Ungarn? Ungern

Dableiben Rolf Turba fährt nicht mehr raus in die Welt, er holt sie sich nach Hause

Wer Rolf Turba treffen will, muss zu ihm fahren. Der Bus hält in Müggelheim Dorf, einem verschlafenen Ortsteil von Köpenick, südöstlich von Berlin. Netto und Norma, eine Kirche, ein Dönerimbiss und Down Town Garage, ein Dinermotel. Vor Einfamilienhäusern stehen geparkte Autos. Man biegt in einen Sandweg, hinter dem flachen Eisenzaun führt ein gepflasterter Weg hinter in den Garten. Auf der Terrasse steht er. Weißes T-Shirt, Hosenträger, Cordhose, das lange graue Haar zum Zopf gebunden. Rolf Turba grüßt, zeigt seinen Lehmsteinofen, dann eine Sauna, „alles selbst gebaut“. Mitten im Garten steht ein kleines Fachwerkgebäude mit roten Ziegelsteinen. „Mein Atelier“.

Rolli, wie ihn alle nennen, weist auf die gleichschenklige Pyramide mit rombenförmigen Glaseinsätzen im Dach, die das Licht durchlässt. „Wie im Louvre, nur kleiner“, sagt er. War er mal im Louvre? „Nö.“

Drinnen stehen zwei Stühle und ein runder Tisch, eine Holzwerkbank samt Schraubstock, Hobel, Sägen und Klötze liegen herum. Sanfte Countrymusic läuft, er höre Webradio aus Tennessee, erklärt Rolli. Auf einem Regal thront eine leere Flasche Tullamore Dew. Auf der Terrasse stand vorher ein Schuppen, erzählt der 66-Jährige, der ist von alleine zusammen gefallen. „Da kam ich auf die Idee mit der Sauna, und habe angefangen, mich mit Fachwerk zu beschäftigen.“ Seit Armeezeiten gehe er immer in die Sauna, dann hat eine zugemacht, die andere war erst ab drei geöffnet. Da dachte er: ‚Jetzt bau ick mir selber eine‘. Das war 2003. Nach seiner letzten Reise. „Wir wollten eigentlich nach Kreta, aber das hat sich wegen Unterbuchung zerschlagen: Wenn der Bus nicht voll ist fahren die gar nicht erst los. Also Segelreise auf der Adria.“ Die Anfahrt war mühsam. „Wir sind mit dem Bus hingefahren, so wie die doofen Ossis, mit Jeanshose, hatten uns schick gemacht. Und die, die das schon kennen, kommen da in Schlabberhose mit Nackenkissen an und haben es sich gemütlich gemacht.“ Dafür habe er noch nie so klares Wasser gesehen wie auf der kroatischen Insel Kerk, und all den anderen, bis nach Zadar und wieder zurück segelten sie und konnten 25 Meter in die Tiefe gucken. Und dann wieder zwei Tage lang mit dem Bus zurück. Ohne Nackenkissen. Da dachte er: Ich muss das nicht mehr haben.

Seine Urlaube beginnen jetzt im Kopf. Wenn Gedanken um eine Idee kreisen. Wie vor fünfzehn Jahren bei der Sauna. Da kam im Winter das Holz, „das stapelte ich dann hier, es wurde immer mehr, und die Idee wurde immer klarer. Als ich dann endlich Urlaub hatte, da konnte ich sägen und es war alles voller Späne. Herrlich.“ Als die Sauna fertig war, stand er wieder da. Da wuchs es so langsam: ‚Hier hinten könnte doch ein Atelier stehen‘. Dann hatte er drei Wochen Urlaub. „Mir macht es Spaß, das zu entwickeln. Das muss alles im Kopf fertig sein, bevor ich überhaupt anfange.“

Neapel liegt ihm fern

Er baut auch Hüllen für japanische Küchenmesser. Rolli zieht einen Werkzeugkatalog aus der Bücherkiste, die auf dem Boden steht. „Meine Bibel.“ Er beschäftige sich mit japanischer Schmiedekunst, blättert durch die Seiten, die japanische Messer zeigen. Wie werden die so scharf? „Japanische Klingen bestehen aus drei Lagen Samuraistahl, in der Mitte ist die ganz harte und spröde Lage, die kann man gut anschleifen“, erklärt er. Seine Bekannten freuen sich über Rollis „lebenslangen Nachschärfservice“. Er steht auf und hebt einen schweren Wetzstein der in einer Ecke steht, man müsse ihn vor dem Schleifen eine Viertelstunde ins Wasser legen. „Ich würde mir das auch mal im Original angucken, aber wie komme ich nach Japan?“ Er holt sich die fremde Kultur aus dem Katalog.

