Tempo, Tempo!

Porträt Mathieu Sapin musste oft rasen, als er mit Depardieu auf Reisen war. Der Comiczeichner porträtiert den Filmstar als fragiles Monster. Im Élysée war er auch

Der Comicbuchverlag sitzt in einer ehemaligen Druckmaschinenfabrik in Berlin-Wedding, keine malerische Gegend. Mathieu Sapin, ein schmächtiger Mann, ist umgeben von randvollen Bücherregalen. Auf dem Schreibtisch entdeckt er eine Packung Anisbonbons. „Oh, die kommen aus Dijon, meiner Heimat“, sagt er und lacht.

der Freitag: Monsieur Sapin, ich stand vor ungefähr sieben Jahren mit einem Brief in der Hand im Fontaine Gaillon, Gérard Depardieus Restaurant in Paris. Ich wollte ihn treffen.

Mathieu Sapin: Ach ja? Und?

Er hat nie geantwortet. Ich würde das heute nicht mehr machen, der Zauber ist verflogen. Wie war das bei Ihnen?

Ich habe ihn fünf Jahre begleitet. Und für mich ist es das Gegenteil. Vor zehn Jahren hat er mich gar nicht besonders interessiert. Aber als ich ihn dann getroffen habe, 2012, war ich vollkommen verführt. Das erste Mal traf ich ihn in seinem Pariser Stadthaus.

Er empfing sie in Unterhosen, mit nacktem Oberkörper?

Ja. Il s’en fout. Vielleicht ist das der Satz, der ihn am besten trifft: Es ist ihm scheißegal, was andere über ihn denken. Er saß da an dem schweren Holztisch, inmitten der Kunst, seiner Camille-Claudel-Skulpturen. Was für eine faszinierende Kreatur!

Er hat Ihnen nicht einmal Kaffee angeboten. Was für Manieren!

Ja, er ist niemand, der freundlich ist. Er ignoriert diese sozialen Codes der Höflichkeit. Er hat keinen Filter. Und den verliert man ihm gegenüber dann auch. Man muss vor ihm keine Rolle spie-len oder sich verstellen. Er durchschaut das sofort. Ich habe danach zehn Tage in Aserbaidschan mit ihm verbracht. Und das war sehr lustig. Ich wollte ihn wiedersehen. Mir hat dieser Mensch, diese Direktheit gefallen.

Wie kam es denn zu der Reise?

Ich sollte Depardieu für eine Arte-Dokumentation auf den Spuren von Alexandre Dumas begleiten, der diese Reise durch den Kaukasus 1858 unternahm. Ich hatte anfangs gar nicht vor, einen Comic über ihn zu schreiben, das hat sich alles auf natürliche Weise ergeben. Wir trafen uns dann öfter.

Depardieu war doch schon eine Karikatur: Obelix. Wenn man mit ihm durch Aserbaidschan reist, Portugal, Spanien, Bayern: Muss man dann so essen, trinken und feiern wie er?

Na klar (er lacht). Ich passe mich an, so wie ein Jäger, der sich tarnt. Man muss seinem Rhythmus folgen. Er ist dominant, erdrückend, überwältigend. Und gleichzeitig kann er sehr sensibel sein. Er ist ein widersprüchlicher Mensch. Er kann in einem kleinen, einfachen Restaurant essen und glücklich sein oder im Luxushotel wohnen. Wir waren mal in einer kleinen Stadt in Aserbaidschan. Alle dort kannten ihn.

Er hat lauter Selfies mit den Einheimischen gemacht.

Und wir sollten mit dem ganzen Team zum Mittagessen in ein schickes Restaurant gehen. Er nahm mich plötzlich zur Seite und fand auf dem Markt einen kleinen Stand mit Schawarma-Spießen. Er hatte alle Spieße genommen und holte sie direkt aus der Küche. Dann hatten wir eine riesige Platte für uns beide, mit Plastiktellern und Fernsehen. Da war er zufrieden. Es gibt diese unkontrollierbare Kraft in ihm. Er kann wahnsinnig viel essen oder gar nichts, trinken oder gar nicht. Er kann dick werden und abnehmen. Der Blick von außen ist oft auf diese exzessive Seite, die Brutalität beschränkt. Und ich wollte eine komplexe Figur zeigen.

Von Asterix bis zum Bataclan

Die „BD“, die bandes dessinées, sind in Belgien und Frankreich beheimatet und gehören da zur nationalen Kultur. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmten sie die europäische Bildergeschichte.

Es gab nach dem Krieg kein Fernsehen, und sie waren ein Weg, junge Leute zu erreichen und zu berühren. Die Zeichner waren oft männlich: Gründerfigur Hergé (Tintin Tim und Struppi) hat die Bilder- und Symbolsprache des Comics erfunden. Später kamen Lucky Luke, Gaston Lagaffe und Asterix hinzu. Diese „neunte Kunst“ hat sich differenziert und ist nicht mehr nur unbedingt komisch. Comics werden viel von Erwachsenen gelesen. Die Inhalte behan-deln alles, von fantastischen Abenteuern über ästhetischen Porno bis zu Autobiografie und Politischem, wie etwa Persepolis von Marjane Satrapi, L’Arabe du futur von Riad Sattouf oder Mon Bataclan von Fred Dewilde. Um die 5.000 Titel werden jährlich herausgebracht.

