"Wo ist hier die nächste Haltestelle?"

Eventkritik Es sollte eine Besichtigung des neuen Großflughafens Schönefeld werden. Aber dann hielt der Bus erstmal woanders – und unsere Autorin erlebte ihre erste Butterfahrt

Der Brief trug ein blau-gelbes Logo: Airport City. „Herzlichen Glückwunsch, Frau Leinkauf, Sie dürfen mit insgesamt 4 Personen den neuen Berliner Flughafen in Schönfeld besichtigen“, stand darin. Ich dachte an eine Bekannte, die dort gerade als Passagier-Statistin für einen Flughafen-Probebetrieb nach London eingecheckt hatte, mit zerschlissenem Koffer in der Hand. Jeder will den Flughafen sehen. Mich haben sie eingeladen. Ich fühlte mich geehrt. „Wir möchten mit dieser exklusiven Reise einigen wenigen Gästen zeigen, was sich in den letzten Jahren auf Berlins größter Baustelle getan hat.“ Wieso laden die mich ein?, schoss es mir kurz durch den Kopf. Aber ich verwarf die Frage schnell wieder.

Ein paar Tage später. Der Bus hält pünktlich vor meiner Haustür. Es sitzen schon ein paar exklusive Gäste drin. Meist Silberlocken. Der Fahrer fährt Umwege (warum hält der so oft?), er sammelt immer mehr Leute ein. Neben mich setzt sich eine Frau um die Fünfzig. „Wenigstens noch eine, die jünger ist“, sagt sie. Na, dankeschön. Als Biochemikerin habe sie lange in Princeton geforscht. Schönefeld? Amazing. The New Berlin. „Wer weeß, ob wir den Flughafen überhaupt sehen“, ruft der Mann auf dem Sitz vor mir. Was für ein Spinner.

Was meint er mit „verkaufen“?

Der Bus hält an einer grauen Chaussee. „Wo sind wir?“, fragt meine Nachbarin. „In Rudow“, sage ich. Gewerbegebiet. „Hier steigen wir bestimmt das letzte Mal aus“, krächzt einer. Meine Nachbarin wird unruhig. „Wo ist die Exit-Strategy?“, ruft sie. Erstmal Frühstück. Ist ja gratis. Ein jugendlicher Mann im grauen Blazer hilft den Gästen die Treppen hoch in ein jugoslawisches Restaurant. Holzgetäfelter Speisesaal, fünfziger-Jahre-Gardinen, DJ Ötzi aus dem Lautsprecher: Einen Stern, der deinen Namen trägt.

„Was verkaufen die hier denn?“, fragt mich jemand am Tisch. Was meinte er? Er habe seit der Wende 2.500 Werbefahrten mitgemacht, sagt der Endvierziger stolz. „Früher gab es Goldbestecke und Schlafdecken“. Eine Zeitlang habe er auf solchen Fahrten immer Doppelgänger gesucht: Wer sieht aus wie Helmut Kohl? Wenn er jetzt solche Einladungen bekomme, unterschreibe er mit Dirk Niebel. Seitdem bekomme er immer mehr Einladungen. Das nächste Mal wähle er aber die Piraten. „Aus Jux“.

Das Frühstück ist doch nicht umsonst, erklärt der Kellner in gebrochenem Deutsch, aber später seien alle zum Mittag eingeladen. Was? Hier? Der Mann im grauen Anzug taucht wieder auf, mit einem Mini-Mikro am Schlips baut er sich vor der Gruppe auf. „Wer hat denn heute ein bisschen gute Laune mitgebracht?“, stellt sich Michael Haack vor, 51, Außendienstmitarbeiter aus Oldenburg. „Sagen Sie mal, muss man am Flughafen viel laufen?“, fragt eine Seniorin. Es gebe einen Fahrstuhl, wie beim Eiffelturm, antwortet Haack routiniert. Vor dem Ausflug gebe es eine kurzweilige Infoshow: „Das steht auch so im Brief“. Man müsse aber nichts kaufen. Ich schlucke.

