“

Daheim in allen Genres

Für ihr Liederalbum Eine Frau bekam Jasmin Tabatabai 2011 jubelnde Rezensionen von der Süddeutschen Zeitung und 2012 den Echo Jazz als „Beste nationale Sängerin“, die Laudatio hielt Katja Riemann. Fünf Jahre später (am 20. Mai) erscheint nun ihr zweites Jazz-Album Was sagt man zu den Menschen, wenn man traurig ist, mit Coverversionen von Reinhard Mey („Aller guten Dinge sind drei“), dem Puhdys-Klassiker „Wenn ein Mensch lebt“ aus dem Film Die Legende von Paul und Paula, mit Songs von Kurt Weill oder eigenen. Zuvor sang die 49-Jährige viele Jahre in der Rock-Coun-tryband Even Cowgirls Get the Blues.

Deutschlandweit bekannt wurde Jasmin Tabatabai als Schauspielerin. 1997 spielte sie im Roadmovie Bandits von Katja von Garnier eine Sängerin und Gitarristin, die zusammen mit anderen Gefängnisinsassinnen eine Band gründet. Zum Film schrieb Tabatabai den kompletten Soundtrack, der bis heute als einer der meistverkauften des Landes gilt. 2005 verkörperte sie in Fremde Haut eine lesbische Iranerin, die sich als Mann ausgibt. Nach dem Sturz des Schahs durch Ajatollah Khomeini 1979 hatte die Familie Tabatabai (die Mutter ist Deutsche, der Vater Iraner) Teheran verlassen. Nach dem Abitur 1986 in Bayern studierte Jasmin an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart und spielte verschiedene Theater- und Kinorollen. Jasmin Tabatabai lebt mit dem Schauspieler Andreas Pietschmann und drei Kindern in Berlin. Maxi Leinkauf

Als sie sieben Jahre alt war, hat ihre Familie den Iran verlassen. Viel später, so um die 40, hat sie in ihrem Buch Rosenjahre von dieser Welt erzählt. Es ist die Geschichte ihrer Mutter, die Tabatabais Vater aus München nach Persien folgte, ihn heiratete und vier Kinder mit ihm bekam. Es gibt eine schöne Stelle im Buch, die Mutter möchte ihre Fahrerlaubnis machen, der Vater murrt: „Wozu brauchst du die denn?“ Die Mutter schaffte die Prüfung auf Anhieb. 1979 kamen die Mullahs, und verbannten schleichend alles Moderne aus dem täglichen Leben. Es ging zurück nach Deutschland. Tabatabais Geschwister leben hier, ihr Bruder hat eine Halbrussin geheiratet, das war das letzte große Familienfest: „Ihr werdet sehen, wie wir Russen feiern, ihr könnt euch warm anziehen – so in etwa lautete die Ankündigung“, erzählt Tabatabai. „Ab dem ersten Lied waren alle Iraner auf der Tanzfläche, während die Russen ihren Wodka runterkippten. Niemand feiert so wie die Iraner! Niemand!“

Jasmin Tabatabais Stimme wird weicher, wenn sie von der Familie redet, auch ihr Blick. Sie wirkte erschöpft, als wir uns vor zehn Jahren in einem Tonstudio zum ersten Mal begegneten, sie rauchte Kette und hatte gerade Zadie Smiths Roman Von der Schönheit gelesen, der zeigt, wozu eine bigotte Erziehung führen kann. Sie teilt mit der englischen Autorin jamaikanischen Ursprungs ähnliche Erfahrungen. „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit in Iran, ich war aber auch ein klassisches zorniges Mädchen: Ich habe schon damals mitbekommen, wie ungleich Männer und Frauen behandelt wurden. Mein Bruder war ein Jahr älter, mit ihm wurde geredet – mit mir nicht. Das machte mich zornig, weil ich es nicht verstand.“ Dass sie sich gegen ihren Bruder behaupten musste, habe ihr Kraft gegeben, und Selbstbewusstsein. „Es interessiert mich nicht, was ich darf oder nicht: Darf man als Rock ’n’ Rollerin drei Kinder kriegen? Dieser Eigensinn sitzt tief, es ist der rote Faden in meinem Leben.“

