„Wir sind Tiere“

Interview In Marie Darrieussecqs Romanen werden Frauen zur Sau – oder zu Robotern. Sie flüchten in die Natur
„Wir sind Tiere“

Illustration: Sepia Times/Universal Images/Getty Images

Bei unserer Video-Verabredung sitzt die Schriftstellerin Marie Darrieussecq in ihrer Pariser Wohnung. Im Hintergrund hängt ein bunter Wandteppich. Sie redet mit resoluter Stimme, lacht viel. Am Ende des Gesprächs ruft sie ihren Hund und zeigt ihn in die Kamera: „Odette!“ Der Name ist von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit inspiriert.

der Freitag: Frau Darrieussecq, in Ihren Romanen suchen Frauen im Wald einen neuen Anfang oder sind am Ende ihres Lebens. Der Wald als Zufluchtsort?

Marie Darrieussecq: Ja, einerseits ist der Wald ein Refugium, ein Ort der Hoffnung und Freiheit – und andererseits ein Ort, in dem man sich verlieren kann. Es gibt diese Märchen von Kindern, die sich in den Wald flüchten und gefressen werden. Ich bin im Baskenland groß geworden, nahe Bayonne. Da gab es den Unabhängigkeitskrieg, der fand vor allem auf spanischer Seite statt, an der Grenze. Doch die Terroristen – oder Kämpfer – versteckten sich in unserer Nähe, im „Wald von Landes“, der sich von Bayonne bis Bordeaux erstreckt.

Kann man sich da immer noch verstecken? Drohnen scannen auch Wälder.

Diesen aber nicht, wegen seiner dichten Überdachung. Der Wald ist für mich ein romanesker Ort, schon wegen solcher Figuren wie der Hexe. Er ist ein Ort, wo die Frauen frei waren. Da, wo ich aufwuchs, gab es die „Hexengrotte“, noch aus dem Mittelalter, sie haben da früher wirklich ihren Salat zubereitet. Der Wald war ein Zufluchtsort für die gelehrten Frauen, die von Männern zurückgewiesen wurden.

Ihre Heldin hält einen hastigen inneren Monolog, führt uns in ihre robotisierte Welt, in der sich Reiche Klone leisten können und den Armen Organe entnommen werden. Ein düsteres Universum.

Ja, sie hat es sehr eilig, in den Wald zu flüchten, aus Angst, ihre Körperteile zu verlieren und zu sterben. Körper werden verkauft. Sie ist effizient, hat keine Zeit, Gefühle zu zeigen, sie hat das auch nie gelernt. Sie muss schnell sein und versteht nicht, was um sie herum geschieht. Deswegen schreibt sie, um zu begreifen. Um noch schnell etwas über sich selbst herauszufinden.

Es existieren kaum echte menschliche Beziehungen, keine Liebe.

Meine Heldin ist unfähig, Nähe aufzubauen, ihrer Mutter gegenüber, oder Männern. Man wollte aus ihr einen Roboter machen und sie hat ein Implantat im Kopf. Manchmal schafft sie es, die Verbindung zu lösen. Ich wollte sehr beängstigende Dinge zeigen, diese Überwachung, die ja auch eine innere ist.

Man hört auch keine Vögel mehr zwitschern.

Das ist längst Realität. In Paris gibt es keine Spatzen mehr, schrecklich. Der Spatz war eine Pariser Figur. Edith Piaf hatte dieses Synonym. Aber weil es so teuer geworden ist, in Paris zu leben, wurden alle Häuser renoviert, alle Löcher gestopft in den alten Gebäuden, wo die Spatzen wohnen könnten.

Zur Person

Marie Darrieussecq, 51, löste mit ihrem Roman Schweinerei 1996 einen Skandal aus und wurde zur Bestsellerautorin. Seither erschienen 16 Bücher, wie Unser Leben in den Wäldern (2017), das verfilmt wird. Sie arbeitete auch als Psychoanalytikerin

In „Schweinerei“ heuert eine arbeitslose Frau als Prostituierte in einem Massagesalon an, sie verwandelt sich nach und nach in eine Sau.

Ihr Körper bläst sich auf, aber nicht weil sie schwanger ist. Für sie ist dieses Leben zwischen diesen beiden Zuständen, Mensch und Schwein, sowohl ein Vergnügen als auch Malaise.

Warum wird sie zum Schwein?

Vielleicht, weil die Männer sie so behandeln. Als ich 25 war, haben mich die Männer auf den Straßen von Paris belästigt, riefen mir hinterher. Es gab dafür noch keine Worte. Meine 16-jährige Tochter weiß sehr genau, was das bedeutet, dass man jetzt protestieren, zur Polizei gehen kann. Damals war es normal, lag „in der Natur der Männer“. Noch immer verstehen die Pariser nicht, dass Pfeifen kein Kompliment ist. Sie betrachteten mich als Hündin, als Schwein. Das war viel harmloser als die Dinge, die meine Heldin erlebt, aber so entstand die Idee für mein Buch: Was geschieht, wenn eine Frau sich wirklich in eine Sau verwandelt?

