Schön engagiert

Porträt Luc Besson versteht sich als politischer Bürger, der Missstände anprangert. Das Leben genießen kann er nebenher immer noch

Ein milder Tag in Berlin. Auf der Dachterrasse des Luxushotels Hotel de Rome blüht der Lavendel, auf den Tischen steht Champagner. Luc Besson sitzt etwas abseits, er trägt Drei-Tage-Bart und Jeans, wirkt gelassen, der klassische Bonvivant. Als die PR-Frau während des Gesprächs frühzeitig mahnt, zum Ende zu kommen, lächelt Besson sie an und redet dann einfach weiter.

Der Freitag: Herr Besson, sind Sie naiv?

Luc Besson:

Pardon?

Sie glauben, einen Weg gefunden zu haben, die darbende Filmbranche zu retten. Dafür werden Sie von vielen belächelt.

In Frankreich werden pro Tag etwa 500.000 Filme illegal herunter geladen. Ein mieser Rekord für die Grande Nation. Damit liegen wir noch vor den Chinesen! Aber ich habe eine Webseite ins Leben gerufen, mit der man diese Piraterie stoppen kann. Auf dem Portal Weareproducteurs.com kann sich jeder registrieren und an meiner neuen Filmproduktion beteiligen.

Der Zuschauer darf mitreden?

Wer sich anmeldet, bekommt eine Stimme und kann das Genre, das Drehbuch, die Schauspieler oder die Filmmusik mitbestimmen. Wer sich mit einem Geld- betrag beteiligt, seien es 10 oder 100 Euro, der wird sogar im Abspann genannt. Je nach Höhe der Spende soll es eine Einnahmenbeteiligung geben.

Interessante Idee. Aber kann man damit das Kopieren aufhalten?

In den USA ist die Piraterie stark gesunken, denn die Kinofans dort haben verstanden, dass sie das Kino zerstören kann. Ich werfe auch Google vor, dass sie solche illegalen Plattformen nicht bekämpfen. Sie sind die Komplizen solcher Delikte. Von den Nutzern erwarte ich aber eine andere Haltung: Ich möchte eine Beziehung aufbauen zwischen den Menschen, die Filme machen, und denen, die sie anschauen. Ich lade alle ein, die Abläufe einer Kinoproduktion zu entdecken. Wer an solch einem Projekt beteiligt ist, versteht, wie aufwendig so etwas ist und respektiert es eher.

Ich beobachte eine katastrophale Situation: Millionen Menschen leben in grauen Betonblöcken, 60 Prozent der unter 25-Jährigen sind arbeitslos und nicht integriert. Sie schaffen die Schule nicht, sind orientierungslos und wenn sie kein Geld haben, dann klauen sie – und werden bestraft. Die einzige Antwort auf diese Situation ist mehr Polizei, mehr Kontrolle, mehr Gefängnis. Es ist so als würde mir mein Zahnarzt ein stärkeres Mittel gegen den Schmerz geben, aber wie soll man die Wunde heilen, nur mit Medikamenten?

Wie wollen Sie heilen?

Ich veranstalte Filmfestivals oder Diskussionen an Schulen. Ich habe Mikrokredite vergeben, damit sich kleine Firmen etablieren können. Ich bilde Techniker aus, mit denen ich noch heute bei Produktionen zusammenarbeite. Mit schwarzen Rappern nehme ich Musik auf. Wir kommen ins Studio und die ziehen sofort ihre Schuhe aus und setzen ihr Basecap ab: Sie sind höflicher als manche weißen Bürgerkinder aus der Film- oder Musikbranche, denen alles egal ist.

Wer aus dem Ghetto kommt, gilt trotzdem als unkontrollierbar und gefährlich.

In Frankreich stellen viele Unternehmen jemanden nicht ein, wenn er ein Schwarzer ist oder ein Beur, also jemand mit arabischen Wurzeln. Auch wenn derjenige eine exzellente Ausbildung vorweisen kann, hat er praktisch keine Chance. Freunde von mir laufen friedlich die Straße entlang und werden viermal am Tag von der Polizei kontrolliert. Wenn sie sich aufregen, nimmt man sie fest, nur um Stärke zu zeigen.

Sie mussten selber mal wegen brennender Autos einen Dreh absagen.

Ja, wir drehten in einem speziellen Quartier, in dem es Drogenbarone gab, die uns einschüchtern wollten. Wir sind dann einfach ein paar Kilometer weiter gezogen, in ein anderes Viertel. Dort freuten sich die Kinder, dass sie Fotos mit John Travolta machen konnten. Afrikanische Mamas haben uns Essen serviert.

Das malen Sie doch jetzt schön.

