Salz ihres Lebens

Nachruf Sie war eine große Figur des französischen Feminismus – nun ist Benoîte Groult gestorben. Eine persönliche Erinnerung
Salz ihres Lebens
Gärtnern mache sie zur Philosophin, erklärte Benoîte Groult
Foto: Catherine Gugelmann/AFP/Getty Images

Was möchte man von jemandem wie Benoîte Groult wissen? Was es bedeutet, eine selbstbewusste Frau zu sein vielleicht. Man sucht Antworten auf die eigenen Fragen. Sie soll einem erklären wie es geht, das Leben, und die Liebe.

Die Rue de Bourgogne lag im Schatten, eine schmale, fast dörfliche Straße nahe des Rodin-Museums, im siebten Pariser Bezirk. Über einen Hinterhof gelangte man zu einer Wohnung in der zweiten Etage, „Benoîte Groult und Paul Guimard“ stand dort in geschwungener Handschrift auf einem alten Klingelschild. Sie wohnte mittlerweile allein, Paul, ihr dritter Ehemann, war vor ein paar Jahren gestorben.

Wir sind uns 2007 begegnet. Benoîte Groult öffnete die Tür, lächelte, sie war braun gebrannt und leicht geschminkt. Sie habe gerade viel Zeit am Meer verbracht, sagte sie. Die Spätsommersonne strahlte durch das kleine Fenster auf den Minisekretär und ein schlichtes hellblaues Sofa, auf dem Boden stapelten sich Bücher, in weißen Regalen die Werke ihrer Vorbilder, ungebändigter Frauen, Colette, Simone de Beauvoir, George Sand. An der Wand hingen Bilder ihrer schönen Mutter, der Schwester Flora, den Töchtern und den drei Ehemännern. Auf einem Bild sieht man Francois Mitterand in Gummistiefeln, mit dem früheren französischen Präsidenten war sie befreundet.

Benoîte Groult hatte damals, sie war 87 Jahre alt, gerade ihre Autobiografie veröffentlicht: Salz des Lebens. Sie redete von den Reibungen, die ihr Leben bestimmt haben, dem Kampf um die eigene Stimme, dem Wunsch nach Freiheit. Schwärmte von ihrer Mutter, einer glamourösen und geistreichen Modeschöpferin, zuhause gingen Künstler wie Picasso ein und aus, von den exzentrischen Pariser Nachkriegsjahren, dem zweiten Mann, der Stierkampf und Boxen liebte – sie hasste beides. Sie wählte links, er rechts. Sie fing an, zu schreiben, verfasste zwischen 1940 und 1944 gemeinsam mit ihrer Schwester ein literarisches Tagebuch, in späteren Büchern dokumentierte sie unablässig den Zustand der französischen Gesellschaft, das Verhältnis von Mann und Frau.

1975 erschien ihr Essay Ödipus' Schwester, indem sie die männerdominierte französische Gesellschaft analysierte. Sie war eine Frau, die sich der Frage der Frau stellte, und eine, die die Männer sehr liebte – sie war gleichzeitig kämpferisch und sinnlich, die ausbrach und sich hingeben konnte.

1978 gründete sie das F Magazine mit Reportagen über Beschneidungen, Prostitution, Abtreibung. Benoîte Groult saß da auf ihrem Sofa und redete so hastig, als wolle sie ihr Leben einholen. Mit dem Roman Salz auf unserer Haut wurde sie Ende der 80er Jahre weltberühmt, allein in Deutschland verkaufte es sich 3,5 Millionen Mal (20mal mehr als in Frankreich), auch die Verfilmung ein paar Jahre darauf mit Greta Scacchi wurde ein Erfolg. Eine Pariser Intellektuelle verzehrt sich nach einem bretonischen Fischer – der war in Wahrheit ein Pilot, ein deutscher Jude, der vor den Nazis nach Amerika geflohen war. Benoîte Groult erzählt ihre eigene Geschichte.

Ich fand es schwer zu glauben, fand es irritierend, wie leicht, wie folgenlos diese Dreiecksgeschichte in ihren Worten klang. Groult wurde auf einmal leise. Diese Amour fou, sagte sie, sei auch ihre Reaktion gewesen auf die Untreue ihres Mannes. „Ich habe gelitten wie eine Hündin“. Aber statt sich zu trennen, nahm sie sich das Recht eben auch.

Sie konnte das auseinander halten, das sexuelle Leben, und das geistige, sie hing an beidem. Und an ihrem Mann Paul, mit dem sie so gerne fischen ging. Es war ehrlich, aber es machte mich seltsam ratlos. Ich erzählte ihr von einem algerischen Freund, wollte wissen, wie ich mich in einer komplizierten Frage verhalten sollte. Sie winkte nur ab und rief: „Vergiss ihn!“

Sie hatte mit sich zu tun, mit ihrem Leben.

Für meines hatte sie keine Antworten.

Benoîte Groult schimpfte dann noch auf die Frauenzeitschriften, für die sie einst selber geschrieben hatte, es gehe darin nur noch um den Rückzug ins Private, Schönheit, Hochzeit, Mutterschaft, „als sei die Gleichberechtigung längst erreicht“. Sie lobt die deutsche Emma als letzte europäische Bastion, was den Kampf um die Vereinbarung zwischen Beruf und Familie oder gleiche Gehälter angeht. Und dann fragte sie mich, ob ich String-Tangas bequem fände.

Was konnte sie ihren Töchtern und Enkeltöchtern weitergeben? Da trübt sich ihr Blick. Die würden sich nicht für ihre Bücher und ihre Schlachten interessieren, keine Fragen stellen. Weil sie in hohem Alter noch arbeite, würden sie sie bestrafen, sie fänden das egoistisch. Sie wünschten sich nur eine klassische Oma, die ungeschminkt Kuchen backt. „So eine werde ich niemals werden!“

Können Bücher eine echte Nähe herstellen? Womöglich lag in der Freiheit, wie sie sie verstanden hat, auch etwas Rücksichtsloses.

Sie fahre gerne in ihren Garten in die Bretagne, erzählte sie, Gärtnern mache sie zur Philosophin. Werden und Vergehen, der natürliche Kreislauf. Sie spüre manchmal, dass sie am Ende ihres Lebens angekommen sei, aber sie wolle niemandem zur Last fallen. Benoîte Groult stritt bis zuletzt für das Recht auf Sterbehilfe.

17:13 22.06.2016
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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