„Wir hatten wenig Spielraum“

Im Gespräch Die Regisseurin Katrin Rothe erzählt, wie sie und ihre Hausgemeinschaft die Vertreibung aus ihren Altbauwohnungen in Berlin-Mitte erlebten
Maxi Leinkauf | Ausgabe 22/2013 6
„Wir hatten wenig Spielraum“
Foto: almogon

Der Freitag: Frau Rothe, wir wollten eigentlich auch mit den noch verbliebenen Bewohnern der Bergstraße 62 reden ...

Katrin Rothe: Die stecken alle noch in ihren Gerichtsprozessen und haben ein bisschen Angst. Wenn man da nicht Profi ist – und das sind die wenigsten –, ist die Gefahr zu groß, etwas Falsches zu sagen. Oder etwas, was falsch ausgelegt wird.

Sie lebten selbst 16 Jahre in dem Haus und sind vor Kurzem ausgezogen.

Ich bin kurz vor der Geburt meines ersten Sohnes da eingezogen. Wir haben die Dielen abgeschliffen, im Bad gefließt und eine Gasetagenheizung eingebaut. Und dann, als mein Ex-Mann vor ein paar Jahren ausgezogen ist, wäre selbst eine viel kleinere Dreizimmerwohnung für mich in dieser Gegend unbezahlbar gewesen. Der Kiez wurde immer teurer. Auch in unserem Haus wurden die leeren Wohnungen nach dem Mietspiegel neu vermietet. Und das, obwohl das Haus weiter verfiel. 2011 wurde es an einen Investor verkauft. Wir Mieter bekamen eine luxuriöse Modernisierungsankündigung mit einer horrenden Mieterhöhung. Bei mir über 100 Prozent. Das hätte ich niemals aufbringen können.

Der Eigentümer wollte Sie und die anderen loswerden.

Ja, es sammelten sich die Indizien, dass der Eigentümer die Wohnungen ganz anders verkaufen möchte, als in den Ankündigungen beschrieben. Selbst wer mehr Miete hätte zahlen können, sollte entmietet werden. Eine leere Wohnung verkauft sich leichter und mit mehr Rendite als eine Wohnung mit Mieter.

Ist ein Mietvertrag denn so einfach kündbar?

Nein, auch bei Eigenbedarf haben Mieter sieben Jahre Kündigungsschutz, wenn die Wohnung erstmalig in eine Eigentumswohnung umgewandelt wird. Das ist ja das Absurde. Rein rechtlich kann man nicht entmietet werden.

Man hört häufig von Psychoterror der Investoren. Bei Ihnen ist das passiert. Wie haben Sie das erlebt?

Diese Investoren und ihre Handlanger handeln sehr professionell. Sie wissen ganz genau, wie weit sie gehen können. Und die Summe all dieser Kleinigkeiten führt dann letztlich dazu, dass man zur Aufgabe seiner Wohnung nahezu genötigt wird. Ich hatte zum Beispiel zeitgleich die enorme Abfindungssumme auf dem Tisch liegen und eine fristlose Kündigung. Und das, nachdem sie mich vorher mit Abmahnungen mürbe gemacht hatten.

Welche Tricks gab es noch?

Einen Monat lang erhielt ich Anrufe eines drängelnden Kaufinteressenten, immer mit unterdrückter Rufnummer – und dann zahllose Briefe der Maklerinnen mit Unterstellungen und Lügen. Da ich bei den Käuferbesichtigungen immer sagte, dass ich in meiner Wohnung wohnen bleiben möchte, fing die Maklerin an, die absurdesten Sachen zu behaupten, etwa dass ich in meiner Wohnung gar nicht wohnen würde.

Inwiefern haben Sie diese Erfahrungen politisiert?

Es gab bei uns allen irgendwann den Punkt, an dem wir gesagt haben: „Jetzt reicht’s. Was können wir tun?“ Manche sind das erste Mal demonstrieren gegangen. Wir waren erschüttert, wie wenig Spielraum wir hatten. Eine Nachbarin war das letzte Mal vor der Wende demonstrieren. Nun war sie wieder auf der Straße, um für ihren Wohnraum zu kämpfen.

Und Sie?

Ich bin 1989 als junges Mädchen auf die Straße gegangen, für Meinungs- und Reisefreiheit. Aber was nützt die mir, wenn ich nicht mal meine Miete bezahlen kann? Was ist Meinungsfreiheit wert, wenn die Politik die Menschen mit Investoren und Maklern allein lässt?

Die Regisseurin Katrin Rothe hat ihren Kampf gegen die Mietverdrängung in Berlin in dem Dokumentarfilm Betongold festgehalten, der am 30.5.2013 um 23.30 Uhr auf Arte zu sehen ist.

 

Lesen Sie zum Thema auch diesen Blogbeitrag aus der Freitag-Community und die Seite 15 der aktuellen Ausgabe des Freitag

 

 

09:00 30.05.2013
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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