Neue Mitte

Shermin Langhoff war früher Aktivistin in einer kommunistischen Partei und erfand das postmigrantische Theater. Auch als Leiterin des Gorki-Theaters will sie die Gesellschaft verändern
Maxi Leinkauf | Ausgabe 43/2013 2
Neue Mitte

Foto: Franziska Rieder für der Freitag

Ein helles, geräumiges Büro im Maxim-Gorki-Theater in Berlin-Mitte. Hier residiert Shermin Langhoff, die im September den Chefposten übernommen hat. Ein gerahmtes Filmplakat mit Birol Ünel, dem Helden aus Gegen die Wand, lehnt an der Wand. Und es gibt ein Poster der ehemaligen Fußballmannschaft des Ballhaus-Theaters. Auf dem Tisch ist die Hürriyet ausgebreitet. Die türkische Zeitung hat groß über „Shermin’In Gorki“ berichtet. Wenn sie besonders engagiert redet, kommt bei Langhoff das fränkische R durch.

Der Freitag: Frau Langhoff, in der Gorki-Kantine stehen auf einem Tisch zwei Flaggen, die deutsche und die türkische. War eine Delegation zu Besuch?

Shermin Langhoff: Die Flaggen sind ein Geschenk von meinem Kioskbesitzer. Und wir dachten, da könnte man eine Stammtischironie draus machen. Wir suchen hier ja nicht die üblichen diplomatischen Dialoge à la deutsch-türkische Freundschaft, sie lebe hoch! Eher sind es die Ambivalenzen der deutsch-türkischen Freundschaft, die uns interessieren.

Sie haben sich mit Geschichten von Migranten einen Namen am Ballhaus in Kreuzberg gemacht. Jetzt wird am Gorki der „Kirschgarten“ von einem türkischen Regisseur inszeniert. Was kann Tschechow einem Zuwanderer heute erzählen?

Tschechow hat ja nicht nur die Umbrüche von 1903 beschrieben. Er hat das Stück nicht nur als Abgesang auf das Bürgertum verstanden, sondern auch als Komödie über jenes und über den Aufstieg des industriellen Kapitalismus mit dem Kaufmann Lopachin, der heute ein neoliberaler Gentrifizierer sein könnte.

Es geht um Kapitalismuskritik?

Nicht nur, beim Kirschgarten gibt es ein wichtiges Motiv – das Gefühl der historischen Verantwortung derer, die heute leben, gegenüber denen, die in der Vergangenheit lebten. So lassen sich verschiedene Fragen stellen wie: Wem gehört eigentlich der märkische Sand? Wenn man den Kirschgarten als Heimaterde begreift – wem hat er vorher gehört? Wir befinden uns hier beim Gorki-Theater in der Mitte Berlins, die besonders betroffen war vom Zusammenspiel von Stadtplanung und Arisierung mit der Vision einer Welthauptstadt Germania. Mit den Geschichten von Nation und Identität beschäftigen sich daher auch die 30 Künstler in unserem Berliner Herbstsalon.

In den Feuilletons werden Sie oft nur als die Migrantin des Theaters wahrgenommen. Nervt Sie das?

Ich unterscheide nicht zwischen deutschen oder migrantischen Themen. „Jetzt gehen die Türken ins Theater und bekommen endlich die den Muslimen fehlende Aufklärung.“ So habe ich das Ballhaus nie verstanden. Die Menschen jedweder Herkunft sind gekommen, weil sie sich identifizieren konnten. Auch Fassbinder hat Katzelmacher gemacht oder Angst essen Seele auf. Er hat Deutschland über die Reaktionen der Deutschen auf das sogenannte Fremde erzählt. Wir werden uns am Gorki mit seinen Stücken beschäftigen.

Auf dem neuen Spielplan steht auch Olga Grjasnowas „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Darin geht es wieder um Suche nach Heimat und Identität.

Es ist eine postmigrantische Geschichte, dabei hasst die Protagonistin Mascha diese und andere Kategorien und streitet sich bereits auf den ersten Seiten darüber.

Was bedeutet postmigrantisch?

