Na dann, auf Karl!

Adbusting-Kritik Was hat eine Berliner Pilsner - Werbung mit einem linken Kongress zu tun? Früher war Schnaps eher der Feind der Fabrikarbeiter - aber eine Kneipe nicht nur zum Trinken da
Ausgabe 17/2013
Bierflaschen aller Klassen, vereinigt euch
Bierflaschen aller Klassen, vereinigt euch

Foto: Der Freitag

Geht Bier nicht ohne Marx? Revolution nicht ohne Alkohol? Oder umgekehrt? Das könnte man denken, wenn man auf dem Nachhauseweg etwas überrascht vor diesem Plakat stehen bleibt: die Berliner Pilsner-Reklame mit dem fast zynisch anmutenden Slogan „Berlin, Du bist so wunderbar“. Auf der Pulle klebt ein pinkfarbenes Logo: „Marx is Muss!“ Wieder so ein ad bust, eine Werbung, die verfremdet wurde von urbanen Plakatguerillas. Diesmal als Hinweis auf einen Kongress, der im Mai in Berlin stattfindet und von Marx 21, einem internationalen Netzwerk, organisiert wird. Menschen, die ein kühles Pils zu schätzen wissen, kann man so zum Klassenkampf verführen?

Schnaps ist Kapitalismus?

Der Historiker Ralf Hoffrogge hat sich in einer Passage seines Buchs über die Geschichte der sozialistischen Arbeiterbewegung in Deutschland der Frage Alkohol und SPD gewidmet. „Zu Beginn des Kapitalismus wurde der massive Schnapskonsum vonseiten der Unternehmer gefördert, um 16-Stunden-Arbeitstage unter verheerenden Bedingungen durchzusetzen. Die Sozialdemokraten erklärten den Schnaps zum Feind, entdeckten aber später beim Bier in der Kneipe eine Möglichkeit, dieses ‚proletarische Wohnzimmer‘ für Treffen und Versammlungen zu nutzen.“ Schnaps ist Kapitalismus, Bier also Sozialismus? Dabei muss Marx hier unfreiwillig für eine Bierwerbung herhalten, die einem zum Hals raushängt.

Er schwor selbst aber vielmehr auf einen guten Moselwein. Hätte er mit Engels Bier saufen müssen, wäre womöglich aus seiner Theorie schon damals Praxis geworden.

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Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin „Kultur“

Maxi Leinkauf studierte Politikwissenschaften in Berlin und Paris. Sie absolvierte ein Volontariat beim Tagesspiegel. Anschließend schrieb sie als freie Autorin u.a. für Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und Das Magazin. 2010 kam sie als Redakteurin zum Freitag und war dort im Gesellschaftsressort Alltag tätig. Sie hat dort regelmäßig Persönlichkeiten aus Kultur und Zeitgeschichte interviewt und porträtiert. Seit 2020 ist sie Redakteurin in der Kultur. Sie beschäftigt sich mit ostdeutschen Biografien sowie mit italienischer Kultur und Gesellschaft.

Maxi Leinkauf

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