Manche Menschen brauchen immer neue äußere Eindrücke, weil sie kein Innenleben haben. Der italienische Reporter Tiziano Terzani war jahrelang auf Reisen, lebte lange in Asien, bis er Krebs bekam und anfing, sein rastloses Dasein zu hinterfragen. Sein Buch Das Ende ist mein Anfang wurde mit Bruno Ganz verfilmt. Rolli fragte sich: Was kommt nach dem Atelier? Ein Backofen! „Dann musste ich mich zwei Jahre mit Lehmbau beschäftigen. Da lag hier eines Tages wieder ein Stapel Holz und lauter Lehmsäcke herum.“ Eine gute Pizza? „Dafür muss ich nicht nach Neapel“. Seine Frau war Feuer und Flamme, sie wusste wie es in Italien schmeckt, sie radelt jetzt mit Freunden durch die Toskana, sie macht ihr Ding. Das Schöne am Backofen sei, „wenn der so ungefähr 100 Grad hat, du schiebst abends einen Braten rein und am nächsten Morgen ist er immer noch warm“, erklärt Rolli. So wie beim Pulled Pork neulich, der Kalbshaxe. „Wir machen es uns eben hier im Garten und bilden uns ein: Es schmeckt genauso.“ Aber was machen die Frederick Forsyth-und John le Carré Romane in der Bücherkiste? Spionage?

Als kleiner Junge habe er oft im Kinderzimmer eine Decke ausgebreitet, einen Atlas genommen und war dann Kapitän eines U-Bootes. An allen Punkten, an denen er schon war, hat er schwarze Striche gezeichnet. Er verschlingt Bücher von Forschern, die ihre Expeditionen beschreiben, wie der Geophysiker Wilhelm Filchner in Ein Forscherleben. Er unternahm 1900 eine große Reise über Russland, den Kaukasus und Kirgisistan und überquerte mit dem Pferd das Pamirgebirge. „Ich nehme mir dann meinen Haack Weltatlas und versuche, die Route nachzuverfolgen“, sagt Rolli. Wenn er die Orte wiederfinde, sei das, als habe er die Reise selber angetreten.

Im Herrenzimmer seines Kellers hängt eine Großbritannien - und Nordirlandkarte an der Wand, ein Geschenk seiner Tochter, aus der Zeit, als er wie wild Whiskysorten probiert hat. Mit Stecknadeln sind die Regionen markiert, aus der der Whisky stammt. Mal hinfahren? „Er habe mal ein Tasting in Jerewan gemacht, in der Cognacfabrik. „Das reicht mir.“ 1974 hat er einen Freund in Armenien besucht, der da studierte. „Ich war 14 Tage im Studentenwohnheim, hatte da nicht diesen Touristikbetrieb, wir sind viel rumgefahren.“ Uber habe es schon damals gegeben, „man musste nur raus gehen und ein Auto anhalten, der Dritte hat gestoppt und fuhr für einen Rubel durch die Stadt, zum See waren es drei Rubel.“

Als Außenwirtschaftler war er zu DDR-Zeiten oft auf Dienstreise in Ungarn. „Wir sind mit der Bahn hingefahren, und wenn du da an die ungarische Grenze kommst, hat die Sonne geschienen, da gab’s Pepsi-Cola und die haben ihre Kaffeekulturen wie die Italiener. Dann bist Du da, guckst Dir alles an, fühlst dich wohl. Nach ein paar Tagen musst Du schon an die Rückfahrt denken. Dann kommst du hier nach Hause, schmierst dir Schmalzbrot mit Zwiebeln und Paprika, so wie dort, und es schmeckt wie Pappe. Machst den Wein auf: ekelhaft. Und Kaffee? Der pure Reinfall. „Das fand ich immer so schade, das klappt zu Hause nicht.“ Er schaut sich das Schöne jetzt lieber im Fernsehen an. Reportagen über Russland und Sibirien. „Als das Verhältnis noch gut war zu Russland, da haben die Journalisten beschrieben, wie die Leute da leben und was die da machen. Jetzt ist es ja eher zur Propaganda geworden. Da fragen sie einen sibirischen Dorfbauern nach seiner Einstellung zur Homosexualität.“

Als der Verpackungskünstler Christo auf einem italienischen See Planen errichtet hat, auf denen man übers Wasser wandeln konnte, „da setzte mein Freund sich sofort ins Auto, fuhr hin und lief drauf herum. Und ich fragte mich: Passt es in die Landschaft? Oder hat es einen Schaukeleffekt?“ Rolli braucht keine Aufregung, er braucht ein Projekt. Und wenn er kein eigenes hat, hilft er Freunden beim Stegbauen. Das sind Arbeitsbesuche. Reine Erholung.

Im Laufe des Sommers will er sich noch eine Flasche Pastis ins Atelier stellen. Nach der Wende wollten alle Ostler Pastis in Marseille trinken. „Ja klar, weil sie da das richtige Wasser nehmen“, sagt Rolli. Er holt es sich aus dem Wasserhahn im Garten.

Vor ein paar Jahren wäre er fast doch noch einmal aufgebrochen. Ein Freund hatte zum runden Geburtstag nach Brasilien eingeladen. „Da fliegen wir nicht hin, da fahren wir mit dem Frachter“, sagte Rolli zu seiner Frau. Er hatte die Anreise im Kopf und fast schon gebucht. Da sagte der Freund ab. Würde sowieso keiner kommen.

06:00 16.06.2018
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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