Unter uns

Porträt Bärbel Kleemann hat 30 Jahre am Berliner Gorki-Theater gearbeitet, zuletzt als Souffleuse. Nun geht sie in Rente und zieht für uns einmal Bilanz
Unter uns
„Manchmal träume ich Texte, wache in Schweiß auf“

Foto: Verena Brandt für der Freitag

Bärbel Kleemann hat gerade Pause und etwas Zeit. Sie erwartet einen in der Kantine des Maxim-Gorki-Theaters. Eine elegante, ernste Frau. Für unser Gespräch möchte sie lieber ins Rangfoyer wechseln, da sei es ruhiger. Unterwegs wird sie von Bühnentechnikern gegrüßt: „Na, Bärbel, noch da?“ Sie lächelt. Wenn sie erzählt, hört man den mecklenburgischen Einschlag ihrer Heimat: Manchmal zögert sie, sucht nach den richtigen Worten. Sie hat ihr gebundenes Textbuch dabei, einmal schlägt sie es auf und deutet auf Stellen, die sie mit Zeichen markiert hat. Ende Dezember wird die 65-Jährige das letzte Mal als Souffleuse in der ersten Reihe sitzen.

der Freitag: Frau Kleemann, Sie waren 30 Jahre am Gorki, zuletzt als Souffleuse. Nun verlassen Sie das Theater.

Bärbel Kleemann: Aber die vergangenen acht Jahre als Souffleuse waren meine glücklichsten.

Warum sind Sie Souffleuse geworden?

Ich bin seit 1984 am Haus. Zuerst war ich in der Öffentlichkeitsarbeit dann in der Werbung. Als dann 1994 Bernd Wilms Intendant wurde, habe ich die Grafik übernommen. Aber nach zehn Jahren hatte ich genug davon, immer nur am Rechner zu sitzen. Ich musste immer die Wünsche vieler erfüllen, es gab Auseinandersetzungen. Ich spürte: Diese Zeit ist vorbei, aber nicht meine Zeit am Theater! Ich wollte dabei sein, Teil des Prozesses werden und miterleben, wie ein Stück entsteht. Die Probenarbeit ist ja das Spannendste. Dann wurde die Stelle der Souffleuse vakant. Ich habe mich also selbst vorgeschlagen, das war 2005.

Als Quereinsteigerin.

Ich habe lange überlegt, ob ich die richtige Begabung für den Beruf mitbringe. Ich lese ja viel und beschäftige mich mit Sprache. Mein Vater war Deutschlehrer. Ich kann nuanciert zuhören, und mich auf Eigenarten der Schauspieler einstellen. Man muss sich fragen: Wie tickt die, welche Hilfestellung möchte der. Man muss abwägen. Ich hatte dann ein Gespräch mit dem damals zukünftigen Intendanten Armin Petras, und er sagte: Du wirst meine Souffleuse.

Wie haben Sie denn dann die Proben erlebt?

In der Konzeptionsprobe sind alle dabei – Schauspieler, Dramaturgen, Bühnenbildner, die Gewerke, Assistenten, Hospitanten – und der Regisseur und der Dramaturg erläutern, wie sie sich die Inszenierung vorstellen. Dann wird das Stück von allen Schauspielern einmal gelesen, und anschließend wird sechs bis acht Wochen geprobt, manchmal bis abends um zehn. Ich sitze unten und versuche, den Text laut nach oben zu geben. Das ist immer die schwierigste Phase, weil die Texte noch nicht gelernt sind, sich auch fast täglich ändern können, da muss ich hellwach sein. Ich habe natürlich meine Anfangsfehler gemacht.

Und welche?

Manchmal war ich zu leise. Ich erinnere mich an das erste Stück, das ich betreut habe, Baumeister Solness in der Regie von Armin Petras. Peter Kurth spielte Solness, und ich dachte: Der hört mich ja gar nicht, ich muss mit zu ihm auf die Bühne kommen. Aber Peter sagte: „Ach, setz dich mal ruhig wieder hin, ich hör dich schon.“ Man muss sich auf jeden Schauspieler einstellen. Ich versuche in den Proben immer laut zu sein, sonst bin ich eher ein Hemmnis als eine Hilfe.

Brauchten die Schauspieler oft Ihre Hilfe?

In acht Jahren musste ich nur fünf- oder sechsmal während einer Vorstellung einen Text reingeben. Das Bestreben der Schauspieler ist ja immer, sich selbst zu helfen. Einmal hatte eine Schauspielerin einen Blackout, aber sie hat es mir rechtzeitig zu verstehen gegeben. Eine andere hatte mal einen Hänger, und ich habe es nicht gemerkt. Sie kam dann von allein wieder rein. Wenn eine Pause zu lang ist, bin ich in Habachtstellung. Ich muss aber auch abwarten können. Das ist immer ein Balanceakt. Ich diene den Schauspielern in der Probenzeit, aber in den Vorstellungen bin ich eher eine psychologische Unterstützung. Wenn ich da nicht säße, wäre diese Sicherheit weg, und der Text vielleicht auch.