Mit der Tradition ist Mathieu Sapin groß gewor-den. Er studierte Illustration in Straßburg und hat dann verschiedene Bücher illustriert. Der 43-Jährige ist Autor von Supermurgeman und Le Château (Das Schloss) über den Élysée (2015). Der Band Gérard. Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu ist in Frankreich ein Bestseller und erschien jetzt auf Deutsch (Reprodukt 2018). Im September kommt sein Film Le Poulain (Der Schützling) ins Kino. Sapin lebt und arbeitet in Paris.

Wie kann man Distanz halten, ihn als Stoff betrachten?

Das ist sehr schwierig. In meinen früheren Geschichten war ich ja immer der Beobachter. Ich blieb im Hintergrund und beschrieb eine Situation. Als ich zum Beispiel 2011 sechs Monate in der Redaktion der Tageszeitung Libération verbracht habe, da war ich auf Abstand. Aber mit Depardieu ist das unmöglich. Man kann ihm nicht entkommen. Ich stand sogar mit ihm unter der Dusche.

Wie nimmt er sein Umfeld wahr?

Er ist es gewohnt, angeschaut zu werden, wie eine Art Monster. Und er selber guckt auch, sieht, ob man plötzlich eine Sonnenbrille trägt. Und er hasst Smalltalk. Man kann mit ihm nicht übers Wetter plaudern. Wir waren mal zusammen in Portugal spazieren. Da sah er einen Fischer. Er ging hin und fragte ihn aus. Wie es ihm geht, warum er da ist, wie er lebt. Er würde niemals sagen: „Schöner Tag heute.“

Die hatte ’n String an. Das habe ich gemerkt, als ich sie am Arsch getätschelt habe“, sagt er über die Assistentin eines postsowjetischen Autokraten.

Das ist Borderline.

Abscheu.

Es ist so ähnlich wie mit Serge Gainsbourg, der hatte auch diese provokante Seite.

Serge ist ein Nationalheiligtum.Depardieu wird verschmäht.

Gainsbourg war zu seiner Zeit auch ambivalent und umstritten. Er hat im Fernsehen einen Geldschein verbrannt und Whitney Houston angemacht und brüskiert. Mit der Zeit glätten sich diese Dinge. Viele Leute kommen und sagen mir: „Ich mochte Depardieu nicht mehr, aber nach Ihrem Buch gefällt er mir wieder. Weil Sie ihn auf eine Weise zeigen, die mich berührt.“ Er ist eben mehr als nur das karikaturenhafte Bild von sich.

Im Jahr 2013 hat er, um Steuern zu sparen, das Land verlassen und ist Russe geworden. „Schande!“, riefen die Franzosen.

Ich glaube, diese Wahrnehmung hat sich langsam wieder verändert. Depardieu taucht wieder im Kino auf. Die Pariser Konzerte, bei denen er die Chansons von Barbara sang, waren alle ausverkauft. Aber er tut nichts, um gemocht zu werden. Er ist, wie er ist. Außerdem leben wir in einer Zeit, in der alles politisch korrekt sein muss, in Deutschland wie in Frankreich. Leute, die was Provokantes sagen, werden sofort verstoßen.

Bei Gérard „Je suis Chablis“ Depardieu (r.) ist sogar das Motorrad rotweinfarben

Foto: Arnaud Frilley

Ein Beispiel?

Anfang des Jahres war ich in Australien. Und ich war überrascht, wie clean da alles war, mehr noch als in Europa. Man durfte nicht am Strand rauchen, kein Bier trinken, das war fast beängstigend. Wie eine sanfte Diktatur. Einmal saß ich mit einem Freund auf der Terrasse und wir durften nicht rauchen. Er stand auf, ging zwei Meter weiter weg, zündete sich eine Zigarette an. Dann kam jemand aus dem Restaurant und rief: „Nein, es sind drei Meter!“ Für einen Franzosen ist das schlimm.

Und jemand wie Depardieu ist der ungezogene Schüler? Punk?

Er braucht seine Freiheit, und er muss sagen, was er denkt. Das ist seine Art, lebendig zu bleiben. In Frankreich sind immer weniger Leute dazu in der Lage. Die meisten reden comme il faut,so, wie es gut ankommt. Das war vor 20, 30 Jahren noch weit weniger konventionell. Das liegt auch an den sozialen Netzwerken. Wer etwas „Falsches“ sagt, kriegt sofort einen Shitstorm. Es ist doch bizarr: Je größer die freie Meinungsäußerung, desto schneller wird man für das, was man sagt, verurteilt.

Das kann man auch bei Politikern beobachten.

François Hollandes Ankunft im Élysée kam genau in dem Moment, als Facebook und Twitter explodiert sind. Und ich konnte sehen, wie sich Politik dadurch verändert. Hollande war schon vorher vermittelnd, aber dann hat er noch mehr versucht, nichts Falsches zu sagen. Irgendwann warfen ihm die Leute vor, langweilig zu sein. Der Mann ohne Eigenschaften.

