Was würde Kant sagen?

Alltagskommentar Im September wurde in Hamburg das Biertrinken in S-Bahnen verboten, eine Regel, die auch unsere Community spaltete. Nun legt München nach mit dieser bigotten Untersagung

Es ist noch nicht lange her, als in der Freitag-Community Entrüstung losbrach.

Der Grund war simpel: In einem Kommentar hatte ich von dem Glück geschwärmt, in Berlin zu leben. Da könnte man in der S-Bahn noch straffrei ein Bier trinken. Protest schoss dieser Meinung entgegen, wie könne man das Gepöbel, die Ausfälle gutheißen, all das was Besoffene verursachen könnten, nachts, im öffentlichen Verkehr.

Aber ging es nicht auch um Freiheit?

Nun also München - auch dort wurde nun das Biertrinken in der S-Bahn untersagt. It‘s all over now.

In Hamburg kam vor dem Entzug die Party. Im September feierten 1000 Leute mit Sekt und Bier Abschied, kurz nachdem das Trinken in U-und S-Bahn verboten wurde, flößten sie es sich genau dort friedlich ein. Anders die Münchner! Vandalen. Gröler. 2000 Leute hatten sich über Facebook zum „Abschiedstrinken“ verabredet und
protestierten gegen das seit Sonntag greifende Alkoholverbot in der S-Bahn. Zurück blieben kaputte Züge und ein Sachschaden von 100.000 Euro. Den hätte man sich sparen können. Nun aber hat der Bürger geantwortet auf eine ziemlich bigotte Regel.

Auf dem Bahnhof kann man sich easy die Hucke vollsaufen, aber in die Bahn steigen bitte ohne Pulle? Gefährlich ist nicht derjenige, der sich beim Spätverkauf noch schnell ein Bier holt, bevor der Zug abgefahren ist. Sondern der längst schon Betrunkene, aggressiv, auf Pöbelei aus.


Eine Verbotskultur greift um sich im öffentlichen Raum. Aber: Wem gehört der eigentlich? Den Verkehrsbetrieben? Oder den Nichtrauchern? Das Rauchen in Bars und Kneipen zu verbieten war seltsam unlässig, aber in Ordnung, es schadet anderen. Nach den Münchner Vorfällen sollen nun aber sogar im offenen Berlin die Kontrollen verschärft werden. Dort gibt es noch gar kein Alkoholverbot. Es ist umgekehrt. Gerade in der Tram ist das Biertrinken zur metropolitanen Fahrkultur geworden. Auf Bahnhöfen darf „faktisch noch getrunken werden“, das könnte sich aber ändern. Man solle es lieber „außerhalb des Nahverkehrs“ tun, findet in Berlin die Sprecherin der BVG. Auf dem Sofa also? Mit Wodka Gorbatschow? Und dann zugedröhnt in die Nacht driften? Oder im Wohnzimmer bleiben? Sieht ja keiner. Ist privat. Mein Ding.

Auf der Straße oder daheim: Es ist letztlich jeder selbst für sein Agieren verantwortlich. Wir sind befreit aus der Unmündigkeit, und Kant musste dafür nicht mal saufen. Die eigene Reflexion sollte nicht durch Verbote verhindert werden. Wie weit könnten die gehen? Darf ich im Kino nur noch Saft trinken? Oder auf meinem Balkon nicht mehr rauchen, weil es zum Nachbarn ziehen könnte? Progressiv scheint in solchen Zeiten ein Ton-Steine-Scherben-Family-Konzert. Sie stecken sich auf der Bühne eine nach der anderen an. Wenn das Bier alle ist, drückt ihnen jemand aus dem Publikum ein neues in die Hand. Der Traum ist aus.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

15:55 13.12.2011
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
Schreiber 0 Leser 18
Maxi Leinkauf

Kommentare 8