Das Identitätskonzept, insbesondere das Nationale und nach homogenen Gruppen und kultureller und ethnischer Herkunft Kategorisierende, ist ein Problem. Wir haben keine festen Gewissheiten: Was heute richtig ist, ist morgen falsch. Und wir verhandeln immer wieder neu, was wir wie sehen. Wir möchten nicht benannt oder kategorisiert werden.

Migranten sollen nicht auf die Herkunft reduziert werden.

Ich bin mittlerweile 43 Jahre alt und komme aus der Zeit der Abi-Türken. Das ist die zweite Generation, in der es viele geschafft haben. Wir kommen ja alle aus Arbeiterfamilien mit Aufstiegswillen. Meine Mutter hat bei AEG im Akkord gearbeitet und ist hinterher putzen gegangen, bevor sie sich mit einer Schneiderei selbssttändig machte. Um irgendwie in dieser Gesellschaft anzukommen, dachte man, sich assimilieren zu müssen.

Sich anpassen wollen, ist doch menschlich ...

Ja, nur nicht, wenn es aus rassistischen Gründen geschieht und man sogar als Künstler sich verleugnet, um nicht abgestempelt zu werden. Viele Künstler türkischer Herkunft haben sich distanziert, wollten universell und international sein und nicht in eine Community-Ecke gedrängt werden. Aber dann stellten sie fest, wer in einer deutschen Galerie neben anderen deutschen und internationalen Kollegen ausgestellt wird, der wird gegebenenfalls erst recht kategorisiert, weil die Galerie in der Biografie gern die soziale und ethnische Herkunft à la „das Kind von Gastarbeitern stammt aus der Türkei“ hervorhebt und gern Arbeiten hat, die sich mit Heimat und Identität auseinandersetzen. Das kann sehr schmerzhaft sein ...

Werden türkische Zuschauer Ihnen nach Berlin-Mitte folgen?

Naturgemäß waren ja vor allem deutsche und interessanterweise auch viele ältere traditionelle Theatergänger im Ballhaus, die mir gesagt haben: „Frau Langhoff, ich hab alles schon gesehen, den Hamlet in acht Handschriften. Aber hier erfahre ich etwas Neues und sehe wieder Schauspielertheater.“

Sie verstehen sich als politische Theatermacherin: Wodurch sind Sie selbst politisiert worden?

Ich bin in Deutschland mit 14 Aktivistin der in der Türkei damals verbotenen Kommunistischen Partei der Türkei geworden. Meine Tante, die in Arbeiter- und Kulturvereinen aktiv war, nahm mich sehr früh mit in die Kreise von türkischen Exilanten, die nach dem Militärputsch 1981 geflohen waren. Mit ihnen las ich Marx, Engels und Lenin ebenso wie Brecht, Neruda und Hikmet. Bis zu meinem 18. Lebensjahr blieb ich ideologische Aktivistin. Die Diskussionen mit meinem damaligen Freund, der Mitglied der Marxistischen Gruppe war, und wirkliche Begegnungen mit dem real existierenden Sozialismus in der DDR führten zum Verlust meines Glaubens an den Sozialismus als Übergangsgesellschaft zum Kommunismus. Das waren neben der großen Liebe für Film, Literatur und Theater einige der Gründe, warum ich mich für Aktivismus in der Kunst entschieden habe statt für Parteipolitik.

Der Widerstand soll nun auf der Bühne stattfinden?

Ich kann mir gar nichts anderes vorstellen. Wenn Kunst nicht um gesellschaftliche Veränderungen ringt, interessiert sie mich nicht.

Wie kann man desillusionierte Menschen mitreißen?

Da habe ich kein deutsches Ingenieursdenken. Ich glaube nicht an Lösungen, sondern an Wege. Nach den Protesten im Gezi-Park und den Entwicklungen in Ägypten wurde ich oft gefragt: Was wird denn jetzt? Aber auch die 68er haben keinen Umsturz in Deutschland hervorgerufen. Trotzdem hat sich die politische Kultur in diesem Land verändert. In der Türkei sind die Selbstzensur und das Bespitzeln gebrochen worden. Eine ökologisch bewusste Jugend wurde politisiert, die bisher nur im Privaten aktiv war.

