„Herzschmerz, Flucht und eine gerechtere Welt“

Musik Robert Stadlober wurde mit den Filmen „Sonnenallee“ und „Crazy“ zum Teenie-Star, später war er Hassobjekt. Im Interview erzählt er, weshalb er während der Pandemie eine Band gründete und was ihn am DDR-Schriftsteller Stefan Heym fasziniert
„Herzschmerz, Flucht und eine gerechtere Welt“
Sängerin Klara Deutschmann mit Heym-Kunstdruck (links), Robert Stadlober, dem man seinen Spaß am Schabernack nicht ansieht

Fotos: Katja Feldmeier

Die Kantine des Berliner Ensembles, frisch renoviert, ohne den verruchten Charme von früher. Robert Stadlober, 39, kommt herein, kariertes Jackett, schwarzer Hut, Kreole im Ohr, er grüßt. „Ist mir zu hell hier“, sagt er knapp, und schwärmt dann vom Konzert am Abend zuvor, wo er die 88-jährige Witwe von Stefan Heym getroffen hat, die ihm aus dem gemeinsamen Leben erzählte. Während er redet, schweift Robert Stadlober manchmal ziemlich ab.

der Freitag: Herr Stadlober, als Sie gestern mit der E-Gitarre auf der Bühne standen und die Texte des Schriftstellers Stefan Heym gesungen haben, das hatte Punk-Attitüde.

Robert Stadlober: Naja, das ist eben die ursprüngliche Geste des Rock’n’Roll und da komme ich her als Musiker. In diesen Texten steckt alles, was einen guten Song ausmacht: Flucht, Herzschmerz, die Beziehung zum Vater, der Glaube an eine gerechtere Welt. Die ganze Kraft der Jugend eben. Nur nicht so generisch und brav wie im aktuellen deutschen Pop oft.

Es sind eindringliche, stürmische Gedichte eines fast Vergessenen. Was beeindruckt Sie an Heym?

Meine Eltern hatten im Wohnzimmer so eine Stefan-Heym-Ecke. Ich habe früh seinen Roman Collin gelesen, später seine Autobiografie Nachruf, die mir sehr viel über Deutschland erklärt hat.

Was denn?

Die ganzen Verwerfungen und Grausamkeiten der deutschen Geschichte, die bis ins Heute reichen. Heym wurde unter dem Kaiser geboren, ist vor den Nazis geflohen, in die USA gegangen, da wurde er Schriftsteller und Soldat. Er hat dann als GI die Deutschen befreit, ging zurück nach Amerika und kam unter dem McCarthy-Regime wieder nach Deutschland, in die DDR. Da ist er geblieben. Mir war früh klar, dass ich irgendwann mal ein Programm über ihn machen möchte. Irgendwann sind mir dann seine Gedichte in die Hände gefallen, die zwischen 1933 und 1936 entstanden sind. Da war Heym noch sehr jung.

Was ging Ihnen daran nahe?

Es liegt eine Form von melancholischer Hoffnung darin, die hundertmal enttäuscht worden ist und von der er trotzdem nicht lassen will. Es wird die Hoffnung hochgehalten, dass es eine Solidarität zwischen Menschen geben kann, die über Marktgläubigkeit hinausgeht. Eine Sehnsucht, an die ich andocken kann.

Inwiefern?

Ich bin jetzt fast 40 Jahre und habe ein längeres Leben hinter mir als Heym damals, ohne die harten Einschnitte, natürlich, die Angriffe. Trotzdem habe ich aber eine ähnliche Utopie, die ich seit meiner Jugend mit mir herum trage.

Zur Person

Robert Stadlober, 1982 geboren, wuchs in der Steiermark auf, brach die Schule ab und wurde Filmstar. Zudem liebt er Literatur und Musik. Sein aktuelles Projekt HEYM, eine Annäherung an den Autor Stefan Heym, erschien im Oktober als Hörbuch

Sie sind auf einem Bauernhof in Kärnten aufgewachsen, mit Blick auf die Alm. Wie wurden Sie politisiert?

Meine Mutter ist ursprünglich Berlinerin, mein Vater Österreicher. Als sie sich getrennt haben, war ich im Grundschulalter. Dann sind wir nach Westberlin gegangen und ich war in der Jugend-Antifa, so wie gefühlt alle anderen in meinem Umfeld damals auch. Ich kannte Musiker:innen, die in Jugendzentren von Nazis angegriffen wurden, und ich hatte das Gefühl, dass wir auf der richtigen Seite stehen. Ich habe dann versucht, Heimat komplett abzulehnen. Was einen eben als jungen, rebellierenden Menschen so umtreibt: Kein Gott, kein Staat, kein Geld: mein Zuhause ist die Welt.

Die meisten kennen Sie aus „Crazy“ und „Sonnenallee“. Mit diesen Filmen wurden Sie zum Teenie-Idol. Ein Fluch?

Nö, das ist schön. Es gibt diese paar Schlüsselmomente einer „Karriere“, und ich zehre seitdem davon. Ich kann von den verschiedensten Ausprägungen meines Berufs leben und musste nie kellnern gehen oder Pakete ausliefern.

Sie waren eine Projektionsfläche: Rebell, Punk mit Zigarette im Mund, Spaßschauspieler, Idiot. Konnten Sie sich da wiederfinden?

Nein, meine innere Welt war eine andere als die äußere. Menschen haben diese komische Authentizitätssehnsucht, den Wunsch, dass Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, authentisch sind. Ich halte das für Quatsch.