Als Künstlerin will sie sich nicht festlegen, im Privaten schon. Sie mag die Ehe, möchte mit jemandem gemeinsam alt werden. Sie war ein paar Jahre mit einem amerikanischen Musiker verheiratet, bekam eine Tochter mit ihm. „Der hat immer zu mir gesagt: Ihr spielt nicht miteinander – You don’t jam.“ Immer wenn in Amerika Musiker zusammenkommen, setzten die sich zusammen und improvisieren, ganz anders als hier, wo der Dünkel viel stärker ausgeprägt sei. Man habe sich als Künstler im Film oder in der Musik früher oft darüber definiert, wen man alles doof finde, wollte zu den Coolen gehören, sagt Tabatabai. Das sei nur Unsicherheit gewesen.

Sie sind erwachsen geworden, die Girlies der 90er Jahre. Jasmin Tabatabai ist bis heute mit einigen der bekanntesten Vertreterinnen jener Frauengeneration befreundet, etwa mit Katja Riemann und Nicolette Krebitz, die Patentanten ihrer Kinder sind. Zuletzt trafen sie sich alle bei der Premiere von Krebitz’ jüngstem Film Wild.

Persische Traditionen

Tabatabai, sie ist jetzt 49, hat schon länger keinen Kinofilm mehr gedreht. Aus der Beziehung mit ihrem Mann Andreas Pietschmann stammen noch Tochter Helena (6) und Sohn Johan (2). Sie höre oft Sprüche wie: „Jetzt bist du ja Mutter.“ Vor allem Frauen würden sie so begrüßen. „In Deutschland ist nicht nur ,Gutmensch‘ ein Schimpfwort, sondern auch ,Mutter‘“, findet sie. „Viele haben ein gestörtes Verhältnis dazu, um es mal vorsichtig auszudrücken.“ Mutter! Jasmin Tabatabai spricht es betont abfällig aus, verzieht ihr Gesicht, um den Mutterhass zu demonstrieren, den sie oft spüre. „Kinder sind im Iran ein Grund zur Freude. Alle kleinen Kinder werden wahnsinnig geliebt. Man hat immer einen Pluspunkt, wenn man mit einem kleinen Kind irgendwo hinkommt.“ Hierzulande werde es eher als Privatproblem behandelt, nach dem Motto: Krieg das halt geregelt. Das mache es auch beruflich schwerer, Produzenten und Regisseure würden oft denken: Die brauchen wir jetzt nicht mehr zu fragen, die ist ja jetzt Mutter. Sie müsse aber nicht mehr jeden Kampf ausfechten, sagt Tabatabai. Sie sei besonnener geworden.

„Im Moment sind meine Kinder noch klein und brauchen mich. Andererseits habe ich noch nie in meinem Leben so viel gearbeitet wie jetzt. Ich muss mich kümmern, ich muss Versorger sein.“ Ihre Kinder will sie nicht lange alleine lassen. Daher komme es für sie gerade gar nicht in Frage, irgendwo im Ausland zu drehen oder auch nur außerhalb von Berlin. Die Oma sei oft da, bringe den Kleinen Traditionen nahe wie das persische Neujahrsfest Nouruz.

In einer der neuen Folgen der ZDF-Serie Letzte Spur Berlin trifft die Polizistin, die Tabatabai dort spielt, eine alte Freundin wieder. Sie waren früher zusammen in einer Rockband, die Freundin ist noch immer auf Tour, ohne Ehering, ohne Kinder. Die Kommissarin zieht zum Treffen die glitzernde Lederjacke an, taucht noch einmal in ihr altes Leben. Die beiden trinken Cocktails und tanzen zu Kiss von Prince. Und am Morgen danach fährt die Polizistin mit dem Taxi ins Büro.

06:00 01.06.2016
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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