Das Gorki-Theater hat 1988 Volker Brauns Stück „Übergangsgesellschaft“ gezeigt. In welcher Zeit leben wir heute?

Wir verhandeln gerade wieder eine Übergangsgesellschaft, aber da geht es weniger um Utopie als um die Krise eines Kapitalismus, der Wachstumsschwierigkeiten hat.

Uns Deutschen geht es doch gut, Angela Merkel richtet es schon ...

Jedes dritte Kind, das in Berlin oder im Ruhrgebiet von Hartz IV in Armut lebt, sieht das anders.

Aber wir halten trotzdem still ...

Ich schäme mich für diese Ruhe. Ja, wir Deutschen sind gewissermaßen die Krisengewinnler. Aber wenn sich Künstler noch als Avantgarde begreifen, wenn es bei uns noch kritische Denker, Schriftsteller, Philosophen gibt, müssen sie was entgegnen, eine Vision haben.

Und weniger zynisch sein?

Wir leben in einer der angesehensten Demokratien, gleichwohl konnte die Bundeskanzlerin 2009 einen Finanzminister berufen, der sich nicht mehr erinnern kann, in welches Schubfach er eine 100.000-Mark-Spende gelegt hat, und kein Hahn kräht danach. Da fehlt die Moral.

Ihr Mann Lukas Langhoff stammt aus einer Theaterdynastie ...

Wir leben schon 20 Jahre zusammen, und mein Mann hält nichts von Dynastien. Er ist eher der Verweigerer eines Erbes der Tradition. Das hat mit seinem Ostpragmatismus zu tun, aber auch mit der Relativierung von Bedeutung, die eben jene gefasste Erfahrung einer Künstlerfamilie seit Generationen mit sich bringt.

Teilen Ossis und Migranten eine Erfahrung des Fremdseins?

Mein Mann sagt immer: „Mein Land gibt es nicht mehr. Deines schon.“ Wir beide kennen aber das Gefühl des Zum-Anderen-gemacht-Werden. Auf Ossis wurde im Westen anders stigmatisierend geblickt als auf Migranten. Uns ärgert es etwa, wenn es in der ersten Folge des neuen Polizeirufs, der in Magdeburg gedreht wird, um Rechtsradikale geht. Da fühle ich mich auch als Ostdeutsche.

Aber diese Konflikte gibt es doch.

Sie sollen auch nicht ausgeblendet oder verleugnet werden, aber oft werden sie singularisiert und aus politisch-historischen Kontexten herausgenommen. Gerade Rechtsradikalismus ist nach den Morden der NSU ebenso wie nach dem Sarrazinismus in der Mitte der Gesellschaft ein Kontext, den ich für sehr wichtig halte. Aber über die Setzung in der ersten Folge des Polizeirufs findet eine Reduktion statt, die Magdeburgs Realität nicht genügt. Da wird so ein immergleiches Bild vom Osten reproduziert.

Sie sind eine der wenigen Frauen in Deutschland, die ein Theater leiten. Führen Frauen anders?

Ich wäre gern eine liebevolle und natürliche Autorität, ich bin flache Hierarchien und kollektives Arbeiten aus der freien Szene gewohnt und habe keine Angst vor Machtverlust. Natürlich habe ich hohe Ansprüche an die künstlerischen Prozesse und genug Erfahrung mit Produktionsprozessen und Notwendigkeiten. Als Frau und Migrantin versuche ich, besonders Frauen zu fördern und Vorbild zu sein. So setzen wir gern die Leitlinien der Berliner Kulturpolitik zur interkulturellen Öffnung, Gender Mainstreaming und Barrierefreiheit um. Das steht in jeder Ausschreibung des Gorki.

Sind Sie für eine Frauenquote?

Ich bin dafür – überall dort, wo sie anwendbar ist. In der Kunst glaube ich nicht daran. Trotzdem ist es ein Armutszeugnis, dass ich im Jahre 2013 zu den ersten Intendantinnen gehöre. Aber warum sollte es im Theater anders sein als in der gesamten Gesellschaft?

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 06.11.2013
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

Ausgabe 38/2021

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