In vielen René-Pollesch-Inszenierungen wird die Souffleuse ans Licht gezerrt, sie sitzt mit auf der Bühne.

Ich hätte so etwas nie gemacht! Ich gehöre nicht auf die Bühne! Ich muss unten für meine Schauspieler da sein.

Das akustische Double

Der Beruf der Souffleuse ist fast so alt wie das Theater selbst. Il gobbo nennen Italiener sie ein wenig abwertend, „die Bucklige“. Ursprünglich stammt das Wort vom lateinischen sufflare, was wörtlich übersetzt (auf)blasen bedeutet. Ein Souffleur oder eine Souffleuse lesen während einer Theateraufführung die Rollen flüsternd mit, um Darstellern auf der Bühne Einsätze zu signalisieren und ihnen über sogenannte Hänger hinwegzuhelfen.

Im italienischen Musiktheater dirigiert der Maestro suggeritore, der Meistersouffleur, sogar einige Passagen selbst. Für diesen Beruf gibt es keine Ausbildung oder Sprecherziehung: Oft übernehmen ehemalige Schauspieler oder Sänger den Job. Traditionell saßen Souffleusen meist in Holzkästen mit Guckloch an der Bühnenrampe – die werden heute aus Regiegründen meist weggelassen.

Aber auch als Einflüsterinnen der Mächtigen halten Souffleusen her: In einer Karikatur des Le Petit Journal von 1893 tänzeln sie um den Finanzjongleur Georges Clemenceau herum. Im Kabarett „Die Kanzlerin-Souffleuse“ hat Angela Merkel eine einflussreiche Einflüsterin.

Souffleusen gehören aber nicht überall zum Theater: Britische Sänger würden sie aus dem Konzept bringen, in Spanien ist der apuntador eher eine Randerscheinung. In Deutschland ist es ein Frauenberuf, es gibt etwa viermal mehr weibliche Souffleusen in dieser zeitaufwendigen und leider schlecht bezahlten Profession. Mittlerweile wird an Bühnen oft auch auf die Souffleuse verzichtet. Am Wiener Burgtheater beispielsweise wird den Schauspielern der Text nun über Funk eingeflüstert.

Möchten Sie sich auch inhaltlich mit den Texten beschäftigen?

Ja, vieles von dem, was Armin Petras machte, ging mir sehr nahe. Es traf meine Lebenswelt. Ich bin eine Frau, die in der DDR geboren wurde. Und Petras hat ja auch in der DDR gelebt, später ging er in den Westen. Er hat ein großes Verständnis für dieses Land und seine Menschen mitgebracht. Er hat versucht, unsere Geschichte aufzuarbeiten. Und ich war alt genug, etwas beizutragen. Meine Erfahrung. Wir haben immer ein offenes Gespräch miteinander geführt. In dieser gemischten Gruppe der Schauspieler aus Ost und West gab es viel Austausch.

Im Jahr 2007 hat er „Heaven“ inszeniert, eine kleine Geschichte über das Leben nach den Utopien.

Das hat mich bewegt. Menschen verlassen eine öde ostdeutsche Stadt, in der es keine Zukunft mehr gibt, und suchen ein neues Leben, irgendwo. Spielen sogar mit dem Gedanken, sich zu töten! Es folgte Rummelplatz, nach dem posthum erschienenen Roman von Werner Bräunig. Das war aufregend, weil es eine Zeit betraf, die wir nicht selbst erlebt hatten: die 50er, 60er Jahre, der Aufbruch, der mit dem Uranbergbau in Wismar einherging. Der Roman war erschienen und Armin hat sofort gesagt: Das machen wir. So ähnlich war es auch mit den Wohlgesinnten von Jonathan Littell.

Darin wird die Nazizeit aus der Perspektive eines SS-Offiziers geschildert. Der Roman war sehr umstritten.

Ich war Armin dankbar, dass er ihn auf die Bühne brachte. Ich hatte das Buch schon zweimal gelesen. Schon als ich sehr jung war, hat mich alles interessiert, was mit dem Zweiten Weltkrieg zusammenhing; auch deshalb, weil mein Vater als 19-Jähriger in den Krieg ziehen musste. Er ist kurz vor Ende des Krieges in Süddeutschland desertiert, was mir immer viel Achtung abverlangt hat. Ein Bauer hat ihn versteckt. Als er nach Hause zurückkehrte, hatten sich seine Eltern das Leben genom-men, weil sie den Glauben an die Rückkehr ihres Sohnes verloren hatten und von dem Propagandaapparat der Nazis infiziert waren. Ein Trauma in der Familie.