Sie schreiben Bestseller, werden hunderttausenfach gelesen. Was gefällt den Menschen an dieser Apokalypse, am Eskapismus?

Sie wollen der modernen Welt entfliehen, weil es ermüdend und anstrengend ist, in ihr zu leben. Ich schaffe es dennoch, meine Leser mit diesen düsteren Geschichten zu amüsieren, indem ich an ihre Intelligenz appelliere.

Stehen Frauen in einem anderen Verhältnis zur Natur?

Nein, aber wir haben ein unterschiedliches Zeitempfinden. Unseres, das weibliche, ist zyklischer. Wir wissen genau, was neun Monate bedeuten. Das ist eine einzigartige Erfahrung, geteilt von der Hälfte der Menschheit. Aber diese Erfahrung wird nicht ernst genommen. Wir leben in einer kapitalistischen Zeit, die eine männliche ist.

Warum fällt es Ihren Figuren schwer, zu beschreiben, wer sie sind?

Weil die Worte dafür aus einer alten Welt stammen. Natur ist ein Klischee.

Natur ist ein Klischee?

Ja, es ist ein altes Wort, das man loslassen sollte. Wir leben nicht in einer Natur, auch nicht in einer Umwelt, wir sind Teil davon. Und wir sollten auch nicht von Tieren reden.

Sondern?

Von „den anderen Tieren“. Menschen sind ja auch Tiere. Ich bin Vegetarierin, weil es mich anekelt, andere Tiere zu essen. Ich sehe auch meinen Hund als ein „anderes Tier“. Unser Verhältnis zu unserem Planeten kann sich durch Sprache verändern.

Kennen Sie „Wild“, die Geschichte einer Liebe zwischen einem Wolf und einer Frau?

Nein, aber es gibt diesen Film mit Charlotte Rampling, die sich in einen Schimpansen verliebt. Meistens geht es um eine Frau und ein Tier. Ich kenne kaum Geschichten, die von einer Beziehung zwischen einem Mann und einem Tier handeln. Frauen sind in unserer Vorstellung leichter in die Nähe von Tieren zu rücken als Männer. Die stehen ja für Vernunft, Intellekt.

Der Wald ist ein Ort, wo die menschliche Spezies nicht leben kann. Gleichzeitig soll er paradiesische Freiheit bieten?

Unsere Vorfahren suchten Höhlen. Und unsere Häuser sind unsere Hütten. Der menschliche Körper braucht eine Bleibe, ein festes Nest. Da geht es ums Überleben. Ich sehe das bei den Flüchtlingen. In Paris muss die Polizei dauernd temporäre Zelte räumen. Es gibt eine unvollendete Erzählung von Kafka: Der Bau – einer meiner liebsten Texte. Sie handelt von einem dachsähnlichen Tier und seinem unterirdischen Bau, den es glaubt, verteidigen zu müssen. Es legt sich Gänge und Tunnel an, sammelt Vorräte. Das sind wir, in der Covid-Beschränkung.

Was fasziniert Sie eigentlich so an Tieren. Dass sie hamstern und so sind wie wir?

Es deprimiert mich, dass es immer weniger Insekten gibt. Ich erinnere mich an ein starkes Erlebnis: Ich war für eine Konferenz nach Kiew eingeladen. Am Wochenende fuhr ich nach Tschernobyl, es war Juni. Die Luft war so dick vor lauter Insekten. In Tschernobyl gibt es keine Menschen, keine Pestizide. Und die Radioaktivität macht diesen Insekten gar nichts aus, in dieser kurzen Zeit, in der sie leben. Es hat mich an meine Kindheit in Südfrankreich erinnert. Da saßen die Insekten überall, in den Haaren, auf der Haut. Als kleines Mädchen hatte ich Angst davor, wollte nicht im Gras laufen. Nun sind sie verschwunden. Fürchterlich!

Sie haben auch über Paula Modersohn-Becker ein Bändchen geschrieben, die in Worpswede lebte, idyllisch und beschützt.

Ja, aber es war das Gegenteil von Romantik. Sie hatte einen sehr harten Blick auf die Natur und hat sensibel auf die Armut der Bauern von Worpswede reagiert, diese feuchte Landschaft, in der die Kinder schlecht ernährt waren. Paula hat nicht nur Blumen gemalt, sondern auch Mädchen mit großen Bäuchen, miserable Existenzen.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 03.01.2021
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

Ausgabe 03/2021

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