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Porträt Daniel Kahn macht jiddischen Punk und träumt von der Klezmer-Revolution. Was es heißt, links zu sein, hat er in Detroit gelernt. In Berlin kämpft er weiter

Im Februar stand Daniel Kahn auf der Bühne des Kaffee Burger, eines Clubs, der schon Patina angesetzt hat, in der Mitte von Berlin. Mit einem Akkordeon. Er trug Vollbart, einen dunklen Hut und eine schwarze jiddische Kluft. Er sah wie ein Punk aus, aber auch wie ein Traditionalist. Ungefähr 30 Leute waren zu diesem ersten „Klezmerbund“ gekommen, der mittlerweile jeden Monat stattfindet. Kahn begrüßte sie auf Jiddisch, seine Band setzte ein, sie machten ein bisschen Klezmer-Folklore. Dann hing er sich die E-Gitarre um, zitierte Tom Waits und Bob Dylan, aus jiddischen Balladen wurde Rock. Er sang von Arbeitslosen, von capitalist prostitution, Ostalgie, verlorener Liebe.

Am Ende warf er die Arme in die Luft: „Ich rufe jetzt die jiddische Kulturrevolution aus!“ Wie ein Prophet. Er träumte von einer Klezmer-Internationale. Es klang jüdisch chauvinistisch, aber das störte niemanden. Wer ist dieser 33-Jährige, so anarchische?

An einem Tag im Mai hat Daniel Kahn Zeit für ein Treffen, er ist gerade in Berlin, wo er lebt, meist erreicht man ihn aber weit weg, in Detroit, New York, Moskau oder Augsburg.

Er stoppt sein schwarzes Fahrrad am Kottbusser Tor, dem Viertel der Einwanderer, er hat sich verspätet, es hat länger gedauert beim Steuerberater, entschuldigt er sich. Er trägt ein hellblaues Jeanshemd, Sonnenbrille und den Bart, er trägt ihn seit 15 Jahren, erklärt Kahn, auf Deutsch, in das sich amerikanischer Slang mischt. Inzwischen fällt er nicht mehr auf damit. Er führt in den Hof eines Theaters, in dem gerade ein Stück läuft, für das er die Musik komponiert hat und in dem er abends auftritt, holt sich in der Kellerbar einen Ingwertee, setzt sich auf eine Holzbank.

Im Theaterstück kommt Detroit vor, die Stadt, in der er groß geworden ist, als Hölle auf Erden. In einem Stück Wald hängen Gestalten auf ausrangierten Autoreifen und schlafen in verrosteten Mülltonnen, es gibt weiße Rechtsradikale und schwarze Drogenabhängige, sie alle warten auf Erlösung. Daniel Kahn sitzt im Blaumann, mit Instrumenten um sich herum, auf einem Podest neben der Bühne und schaut auf sie herab, der vermeintliche Messias.

Sie sind in Detroit groß geworden, eine Müllhalde des Kapitalismus?

Das ist ein Klischee, übertrieben, jede Stadt ist heute Müll. Jemand hat mir gesagt: Detroit, die Avantgarde der Wirtschaftskrise. Das klingt besser als „Müll“. Kapital schafft überall Müll. Ich bin in den Vorstädten aufgewachsen, die sind fast total weiß. Und die Stadt ist fast total schwarz. Ich hatte täglich dieses Erlebnis der Rassentrennung, sah wie rassistisch die weißen Menschen um mich herum sich verhalten haben. Detroit ist meine Heimatstadt. Es ist eine radikale Stadt mit den großen Gewerkschaften und einer zersplitterten linken politischen Szene: Es gibt die internationale Arbeiterpartei, trotzkistische, maoistische Bewegungen: Anarchisten, Kommunisten, Sozialisten.

So ein Umfeld radikalisiert?

Ich kannte dort viele Menschen, die sich engagiert haben. Sie haben mir beigebracht, was es heißt, ein Linker zu sein. Dass es bedeutet, an Solidarität zu glauben und sich der Klassen und Rassen bewusst zu sein. Detroit steht für gebrochene Versprechen, gebrochene Träume, ökonomisches Versagen.

