„Protest kommt nur noch von rechts“

Interview Den Italienern fehle das Gedächtnis und die Linke habe jeden Kontakt zu ihrer Basis verloren, sagt der Historiker Adriano Prosperi
„Protest kommt nur noch von rechts“
Italien, 2018

Foto: Andreas Solaro/AFP/Getty Images

der Freitag: Signore Prosperi, wie erleben Sie Italien gerade?

Adriano Prosperi: Ich erlebe um mich herum oft Enttäuschung – von Studierenden, hier an der Uni in Pisa. Trotz Eliteabschlusses finden sie keinen Job, arbeiten im Callcenter, als Kellner oder gehen ins Ausland. Das ist verrückt.

Welchen Anteil hat linke Politik?

Die Linken haben eine Kehrtwende in Richtung Liberalismus gemacht und dabei vergessen, ihre teilweise uninformierte und enttäuschte Basis mitzuschleppen. Das ist der wesentliche Grund für das Verschwinden der Volksparteien, der Sozialisten und Kommunisten. Unter der Regierung von Matteo Renzi wurde der Artikel 18 im italienischen Arbeitsrecht abgeschafft, alles sollte flexibler werden. Damit wurde eine prekäre Arbeitswelt geschaffen, und so kann die rechte Partei Lega Nord wachsen.

Im mittelitalienischen Macerata hat vor Kurzem ein Neonazi auf sechs Afrikaner geschossen.

Ja, das haben mehrere Passanten gesehen, niemand hat geholfen. Es geschah in einer angenehmen, friedlichen Stadt, die außerdem von der PD, den Sozialdemokraten, regiert wird.

Woher rührt die Aggressivität?

Wir haben in diesem Land keine Treffpunkte mehr, keine lokalen Strukturen. Das Casa del Popolo existiert nicht mehr, dieser traditionelle Verein der Arbeiterkooperativen, sozialen und kulturellen Lebens. Die ländlichen Räume sind entleert. All das macht diese Wahlen für die Linke so gefährlich.

Die Toskana war für deutsche Alt-68er ein Sehnsuchtsort. Ist das eine Verklärung?

Die Toskana ist jedenfalls nicht mehr nur rot. Ein Soziologe hat im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlicht: Addio á la provincia rossaLebe wohl, rote Provinz. Denn es werden auch hier immer mehr Populisten. Alles fing mit Berlusconi und seiner Forza Italia an, und nun kehrt dieser Mann auf unerhörte Weise zurück. In Pistoia regiert schon die Lega Nord.

Zur Person

Adriano Prosperi, 79, ist Historiker und Journalist. Er lebt in Pisa und lehrte dort, in Kalabrien sowie Bologna. Sein Buch Tribunale des Gewissens untersucht Herrschaftsinstrumente der katholischen Kirche. 2014 trat er auf der Liste „Ein anderes Europa“ an, um Alexis Tsipras als Kandidaten der Europäischen Linken zu unterstützen

Pistoia war Kulturhauptstadt, liegt in einer ländlichen Gegend.

Die Toskana ist eine ländliche Region. Ich stamme selber aus einer Familie von Pachtbauern, lange waren hier die Kommunisten stark. Nach dem Krieg kam die Industrie, und die Bauern gingen in die Städte, sie haben sich Häuser gekauft, ein Auto, einen Fernseher, sie wurden konsumorientierter. Im Herzen blieben sie Kommunisten, auch wenn sie nicht mehr an sozialen Aufstieg durch Kultur glaubten. Dieser wurde nach und nach von dem Wunsch besiegt, mehr Geld zu verdienen. 1950 gab es so viele Menschen mit Hochschulabschluss wie 1990.

Es heißt, die Leute würden nicht mehr lesen und sich kaum noch informieren.

Die öffentliche Meinung und die Debatten, die in Zeitungen geführt werden, sind voller Ressentiments. Viele gehen nur wählen, weil sie den Mächtigen einen Streich spielen, jemanden bestrafen wollen. Es war mal die Stärke der Kommunisten, der Sozialisten, die Massen zu erreichen. Jetzt gibt es nur noch Meinungsströme, die sich das Volk durch Slogans bildet. Die Leute reagieren mit totaler Ablehnung, mit Extremen auf die Schwäche unserer Politiker. 1968 hatten wir eine große linke außerparlamentarische Bewegung. Heute kommt der Protest nur noch von rechts.

Es wirkt, als hätten die Italiener ihr Gedächtnis verloren, wenn jetzt wieder Silvio Berlusconi sie retten soll.

Ja, und diese Gedächtnislücke ist ein sehr ernstes Problem. Sie ist aus der brüsken Veränderung der Gesellschaft geboren worden, der Vernachlässigung des Südens und der Inseln nach der Agrarreform; der Mezzogiorno wurde zur Wüste, alle Fabriken standen im Norden. Aber die radikale ökonomische Transformation ging nie einher mit der Pflege der italienischen Traditionen, des Katholizismus und des Kommunismus.

Sie meinen Bezugspunkte.