Bei Bild laufe gerade eine Kampagne gegen „sogenannte Kaffeefahrten“, geht Haack in die Offensive. Er wolle seine Produkte nur vorstellen, als Vertreter von Samnosol aus der Schweiz. Seine Firma beliefere andere mit Produkten aus dem medizinischen Bereich, und die vertrieben sie dann auf Kaffeefahrten. Dirk Niebel schaut mich an und lächelt. „Sie können auch rausgehen, sie kriegen später trotzdem ein Geschenk“, sagt Haack und platziert auf dem Tisch vorn einen Pappkarton. Q10-Kur gegen Übergewicht und Kreislaufprobleme. „Hat die schon mal jemand gemacht?“ Eine blonde, üppige Frau meldet sich. „Mein Blutbild hat sich verbessert“, ruft eine Oma. Ich schaue auf die Uhr. Er wolle uns ein „perfektes Schlafsystem“ vorstellen, sagt Haack. „Das hör’ ich mir an“, sagt die Biochemikerin.

Ein Donald-Sutherland-Doppelgänger gräbt seine Blicke tief in die Tischdecke, steht auf und verlässt den Saal. Ich bleibe. Haack erklärt, wie gut sich beim Schlafen unsere Körper regenerieren. Gemeinsam mit der Luga-Klinik für Schlafforschung in Zürich und dem Bayer-Konzern habe seine Firma ein neues Bett entwickelt, hygienisch rein, milbenfrei, mit Lavendel-Mikroverkapselung und Antidekubituskern.

Ein Unterbett für 2.998 Euro

„Ick hab Hunger“, ruft jemand. „Durch den Druckausgleich der Matratzenauflage werden Sie gewichtslos“, schwärmt Haack. Es soll nichts verkauft werden, man könne aber trotzdem nach Preisen fragen. Garantie zehn Jahre. „Da leben wir sowieso nicht mehr“, raunt ein alter Mann. Ich schon. Und ich habe auch manchmal „Rücken“! Das Unterbett koste sonst 2.998 Euro, „aber die Gäste, die ich mir hier heute aussuche, zahlen das natürlich nicht“, wirbt Haack. Ich zögere einen Moment.

„Wo ist die nächste Haltestelle?“, zischt meine Nachbarin. Sie will jetzt allein zum Flughafen fahren. „Sie kommen hier nicht weg“, sage ich. This is Rudow. Niemandsland. Haack hält Kuverts in der Hand, in denen Angebote stecken. Ein Greis in orangefarbener Wollstrickjacke greift zu, seine Hände zittern. Er solle nirgends erzählen, was er hier bezahlt habe, sagt Haack und zwinkert. „Unverschämter geht’s nicht“, ruft die Biochemikerin. „Dit iss der blanke Kapitalismus“, rutscht es Dirk Niebel raus.

Mittagspause. Schnitzel, Mischgemüse, Salzkartoffeln. Danach kann jeder probeliegen. Haack macht es vor. Außer ihm schafft es aber kaum einer hoch aufs Bett. Einige reiben an der Matratze, „riecht doch nich’ nach Lavendel“. Zeit für Tombola. Hauptpreis: eine Anti-Aging-Relax-Massage.

Dann, am späten Nachmittag, hält der Bus doch noch vor dem Infocenter. Airportworld. Modelle, Broschüren, die „Jobmaschine Flughafen“ sucht Friseurinnen. Willy Brandt begrüßt die Welt. Alle Flughäfen tragen große Namen, sagt die Amerikanerin. Sie möchte wissen, ob es in Deutschland ein „Conumser’s Bureau“ gebe, in dem man sich beschweren könne. Zum Flughafen ist Herr Haack nicht mehr mitgekommen. Schade, auf der Fahrt zurück in die Stadt haben einige Gäste nämlich noch eine dringende Frage: Was ist jetzt mit unserem Geschenk?

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Ihre Freitag-Redaktion

11:51 13.04.2012
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

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