Klasse? Ein veralteter Begriff ...

Das stimmt überhaupt nicht! Ich höre in Berlin viel über Klassenkampf! Und ich meine nicht diesen old fashioned way: hier das Proletariat und dort der Aus­beuter. Niemand hat aber den Kapitalismus besser analysiert als Karl Marx. Wir leben heute in einem gigantischen Lumpen­proletariat: Die Mittelklasse hat mittlerweile mehr mit der Arbeiterklasse zu tun als mit der Upper-Class ...

Er wechselt plötzlich ins Englische, möchte wissen, was man selbst denkt, will er hier die Systemfrage lösen? Das Handy klingelt, seine Mutter ist dran und möchte ihn bald in Berlin besuchen. Sie lebt noch in Detroit, arbeitet als Kindergärtnerin. Sein Vater ist schon gestorben, er war ein „Entrepreneur“, erzählt Kahn. Ein Unternehmer? „Ja, aber einer, der an gute Geschäfte glaubte.“ Er hat viel ausprobiert, war Pilot, dann in einer Werbefirma, er handelte mit Computern und hat immer neue Produkte erfunden. Außerdem schrieb er jeden Tag Worträtsel für eine Zeitung. Seine gesamte Familie ist jüdisch und ziemlich liberal, sagt er, er habe mehrere ältere Halbgeschwister, seine Eltern brachten ihm Kultur nahe, sind mit ihm als Kind in die Philharmonie gegangen, ins Theater, er nahm Klavierunterricht und spielte im Jüdischen Sommertheater, es sei dort immer um soziale Gerechtigkeit gegangen.

Bob Dylan-Songs als Bibel

Sein Babysitter war Ted Lucas, sein Nachbar, ein begnadeter Folk-Rock-Musiker in der Detroit-Szene. Seine Eltern kamen aus Griechenland, er hatte gerade eine Scheidung hinter sich und war wieder bei seinen Eltern eingezogen. „Er hatte Drogenprobleme, noch ein paar Gigs, aber er war ziemlich abgefallen.“ Dafür hat er Kahn Gitarre spielen beigebracht, Sitar, Folk und Rock. „Er war mein großer Held“, neulich als er in der Kneipe eines Freundes in Berlin war, hatte der Songs von Ted Lucas auf seiner Playlist im Computer, seine Augen glänzen, wenn er so redet. Mit 15 hat Kahn in einer Garage eine Rockabilly-Band gegründet, und die Lieder der Beatles, Stones, Velvet Underground, Tom Waits, Bob Dylan, Ray Charles gespielt. Sie waren seine Bibel. „Irgendwann war ich voll mit der Musik der anderen“, sagt er. Während er in Detroit Regie, Schauspiel und Stücke-Schreiben studiert hat, fing er an, selbst zu dichten.

Ein Mädchen kommt vorbei, mit roten Haaren, schaut ihn an. Er fängt sofort an, zu flirten: „Ach du, hallo ...“.

Dann redet er konzentriert weiter. Er ging 2001 nach New Orleans, lebte dort eine Weile, er war Barpianist, hat als Musiker Zirkusparaden begleitet. 2002, zu Beginn des Afghanistan-Kriegs, hat Kahn in einer alten Lagerhalle Brecht inszeniert: Mann ist Mann und Das Elefantenkalb. „In dieser Zeit war es sehr wichtig, sich mit der wachsenden Kriegstrommel, dem imperialistischen Chauvinismus der amerikanischen Politik nach 9/11 zu beschäftigen“, sagt er, wieder ein bisschen agitatorisch. Er habe damals angefangen zu verstehen, wie man Poesie und Theater mit politischen Themen verbinden kann.

