Wieso verweigere ich mich dem Telefonieren?

Alltagskommentar Früher nahm man ganz automatisch ab, wenn man einen Anruf bekam. Heute schaut man erstmal, wer es ist – und steht dann vor einer Vielzahl von Entscheidungen

Mein Handy klingelt. Ich schaue aufs Display. Es ist F. Ich ahne, was sie jetzt braucht. Sie möchte über die Krise reden, in der ihre Beziehung steckt. Ich ahne, wie das Gespräch verlaufen wird. Ein wenig einseitig. Und wie lange es dauern kann. Ausgerechnet jetzt? Die Spaghetti sind im Topf, gleich al dente. Ich muss sie im Blick behalten. Nach drei Minuten wieder aufzulegen, wäre aber rüpelhaft. In ihrer Lage. Also lasse ich es läuten. Und fange an, zu grübeln. Ich könnte eine SMS schicken: "Bin unterwegs, melde mich später." So kommt sie gar nicht erst auf die Idee, ich könnte ihren Anruf ignorieren. Dass ich herzlos sei. Wenn ich nicht ans Telefon gehe, rechtfertige ich mich neuerdings.

"War nicht zu Hause", ist gelogen. Mit dem Handy ist heute überall home. In der U-Bahn, im Bett eines anderen, in der Bar, in Paris. Keine Ausreden. Weil dem so ist, kann die Nachricht "entgangener Anruf" zu einer tickenden Zeitbombe werden. Ich entwerfe auf einmal Szenarien, die mir mehr Zeit rauben als ein knappes "Sorry, aber kann gerade nicht" ins Ohr des Anrufers. Man muss sich solch seltsam unnötige Erklärung nicht aufbürden.

Man kann einfach auf lautlos schalten. Die Taste drücken, die den Anruf direkt auf die Mailbox leitet. Eine Anwendung nutzen, mit der ich aus der Distanz kommuniziere: What’s app?

Ein anachronistisches Wort

Der andere weiß ja nicht, wobei er mich gerade "überrascht". Welch ein anachronistisches Wort. Telefonieren ist keine Überraschung mehr in einer Welt der Smartphones. Wer ist noch aufgeregt, wenn da was vibriert? Ein kurzer Blick, der Name, eine blitzartige Entscheidung. Ja oder Nein. Früher hat man den Hörer sofort abgenommen, wenn man nicht wirklich "verhindert" war. Das gehörte sich so. Gespräche konnten schnell gehen, sie waren meist zweckmäßig. Wie heute eine Facebook- oder Twitternachricht. Telefonieren ist anders geworden in Zeiten der sozialen Netzwerke. Das Smartphone überlässt mir die Entscheidung, über welchen Kanal ich mich melde. Und setzt mich damit unter Druck.

Ich spüre, dass auch ich häufig zögere, bevor ich eine Nummer wähle. Es könnte ja den überfordern, den ich spontan anrufe. Also sichere ich mich ab und frage als Erstes: "Störe ich?" Das kann auch heißen: "Was tust Du gerade?" So eröffne ich mein Gespräch, mit einer Entschuldigung und Smalltalk gleichzeitig. Meist aber entscheide ich mich, per SMS vorzufühlen, ob man sich nicht mal für die kommenden Tage zum Telefonieren verabreden möchte. Dieses erwünschte Telefonat ist dann wie ein Besuch früher.

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Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin „Kultur“

Maxi Leinkauf studierte Politikwissenschaften in Berlin und Paris. Sie absolvierte ein Volontariat beim Tagesspiegel. Anschließend schrieb sie als freie Autorin u.a. für Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und Das Magazin. 2010 kam sie als Redakteurin zum Freitag und war dort im Gesellschaftsressort Alltag tätig. Sie hat dort regelmäßig Persönlichkeiten aus Kultur und Zeitgeschichte interviewt und porträtiert. Seit 2020 ist sie Redakteurin in der Kultur. Sie beschäftigt sich mit ostdeutschen Biografien sowie mit italienischer Kultur und Gesellschaft.

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