Weltflucht mit Rumba

Widerstehen Wenzels neue Lieder sind weniger pessimistisch als früher. Doch die neuen Rechten lassen ihm keine Ruhe
Weltflucht mit Rumba
Hans-Eckardt Wenzel konnte nerven, wenn seine Texte zu moralisierend wurden. Jetzt fehlt einem seine Schärfe

Foto: imago/Viadata

Sollte er sich versöhnt haben mit der Welt? Wenzel konnte so herrlich an ihr verzweifeln. Sein neues Album scheppert dahin wie ein Segelboot im Mecklenburger Sommer. Es ist so fröhlich.

Wo liegt das Ende dieser Welt klingt mit Akkordeon, Jazz -und Blues-Elementen, Trompete und karibischen Rhythmen. Man könnte mitschunkeln. Das erste Lied dreht sich ums Begehren, das diesmal erwidert wird. Unkorrekte Küsse, ein eingebildetes Königspaar. „Wir hauen ab mit Hund und Herz vom deutschesten November. Ich packe meine Hemden ein. Wir fliehen in die Welt hinein, woanders ist es besser ...“ Sein altes Fernweh, es ist noch da.

Wenzel, mittlerweile 63, tourte mit seiner Band durch Kuba und Nicaragua, er war in Frankreich, Österreich, der Türkei. 2003 lud ihn Nora Guthrie, die Tochter von Woody Guthrie, nach New York ein, sie wünschte sich, dass er die Lieder ihres Vaters ins Deutsche übersetzte.

Der Autor, Komponist, Musiker, Sänger, Schauspieler und Clown hat seit 1986 mehr als 40 Alben aufgenommen. Er gewann achtmal den Preis der Deutschen Schallplattenkritik, und auch den für die CD des Jahres der Liederbestenliste. Sein Blick auf unsere Zeiten ist meist präzise, direkt und pessimistisch. Stacheldraht, Elektrozaun heißt ein Lied vom Album Widersteh – solang du’s kannst (2013).

Wo ist das Bissige?

„Stacheldraht, Elektrozaun, schützt die Reichen vor den Armen, hält den Flüchtling in der Ferne, schützt vor unliebsamen Gästen, schützt die Gäste bei den Festen ... “ Es kam vor der Zeit, vor 2015. Nun fragt er weich: „Warum ist die Erde keine Scheibe? Warum haben manche keine Bleibe, warum gilt das Eigentum als Pflicht? Wo liegt das Problem?Es liegt am System!“ Man will Rumba dazu tanzen. Es ist – noch immer – kein Land in Sicht. Schippern wieder alle auf dem Boot. „Warum träumen wir nicht? Wir stehen an der Reling und keiner spricht.“ Aber man kann nur ahnen, wer mit „wir“ gemeint sein soll. Er hält sich im Ungefähr, auf diesem Album prangert Wenzel nicht an. Da wird weltflüchtig weitergelebt. Im Havelberger Abendlied wird er sentimental, wenn er den Ort preist, „wo wir sangen, wo wir prassten und nicht recht ins Leben passten, aus dem Westen, aus dem Osten, auf dem längst verlornen Posten“. Man denkt an Wenzels Freunde und Gefährten, Antje Vollmer, Christoph Hein.

Wo ist das Bissige? Seine Texte konnten nerven, wenn sie moralisierend wurden. Jetzt fehlt einem Wenzels Schärfe. Es macht den Künstler aus, dass er nicht nur wegen der Liebe wankt, sondern auch wegen der Verhältnisse im Land.

„Wenn nur diese Fratzen nicht wär’n“, singt er 2016, ein Lied über Selbsthass, den Hass auf Fremde, über die Neonazis, die in Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen Jahren immer sichtbarer wurden.

Da im Norden, nahe Kamp am Stettiner Haff, liegt Wenzels zweites Zuhause, dort dichtet und komponiert er, dahin zieht er sich zurück, wenn er sich in Berlin verirrt. Vielleicht lassen ihm diese neuen Rechten keine Ruhe. Es gibt auf dem neuen Album ein Lied, da hört die Fröhlichkeit auf.

Es handelt von seinem Besuch im KZ Theresienstadt, das im heutigen Tschechien liegt. „Theresienstadt, du klaffende Wunde, was treibst du den Schreck in mich ein? Ich dachte plötzlich, jede Sekunde könnte es wieder so sein.“ Wenzel bleibt Wenzel.

Info

Wo liegt das Ende dieser Welt Hans-Eckardt Wenzel Matrosenblau 2018

06:00 08.12.2018
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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