Bei seinen Konzerten interpretiert er Brechts „Denn wovon lebt der Mensch“, und seine Zuhörer feiern ihn, junge Leute, in Wien, Athen oder Chemnitz. Weil es in die Krise passt? „Brecht hat verstanden, dass Menschen die Fähigkeit dazu haben, die Welt zu ändern. Dass Theater ein Teil dieses Kampfes sein kann, dass es die Leute zum Nachdenken, zum Fragen bringt. Klar, Theater kann die Welt nicht direkt ändern, aber beeinflussen, in welche Richtung sie sich entwickelt.“ Fragen stellen, das ist für ihn schon ein politischer Akt.

Der „Arbetloze Marsh“, ein berühmtes altes jiddisches Lied, klingt, als hätte er es gerade geschrieben: Ejns, tswej, draj, fir, arbetlose senen mir ... Dass eine fast verschwundene osteuropäische Kultur wie Avantgarde wirken kann, liegt an seinem Auftritt: Er hat Feuer, ist sexy, Kosmopolit, und doch trägt er die Seele der Vorfahren mit sich. Er vereint beides: Das Wir und das Ich. „Wir haben ja alle beides in uns“, weiß er.

Als der Hurrikan Katrina New Orleans verwüstet hat, hörte er das erste Mal das Lied „Di Amerikaner Shif“, eine jiddische Weise von 1911, und hat sich verliebt. Es wurde nach dem Untergang der Titanic dann sehr populär. Kahn schrieb es um in „Khurbn Katrina“, sein Text handelt vom Hurrikan und prangert das lange Warten des damaligen Präsidenten Bush an, bevor er Rettung anordnete. Kahn hat alte Texte ausgekramt, jiddische Geschichten, und Menschen gefunden, die ihm noch welche erzählen konnten. Das Jiddische benutze er als Werkzeug. „Dass ich etwas auf Jiddisch sage, das ist meine Botschaft.“ In Israel war es lange unterdrückt, man sprach lieber Hebräisch. „Sie wollten in Israel einen neuen Juden schaffen, eine neue Sprache und eine neue Kultur. Sie wollten die Vergangenheit abhaken und mit einer mystischen Urvergangenheit ersetzen“, glaubt Kahn. Er sagt, er will immer Erwartungen sprengen. Ein Post-Punk.

Entfremdung zwischen Juden

Kahn war mal als Tourist in Israel, danach wusste er: „Dieses Land hat gar nichts mit mir zu tun, weder spirituell noch politisch. Das ist nicht meine Heimat.“ Er habe dort Freunde, könne sich nicht total abtrennen, „aber wenn die Politiker dort behaupten, sie würden für mich arbeiten, dass es etwas mit mir zu tun hat, nur weil ich Jude bin, widerspreche ich.“ Auf einem der Alben, die in diesem Jahr erscheinen, singt er ein Lied über den Sohn seiner Patentante, „der mir als Kind nah war in Amerika“. Später sei er rechtsradikaler Zionist geworden und nach Israel gezogen. Sie haben sich seit zwanzig Jahren nicht gesehen. Eine Entfremdung zwischen Juden. Mit Grass’ Gedicht kann er jedoch ebenso wenig anfangen, vor allem weil es schlechte Poesie sei. Ihm gefalle diese Geste nicht à la: Man wird das wohl doch noch sagen dürfen. „Hat er recht, dass die Siedlungen gebaut werden? Ja. Sollten Deutsche Israel kritisieren können? Ja. Hat er mit diesem Gedicht irgendetwas erreicht? Nein!“

Wo fühlt sich jemand wie er heimisch? Kahn wartet kurz, holt einen Schlüsselbund aus der Hosentasche und wirft ihn routiniert auf den Tisch. Der Metall-Anhänger hat die Form eines deutschen Ortsschilds: „Wahlheimat“ steht darauf. Er fühle sich in Städten zu Hause, Berlin, Detroit, New York. „Ich habe überall meine Lieder geschrieben. Ich habe dort gewohnt, habe Freunde, kenne mich aus. In Berlin ist meine Wohnung mit den Büchern, meinen Instrumenten.“ Wenn er heute nach Detroit reist, ist es eine leere Stadt. Seine Familie ist noch da, aber sonst kaum noch jemand, der ihm nahe ist.