Und wie geht man dann mit den Proben um?

Uns allen gingen die Proben zu den Wohlgesinnten an die Substanz. Diese schwierigen Passagen, die in Chören vorgetragen wurden, über die Massenerschießungen. Die Schauspielerinnen haben irgendwann gesagt: Ich steige aus, ich kann nicht mehr. Ich bin selbst immer mit Magenschmerzen aus den Proben rausgegangen, mir wurde oft übel. Manchmal träumte ich Texte, wachte nachts schweißgebadet auf, es gab viele Tränen. Ich kann nichts halb machen.

Petras ist vor anderthalb Jahren weitergezogen und arbeitet nun als Intendant in Stuttgart.

Ein furchtbarer Abschied! Das Ensemble spielte ein letztes Mal Rummelplatz und ich saß vorn und konnte vor lauter Tränen gar nicht lesen, was aber auch nicht nötig war. Sie spielten einfach und das war wunderbar. Dieses Auseinanderreißen ist schmerzhaft, wir waren miteinander verwachsen. Aber ich war gerade in Stuttgart, um mir Petras‘ Pfisters Mühle anzuschauen und ein paar Leute wiederzusehen. Es war ein sehr glücklicher Abend für mich.

Nun hat ein postmigrantisches Ensemble das Gorki erobert.

Ich habe mich mit den Themen, die dort behandelt werden, vorher nie beschäftigt – auch wenn ich in Neukölln lebe. Diesem kleinen Theater die Aufgabe zu übertragen, den verschiedenen Nationalitäten der Gesellschaft eine Bühne zu geben, war ja eine politische Entscheidung. Und ich kann es sehr gut verstehen. Es funktioniert, das sieht man an den Besucherzahlen. Seit wir Theater des Jahres sind, haben wir noch mehr Zulauf. Dennoch verstehe ich manchmal nicht, dass in ein Stück, das mit dem Thema Migration nicht viel zu tun hat, dieses Thema oft hineinprojiziert wird. Man sollte das nicht übertreiben. Wir wollen ja eigentlich alle ganz normal miteinander leben und akzeptiert werden. Ich möchte die Menschen kennenlernen, mit denen ich arbeite, und sie verstehen.

Wie machen Sie das?

Ich habe einmal bei mir zu Hause gekocht und mit Frauen aus dem Stück Angst essen Seele auf einen Abend verbracht. Wir haben uns Geschichten aus unserem Leben erzählt. Ich habe zum Beispiel gerade ein Buch von Elif Shafak gelesen, Die vierzig Geheimnisse der Liebe, über den Sufismus.

Für die neue Intendantin Shermin Langhoff muss Theater politisch sein.

Theater braucht Haltung. Wir kommen ja gar nicht drum herum. Wir müssen keine Lösungen prä-sentieren, aber wir geben Gedankenanstöße: politische oder moralische. In der DDR suchten die Menschen im Theater Antworten auf ihre Fragen. Sie waren hellwach und erwartungsvoll. In den Wendejahren wurde es ein Forum für Kritik und Aufrufe, wie dem zur Gründung des Neuen Forums. Ich dachte am 9. November wieder daran, als ich die Ballons an der East-Side-Gallery hochsteigen sah und meinen Sohn umarmt habe, glücklich, dass es so gekommen ist.

Nach der Wende gingen die Menschen kaum noch ins Theater. Sie hatten andere Sorgen, mussten sich zurechtfinden.

Ja, und auch das Gorki musste sich neu definieren. Bernd Wilms, der aus Ulm stammte, hat das klug gemacht. Er setzte auf Unterhaltung. Holte Katharina Thalbach, Harald Juhnke und Ben Becker. Das hat die Menschen wieder ins Theater geholt. Das Gorki war ja niemals elitär oder bildungsbürgerlich wie das Deutsche Theater oder das BE. Zu uns kamen immer viele junge Leute, viel gemischtes Volk aus der vereinten Stadt, später Zugezogene aus Westdeutschland. Sie waren offen, kamen aus Neugier.

Das Leben nach dem Theater, wie soll das werden?

Ich werde bald nach Burkina Faso und Ghana reisen. Es ist meine dritte Reise nach Westafrika.

Warum Afrika?

Das erste Mal, 1998, war ich mit einem Freund dort, einem Pfarrer, der mich für Afrika begeistern wollte und das geschafft hat. Wir waren in Mali, der Elfenbeinküste, Ghana, Togo, Benin und in Burkina Faso. Auf so einer Reise muss man jeden Abend irgendwo ein Iglu aufbauen, muss versuchen, sich in der Wildnis zu organisieren. Das ist anstrengend, es wird wohl meine letzte große Reise sein.

06:00 08.01.2015
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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