Sag mir, wo du stehst

Corona Wer die Regeln befolgt, gilt als rücksichtslos, wer sie bricht, als unsolidarisch. Und die, die noch unsicher sind, sollen sich gefälligst positionieren. Die Stimmung im Land wird immer unversöhnlicher. Das wirkt sich auf unser Leben aus
Wer nicht denkt wie wir, den stellen wir an den Pranger
Wer nicht denkt wie wir, den stellen wir an den Pranger

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Homo homini lupus, schrieb der englische Philosoph Thomas Hobbes: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Im Streit über Politik kann man Vertraute verlieren, das erzählten ältere Generationen immer wieder. Lange schien so ein umfassender Streit weit weg. Jetzt gibt es das Virus und die „Maßnahmen“, und Verhärtungen, die man so nicht mehr kannte. Jede Meinung wird zur verbalen Kriegserklärung.

Die Erzieherin der Kitagruppe ist besorgt. Die Nachbargruppe sei wegen eines Coronafalls geschlossen. „Der Bruder des angesteckten Kindes wurde trotzdem in unsere Gruppe gebracht“, sagt sie, „ein Risikokind“. Eine Mutter postet in der Eltern-Whatsapp-Gruppe sofort eine „emotionale Bitte“: „Könntet ihr die Geschwisterkinder zu Hause lassen und mitbetreuen, das würde die Kette durchbrechen.“ Die angesprochene Mutter antwortet: „Wollen wir mal kurz durchatmen? Panik hat noch nie geholfen. Wir testen täglich, alle sind gesund.“ Sie folge den Regeln des Gesundheitsamtes. „Schnelltests sind in diesen Fällen für die Tonne“, erwidert eine andere Mutter. „Lassen wir es einfach durchrauschen?“ Durchseuchen, meint sie.

Risikokinder. Emotionale Bitten. Durchseuchte Kinder.

Klar, es gibt, wie es Hobbes einst forderte, einen Staat, er gibt Regeln vor. Aber auch mit Regeln ist es nicht einfach im Coronachaos. Wer sie strikt befolgt, kann dennoch als rücksichtslos diffamiert werden. Wer sie bricht, gilt als unsolidarisch, da wird nicht lange gefackelt. Als besonders vernünftig gilt, wer noch über die Regeln hinausgeht, sich womöglich freiwillig isoliert, auch wenn es gar nicht nötig ist.

Es gibt zwei Lager. Die vermeintlich Klugen, die – ohne viel Fragen, ohne viel Klagen – dem „klugen und fürsorglichen Staat“ folgen, und die „Dummen“, die es noch immer nicht begriffen haben, wie es mit der Pandemie läuft. Die Folgsamen und die lästigen Widerständigen. Die Solidarischen und die „ewigen Spalter“. Die moralisch Guten und die egoistischen Arschlöcher. Es gibt keine Grautöne mehr. Wer – wen?, hieß das damals in der DDR. Sag mir, wo du stehst! Ohne Toleranz verspielt man am Ende ein Land.

In Deutschland war immer alles geordnet. Die Deutschen sind gewohnt, dass es läuft. Politiker wie Angela Merkel haben Krisen von uns ferngehalten, wie damals die Finanzkrise: Wir machen das, euer Geld ist sicher. Eure ärztliche Versorgung ist sicher, auch wenn wir daran sparen. Aber durch das Virus ist auch der Staat ziemlich hilflos geworden, kann in Wahrheit nur das Schlimmste verhindern. Er hat ja auch keinen Masterplan. Aber er tut so. Der Staat sagt: Impfen, impfen, impfen, jetzt auch die Kinder. Obwohl das nicht einmal der Chef der Impfkommission rät.

Der Kanzler sagt, es gebe für den Staat keine roten Linien mehr. Was auch immer Olaf Scholz damit meint. Was uns sicher machen soll, führt eher zu Unsicherheit, zu Skepsis, zu Konflikten, zu Widerstand. Konflikte, die wir kaum ertragen: Konfliktfähig zu sein haben wir nicht gelernt. Wer nicht denkt wie wir, den stellen wir an den Pranger. Das ist zermürbend. Und geht bis tief in den privaten Bereich.

Wir müssen uns verhalten, Position beziehen, in der Kita, in Freundschaften, Familien. Das ist nicht einfach, wenn man selbst unsicher ist. „Du wirst deine Kinder doch auch durchimpfen, stimmt’s?“, sagt eine Bekannte. Ich sehe sie ratlos an. Eigentlich habe ich das nicht vor. Warum sage ich es nicht?

Wir werden laut in Diskussionen, die unvermeidbar sind, rasten aus, rationale Argumente werden durch Emotionen ersetzt, in Chatgruppen, in Beziehungen. Ein Bekannter, geboostert, erzählt von seiner Freundin, die ungeimpft ist und frustriert. Sie fühle sich ausgegrenzt und verachtet. Und zu wenig verstanden von ihrem Partner. Haltungen verfestigen sich, frieren ein. Und wir wissen zunehmend weniger, wie wir damit umgehen sollen.

„Selber schuld, wenn ihr’s nicht kapiert“ – so hat man sich selbst schon reden hören, wenn es um Ungeimpfte geht. Eine Freundin, die als Ärztin weit mehr Studien kennt als ich, sagt mir, sie wolle sich das Zeug nicht in ihren Körper spritzen lassen. Sie weiß, Wissenschaft kann hier auch keine hundertprozentigen Wahrheiten liefern, schon gar nicht für die Zukunft. Das macht ihr Sorgen. Ich frage mich, worauf wartet sie? Und merke in der Diskussion, wie wenig ich selbst weiß. Wir versuchen, das Thema zu umschiffen, aber man landet immer irgendwann bei Corona.

Eine Freundin erzählt, ihr Sohn sei der Einzige in der Klasse, der nicht geimpft ist, er werde massiv gemobbt. Wir können nicht beeinflussen, wie sich das Virus verhält. Und auch kaum, wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach und Olaf Scholz darüber denken. Und was daraus folgt. Aber wir können uns um unsere zwischenmenschlichen Beziehungen kümmern. Aufpassen, dass nicht so viel kaputtgeht. Das geht aber nur mit offenen Ohren, mit Toleranz, nicht mit Blockade. Ja, Toleranz hat Grenzen. Spätestens bei verbaler oder direkter Gewalt. Aber lassen wir uns nicht ablenken. Toleranz braucht es trotzdem.

Die Kitaleitung hat jetzt eine Rundmail geschickt. Darin warnt sie vor Eltern-Whatsapp-Chats. Vor dem Hochschaukeln. Gut, aus dem Chat aussteigen. Corona geht aber weiter. Und mit dem Virus der Streit. Wir leben in dieser Gesellschaft. Sie kann man nicht auf stumm schalten.

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Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Kultur
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Maxi Leinkauf

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