• Startseite
  • >
  • Kultur
  • >
  • Nora Bossong über ihr Buch „Die Geschmeidigen“: „So rettet man nicht die Welt“

„So rettet man nicht die Welt, sondern überschätzt sich grandios“

Interview In ihrem neuen Buch porträtiert Nora Bossong ihre Generation der um die 40-Jährigen – von Annalena Baerbock bis Christian Lindner. Die Schriftstellerin attestiert den „Geschmeidigen“: Ihr habt zu lange nur auf euch selbst geschaut
Die Autorin und Schriftstellerin Nora Bossong
Die Autorin und Schriftstellerin Nora Bossong

Foto: Sven Simon/IMAGO

Eine Zeit lang dachte die „westliche Welt“, die großen existenziellen Fragen seien gelöst. Dann kamen die Krisen. Die Pandemie dominierte mehr als zwei Jahre politisches Handeln. Der Krieg in der Ukraine – ein Schock. In ihrem Buch Die Geschmeidigen entwirft Nora Bossong ein Bild ihrer Generation und urteilt: Sie habe sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt. „Unsere Werte“ müssten nun „anders“ verteidigt werden.

der Freitag: Frau Bossong, Sie porträtieren in Ihrem Buch die um die Vierzigjährigen, Ihre Generation, für die Krieg immer weit weg war: Uns kann ja nichts passieren. Und jetzt ist er da. Wie erleben Sie diese Zeit gerade?

Nora Bossong: Ich kann mich an keinen Schock erinnern, der mich mehr getroffen hat. Vielleicht kommt 9/11 dem noch am ehesten nahe. Aber dass es wirklich einen Angriffskrieg einer Atommacht gibt, in Europa, dass wollten viele von uns, viele meiner Altersgenoss:innen nicht wahrhaben. Bei mir kommen alte Bilder hoch.

Welche Bilder?

Ich denke an die Erzählungen meines Opas. Meine Großeltern mütterlicherseits waren leider klassische Mitläufer, wobei mein Großvater genau das Kanonenfutter war, das 1945 noch geschickt wurde, um zu sterben. Er hat irgendwie überlebt. Als ich klein war, hat er mir von diesen Häuserkämpfen erzählt. Ich wollte dann immer Krieg spielen. Erst später, mit sieben, acht, als meine Großmutter mitbekam, dass ich Kämpfe mit dem Playmobil nachstellte, sagte sie: „Schluss!“

Sie sind dann, wie wir alle, in dem Glauben aufgewachsen, der ewige Frieden sei angebrochen. Oder wie Omid Nouripour in Ihrem Buch es nennt: „Wir waren auf unserem Ponyhof.“ Und nun hat uns der „Ernst des Lebens“ erreicht.

Und das bewahrheitet sich auf die schlimmste Art, die man sich denken kann. Wir haben uns zu sehr in der Selbstverständlichkeit von Freiheit und Demokratie gewähnt. Wir waren vielleicht ein bisschen naiv. Für diese Generation trifft es besonders zu, aber es geht natürlich auch über sie hinaus. Wenn wir sehen, wie viele Menschen nicht glauben wollten, dass Putin wirklich einen Angriffskrieg startet.

Sie haben 25 Menschen getroffen, die zwischen 1975 und 1985 geboren sind, vor allem Politiker:innen – Katja Kipping, Lars Klingbeil, Omid Nouripour, Christian Lindner. Teilen siealle wirklich diese Erfahrungen einer allzu bequemen Zeit?

Natürlich gibt es Ausnahmen: Omid Nouripour hat als Kind im Iran erlebt, was Krieg bedeuten kann. Und Katja Kipping ist ein Wendekind.

Kann man dann trotzdem von „Wir“ sprechen?

Das „Wir“ ist literarisch eine schwierige Konstruktion, die man jenseits von Generationenporträts meistens vermeidet, weil man meist falschliegt. Selbst wenn man nur das Zweier-Wir des Liebespaares nimmt.

Der andere hat etwas ganz anders erlebt.