Kahns Welt ist die Klezmerfamilie, und auch jetzt in unserem Gespräch beschwört er wieder, dass sie wachsen werde. Alle Menschen sollen Jiddisch lernen, Grenzen sollen fallen, nirgends dürfe es Nationen geben. Und was, wenn da keiner mitmachen will? „Du wirst!“, ruft Kahn abwesend, ein Idealist. Oder größenwahnsinnig?

Mehr noch beschäftigen ihn gerade seine beiden Seiten, „die helle und die dunkle“. Das Ende einer Liebe. Auch gegen sie ziehe er in die Schlacht.

Die Liebe ist Ihr Feind?

Manchmal. Nicht immer. Sie bewegt mich, inspiriert mich. Ein Freund von mir hat mal gesagt, er wollte einen Protestsong schreiben, so wie Hank Williams, der alte Countrysänger. Aber der hat sich in allen seinen Liedern über irgendetwas beschwert, meist über verlorene Liebe, das Verratenwerden. Ich singe in letzter Zeit ziemlich viele dieser „Protestsongs“.

Sie sind gerade verlassen worden?

Yeah ... Liebe verloren, Liebe gefunden, ich habe betrogen, bin betrogen worden. Aber ich wehre mich immer noch.

Worin besteht das Wesen der Liebe?

Es gibt keine Antwort auf diese Frage, nicht mal Jacques Derrida kann sie geben. Er hat es versucht, aber er konnte es nicht. Und Slavoj Žižek hat mal gesagt, da die Liebe (im formalen Sinne) eine Überbewertung einer Person über den Rest der Welt sei, ist die Liebe böse.

Und abseits des Philosophischen?

Liebe ist wie ein Krieg zwischen dem, der du bist, und dem, der du sein willst. Dem, wie der andere ist, und wie du ihn haben möchtest. Ein Krieg zwischen diesen vier Menschen. Die Liebe ist mein Kampf. (Er redet leise auf Jiddisch weiter) Wus iz di libe? Di libe iz lebn ... di baziung zwishn dem mentshn un der welt.

Ich habe aber noch kein Jiddisch gelernt.

Was ist die Liebe? Sie ist Leben ... die Beziehung zwischen dem Menschen und der Welt.

Daniel Kahn, 33, wurde von den sozialen Gegensätzen in seiner Geburtsstadt Detroit geprägt. Er profitierte aber vor allem von der reichen Musikszene, von Punk, Folk und Blues.

Schon als Kind hat er an- gefangen, Musik zu machen und spielte mit 15 in einer Rockabilly-Band. Kahn hat an der University of Michigan dann Regie, Schauspielerei und Theater studiert und gewann dreimal den Universitätspreis für Poesie.

2001 zog er nach New Orleans, wo er nachts in einer Piano Lounge auftrat. Außerdem komponierte er die Musik zu Brecht-Stücken. Er interpretiert Tucholsky, Arbeiterlieder und Brecht/Eisler-Songs. Mit Liedern wie In Kamf oder Mordechai Gebirtigs Arbetslozer Marsh, das vor 100 Jahren entstand, stellt sich Kahn in die Tradition der sozialen jiddischen Bewegungen.

Nach seinem Umzug nach Berlin im Sommer 2005 hat er mit Berliner und New Yorker Musikern die Gruppe The Painted Bird gegründet.

Gemeinsam spielen sie Jiddisches Punk Kabarett, eine Mischung aus Klezmer, radikalen jiddischen Liedern, politischem Kabarett und Punk Folk.

Mit The Painted Bird hat er bislang drei Alben veröffentlicht. 2011 erhielt er für Lost Causes den Preis der Deutschen Schallplattenkritik.

In diesem Jahr sollen zwei neue Platten erscheinen, eine unter dem Namen The Happy Prince, und das neue The Painted Birds-Album Bad Old Songs. Daniel Kahn lebt in Berlin und ist die meiste Zeit auf Tour (paintedbird.net). ML

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12:59 08.06.2012
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