Nach dem Ende des Ostblocks forderten Meinungsmacher, den Unterschied zwischen Faschismus und Antifaschismus zu verwischen. Die linken und rechten Gefallenen sollten zusammengelegt werden, Partisanen und Faschisten. Die sozialen und politischen Konflikte sollten verwaschen werden. Es gibt Regionen, die nicht mehr vom Staat regiert werden, so wie Ostia, ein Vorort von Rom: in den Händen der Mafia. Es wurde nicht mehr in Kultur und Bildung investiert. Sondern die Leuten wollen Arbeit, Geld und Fernsehen.

Die Rechte will den Faschismus aufwerten.

Das ist für viele Italiener kein Schimpfwort. Sogar ein Sozialdemokrat hat gesagt, Mussolini war nicht schlecht, sein einziger Fehler war der Krieg. Das schockt niemanden. Mussolini war Rassist, Antisemit, aber er war ja mal Sozialist.

Können Sie denn erklären, warum es der Linken so schwerfällt, dem weiterhin wachsenden Populismus irgend etwas entgegenzusetzen?

Die Linke hat Angst, radikalere Positionen zu beziehen – zum Beispiel wenn es um Migranten geht –, aus lauter Angst, Stimmen in der Mitte zu verlieren. Die Sozialdemokraten funktionieren inzwischen nach dem „Führerprinzip“, die Spaltung der PD war eine kalte, sie war nicht von den Leuten gewollt. Und die Fünf-Sterne-Bewegung stellt sich als neue Kraft dar. Aber es gab so etwas schon vor Beppe Grillo, die Bewegung desl‘Uomo Qualunque, des Durchschnittsbürgers.

Wofür stand die?

Nach dem Krieg gab es in Italien große Unzufriedenheit, man wünschte sich den „Neuanfang“. Diese Strömung war links wie rechts, ein Chamäleon, und gab sich als Vertreter des Mannes der Straße, sie hielt nur zwei Jahre. Und dann ging sie in allen anderen Strömungen auf. Aber es war ein Moment der Hoffnung. Italien konnte große Schritte machen, vor allem in der Wirtschaft, dank des Marshall-Plans.

Damals ist die Mittelschicht entstanden.

Ja, und ihr wesentliches Merkmal ist heute die Angst vor dem Abstieg, dem Scheitern, der Prekarisierung. Aus dieser Sorge heraus macht keiner mehr Kinder, gründet Familien, das ist schlecht für das Land. Die Franzosen haben dieselben Probleme. Ich bewundere den Präsidenten Emmanuel Macron dafür, dass er es geschafft hat, diese Ängste zu kanalisieren, den Leuten das Gefühl von Aufbruch zu geben, einen Optimismus. Mit seiner Rhetorik, der Grandeur.

Ist im Land der Dolce Vita jede Hoffnung tot?

Wir haben Anführer, die selber resigniert haben. Renzi wollte der rottamatore – der Verschrotter sein, eine grässliche Parole, die nicht zusammenführt, sondern spaltet.

Sie sind nicht nur ein Mann der Theorie, sondern haben 2014 für die Liste „Ein anderes Europa“ mit Alexis Tsipras kandidiert.

Ich war neugierig und wollte diese europäische Bewegung stärken, vor allem nach dem Massaker, das an Griechenland verübt wurde. Anfangs setzten die Italiener ja große Hoffnungen auf Europa, ein Europa der Völker. Aber es ging in eine andere Richtung. Ich bin als Kandidat durch Italien gereist, nach Bologna, Triest, Padua, und saß auf Podien. Ich wollte eine Stimme der Intellektuellen in der Linken sein, aber das war leider nicht möglich.

Warum nicht?

Viele Debatten endeten mit albernem Gequatsche über italienische Talkshows. Wir setzten uns dann lieber in kleinen Gruppen zusammen, vor allem traf ich da viele engagierte Frauen – und das in der Machowelt der Politik.

Als Vater und Opa, was raten Sie der jungen Generation?

Die jungen Leute haben die Lektion der Austerität gelernt: Sie schaffen es, mit schlecht bezahlten Minijobs zu überleben, aber viele wollen trotz dieser großen Schwierigkeiten bleiben. Meine Enkelin ist 15, am Gymnasium, sie schaut nach vorne. Ich sage ihr, dass sie nicht nur im Moment leben soll.

Italien hat auch radikalere Zeiten hinter sich. Sie lehrten in den 1970ern in Bologna, es war die Zeit der Roten Brigaden und des faschistischen Terrors.

Das war eine schreckliche Zeit. Ich ging jeden Tag mit flatterndem Herzen zum Zug. Als 1980 auf dem Hauptbahnhof von Bologna ein Bombenanschlag von einer rechtsextremen Gruppe verübt wurde, war ich in München. Meine Pensionsfrau gab mir die Bild-Zeitung, ich war am nächsten Tag in Bologna. Und der Bahnhof war bereits vollkommen gesäubert. Wir haben den Terrorismus überwunden! Ich sehe das als eine große Stärke unseres Landes.

06:00 03.03.2018
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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