Und der Mauerfall war ein großer Bruch, der von den Protagonistinnen im Buch ganz unterschiedlich wahrgenommen wurde. Linda Teuteberg und Katja Kipping zum Beispiel, sie haben verschiedene Schlüsse daraus gezogen. Eine ist in der FDP, eine bei der Linken. Viele meiner Freundinnen und Freunde sind in Ostberlin, in der DDR, sozialisiert worden. Dennoch hatte ich immer das Gefühl, dass sie und ich uns heute viel mehr als eine Generation definieren, als es zum Beispiel in der Generation unserer Eltern noch der Fall war. Als eine gesamtdeutsche und europäische Generation, die mehr gemeinsam hat, als sie trennt.

Zur Person

Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, studierte in Berlin, Leipzig und Rom Philosophie und Komparatistik. Für ihre literarischen Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Peter-Huchel-Preis. Ihr neues Buch Die Geschmeidigen (240 S., 19,99 €) ist vor Kurzem bei Ullstein erschienen

Sie waren mit Christian Lindner, einem jener Politiker, die nun am Ruder sind, 2021 im Wahlkampf unterwegs, Sie fuhren mit ihm in der Limousine, samt Minibar.

Ja, den Preis der Minibar habe ich nachher recherchiert, das hat er mir nicht gesagt. Und ich habe mich dann in den Katalogen der Autoindustrie kundig gemacht.

Der Inhalt der Minibar?

San Pellegrino und ich glaube Coca-Cola, es gab keinen Champagner. So bleibt die Cola-Zero-Figur.

Was beeindruckt Sie an Lindner?

Er ist jemand, der intellektuell sehr wach ist. Und ich erlebe immer wieder, dass er heftige Reaktionen auslöst, häufig keine positiven. Jenseits der Bühne ist er sehr zugewandt, aufmerksam und hat dann nicht diese Härte, die er auf der Bühne zur Schau stellt. Er ist neugierig, fragt nach. Wir kennen uns seit zehn Jahren und haben Kontakt gehalten. Katja Kipping finde ich auch sehr sympathisch und reflektiert. Sie liegen beide politisch recht weit auseinander, aber ich habe sie ähnlich interessiert erlebt.

Seine Generation sei besser ausgebildet, global vernetzt und habe einen höheren moralischen Anspruch an sich selbst und an andere, sagt Lindner. Gleichzeitig sei sie feige, habe nicht den Mut, unpopuläre Positionen zu vertreten. Ein Manko in der aktuellen Weltlage?

Der Angriffskrieg ist, jenseits der globalen Zäsur, die wir gerade erlebt haben, auch eine Zäsur für diese Generation in der Politik. Annalena Baerbock musste eine für die grüne Partei durchaus unpopuläre Entscheidung durchbringen. Waffenlieferungen an die Ukraine.

So unpopulär ist sie nicht, auch Grüne und Linksliberale sagen: Die Waffen kamen zu spät.

Ja. Das habe ich selbst erlebt, als ich bei einer Solidaritätslesung im Maxim-Gorki-Theater war. Dieses Gefühl, es kann doch nicht sein, dass ausgerechnet die Deutschen jetzt ausbremsen. Aufgrund der Geschichte ist es für Deutsche natürlich vernünftig, ein vorsichtiges Verhältnis zu Rüstung und Militär zu haben. Aber es ist eine Situation, die wir so in der Nachkriegsordnung nicht hatten. Auf solch ein Bedrohungspotenzial muss man reagieren.

Mit Annalena Baerbock kam eine Politikergeneration an die Macht, die bisher nicht dadurch aufgefallen ist, dass sie großes Profil hat. Deren Habitus zeigt Willen zur Macht und Lust aufs Establishment, gleichzeitig sind sie alle nicht richtig fassbar.

Kevin Kühnert ist eine Ausnahme, er ist auch ein bisschen jünger. Und Habeck ist ein bisschen älter. Er ist der, der unangepasst redet. Der seinen Zweifel zeigt.