Die Franzosen wollen den König, die Deutschen erwarten von einem Politiker, dass er weiß, wie viel ein Liter Milch im Supermarkt kostet.

Es gibt dafür einen Ausdruck, l’homme providentiel – der Mann der Stunde. Der Begriff wird bei uns oft im Wahlkampf verwendet. Das ist wie Vorsehung. General de Gaulle erscheint. Napoleon. Wir sind immer noch in dieser Kultur verhaftet. Wenn man enttäuscht wird, weil der Präsident nicht glänzt, dann ist er schuld, dass die Leute nicht mehr hoffen können.

So wie François Hollande, den Sie im Wahlkampf begleitet haben?

Ja, einmal ging ich mit einem Redakteur von Libération zu einem politischen Meeting mit François Hollande, für den sich damals noch keiner interessiert hat. Er wurde dann die neue Figur des Anti-Sarkozismus. Und so kam es, dass ich ihm weiter folgte. An dem Tag, als er gewählt wurde, war ich in seinem Büro in Tulle. Es war sehr ruhig, wir waren nur zehn Leute. Draußen kreisten auf einmal Hubschrauber, Kameras waren auf ihn gerichtet, das Fernsehen war da. Man spürte die Hoffnung der Sozialisten. Und ich wurde direkter Zeuge eines Teils der französischen Geschichte.

Am Ende war er nur noch der Pinguin.

Pardon, Pinguin?

So hat ihn Carla Bruni in einem Lied genannt.

Als ich in den letzten Wochen seiner Amtszeit bei ihm war, gab es nicht mehr viele Leute, die sich für ihn interessiert haben. Ich habe eine Petition gegen das Hollande-Bashing unterschrieben, weil der Umgang mit Hollande das Schlimmste war, was man sich vorstellen kann. Es war unfair. Denn er war integer, hatte keine Affären, war nicht so korrupt wie sein Vorgänger Nicolas Sarkozy.

Wie beeinflusst ein Ort wie der Élysée die französische Politik?

Es ist ein symbolischer Ort, sehr monarchisch. Und er ist auch nicht sehr praktisch. Aber er wirkt sehr anziehend auf dieses Milieu, sodass die Leute bereit sind, alles zu tun, nur um da mitzuspielen. Man kann dort wunderbar die Inszenierung der Macht und der Politik beobachten. Der Élysée ist ein Theater. Es gibt diese magischen Säle, dieses Dekor, da werden Pressekonferenzen abgehalten, um zu beeindrucken. Ich möchte diese Kulissen zeigen. Ich bin Zeichner, sehe mich aber auch als Zeitzeuge. Ich habe Hollande übrigens letzte Woche zum Mittagessen getroffen.

Wie geht es ihm jetzt?

Sehr gut. Er hält Konferenzen ab, hat eine Stiftung. Und im April erscheint sein neues Buch.

Was halten Sie von Macron, dem neuen Heilsbringer?

Macron! Ich habe ihn vor den Wahlen im vergangenen Jahr getroffen, als ich beim Duell Macron/Le Pen dabei war. Und da habe ich verstanden, warum er die Leute so leicht erobern kann. Er geht zu jedem hin, sagt: „Ça va?“ Und er vermittelt ihnen das Gefühl, dass er sie in diesem Moment wirklich meint. Das ist sehr anziehend.

Ein Filmstar, ein Politiker, eine linke Tageszeitung. Was verbindet sie alle?

Ich habe, als ich vielleicht 15 Jahre alt war, ein Buch gelesen, das mich sehr beeindruckt hat: Ganz unten von Günter Wallraff. Was für eine Insiderbeobachtung! Ich habe mir da womöglich etwas von ihm abgeschaut. Oder: Ich verehre Stefan Zweig. Der hat Biografien geschrieben und Romane. Das tue ich auch. Meist ist die Realität aber viel stärker als jede Fiktion.

Wer waren die Helden Ihrer Kindheit?

Als Kind war Tintin mein Held, ein Comic, der ein bisschen so ist wie meine Großmutter. Tim & Struppi heißt der, glaube ich, auf Deutsch. Depardieu mag den nicht. Stimmt, weil er – mehr als Obelix – eher Kapitän Haddock ähnelt. Der ist oft betrunken, proletarisch. Und gleichzeitig hat er ein Schloss. Er kann freundlich sein und grob. Ein Seebär, aber weltläufig.

Um wen dreht sich Ihr nächstes Projekt?

Um Racine, den Dramaturgen. Er war erst im Theater, dann machte er Propaganda für Louis XIV: Jemand, der Glamour hatte, Ruhm und Geld. Wie konnte er aus allem ausbrechen?

Welche Frau würden Sie gern porträtieren?

Mir ist vor ein paar Tagen auch aufgefallen, dass es immer nur Männer sind. Wir Franzosen sind eben Machos. Scherz beiseite: Amélie Nothomb würde mich sehr interessieren, die Schriftstellerin. Weil ich ihre Bücher sehr mag. Und ihre Art.

06:00 05.04.2018
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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