Natürlich gibt es auch Kriminelle, aber das sind nur etwa fünf Prozent. Wie überall. Wenn man in einem schicken Pariser Quartier mit bekannten und reichen Leuten in schönen Autos unterwegs ist, dann findet man auch diese fünf Prozent, die Waffen verkaufen oder Produkte vertreiben, die von indischen Kindern hergestellt wurden. Diese Dinge gehören zur menschlichen Natur – in jedem Milieu.

In einigen Blogs unterstellt man Ihnen die Bobo-Attitüde, die bürgerliche Bohème: Der Star geht in die Ghettos, tut Gutes und verschwindet wieder. Wie reagieren Sie auf diese Kritik?

Auf solche Attacken reagiere ich gar nicht. Die Leute, die so etwas schreiben: Was tun die denn? Es gibt Menschen, die immer nur quatschen, und solche, die handeln. Ich gehöre zu denen, die handeln. Es ist einfach, sich hinter seinem Blog zu verstecken, ohne dass man seinen Namen öffentlich nennt. Das Leben nur dumpf zu kommentieren, das interessiert mich überhaupt nicht. Sollen die es doch besser machen.

Es geht Ihnen also um mehr als nur ein gutes Image?

Wissen Sie, ich bin weder ein Politiker noch habe ich eine besondere Ausbildung oder lange studiert. Aber ich sehe mich als Citoyen, als politischen Bürger. Ich lege meinen Finger in die Wunde. Beispiels­weise habe ich gemeinsam mit dem Fotografen Yann Arthus Bertrand eine Dokumentation gedreht, die sich gegen die Zerstörung unserer Umwelt wendet. Das sind natürlich alles nur kleine Schritte. Aber mehr kann ich nicht leisten. Man darf meine Projekte nicht überschätzen und mit der Rolle des Staats verwechseln. Ich bin nicht der Staat! Aber ich kann immerhin ein persönliches Zeichen setzen, indem ich mich beispielsweise dafür entscheide, ausgerechnet in einem der problematischsten Vororte von Paris, in Seine-Saint-Denis, eine riesige Filmstadt zu bauen.

140 Millionen Euro wurden in die Cité du Cinema investiert, die das europäische Hollywood werden soll – ein Ort, an dem Blockbuster entstehen sollen.

Ich träume schon lange davon, eine Stelle zu finden, an der ich kleine und große Produktionen aller Metiers realisieren kann. Seit 1960 gibt es in Frankreich diese Möglichkeiten nicht mehr. Ich hätte Das fünfte Element so gerne in Paris gedreht, aber ich musste nach London. Die neuen Studios entstehen in einem alten Elektrizitätswerk, einer Fabrik von 1930, ein wunderbarer Ort. Und warum sollte man, nur weil es dort öfter Unruhen gab, woanders hingehen? Das sehe ich nicht ein.

Wie können die Menschen vor Ort davon profitieren?

Ich möchte junge Leute, die dort leben, ausbilden und beschäftigen: 20, 50 oder vielleicht sogar 100 von ihnen. Womöglich inspiriere ich mit meinem Vorhaben auch andere Investoren, etwas Ähnliches zu tun.

Können Sie auch den Blick Ihrer bürgerlichen Bekannten auf die gesellschaftlichen Ränder verändern?

Ach, dazu müsste ich häufiger in diesen Kreisen verkehren. Aber ich gehe nicht so häufig zu mondänen Abendessen. Ich bin eigentlich nicht sehr sozial. Mit meinen engen Freunden aus der Filmwelt diniere ich regelmäßig bei mir zuhause. Wir kochen und plaudern dann über andere Dinge als die Schattenseiten unserer Republik.

Schöne Frauen und guten Wein?

Was soll daran verdammenswert sein?

Das angenehme Leben der Bourgeoisie.

Was für ein großes Wort. Bürgerlich sein, das heißt doch meist nur: Jemand hat einen festen Job, verdient Geld, gründet eine Familie. So ein Leben finde ich auch wünschenswert. Das ist die gute Seite. Aber man muss sich in diesem Milieu hüten, prätentiös zu werden, abzuheben und andere auszugrenzen. So wie es einige Figuren in meinem neuen Film tun.

Aber die leben in einer ganz anderen Epoche, um das Jahr 1912.

In Ihren Geschichten retten meist weibliche Wesen die Welt. Diesmal ist es die Reporterin Adèle. Sind Frauen die besseren Menschen?

Frauen sind reich und komplex. Ich finde sie wirklich spannender als Männer. Wenn ein Mann ein Problem hat, verwendet er häufig seine Muskeln, um es zu lösen. Sein Argument ist noch immer die physische Stärke. Weil sie Frauen fehlt, sind sie gezwungen, ihre Intelligenz zu gebrauchen, sanftmütig, charmant und wortreich zu agieren. Sie haben noch nie einen Krieg angezettelt, weil Frauen eben wissen, was es bedeutet, Leben zu schenken, dieses wesentlichste aller Dinge. Dass ein Mann das nicht vermag, darin liegt sein größtes Drama.