Ja, nicht so selbstgewiss. Er wirkt dadurch glaubwürdiger.

Baerbock beruft sich immer auf die großen, hehren Ziele: historische Verantwortung, wertebasierte Außenpolitik. Wir dürfen diese Werte nicht aufgeben. Aber wenn ein Kriegsaggressor ein gesamtes Land beschießt und mit der Atombombe droht, muss man diese Werte anders verteidigen.

Ein trügerisches Weltbild einer ganzen Generation? Waren wir nicht demütig genug, zu sehr mit uns selbst beschäftigt?

Ja, aber mit Einschränkungen. Wenn es beispielsweise Alice Weidel schafft, den Angriffskrieg, den sie verurteilt hat, zu nutzen, um auf das „Gender-Gaga“ abzuzielen, um das wir uns zu viel gekümmert hätten, ist dieser Zusammenhang natürlich absurd. Dass man Rechte sexueller Minderheiten verteidigen muss, das zeigt Putin ja gerade deutlich. Trotzdem: Wir haben uns zu viel in unserem eigenen Saft wohlgefühlt, zu selten über den Tellerrand geschaut. Und wir haben zu sehr in nationalen Grenzen gedacht. Häufig schien es mir so, als würden sich auch Kulturschaffende eher um Anliegen kümmern, die ihnen sehr nahe sind: Identitätsdebatten oder Mietendeckel.

Keine unwichtigen Dinge.

Natürlich ist die explosionsartige Preisentwicklung der Mieten ein Thema. Aber wenn für Kulturschaffende und Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, das Reflexionsvermögen da aufhört, wo es sie nicht mehr betrifft, ist das zu wenig. Wir müssen auch andere Themen in den Blick nehmen. Das hat mir gefehlt. Es war einfach die Notwendigkeit nicht da. Bis jetzt.

Sie waren in Burundi, Ruanda, haben über die UNO geschrieben, waren bei den Gelbwesten. Immer als Beobachterin.

Ja, Beobachterin ist wahrscheinlich die passende Beschreibung. Ich war auch in China, im Iran. Daran denke ich jetzt. Ich kann berichten, wie es ist, für eine gewisse Zeit in einer Diktatur zu sein, und wie die Menschen dort sind. China und Iran sind extrem unterschiedlich.

Warum waren Sie im Iran?

Ich war auf Einladung von Navid Kermani dort. Wir sind durchs Land gereist, haben Kulturschaffende getroffen, Lesungen gehalten, die natürlich alle unter Auflagen waren. Ich habe den Iran auch als ein sehr offenes Land kennengelernt, sobald die Tür zu ist. Hinter den Mauern.

Zurück zum Buch: Lars Klingbeil nennt die 1990er „unpolitische Jahre“, von Leere geprägt. Es ging nur ums eigene Fortkommen.

Den Wunsch, Karriere zu machen, gab es schon unter Helmut Kohl. Aber dieses Glatte, dieses Auf-sich-Gucken: Dafür ist ein etwas aufgehübschter Lebenslauf beispielhaft.

Wir machen es jetzt mal anders, mal größer und besser, war der Anspruch der neuen Regierung.

Wichtig ist, vielleicht mehr noch für die Zivilgesellschaft, dass man es nicht mit großen Schritten anders macht, wenn das politische Engagement am eigenen Vorgarten aufhört. Oder die Haltung dominiert: Ich rette die Welt durch meine Konsumentscheidungen. Nichts dagegen, dass man sich Gedanken darüber macht, wie man konsumiert. Und vielleicht guckt, was für Klamotten man kauft oder ob man zum Secondhand-Laden geht. Aber damit rettet man nicht die Welt, sondern überschätzt sich grandios.