Niemand ist in der Öffentlichkeit authentisch?

Nein, ich denke, das ist allein durch die Konstruktion „Öffentlichkeit“ unmöglich. Ich war damals großer Rio-Reiser-Fan. Der hat seine Biografie ja jede Woche neu erfunden. Das hab ich auch versucht. Schabernack treiben mit der biederen Ernsthaftigkeit dieses Promi- und Kulturbetriebs. Das ich aber natürlich vollkommen vereinnahmt war von dem Ganzen, dass es als junger Schauspieler nicht funktioniert, gleichzeitig dabei und doch draußen zu sein, das musste ich erst lernen. Was aber sicher geht, ist, sich eine kleine Insel zu schaffen, die vielleicht etwas abgelegener ist und trotzdem in dem Ganzen vorkommt. Und ich glaub, das ist mir in den letzen Jahren gelungen.

Sie galten als arrogant: Was bildet der sich ein?

Als es mit dem Internet losging, existierten in bestimmten Foren ganze Chatgruppen gegen Robert Stadlober. Die User haben sich an kleinen Dingen aufgehängt, die ich gesagt hatte. Ein Vorläufer dessen, was Internet heute ist. Ich hab da immer gern mitgelesen. Aber irgendwann hat mich die Situation on- und offline doch ziemlich eingeengt und ich bin nach Barcelona gezogen.

Eine Flucht nach vorn?

In gewisser Weise schon, ich brauchte Zeit für mich und auch für die Frage: Was bedeutet eigentlich dieser Beruf Schauspieler? In welche Richtung kann ich dagehen, wie weit kann ich gehen? So jung wird solch ein Fragen aber einfach selten ernst genommen. Es kamen immer wieder ähnliche Rollenangebote, aber ich wollte keinen dritten Aufguss von Crazy machen. Ich ging dann ans Hamburger Schauspielhaus und habe Romeo gespielt.

Etwas Seriöses. Dabei waren Sie nie auf der Schauspielschule.

Ich war auf einer Waldorfschule, das hat gereicht. Wir haben dort jeden Morgen Gedichte gesprochen und generell viel mit Sprache gearbeitet. Viel von meinem Handwerk hab ich dort schon gelernt. Romeo und Julia war dann immer ausverkauft. Aber auch da war mir vieles zu vorhersehbar, zu unfrei, und über den Romeo hinaus kam dann auch nichts anderes mehr. Ich bin wieder gegen eine Wand gefahren. Dann habe ich Christoph Schlingensief kennen gelernt.

Wie war diese Begegnung?

Wir haben uns bei Beckmann getroffen, eine Sendung, die damals in der ARD lief. Fritz Kuhn von den Grünen war eingeladen, Christoph und ich. Beckmann sagte sinngemäß: Und jetzt kommt hier ein Schulabbrecher, sehr unsportlich, ein Chaot: Robert Stadlober. Er wollte mich in diese lustige Ecke drängen: haha, der Kiffer. Schlingensief fand das unangenehm. Er sagte zu Beckmann: „Wie gehen Sie hier eigentlich mit Ihrem Gast um?“ Hinterher haben wir dann lang gesprochen und da war auf einmal etwas von diesem Schabernack, nach dem ich mich sehnte.

Sie traten dann bei Schlingensiefs Liebeskummer-Kongress auf, einem Karaoke-Theater.

Da waren kleine Boxen aufgestellt, in denen man als Schauspieler saß. Die Gäste konnten einem ihren Liebesschmerz erzählen. Ich hatte die Rolle des blöden Teenie-Schauspielers, klar, jeder spielte sich selbst. Aber Schlingensief hat mich als seltsam Marginalisierten gesehen, er zeigte mir: Ich kann das nutzen, diese Unzufriedenheit. Ich kann sie auf der Bühne benennen und mich davon befreien. Er hat mir beigebracht, dass es in der Kunst kein „falsch“ gibt. Seitdem bin ich immer auf der Suche nach diesem einen ehrlichen Moment, wo man ohne Angst ist. Auf der Bühne finde ich ihn immer wieder.

Während des Lockdowns waren Sie bei Ihrem Vater auf dem Land. Damals waren Sie selbst gerade Vater geworden. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?

Als seltsame, teils beängstigende, aber letztlich oft sehr schöne Zeit. Ich hatte die Babytrage und die Gitarre vor der Brust, habe Lieder geschrieben. Dann kamen die beiden Musiker Klara Deutschmann und Daniel Moheit zu Besuch, als das wieder ging, und wir probten die Songs in einem leeren Stall. Irgendwann waren 25 Lieder fertig. Der erste Auftritt mit Heym war in einem Gasthaus in der Steiermark, wo ich als Kind schon immer gespielt habe. Wir haben unsere kleine Probenanlage aufgebaut und vor 50 Leuten diese Lieder vorgestellt.

Was waren das für Leute?

Es war gemischt, da war ein Typ, der an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat und mit seiner Frau vor vierzig Jahren einen Bauernhof gekauft hat. Und daneben saß der Biobauer, der in seinem Leben nie weiter als bis Graz kam. Auch der hat die Texte verstanden. Die politischen Strukturen in der Steiermark sind tief konservativ. Deshalb können viele Leute mit der Frage, wie man sich vielleicht wehren kann, etwas anfangen. Und mit Stefan Heym.

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06:00 22.11.2021
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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