Sie waren dreimal verheiratet.

Das ist doch für einen 50-Jährigen nicht so viel, oder?

Was hat Sie das gelehrt?

L’ Amour ... Für mich ist sie noch immer die schönste Sache der Welt. Aber eine Beziehung zu einem Partner wird intensiver, je mehr man erlebt hat und je besser man sich selbst kennt. Man muss sich selbst lieben.

Das hat man schon oft gehört.

Aber es stimmt. Solange man jung ist, fragt man den anderen ständig: Liebst Du mich? Weil man es nicht schafft, sich selber etwas zu schenken, sich selber zu vertrauen. Ein gesundes Selbstwertgefühl? Das braucht Zeit. Ich musste erst Vierzig werden, um den anderen mehr zu tolerieren, vor allem in seinen Unterschieden. Ich erwarte und fordere jetzt weniger von einer Frau.

Sie sind genügsamer geworden?

Auch wenn das nicht sehr leidenschaftlich klingt: Ich wache jeden Morgen auf und ermesse das Glück, dass ich mit meiner Frau habe. Sie ist auch meine Kollegin und hat meinen Film produziert. Wir sind ein Team.

Ihr Freund Jean Reno hat erzählt, je älter er werde, umso mehr suche er seine Wurzeln.

Jean hat noch länger gebraucht als ich, um sich selbst zu akzeptieren. Aber er ist auf einem guten Weg. Wir lieben unser Leben, unser Metier. Ich könnte morgen bei einem Autounfall mein Bein verlieren. Aber ich werde dann nicht untergehen.

Als fünffacher Vater, was können Sie Ihren Kindern beibringen?

Wenn ich sehe, wie viel Zeit sie im Internet verbringen, warne ich sie. Ich möchte nicht, dass sich meine Kinder oder andere hinter der Onlinewelt verstecken. Manche gehen nicht mal mehr auf die Straße! Wenn jemand sechs Stunden täglich am Bildschirm verbringt und sich im Netz eine neue Identität sucht, dann löst er sich vom realen Leben. Stattdessen sollte man lieber mit dem Nachbarskindern auf dem Hof spielen.

Klingt altmodisch. Sind reale Begegnungen wirklich so wichtig?

Dafür sind wir Menschen geschaffen. Ein Junge muss ein Mädchen treffen. Das ist so wie mit uns beiden: Wir schauen uns in die Augen, plaudern miteinander, lernen uns kennen. Dabei könnten Sie Ihren Artikel genauso gut schreiben, ohne mich getroffen zu haben.

Non, Monsieur ...

Ich sage meinen Töchtern: Lasst euch auf Beziehungen ein, und zwar nicht über Skype, Chat oder E-Mail. Diese digitalen Instrumente können anfangs helfen, eine gewisse Schüchternheit zu überwinden. Aber dann muss man zusammen Bier trinken gehen ...und flirten.

Das Gespräch führte

Maxi Leinkauf

Geboren wurde Luc Besson am 18. März 1959 in Paris. Seine Kindheit verbrachte er am Mittelmeer, wo seine Eltern als Tauchlehrer tätig waren. Ursprünglich wollte er Meeresbiologe werden und sich mit Delphinen beschäftigen. Nach einem Tauchunfall als 17-Jähriger ging er nach Paris. Er fand Gelegenheitsjobs beim Film und drehte unter anderem Videoclips für Serge Gainsbourg. 1983 entstand sein erster Spielfilm Le dernier Combat (Der letzte Kampf). Es folgte Subway, der mehrfach für den César nominiert wurde. Bessons Hommage an das Tauchen, Le Grand Bleu (Im Rausch der Tiefe) von 1988, wurde der Kultfilm einer Generation und machte den Schauspieler Jean Reno weltberühmt. Besson ging für drei Jahre in die USA . Er drehte Nikita und Léon, der Profi. Das Porträt eines Profikillers wird der im Ausland meist gesehene französische Film. 1997 entdeckt Besson den Science Fiction für sich und heiratet Milla Jovovich, die Protagonistin aus Das fünfte Element. Sein aktueller Film Adèle und die Geheimnisse des Pharaos (Start am 30. September) basiert auf den populären Comics von Jacques Tardi und handelt von einer Hobby-Archäologin, die nicht nur einen Dinosaurier, der aus dem Ei schlüpft, bändigen muss.

Mit der Firma EuropaCorp ist Besson auch als Produzent erfolgreich. Der 51-Jährige lebt mit seiner Frau Virginie Silla und drei Töchtern in Paris und der Normandie. ML

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Ihre Freitag-Redaktion

12:00 23.09.2010
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
Schreiber 0 Leser 28
Maxi Leinkauf

Ausgabe 15/2021

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