Info

Das Gespräch zwischen Nora Bossong können Sie auch im Freitag-Podcast nachhören. Wenn Sie in Zukunft keine Folge mehr verpassen wollen, können Sie unseren Podcast auch bei Apple Podcasts, Spotify oder hier abonnieren

Es gibt die andere, die prekäre Seite dieser Generation, davon kann Christian Baron erzählen, den Sie auch getroffen haben. Kind der Arbeiterklasse, heute Schriftsteller. Er ärgert sich über linke Identitätspolitik, die als emanzipatorisch antrat, aber die Zerstückelung der Gesellschaft eher noch verstärkt hat. Finden Sie das auch?

Es gab zunehmend Gruppen, die ihre spezifischen Interessen formuliert haben. Das ist völlig richtig, wenn es um Diskriminierung oder um Benachteiligung geht. Aber man hat es nicht geschafft, daraus zu einer gemeinsamen Solidarität zu kommen. Es führte eher zu Abgrenzung. Darin liegt etwas Tragisches.

Auch den Grünen wirft man vor, Politik für die gehobene Mittelschicht zu machen.

Klar, für diejenigen, die 4,99 Euro für den veganen Joghurt ausgeben können. Da muss ich wieder an die Gelbwesten denken, die riefen: Wir wissen einfach nicht mehr, wie wir es uns leisten sollen. Wir müssen pendeln, weil wir weitab vom Schuss wohnen, überall anders konnten wir keine Miete zahlen.

Urbanisierungsfragen als eine neue Form des Klassenkampfs. Und Linke haben keine Antwort.

Ich muss öfter an Gramsci denken, der sinngemäß gesagt hat: Man muss die Köpfe der Menschen gewinnen, dann gewinnt man auch die Macht. Linke Politik muss sich fragen: Warum erreichen wir diese Menschen nicht mehr? Da warte ich noch auf eine überzeugende Analyse. Die SPD muss gute Antworten finden: Was ist Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert?

Bei Ihren Eltern standen die Marx-Bände im Regal.

Ja, sie standen relativ weit unten. Da kam ich als Kind schon ran. Meine Eltern waren Spontis, so sagte man damals. Später war mein Vater in der SPD. Er war ein kluger Kopf, wir haben debattiert, gestritten. Manchmal schickte er mir Texte von Rosa Luxemburg oder Walter Benjamin: „Solltest Du gelesen haben.“ Er wollte, dass ich Zusammenhänge verstehe.

Sie sind Anfang 1990 von Bremen in einen Hamburger Elbvorort gezogen. Wie war das?

Da habe ich gemerkt, was Klassenunterschiede bedeuten. Ich war eine von denen, die in der Schule völlig gemobbt wurden, weil unsere Eltern nicht zum Großbürgertum gehörten. Ich habe gelernt, dass Kinder nicht unschuldig sind, dass sie mit neun Jahren schon sehr bösartig sein können und genau wissen, wo sie im Leben stehen werden, ganz egal, wie sie sich verhalten. Dass sie ihr Ticket schon haben.

Soziale Fragen müssten viel mehr vorkommen in dieser neuen „Fortschrittskoalition“, oder?

Ich fürchte, dass sich solche Themen vor der Kulisse dieser großen Weltkatastrophen jetzt eher verlieren. Erst kam Corona, nun Klima und Krieg.

„Freiheit“ vom Impfen, Freedom Day, jetzt Ukraine und der „Preis der Freiheit“. Ein inflationärer Begriff. Nur noch ein Schlagwort?

Ja, es steht mittlerweile für das eine wie für das genaue Gegenteil. Also hat sich der Begriff selbst aufgelöst. Wenn Freiheit für die These wie für die Antithese steht, macht es fast keinen Sinn mehr, dieses Wort zu verwenden.

Worin besteht Freiheit für Sie?

Wir sollten uns – angesichts der katastrophalen Wendung – noch mal genau darauf besinnen, was eigentlich Freiheit heißt. Diese Freiheit, die wir leben dürfen. Uns bewusst machen, was für ein extrem großes Gut es ist, sich frei äußern zu können, freie Medien zu haben, auch wenn man sich mal über diese oder jene Berichterstattung ärgert.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Kultur
Schreiber 0 Leser 19
Maxi Leinkauf

Kommentare 8